5 Fragen an Ira Belzer von PROVIEH
Dass bei der Nutztierhaltung in Deutschland einiges im Argen liegt, ist ein offenes Geheimnis. Was genau die Probleme sind und vor allem was man dagegen tun kann, verrät PROVIEH-Mitarbeiterin Ira Belzer.
1. Erst einmal Herzlichen Glückwunsch zum 40. Geburtstag an PROVIEH. Was wurde in den 40 Jahren erreicht, was steht noch an?
Vielen Dank für die Glückwünsche! PROVIEH versteht sich als Vermittler zwischen dem Wohl der Tiere, den Landwirten und dem Lebensmitteleinzelhandel. Der Verein konnte in den vergangen Jahren etliche Erfolge vorweisen, wie zum Beispiel das Verbot der Legebatterien, der Verzicht auf die Ferkelkastration oder die Entwicklung eines Bonitierungssystems für Landwirte, um das Tierwohl ihrer Betriebe freiwillig über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus zu verbessern.
Es gibt aber noch viel zu tun! „Nutz“tiere haben in der Intensivtierhaltung ein Leben in qualvoller Enge, ohne die Möglichkeit, ihre arteigenen Bedürfnisse auszuleben. Und auch Transport und Schlachtung sind stark verbesserungswürdig. Daher kämpfen wir täglich für Verbesserungen – auch in kleinen Schritten.
2. Welches Projekt liegt dir persönlich am meisten am Herzen?
Mir liegen natürlich alle Projekte am Herzen. Aber besonders schön finde ich unser Tierschutztrainer-Seminar. Das Seminar richtet sich hauptsächlich an Kinder und Jugendliche. Diese können bei uns Fachwissen zur artgemäßen Nutztierhaltung und Fähigkeiten zur Diskussionsführung erlernen. Besonders gut gefällt mir daran der Multiplikatoreffekt – wer das Seminar erfolgreich durchlaufen hat, kann mit unserer Hilfe selbst Aktionen planen und Gruppen trainieren.
3. Wenn du eine Sache auf der Welt verändern könntest – was wäre das?
Ich wünschte, die Menschen würden sich über die Folgen ihres Konsums informieren und ihr Kaufverhalten entsprechend ihrer moralischen Maßstäbe modifizieren.Denn viele Menschen kaufen tierische Produkte ohne die Folgen für Mensch, Tier und Umwelt zu hinterfragen.
Zum einen werden für diese Produkte "Nutz"tiere zu unwürdigen Bedingungen gehalten, transportiert und geschlachtet. In der Industrietierhaltung gelten sie als Ware, als bloße Objekte, die möglichst schnell einen hohen Fleisch- Milch- oder Eierertrag abwerfen sollen. Sie bekommen in aller Regel weder Tageslicht zu sehen, noch haben sie genug Platz. Sie leben nicht in stabilen sozialen Gruppen, können ihre ureigenen arttypischen Verhaltensweisen nicht auslebenund sind oft bis über ihre körperlichen Leistungsgrenzen gezüchtet. Diese Haltung macht die Tiere physisch und psychisch krank. Um die körperlichen Schäden einzudämmen wird großflächig Antibiotika eingesetzt. Die daraus entstehenden Resistenzen können auch für Menschen gefährlich werden! Die psychischen Schäden äußern sich in Verhaltensstörungen wie beispielsweise gegenseitigem Verletzen. Hier werden als Gegenmaßnahme prophylaktische und betäubungslose Amputationen eingesetzt. Schweinen werden die Eckzähne abgeschliffen und die Ringelschwänze gekürzt, Rinder werden enthornt und Hühnern wird die Schnabelspitze amputiert.
Aber nicht nur die Tiere leiden unter der billigen Nahrungsmittelproduktion. Um die Tiere zu mästen werden Unmengen an Futtermitteln verbraucht. Die Flächen, auf denen diese angebaut werden, sind oftmals in Entwicklungs- und Schwellenländern angesiedelt. In denselben Regionen hungern Erwachsene und Kinder, weil der komplette Ernteertrag exportiert wird. Würden die Lebensmittel direkt von Menschen verzehrt werden, könnten erheblich mehr Menschen mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Ein weiterer Aspekt, der bei der täglichen Konsumentscheidung häufig nicht bedacht wird, sind die Folgen für die Umwelt. Durch Monokulturen zerstören wir die Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt. Um neue Flächen unter anderem für den Anbau von Futtermitteln zu schaffen, werden nach wie vor Regenwälder abgeholzt. Auch die lebensnotwendigen Ressourcen wie Luft und Wasser werden durch die Industrietierhaltung massiv verschmutzt und der Klimawandel wird vorangetrieben.
Dagegen können wir etwas tun! Wir müssen nicht darauf warten, dass die Politik oder der Handel etwas ändert. Wir können mit unserer Kaufkraft täglich Impulse setzen. Und das ist mein Wunsch: Dass die Menschen sich über die Folgen ihres Konsums informieren und ihre Kaufkraft dann so gezielt einsetzen, wie sie es individuell für richtig halten.
4. Wird man durch die Arbeit bei PROVIEH denn automatisch zum Vegetarier oder Veganer?
Ich esse seit meiner Kindheit kein Fleisch mehr – und bin durch die Arbeit bei PROVIEH zur Veganerin geworden. Aber das lässt sich mit Sicherheit nicht pauschalisieren. Jeder hat seinen eigenen individuellen moralischen Anspruch und auch der Prozess des Umdenkens verläuft bei jedem unterschiedlich. Und PROVIEH stellt keine Forderungen, denn wir glauben, dass die Frage der täglichen Ernährung eine zutiefst persönliche Entscheidung ist. Weder missionieren, noch verbieten wir den Menschen etwas. Wir stellen Informationen bereit und versuchen, jeden Einzelnen dort abzuholen wo er oder sie steht. In unserem Verein sind sowohl Fleischesser, als auch Vegetarier und Veganer Mitglied. Uns alle eint der Wunsch, etwas zum Wohle der Tiere zu verändern.
5. Was passiert mit den Spenden, die über fraisr bei PROVIEH ankommen?
Die Spenden fließen natürlich direkt in unsere Projekte und Kampagnen. PROVIEH gehört seit 1999 dem Deutschen Spendenrat an und hat sich damit unter anderem zur jährlichen Dokumentation und Rechenschaftslegung verpflichtet. Das zeigt unsere Transparenz im Umgang mit Spenden. Wir freuen uns auf viele Käufe und Verkäufe auf fraisr und danken den Machern dieser tollen Plattform!
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