Offener Brief an queer.de
Liebes Queer Communications GmbH Team,
ich möchte gerne eine Unterhaltung mit Ihnen starten. Es geht um Asexualität. Oder vielmehr darum, dass Asexualität nicht vorkommt. Ihr Ace Erasure im letzten Beitrag zu Spongebob Schwammkopf veranlasste mich, mich direkt an Sie zu wenden.
Bessere Version: https://asexualitaet.wordpress.com/2020/06/14/offener-brief-an-queer-de/
Im folgenden Brief möchte ich Ihnen erläutern, wie es sich als asexuelle Person und als queer.de Lesendx anfühlt, unsichtbar zu sein. Oder vielmehr, unsichtbar gemacht zu werden. Und wenn wir, als asexuelle Individuen oder als Community, gesehen werden, dann durch zutiefst schädliche gesellschaftliche Vorurteile, selbst von unseren queeren Mitmenschen.
Denn ja, Asexualität ist ohne jeden Zweifel ein queeres Thema. Ein Thema für queer.de. Unsere Zugehörigkeit zur LGBTQIAP+ Community steht nicht zur Debatte. Umsomehr bedrückt es mich, dass queer.de dieses Thema unzureichend behandelt und auf Kritiken via Social Media nicht einzugehen scheint.
Erasure (Unsichtbarmachung, wie z.B. dem Nicht-Eingestehen von Marginalisierung, dem Fehlen von Repräsentation, dem absichtlichen Ignorieren der Bedürfnisse gewisser sozialer Gruppen) hat für Asexuelle echte Auswirkungen, wie Dr. Aasha Brianna Foster-Mahfuz in Measuring Social Invisibility and Erasure: Development of the Asexual Microaggressions Scalezitiert: “A person or group of people can suffer real damage, real distortion, if the people or society around the mirror back confining or demeaning or contemptible pictures of themselves. Nonrecognition or misrecognition can inflict harm, can be a form of oppression, imprisoning someone in a false, distorted, and reduced mode of being” (p. 25). [The Politics of Recognition, Charles Taylor (1994)]
Ich werde es hier unterlassen, Ihnen aufzuzählen, wie vielfältig Acefeindlichkeit und Anti-Asexual Bias aussehen kann (wenn ich auch im Verlauf gewisse Beispiele liefere), auf welche Art sie uns betreffen und wie sich diese konkret auf unser Wohlbefinden auswirken. Auf meinen und den [Social Media-]Seiten anderer Ace-Aktivismusbetreibender finden Sie dazu Erfahrungsberichte von Asexuellen, Links zu wissenschaftlichen Papern und zahlreiche Arbeiten von angesehenen queeren Organisationen.
Ich weiß nicht, ob queer.de absichtlich ace-spec-feindlich (Feindlichkeit gegenüber Menschen auf dem asexuellen Spektrum) ist. Aber in Beiträgen wie diesen (“Asexuelles Wohlbefinden” Ein stolze Asexuellen-Hymne ist der Track nicht wirklich, Wilkins zeigt sich vor allem von ihrer verspielten Seite), wo Sie mit dem “Phänomen Asexualität” anlocken und gar bedacht provozieren möchten, obwohl es nichts mit Asexualität gemein hat (zudem sei Okay Kaya laut game-leak bisexuell und es ist anzuzweifeln, ob es sicher hier nicht eher fälschlicherweise um die Gleichsetzung von Asexualität mit Nicht-Sex-Habend handelt), finde ich Ihre angebliche Unwissenheit über unsere Existenz fragwürdig.
Ace Erasure und #dudenistschwul
Das Thema ‚duden ist schwul‚ bekommt in zwei Artikel Ihre volle Aufmerksamkeit – und das zurecht! Denn Homofeindlichkeit darf sprachlich nicht Konsens sein, über den definiert wird. Schon gar nicht von der Institution Duden.
Wenn Sie aber einsehen, dass es sich hier um eine „abwertende Nutzung des Wortes […] laut dem deutschen Standardwörterbuch“ handelt (und diese Diskriminierung explizit benennen und verurteilen), doch zugleich gekonnt ignorieren, dass Asexuell-Sein im Duden (und im deutschen Sprachgebrauch allgemein) als ’sexuell gefühllos‘, mit „Fehlen der Libido“ oder „geschlechtslos“ (auch in der Form herabwürdigend für agender Leute) beschrieben, ebenso erniedrigend dargestellt wird, zeigt sich, dass Ihr journalistisches Interesse fast ausschließlich privilegierten Mittelklasse weißen allosexuellen (nicht-asexuell), alloromantischen (nicht-aromantisch), endogeschlechtlichen (nicht-intergeschlechtlich) cisgender (nicht transgender) Schwulen gilt.
Wenn Sie unseren queeren Protest während der Asexual Awareness Week und die damit eingehende erfolgreiche Änderung im Duden Online-Eintrag (x; 24. Okt. 2019) als nicht gewinnbringend genug für die LGBTQIAP+ Community anerkennen, machen Sie sich des Ace Erasures und der Doppelgesichtigkeit schuldig. Selbstverständlich hat niemensch ein Recht darauf, gehört zu werden. Doch der von Ihnen geführte Doppelstandard, was die Anerkennung queerer Diskriminierungsformen angeht, insbesondere bei solch offensichtlichen Gegebenheiten, ist irgendwo verwerflich.
‚Asexuell‘ wird in der deutschen Sprache primär als eine Beleidigung, ein Affront gegen das Menschsein gesehen. Denn sexuelle Anziehung zu empfinden und Sex per se werden mit dem Merkmal des Menschlichen verknüpft (Allonormativität). Das daraus resultierende Bild, dass viele allosexuelle Menschen heutzutage von Asexuellen haben, hält uns für etwas Abstoßendes, etwas Unmenschliches, etwas, dass es so nicht geben kann. Mir wurde offen ins Gesicht gesagt, dass Asexuelle “nicht existieren”! Oder dass ich es mir doch noch einmal “überlegen solle”!
Alle Kämpfe asexueller Aktivismusbetreibender werden wieder und wieder medial unsichtbar gemacht oder für nicht ‚relevant genug‘ abgetan, wenn diese überhaupt als ‚LGBT‘-Material angesehen werden. Über Anti-Asexuellen Bias und Acefeindlichkeit zu schweigen, bedeutet, sich zur Mittäterschaft zu bekennen.
Gerade in Deutschland hat das Thema Asexualität kaum Platz, wird gemeinsam mit anderen queeren sexuellen Orientierungen unsichtbar gemacht (siehe sprachlich bei “Homo”-Ehe oder #HomobrauchtkeineHeilung, obwohl es in beiden Fällen um mehr als nur homosexuelle Menschen geht). Oder, wie ich in Die mediale Darstellung von Asexualität in Deutschland erläutern werde, mit einer acefeindlichen Linse be- und verurteilt.
Ace Erasure – Spongebob Schwammkopf
Während auch international überall bekannt ist, dass Spongebobs queere sexuelle Orientierung (und damit ist explizit seine Asexualität gemeint) nun auch von Nickelodeon als solche offen zelebriert wird, sieht queer.de das anscheinend anders. Sie nehmen sich heraus, Ace Erasure zu betreiben: Sie nehmen die asexuelle Identität nicht ernst und machen diese erneut unsichtbar. Nicht nur das – Sie, bzw. die Beitragsverfassenden, machen auch deutlich, dass Spongebobs kanonische Asexualität nicht zum ‚jetzigen Outing‘ als Teil der „LGBTQ+-Community“ passe. Er sei nun offiziell schwul, da sein Asexuell-Sein zuvor nur als Beschwichtigungsvorwand für „Fundi-Christen“ (queer.de Zitat) diente und das Verhalten des Senders zum Pride Month hier nun eine Art Richtigstellung betreibe. Sie stellen Asexuell-Sein also in Kontrast zum Queer-Sein; implizieren, dass Asexualität nicht Teil der LGBTQIAP+ Community sei und das Outing als „LGBTQ+-Community“-Mitglied Spongebob zwangsläufigschwul machen müsse. Denn Schwulsein wird, wie so oft, als Gipfel der LGBTQIAP+ Hierarchie präsentiert (so nennen Sie es auf homozentrische Weise selbst Gay-Pride, auch, wenn “für die Rechte von LGBTI auf die Straße gegangen” wird). Auch machen Sie alle schwulen Asexuelle unsichtbar (homoromantisch asexuell), die ebenso ebenbürtiger Teil der Schwulencommunity, oder der Homolobby, wie Sie es selbst nennen, sind.
Ähnlich, wie Ihr Handling in Causa ‘Spongebob Schwammkopf’ ging es zuvor bei Ernie und Bert zu, wobei kritisch angemerkt werden muss, dass Asexualität nicht das Fehlen von sexueller Orientierung bedeutet oder als solche dargestellt werden sollte. Diese Sache bedarf einer größeren Diskussion über die Bedeutung von Sexualität und Repräsentation.
Hier geht es um rein fiktive Charaktere. Ist das denn da so wichtig?
Ja.
Asexuellen fehlt beinahe jegliche (positive) Repräsentation, wie der Where We Are on TV Report von GLAAD (x) mit eindeutigen Zahlen hinterlegt. Mit etwas Glück bekommen wir auch einmal heimlich asexuell-gecodete Bösewichte (wie erst kürzlich und subtil in Killing Eves Aaron Peel).
Währenddessen wird Asexualität in der Popkultur noch immer als Punchline verwendet (Stephen Colbert’s Ernie & Bert Sketch); Acefeindlichkeit als Entertainmentwerkzeug für ein Millionenpublikum. Nicht einmal unsere Diskriminierung wird ernstgenommen. Es ist sozial akzeptiert, Asexualität als lächerlich, kindisch, unreif oder gar als eine aktiv getroffene Entscheidung zu sehen (:Zölibat ist nich gleich Asexualität)! Selbst unsere Zugehörigkeit zur LGBTQIAP+ Community, obwohl seit Jahrzehnten queerhistorisch mit Dokumentation belegt, wird zunehmend durch eine neue Generation von Gatekeepern / Exlusionists infrage gestellt, unsere erlebten Ausgrenzungen und Diskriminierungserfahrungen als bloße “Unterdrückungswünsche” gegen uns eingesetzt und erfahren gezielte Onlinebelästigung. Selbst auf den CSDs werden wir mitunter angefeindet.
Würden Sie sich da wohl in Ihrer Haut fühlen?
Aber das alles wird leider selten zur Kenntnis genommen oder verzeichnet.
Wenn auch häufig explizit acefeindlich / antiasexuell, teilen wir viele dieser Erfahrungen mit unseren anderen queeren Mitmenschen.
Die mediale Darstellung von Asexualität in Deutschland
Wenn schon über Asexualität in den Medien geredet wird, dann ist der Löwenanteil dieser Berichte aktiv schädlich für uns (BesserGesundLeben, zeitonline, wunderweib_de, swr3, focusonline, ze.tt, SWR 2 Wissen „Das Phänomen #Asexualität – Nie Lust auf Sex“ x;x), malt ein voyeuristisches Bild voller fehlgeleiteter Darstellungen und Annahme über Asexuelle (Alltag einer Asexuellen „Du bist doch krank!“; PULS br Reportage ‚Leben ohne Sex: Wie es ist, asexuell zu sein‘) die unsere gesellschaftliche Repräsentation weiterhin als etwas Infantiles, Ungutes, Krankes, gar Heilbares (ZDF, Bettys Diagnose, Staffel 05×19 „Eine Frage der Liebe“ x) darstellt. Vergleichen können wir unsere Medienreputation mit anderen Orientierungen kaum.
Allosexuelle Meinungsmachenden werden auch zukünftig allonormative Unterdrückungsmechanismen (Rolling Stone 2019) unreflektiert lassen und weiterhin reproduzieren. Daher ist Sichtbarkeit, Normalisierung und Aufklärung von Bedeutung, der sich auch queer.de nicht enziehen darf. Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass der LGBTQIAP+ Community in Deutschland nur einige wenige queere Medienoutlets zur Verfügung stehen.
Lösung
Wenn Sie bislang Schwierigkeiten hatten, das von mir dargebrachte Anliegen zu verstehen, empfehle ich Ihnen zwei Möglichkeiten:
Stellen Sie asexuelles Personal ein! Bezahlen Sie uns oder lassen Sie uns gegen Aufwandsentschädigung gegenlesen!
Die finanzielle Entlohnung von Aufklärungsarbeit ist eine wichtige Supportmöglichkeit. Unsere Community stehen keine finanziellen Ressourcen zur Verfügung. So können Workshops und Vorträge für Arbeitsgruppen angefragt werden, die Ihrem Team die nötige Sensibilisierung zum Thema Asexualität, Allonormativität und Co. ermöglichen.
Mediale Sichtbarkeit ist Macht, Lobby ist Macht und Sie müssen sich Ihrer Rolle bewusst werden, sonst verfestigen Sie weiterhin nur die ohnehin bestehende Hierarchie. Sie nennen sich queer.de – also zeigen Sie dementsprechend bitte auch Ihrer Lesendenschaft, dass Sie nicht nur für die Privilegiertesten und gesellschaftlich Akzeptiertesten (weiße, allo-schwule endo cis Männer) unter uns schreiben und berichten. Wenn Sie das nicht können, stellen Sie Menschen ein, die dazu in der Lage sind, oder bilden Sie sich weiter! Mein Anliegen beschränkt sich auf Asexualität, doch selbiges gilt auch Aromantik, Nicht-Binarität und weitere Identitäten unter dem Regenbogen.
In der Hoffnung, auf Toleranz und Zusammenhalt zu treffen, verbleibe ich
mit freundlichem Gruß,
Pancake (Pronomen: x/xs)
Aces NRW

















