Rhetorik in Tropen (I)
Mitten im Juni, also in einem jener Sommer, für die es in Brasilien eine flatrate gibt, empfangen wir Pedro Parini, João Mauricio Adeodato und Luiz Filipe Araujo in Frankfurt, um auf einem Workshop Projekte zur Rhetorik vorzustellen und ein Buch zu konzipieren, das wir vier daraus machen wollen. Ich würde ganz gerne eher über brazilian theory als über brazilian philosophy of law diskutieren, zumindest was eine Diskussion betrifft, mit der man sich gerne identifiziert. Das liegt daran, die schlechten Nachrichten zuerst, dass ich immer noch nicht die brasilianische Staatsangehörigkeit habe und in einer Philosophie des Rechts der Staat für die Zugehörigkeit einer nationalen Philosophie eine erhebliche Rolle spielt. Brazilian theory hingegen, gute Nachricht sekundär, das mache ich gerne auch im eigenen Namen, Ich stütze mich auf einen wunderbaren Kommentar von Oliver Precht zu der Frage, ob es eine brazilian theory gibt.
Also im Namen von brazilian theory trete ich gerne auf, im Namen brasilianischer Rechtsphilosophie nicht so gerne, auch wenn ich gerne darüber rede. Oliver Precht ist einer der Kenner der Anthropofagie und mein Aufenthalt in Recife 2019 ist mit den Protokollen zum Anfang des Projektes über Warburgs Staatstafeln geworden. Auf denen geht es zwar nicht im direkten Sinn um Anthropofagie, sondern um Theofagie oder aber dasjenige, was Gertrude Bing Das Verzehren des Gottes nennt. Im technischen Sinne, also via detour, geht aber doch auch um Anthropofagie. Mit Precht würde ich sagen, dass die Anthropofagie zu dem gehört, was man brazilian theory nennt und von dem man im übrigen nicht sagt, wessen es ist oder to whom it may concern. Of Law? Von mir aus, muss aber nicht sein. Das Verzehren des Gottes ist ja auch eigen und manchmal verschlingt es den Gott und manchmal der Gott einen.
Auf jeden Fall würde ich auf diesem Workshop schon deswegen über Schlingen und Schlangen sprechen, weil es auch um Technik und Tropen geht. Wir fokussieren Rhetorik, nichts als Rhetorik und nur Rhetorik, schon weil wir nur einen Tag haben, nur vier Teilnehmer, die wie vier Winde, vier Evangelisten, vier Himmelsrichtungen oder vier Professoren vielfältiger Dogmatik kosmopolitisch erst zusammenkommen, dann wieder auseinandergehen, weil es letztens anders herum war, da sind wir erst auseinandergegangen und kamen später wieder zusammen.
2.
Was das heißen kann, Rhetorik als Gegenstand einer Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken zu behandeln, dazu wird man was sagen müssen. Das graphische Exempel: Linienzüge, die umwegig sind, schon weil sie technisch sind. Sie müssen nicht erst aussehen wie die Tanzlinien einer Sprachkrise, obwohl das so auch toll ist. Schon ein Haken oder sogar nur ein Häkchen tut's auch, auch das ist schon umwegig und technisch. Schon ein gerade Strich über das Papier ist in dem Sinne umwegig, in dem auch Antike nachlebt. Diese Strich zeichnet zum Beispiel eine Unterscheidung, indem er etwas trennt (nämlich u.a. die beiden Seiten der Unterscheidung, die nicht mehr auf dem Strich, sondern daneben liegen), etwas assoziert (nämlich u.a. alle die Punkte des Striches, deren äußerte Pole die beiden Kappen des Striches sind oder die Vorstellung ein Schnitt von Lucio Fontana oder ein Zeichen von George Spencer Brown zu sein) und einen Austausch manövriert oder einen Wechsel bewegt (nämlich u.a den Strich ansehen lässt wie Kredit oder das, was der Köppes auf einen Bierdeckel zeichnet).












