31. Juli 2005
Nächtliches Remote-Debugging am Telefon
Das Riesenmaschine-Blog ist wenige Wochen alt. (Zum Aufschreibezeitpunkt dieses Beitrags, 2022, heißt es schon lange “der Blog”, aber in der hier nachträglich dokumentierten Vergangenheit war das noch nicht so.) Ich habe die Blogsoftware selbst geschrieben, weil wir zu mehreren daran arbeiten wollen und es entweder keine fertige Software für gemeinsames Bloggen gibt oder ich sie nicht finde. Zu diesem Zweck habe ich meinen schon vorhandenen Code für eine News-Seite der “Zentralen Intelligenz Agentur” umgebaut.
Während ich mit meinen Eltern unterwegs zu einer sehr alten und sehr entfernten Verwandten in der Slowakei bin, geht die Riesenmaschine kaputt. Auf welchem Weg ich davon erfahre, ist nicht mehr zu rekonstrieren, vermutlich per SMS. Die anderen Beteiligten können keine neuen Beiträge mehr schreiben. Das ist blöd, weil ich noch mehrere Tage unterwegs sein werde, keinen Laptop dabei habe, und selbst wenn ich einen hätte, gäbe es in der Pension in Niederösterreich, in der ich gerade in einem Zimmer mit Schnitzkruzifix-Deko im Bett liege, kein Internet.
Ich rufe Jan Bölsche an und gebe ihm meine FTP-Zugangsdaten zum Server (die ich auswendig weiß, weil mein Passwort eher nicht so gut ist). Ich beschreibe ihm, welche Dateien ungefähr wo liegen und in welchen davon der Fehler möglicherweise stecken könnte. Wie lange wir telefonieren und wie schwer es ist, den Fehler zu finden und zu beheben, weiß ich 2022 nicht mehr. (Ich besitze noch alle Telefonrechnungen seit immer und werde die Gesprächsdauer eines Tages nachreichen.) Jan sagt am Ende des Telefonats großzügig, der Code sei gar nicht SO schlecht gewesen und zumindest einigermaßen übersichtlich.
Er war aber schon ziemlich schlecht, denn die Riesenmaschine ist nur kaputtgegangen, weil nicht mehr Juli ist. Die Blogbeiträge stecken nicht wie anderswo üblich in einer Datenbank, sondern in Textdateien. Und mein Blog-Code erwartet in einem neuen Monat, dass es zu diesem Monat ein neues Verzeichnis für diese Dateien gibt, das in diesem Fall “08” heißen müsste. Das Verzeichnis wird aber nicht automatisch angelegt. In den ersten beiden Monaten der Blog-Existenz war das egal, weil ich der Maschine bei der Arbeit zugesehen und alle Probleme gleich am laufenden System behoben habe.
Jan brauchte also nur eine Datei namens “08” am richtigen Ort anzulegen, damit alles wieder funktionierte. Irgendwann später habe ich dieses Problem sogar grundsätzlich behoben, aber nur für die Monate. Das Verzeichnis für ein neues Jahr musste ich in der Riesenmaschine viele Jahre lang von Hand anlegen. Vielleicht ist es sogar heute immer noch so.
(Kathrin Passig)










