Rob Alef: Immer schön gierig bleiben
Damit auch Krimifans auf ihre Kosten kommen, heute wieder ein Gastbeitrag meiner Krimibeauftragten Doreen ;-)
Rob Alefs vierter Krimi und zugleich der erste, den ich bisher von ihm gelesen habe, hat mich wirklich überrascht. Ich liebe dieses Genre und verschlinge vom Regionalkrimi bis hin zu internationalen Bestseller-Thrillern quasi alles und erwartete dementsprechend einen Mord, gewiefte Ermittler und eine Wendung, die schließlich zur Klärung des Falles führt. „Immer schön gierig bleiben“ erfüllt alle diese Kriterien, bietet aber zugleich noch einiges mehr.
Der Roman beginnt mit dem klassischen Mord: Eine Frau wird erwürgt auf einem Friedhof aufgefunden. Ein fünfköpfiges Ermittlerteam macht sich an die Arbeit. Schon hier haben wir eine Abweichung von der üblichen Krimi-Beschaffenheit. Anstelle eines kauzig-brillanten Detektivs oder eines in Hassliebe verbundenen Kommissarenduos zeigt uns der Satiriker Alef einen herrlich unperfekten Haufen höchst eigenwilliger Charaktere. Hauptkommissar Pachulke, seines Zeichens Chef der Truppe, sitzt am liebsten in seinem Büro und bastelt mit Büroklammern – seine Stärke: Delegieren. Kriminalassistent Dorfner ist über die Maßen engagiert, interessiert sich jedoch leider zu sehr für gewalttätige Verhörmaßnahmen und das Trainieren seines langen muskulösen Gesetzesarmes, als das er ein verantwortungsvoller Polizist sein könnte. Seine Vorgesetzte Zabriskie hat daher ihre liebe Not mit ihm. Knallhart boxt sie sich durch das vorherrschende Männerregime und lässt sich auch im Privatleben nicht die Butter vom Brot nehmen. Ein Büro weiter fechten die Kollegen Stiesel und Bördensen ihren eigenen kleinen Kampf aus: Während Stiesel Ordnung bevorzugt und dann am glücklichsten ist, wenn er sich stundenlang in Recherchearbeiten ergehen kann, ist Bördensen eher der Typ, der nur dann das Büro hütet, wenn es gilt, Unordnung zu schaffen.
Alef lässt jeden zu Wort kommen, nicht nur die Ermittler, sondern auch verschiedene Zeugen und den Täter selbst. Durch die zum Teil recht heftigen Perspektivwechsel entfaltet sich die Handlung quasi mosaikartig und ist dabei immer gefärbt von den persönlichen Einstellungen der jeweils agierenden Figur.
Um den Mord an der Maklerin Verena Adomeit aufzuklären, befassen sich die Ermittler eingehend mit dem Berliner Wohnungsmarkt und treffen dabei auf die Abgründe menschlichen Handelns – Gier und Neid gleichermaßen. Mieter werden aus ihren Wohnungen gemobbt, Sozialbauten abgerissen und Nobelvillen entstehen. Wohnraum wird knapp und teuer und nur wenige gewinnen dabei wirklich. Schonungslos schildert Alef das Hauptstadtleben:
„[D]ie Stadt, die niemals aufgibt und niemals Geld hat und niemals um eine Antwort verlegen ist und immerzu Pläne schmiedet, die zwei Nummern zu groß sind für sie. Die lokale Politik hat etwas von Kleinkriminellen aus der Stummfilmzeit. In jeder Folge planen sie das große Ding und immer kommt etwas dazwischen.“
In diesem Roman begegnen wir allen Gesellschaftsschichten und ihren typischen Eigenheiten: vom stolzen Eigenheimbesitzer bis hin zum Hausbesetzer, vom fleißigen Müll-Trenner bis hin zu jenen, die auf der Müllhalde leben müssen, weil sie im sogenannten Sozialgefüge verloren gingen. Alle werden mit einer hingebungsvollen Präzision beschrieben und bilden somit ein vielfältiges Portrait der modernen Gesellschaft sowie ihrer zahlreichen Schwächen.
Absätze wie dieser machen den Krimi zu einer zeitgenössischen Satire, die amüsant und nachdenklich stimmend zugleich ist:
„Die Schwungräder beim großen Kommen und Gehen, die Drehkreuze waren die Bahnhöfe. Der Hauptbahnhof, im Niemandsland zwischen Regierungsviertel und den alten Backsteinmietskasernen Moabits. Und vor zwölf Jahren der Bahnhof Zoo, früher das Tor zur westlichen Welt, heute degradiert zu einem Regionalbahnhof. Und dann die Flughäfen, die die Kegelclubs, Einkäufer und Junggesellenabschiede aus Glasgow, Malmö und Valencia ausspuckten. Überall gab es Fahrpläne, Slots, Verspätungen, geschätzte Ankunftszeiten. Nur der Tod schaute ganz überraschend vorbei.“
Pachulke und sein Team kommen schließlich dem Mörder auf die Spur und wir als Leser wissen am Ende, dass dies mehr war als gute Unterhaltungsliteratur – es war ein Weckruf an uns selbst.
Zum Autor: Rob Alef (* 1965 in Nürnberg) arbeitet als freischaffender Rechtshistoriker und schreibt zudem regelmäßig satirische Texte, u.a. für die taz. Wie seine unverhohlene Darstellung der Stadt vermuten lässt, lebt er in Berlin-Friedrichshain. Dort schreibt er auch seinen Fußballblog „Volk ohne Raumdeckung“. Zuletzt erschien bei Rotbuch der Kriminalroman „Kleine Biester“ (2011).
Ein Beitrag von Doreen Liebing






