Tina wollte immer am Hafen wohnen und schreiben. Heute wohnt sie auf dem Hamburger Kiez und ist Redakteurin. Ein Traum – eigentlich. Wie sich das Leben mit diesem anfühlt, und ob Traum gleich Traum ist, das erzählen ihre Augenringe und die Texte, die sie einmal im Monat hier schreibt.
Konfettipistole fights Clean-Desk-Policy
Montagmorgen: Clean-Desk-Policy, die einzig auf dem Schreibtisch funktioniert. Im Arbeitsbereich meines Kopfes ist noch Rock’n’Roll. Dort verteilen sich unter einer zentimeterdicken Konfettischicht leere Flaschen und volle Aschenbecher. In der Ecke liegen zusammengeknüllte, schnarchende Menschen mit Schweinemasken überm Gesicht, aus der Box kommt ein dumpfer, wabernder Frühclub-Bass. Der körpereigene Akku läuft im Sparmodus, das Licht im Köpfchen flackert schwerfällig. Das Gehirn tropft als zähflüssige Melasse von der Schädeldecke und versucht sich neuerlich in Form zu bringen. Ja, es ist Montagmorgen. Mein Schreibtisch ist aufgeräumt, das Schreibdokument geöffnet, meine grauen Zellen gähnen.
Wer viel arbeitet, der feiert entweder überhaupt nicht mehr oder exzessiv. Dazwischen gibt es noch die, die schon beim Abendessen zwei Stunden zum Vertilgen einer lausigen Kartoffel benötigen, weil sich der Herzschlag pünktlich zum Feierabend entschleunigt und sich das System auf Normaltemperatur herunterkühlt. Ähnlich der Lüftung eines Laptops, die verzweifelt versucht gegen die Überhitzung zu wirken. Die Entschleuniger sind die, die es sich trotzdem nicht nehmen lassen, gähnend hinter der Party-Crew zu schlurfen und sich im dösigen Sitztanz durch den Abend zu quälen. Man will ja nichts verpassen und wann, wenn nicht am Wochenende, kann noch bis Stunde 3000 um die Häuser gezogen werden, ohne die lauernde Gefahr dem Chef beim Morgenmeeting auf die Krawatte zu kotzen. Eben.
Auf der Taste F1 ist zwar eine Sonne, mehr als eine gelblich-graue Hepatitis-Keller-Bräune zaubert die Bestrahlung aus dem Desktop allerdings nicht aufs Gesicht. Alles was wir noch ausstrahlen, ist der Muff von zweistelligen Bürostunden täglich. Spätestens am fünften Arbeitstag der Woche sehen wir aus als hätte uns der Gilb erwischt. Wir sind so grau wie die Fotoaufnahmen von Adenauer.
Und weil das so ist, werfen wir am Wochenende Konfetti. Wir brechen den Grauschleier aus Stress und Entkräftung mit Party-Accessoires à la Sweet-Sixteen-Feier. Wir tanzen die Nächte durch, weil die einzige Bewegung, die wir unter der Woche bekommen, aus den Bürostuhlrennen zwischen Schreibtisch und Kaffeemaschine besteht. Ja, ich weiß, das ist übertrieben. Wir leben das Leben nicht neongelb oder tiefschwarz. Wir gehen auch ins Fitnessstudio, machen Yoga, versuchen Meditation, trinken grünen Tee. Ja. Stimmt.
Ich könnte jetzt einen unsäglichen Begriff mit vier Großbuchstaben ins Rennen werfen. Oder was lateinisches: Lebensmotto in zwei Wörtern. Mache ich nicht. Denn natürlich sind wir keine Teenies mehr, wir sind nicht mal mehr Studenten. Wir sind älter geworden, tragen Verantwortung. Wer am Wochenende feiern geht, der schleppt sein Bündel Katerstimmung mindestens bis in die Wochenmitte mit. Bis dahin hat Seifenblasenbläser_in doppelt zu kämpfen. Während wir noch die Trümmer unserer Selbst zusammenklauben und wieder zu annehmbaren Körpern zusammenpuzzeln, erwarten andere längst Höchstleistung von uns. Und wir bringen sie. Arbeiten noch länger, schlafen noch weniger, aber wir schreiben die Super-Geschichte, komponieren den Ohrwurm-Jingle. Bald ist wieder Wochenende. Die Konfettipistole hängt schon im Halfter.
Wir schippern auf dem großen Ozean der freien Marktwirtschaft mit unserem kleinen Gummiboot. Und selbst auf diesem sind die meisten von uns nicht einmal Kapitän, wir sind einfache Matrosen. Und Matrosen, behaupte ich, die haben’s seit jeher nicht anders gemacht. Minuten nachdem sie von Deck gestiefelt sind, saßen sie am Tresen der nächsten Hafenkaschemme, stellten den Seesack in die Ecke und umgarnten die schönen Mädchen mit Seemannsgeschichten. Oh Captain! My Captain! – Wie schön ist das Lotterleben.
Gut, ich romantisiere. Wer nach einer 50-Plus-Stundenwoche feiern geht, der muss romantisieren. Der greift zur Konfettipistole oder schläft mit dem Gesicht im Abendessen – wir machen es uns bunt oder betreiben Grau-in-Grau-Mimikry – sonst überstehen wir ihn nicht, den Montagmorgen. Clean-Desk-Policy.
Tina Pokern














