Ich, die Beatles und das Leben nach dem Fast-Tod
Der weiße VW-Käfer mit dem gelben Nummernschild tauchte wie aus dem Nichts vor uns auf. Mein Vater stieg voll auf die Bremse. Die Räder blockierten, unser Auto schlitterte rasend schnell weiter. Auf die alte Kiste zu. „Glatteis“, sagte mein Vater ruhig und hielt konzentriert das Steuer fest.
Es war 1983, ich war in der fünften Klasse und elf Jahre alt. Wir hatten meine große Schwester und ihren Freund besucht. Jetzt waren wir in der Spätherbst-Dämmerung auf dem Heimweg. Als wir in einem kleinen Wäldchen am Ende einer unübersichtlichen Kurve ankamen, stand mitten auf der Straße der Käfer.
Ich saß mit meinem großen Bruder auf dem Rücksitz. Mein Blick ging auf meine Knie. Dort lag das Rote Album. The Beatles 1962 – 1966. Ein schmaler roter Rahmen um ein Foto von vier Jungs mit braven Frisuren und noch braveren Anzügen. Sie lachten mich derart zuversichtlich und lebensfroh an, dass ich gar nicht glauben konnte, dass ich jetzt gleich sterben würde. Aber traurig wurde ich trotzdem, weil ich diese heilige Musik nie würde anhören können.
Der Aufprall auf den Käfer war nur noch ein Blinzeln entfernt. Da ließ mein Vater die Bremse los und riss das Steuer herum, um dem Hindernis auszuweichen. Jäh knallte ich mit dem Kopf an die Scheibe. Das Auto reagierte und wir schossen haarscharf an dem Käfer vorbei. Meine Mutter begann zu kreischen. Als ich kurz von den Beatles aufblickte, sah ich die Bäume auf uns zukommen. Also senkte ich den Blick wieder auf die Beatles und erwartete den Knall, den Schmerz, den Tod. Und ich war froh, dass die Beatles mir mit ihrem Lächeln Mut machten: Wird schon nicht so schlimm werden.
Anfang der fünften Klasse wurden mir meine großen Helden plötzlich irgendwie zu kindisch. Old Shatterhand, Captain Kirk, Captain Future. Männer mit Waffen. Waffen fand ich toll. Es war ein unvergleichliches Gefühl, eine Waffe in den Händen zu halten. Man fühlte sich erhaben. Man war eine Respektsperson. Der Herr über Leben und Tod. Richter und Henker. Allmächtig.
Das funktionierte aber nur im Kinderzimmer. Beim Spielen. Tatsächlich war ich bleich, schmächtig und schwächlich. Dauernd Ohrenweh und alles. Und als Fünftklässler wurde mir das plötzlich klar: Ich würde nie Old Shatterhand sein. Er bot mir keine Identitätsvorlage mehr. Außerdem brachte er in der Realschule sowieso keinen Distinktionsgewinn mehr. Wer cool war, hörte Pop-Musik. Männer mit Gitarren waren angesagt.
Ich näherte mich der Pop-Musik über Filme mit Peter Alexander und Peter Kraus. „Guckst diesen alten Scheiß an?“, fragte meine Mutter ironisch. In den Sommerferien des Jahres 83 schaute ich jeden Morgen einen Elvis-Film an. Elvis löste seine Probleme, indem er ein cooles Lied sang. Das fand ich gut. Ich holte die alte Gitarre meines Vaters vom Dachboden. Sogar ein Poster kaufte ich mir. „Der hat doch Drogen genommen“, stellte meine Mutter fest, als der dünne und junge Elvis ihr von der Wand über meinem Bett zulächelte.
Inzwischen sammelte ich die Kleber für das Hanuta/Duplo-Superstar-Album. Da gab es Elvis, Adam Ant, Shakin‘ Stevens, Nena, Supertramp und die grotesk hässlichen Rolling Stones. Nicht besonders aufregend das alles. Aber das Bild der Beatles sprang mich sofort an. Vier ganz normale, fröhliche Jungs mit coolen Gitarren. Und das Beste: Sie hatten meine Frisur! So wollte ich auch sein: Normal mit Gitarre.
Dann besuchte ich meinen neuen Realschulfreund Örg. Das Rote Album lehnte an seinem Bett. Er erklärte mir feierlich, dies sei eine Platte von den Beatles. Sie gehöre seiner großen Schwester. Die höre immer die Beatles, denn die Beatles seien die Besten. Das duldete keinen Widerspruch.
Ich hatte bis dahin noch nie ein Beatles Lied gehört. Aber schon die Platte sah so toll aus, dass die Lieder einfach super sein mussten. Örg lächelte überlegen, denn seine Schwester habe nicht nur viele Beatles-Platten, nein, sie besitze darüber hinaus auch noch Kassetten, die sie während der Elmi- Radio-Show aufgenommen habe. Elmar Hörig nämlich spiele in jeder Show ein ganz, ganz, ganz seltenes Beatles Lied. Tiefe Ehrfurcht ergriff mich vor dieser fünfzehnjährigen Frau.
Mit dem andächtigen Gesicht eines Mönches, der Touristen durch seine Kirche führt, führte Örg mich in das Zimmer seiner Schwester. Es war ein rosa-hellblaues Mädchenzimmer. An der Wand hingen verschiedene Beatles Poster aus der Bravo. Ich wurde von dem brennenden Verlangen erfüllt, diese Bilder auch in meinem Zimmer aufhängen zu können. Dann, so glaubte ich in diesem Moment ganz sicher, würde mein Leben anders werden, schöner irgendwie, vielleicht auch erwachsener. Von der sakralen Heiligkeit des Raumes ergriffen, flüsterten wir nur noch. Denn jetzt zeigte sich, dass Örgs Schwester auch ein „Blaues Album“ besaß. Es war das selbe Foto vorne drauf, nur dass die Beatles jetzt bunte Anzüge trugen, lange Haare hatten und der ganz rechts trug eine runde Nickel-Brille und einen Vollbart. Das war auch irgendwie toll. Auf dem blauen Rahmen um das Bild herum stand „The Beatles 1967-1970“. Es war unfassbar, unglaublich toll. Wie musste da erst die Musik sein? Aber Örg weigerte sich, mir eine Platte vorzuspielen. Er meinte, heute sei der falsche Zeitpunkt. Mit dem ernsten und sehr erwachsenen Gesichtsausdruck eines Menschen, der ein lästiges und quengeliges Kind davon abbringen will, etwas zu tun, was seinem Alter nicht angemessen ist, meinte er: „Vielleicht nächste Woche, Ens, hm?!“
Dann kam der Besuch bei meiner Schwester. Gelangweilt blätterte ich die Platten ihres Freundes durch. Mich traf fast der Schlag, als ich auf das Rote Album stieß. Vorsichtig zog ich es heraus. „Kann ich das ausleihen“, fragte ich ehrfürchtig. Er musterte mich kritisch. Lieh mir die Platte dann aber doch. Feierlich hatte ich sie zum Auto getragen. Durchglüht von der Vorfreude auf die Musik.
Doch dann stand im Wald der weiße VW-Käfer. „Schade“, dachte ich im Angesicht meines unmittelbar bevorstehenden Todes, „Ketzt werde ich euch nie singen hören, gleich hängen wir alle tot in den Bäumen.“ Aber die Beatles lachten so lebensfroh und einer glücklichen Zukunft gewiss, dass ich keine Angst hatte, sondern mich friedlich meinem Schicksal ergab.
Plötzlich riss mein Vater das Steuer in die andere Richtung. Ich wurde auf meinen neben mir sitzenden Bruder geschleudert. Meine Mutter kreischte und kreischte. Unser Auto schlingerte jetzt leicht seitlich geneigt zurück auf unsere Fahrbahn. Mein Vater lenkte gegen. Ich hielt mir im Liegen die Beatles Platte vor die Augen und der Beatle ganz rechts auf dem Foto lachte mich immer noch an, als wolle er sagen: Mach dir keine Sorgen! Und plötzlich fand unser Auto wieder zurück in die Spur. Meine Mutter hörte schlagartig auf zu kreischen. Mein Vater sagte „Menschenskinder“ und fingerte sich eine seiner Kurmark-Zigaretten aus der Packung. Ich würde die Beatles doch singen hören! Die ganze Heimfahrt nahm ich den Blick nicht mehr von dem Cover. Jetzt begann das Leben nach dem Tod. Dem Fast-Tod. Auf einmal lag mein ganzes Leben wieder vor mir.
Zu Hause angekommen legte ich im festlich schimmernden Halbdunkel meines Kinderzimmers das Rote Album auf meinem Plastik-Plattenspieler auf. Es war die schönste Musik, die ich je gehört hatte. Es war tatsächlich wie im Paradies. Zwar verstand ich die Texte nicht, es ging immer irgendwie um "Love", aber das war egal. Die Lieder waren Ausdruck reiner Lebensfreude. Meiner Lebensfreude. Ich war am Leben. Dem Leben nach dem Fast-Tod.
Seither gehörten die Beatles und ich fest zusammen. Am nächsten Tag schrieb ich auf die weiße Sohle meiner Schuhe „The Beatles“. Und wenn es mir nicht zu peinlich wäre, dann würde ich das noch heute tun.
Ens Oeser, Dezember 2015 Pop-Momente bei Facebook liken und bei Twitter folgen











