Tag 230 / Endliches Üben
Ich muss das nicht üben. “Vielleicht wäre das ja eine gute Übung für dich.” Und was ist, wenn die Übung nicht gelingt? Wer fängt mich dann auf bei einem Tagesausflug mit Mitpatienten? Ich bin sieben Monate trocken und zwei hier in der Rehaklinik. Da darf mir auch zugetraut werden, dass ich mich selbst am besten einschätzen kann. Wenn es darum geht, einen Rückfall zu vermeiden, kann ich bisher sehr gut auf mich vertrauen. Es gibt immer noch Risikomomente, in denen ich einen Besuch im Restaurant, im Supermarkt oder eine Busfahrt in die Großstadt verschiebe. Und trotz sieben Monaten Trockenheit geht die Empfindsamkeit nicht zurück. Oder gerade deswegen. Mir ist es wichtiger, dass ich mich annehmen lerne mit dieser „sozialen Behinderung“ als dass andere mich verstehen. Diese themenoffene Gruppe eben ist viel schlimmer als jede andere Gruppentherapiesitzung. Schlimmer als die Indikativen Gruppen. Noch schlimmer als Essen im Speisesaal, weil manchmal das scheiße Reden durch Dreck Kauen unterbrochen wird. Laut, durcheinander, Schwachsinn, Wiederholungen, Selbstlob, Blödheit. Ideen für Ausflüge und dann der vorwurfsvolle Ton, es bringe nichts, wenn die Hälfte der Gruppe keinen Ausflug machen will. Dann sag ich das. Dass mich das Bowling überfordert hat und der Tag am See. Und dass ich mir das nicht zutraue. Allein eine Autofahrt: 30, 40 min auf engem Raum zusammen. Und dass es nicht an ihnen liegt. Aber vielleicht ja auch doch ein bisschen. Auto ist einfach oberkrass mit Halb-Fremden, losen Bekannten. Im Zug geht man mal aufs Klo oder so. Erst die Stadt besichtigen und dann gemeinsam Essen. Boa, krass! Doppelte Belastung. Auto hin, Auto zurück, zwischendurch vor Ort, und dann die alle auch noch hinterher beim Abendbrot, Rauchen, Medizinholen wiedersehen. Nein, sorry, ich möchte keine Ausflüge mehr machen. Ich finde höchstens drei der potenziellen Mitausflügler echt angenehm-nett. Der Großteil schwimmt auf anderen Wellen. Ich geh jetzt sogar erst schreiben dann rauchen. So wichtig ist mir das Alleinsein, das Runterskillen, das Menschen Entgehen. Skills und Aneinanderreihungen von Skills, ja, die muss ich üben, üben, üben. Immer wieder ausprobieren, was mich wann runterholt von der Aggression, von der Anspannung, der Wut, der Verzweiflung. Aber soziale Überforderungssituationen übe ich hier schon tagtäglich genug. Und da gibt es Fluchtmöglichkeiten, Inseln. Diesen Gruppenausflug übe ich nicht noch einmal. Vielleicht übe ich irgendwann mal wieder Familienfeiern oder drei Leute zu mir nach Hause einladen. Doch was ich wann übe, bestimme ich.













