Datentransfer per Telefon und Taxi
Ich arbeite neben meinem Studium als freie Mitarbeiterin in der Lokalredaktion einer großen Tageszeitung. Zeitweise verbringe ich mehr Zeit in der Redaktion als an der Uni, allerdings einen erheblich großen Teil davon am Wochenende. Im Sonntagsdienst, den ich über mehrere Jahre für ein kleines Pauschalhonorar fast an jedem Wochenende verrichte, darf ich bald Redakteursaufgaben übernehmen.
Das bedeutet auch: Ich habe eines der begehrten Computerterminals für mich allein und muss nicht, wie die meisten anderen Freien, meine Manuskripte auf Papier mit der Schreibmaschine tippen, damit sie hinterher von den “Eingeberinnen” in das System getippt werden.
Jeden Sonntag bin ich zudem damit betraut, die aktuellen Polizei- und Feuerwehrmeldungen telefonisch einzuholen und zu Meldungen weiterzuverarbeiten. Als dieser persönliche telefonische Datentransfer nach einigen Jahren durch Faxe ersetzt wird, sind der Polizei- und der Feuerwehrsprecher und ich sehr traurig, denn wir haben uns immer sehr gut verstanden.
Die reinen Textinhalte werden automatisch per DFÜ – Datenfernübertragung – an die Zentralredaktion übermittelt. Man muss sehr aufpassen, dass man diesen DFÜ-Vorgang erst auslöst, wenn der Artikel fertig ist. Ansonsten zieht das nämlich aufwändige Abstimmungs- und Korrekturvorgänge nach sich.
Sämtliche andere Daten – Bilder und Layoutvorlagen – können nicht per Computer übertragen werden.
Wir machen keine “Layouts”, wir “spiegeln”, und zwar auf großen Papierbögen auf einem dafür reservierten Tisch. Dazu benutzen wir Typometer, und wir haben viele Kürzel für Überschriftengrößen, Textformen undsoweiter.
Morgens vor der Redaktionskonferenz erfragt die Redaktionssekretärin telefonisch in der Zentrale, wie viele Seiten wir zur Verfügung haben. Danach werden die Themen verteilt. Aber im Laufe des Tages erfahren wir nochmals telefonisch, wie viele Anzeigen in welcher Größe wir mit einzeichnen müssen.
Fotos werden vom Redaktionsfotografen in der Dunkelkammer entwickelt und von den Redakteuren beschnitten und von hinten mit grünen Zetteln beklebt, auf denen die Größe steht und der Anfang der per DFÜ übermittelten BUs – der Bildunterschriften.
Jeden Abend gegen 18 Uhr bricht am Layout-Tisch Hektik aus, denn jeder weiß: Es naht die Ankunft von Herrn Tullmin, dem Taxifahrer. Er holt die Papier-Satzspiegel und die Fotos ab, um sie in die Zentrale zu bringen. Dort werden sie dann weiterverarbeitet. Zugleich nimmt er dort den Umschlag mit den Fotos vom Vortag mit, den er uns dann am folgenden Abend wiederbringt, so dass sie in den großen Karteischränken archiviert werden können. Dort kann man sie wiederfinden, wenn man sie nochmals verwenden will.
Herr Tullmin, tagsüber normaler Taxiunternehmer, abends Redaktionsfahrer, ist ein freundlicher Mann. Da fast nie alles fertig ist, wenn er kommt, findet sich immer jemand, um mit ihm zu plaudern, während die Kollegen hektisch letzte Hand anlegen. Er weiß Ende der 1980er noch nicht, dass dieser Teil seines Geschäftsmodells in wenigen Jahren dem komplett elektronischen Datentransfer zum Opfer fallen wird.