Der Schuhkauf
Als ich die Ladentür öffne und den Verkäufer sehe, weiß ich bereits, dass es nervig wird - und dass ich erfolgreich sein werde. Trotzdem frage ich mich im gleichen Moment, warum ich das mache. Oder auf diese Weise mache. Es gibt alles online und hier werde ich früher oder später genervt sein. Von dem Laden, von den anderen Kunden, vor allem den Weibern, und vor allem von dem Verkäufer, der mich jetzt auch gesehen hat. Sein Kopf ist nach oben gezuckt und seine Augen hat er aufgerissen, als würde er mich kennen. Die übliche, gespielte Verkäufer-Aufmerksamkeit. So freundlich und unterwürfig, dass ich nicht einmal auf den Gedanken kommen kann, dass der mich vögeln will. Aber vielleicht will er es ja trotzdem. Noch. Natürlich falle ich auf. Aber dezent, nicht wie irgendwelche Kinder in Tally-Weijl-Klamotten. Schwarz muss sein. Taille eng betont, Titten nur leicht angehoben. Business-Hose. Absatz 4cm, schwarz, Lack, Augenzwinker. Beiger Blazer als Tarnung. Augenzwinker, lächel. „Guten Tag, die Dame, kann ich ihnen helfen?“ Wo hat man das heute noch. Überall nur noch „hey“ und „du“. Ich weiß, dass ich hier richtig bin, und der Verkäufer geht mir mit seiner schleimigen, altmodischen Art jetzt schon auf die Eierstöcke. Dabei könnte er sogar süß sein, wenn er lockerer wäre. Oder zumindest sein Haar nicht so schleimig gegelt wäre, das geht überhaupt nicht! Ich habe die Idee, ihm eine schwarze Kapuze über den Kopf zu ziehen. Augenzwinker, lächel. „Hallo, ja, also ich suche Pumps von Louboutin, Größe 37. Schwarz und Lack. Zeigen sie mir die!“ Ich mache sowas wie eine Kunstpause. „Bitte“. „Sehr gern“, sagt er. Das „sehr“ ist auch wieder so eine typisch schleimige Übertreibung. Man macht etwas gern oder nicht. Der Verkäufer macht das vielleicht sogar gern, einer scharfen Vierzigjährigen ein paar Pumps verkaufen und sie dabei anglotzen und anbaggern. Der wird noch einiges mehr gern machen, denke ich. Ich folge ihm wortlos, gebe mich kühl. Es brodelt in mir, dass ich ihm hinterherlaufen muss. Die Weiber im Laden glotzen mir nach, das spür ich genau. „Arrogante, reiche Ziege“, denken die sich. Ich genieße das, diese Bestätigung.
Ich laufe hier im Business-Look auf, damit ich mich gar nicht groß verstellen muss. Gut, im Job bin ich nett. Normal, freundlich, vielleicht sogar entspannt. Aber immer geradlinig und seriös. Muss man auch sein im juristischen Bereich. Und auskennen muss man sich. Aber Paragraphen machen mir Spaß, keine Ahnung, warum das bei mir so ist. Die Kerle in der Kanzlei sind natürlich Machos. Zwei Drittel von denen hat aber keine Eier in der Hose. Die restlichen erschlage ich mit Professionalität und Gradlinigkeit. Die Kerle wissen, ich bin verheiratet. Zwei Kinder. Ich bin nicht so eine. Auch im Büro trage ich ausschließlich Schwarz. Sexy aber zugeknöpft mit nur leicht angehobenen Titten. Unbedingt Hose und Blazer. Aber unter alledem Victoria Secret. Nur für mich, nicht für die eierlosen Machos und erst recht nicht für meinen Mann, die Flasche. Nur für mich. Oder auf für dich, schleimiges Verkäuferlein?
Er hat mich in eine Ecke des Ladens geführt, in der die Regale dunkler sind, das Licht gedimmt ist und die Geräusche von Stoffen geschluckt werden. Von den billigen Weibern treibt sich natürlich keine in diesem Bereich herum. Louboutin ist etwas für Kenner. In jeder Hinsicht. Der Verkäufer hat unbemerkt dünne schwarze Handschuhe übergestreift und greift galant nach einem lackglänzenden Schuh, hält ihn mir mit einer leichten Verbeugung entgegen. „Das Modell Python Crystal, die Dame“. Ich schenke ihm nicht mal den Hauch von Aufmerksamkeit, schreite an ihm vorbei, lasse ihn einfach stehen. Auch die Regale interessieren mich nicht. Mein Blick ist schräg nach oben gerichtet, wie nebensächlich drehe ich mich wieder zu ihm um. Registriere aus dem Augenwinkel seine Verunsicherung unter seiner schleimigen Gellocke. „Verzeihung, die Dame…“ Weiter kommt er nicht. „Was soll das?!“ zische ich.
Ich hasse Entschuldigungen. Sie erinnern mich an meinen Mann, die Flasche. Der entschuldigt sich, wenn er vor mir kommt. Er hat nicht kapiert, dass er immer vor mir kommt, weil ich bei ihm nie komme. Auch wenn er zu spät nach Hause kommt, entschuldigt er sich. Ich habe noch nie ein Problem damit gehabt. Ich könnte eines draus machen und ihn fertig machen, nur so zum Spaß, wie ich es mit anderen ja auch mache. Aber am Ende hängt er dann doch wieder über mir, markiert den Starken, kommt zu früh und entschuldigt sich dafür. Dann entschuldigt er sich also zweimal, fürs zu spät kommen und fürs zu früh kommen. Das ist absolut unerträglich. Aber vom Sex abgesehen ist er ein feiner Mann. Wir verstehen uns im ausreichenden Maße, wir haben genug Geld, er ist Lehrer, ich Juristin und unsere Kinder gedeihen einigermaßen. Er kann schon entspannt sein, im Urlaub, vor dem Fernseher oder wenn er über mich drüber gerutscht ist und sich entschuldigt hat. Ich glaube, ich liebe ihn, auch wenn ich Entschuldigungen hasse.
Dass ich Entschuldigungen hasse, merkt jetzt auch das Verkäuferlein. Er zieht seinen Kopf ein und versucht es auf Französisch „Pardon, Madame“ und ich schreite an ihm vorbei und lasse mich auf einem der mit dunkelrotem Samt bezogenen Stühle nieder. Schlage die Beine übereinander, präsentiere ihm meine Heels, natürlich auch Louboutin, aber nur 4cm, mehr ist selbst im Büro nicht drin. Ich starre ihn ausdruckslos an. Er nimmt einen weiteren Schuh aus dem Regal, Modell Poisened Dagger, Abstatz 18cm. Den Blick nun starr auf den Boden gerichtet, hält er mir wieder den Schuh unter die Nase. Als ich wieder nicht reagiere, wagt er eine Blick. „Elender Wurm“, zische ich mit einer wütenden Rauheit in der Stimme. „Dient man so einer Dame!?“ „Nein, meine Dame“, flüstert er und beugt seinen Rücken tief. „Herrin, heißt das!“, fahre ich ihn an. „Du wirst mich Herrin nennen!“
Hat sich was mit Emanzipation! Mich stört das nicht, dass Herrin von Herr abgeleitet ist, im Gegenteil. Spätestens jetzt versteht es auch das dümmste Verkäuferlein, der armseligste Wurm. Manchmal machen sie es ja extra, damit ich sie härter bestrafe. Aber ich hatte mal einen, der wollte es nicht kapieren. Oder wollte es noch härter. Er war KFZ-Meister und als er nach zwei Stunden auf dem Werkstatt-Boden immer noch nicht das Wort ‚Herrin‘ über die Lippen brachte, band ich seine Eier an die Hebebühne und fuhr sie hoch. So lag er da mit langgezogenen blauen Hoden bis am nächsten Morgen seine Lehrlinge kamen. Normal nicht meine Art, Spuren zu hinterlassen, aber der hatte es mehr als verdient.
„Ja, Herrin“, sagt jetzt das Verkäuferlein, das sich inzwischen auch einiges verdient hat und vor mir kniet. Den spitzen, roten Absatz des Schuhs bohre ich von unten in sein Kinn. Er hat es endlich kapiert. „In einer Stunde, Zimmer 103, City Hotel.“ „Ja, Herrin“, sagt er leise. Zu leise. Ich stoße ihm den Absatz auf den Adamsapfel. „Lauter, du Wurm, ich höre nichts!“ „Ja, Herrin“, sagt er lauter. Ich erhebe mich langsam und majestätisch. „Und bring den Schuh mit, ich bin ja nicht zum Spaß hier!“ Augenzwinker. Lächel.


















