Alles ist erleuchtet.
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Alles ist erleuchtet.
Bücherranking 2025
Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe
#zitat #elifshafak #reise #liebe
„Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen.“ - Franz Kafka
Top 5 meiner Roman-Lektüre 2023
Jon Kalmar Stefánsson: Dein Fortsein ist Finsternis
Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens
Jon Fosse: Morgen & Abend
Denis Johnson: Engel
Fuminori Nakamura: Der Dieb
Pietzmoor, Schneverdingen.
Bald
verlassen uns
die Vögel.
Wenige bleiben
und bleiben
stumm.
Bald
werden braune Blätter
platt getreten,
verwesen,
wie nie grün
gewesen.
Bald
stehen Stämme, Äste
starr.
Gefegte Wege
hallen kalt.
Bald
ist der Herbst gekommen.
Bald.
Bis dann, urplötzlich, aber sehr behutsam etwas geschah, und es war Jetzt. Der Augenblick brach entzwei, und er sah sein Gesicht.
Es war das Unerschaffene. Es war Der Vater. Es war Dieser Augenblick.
Dann war es zu Ende, doch es konnte nicht zu Ende sein. Jetzt war da eine Welt, in der ein Mann in seinen blauen Volkswagen stieg, dabei dem Tankwart dankte und die Tür fest hinter sich zuzog. Es war eine Welt, in der eine Leuchtstofflampe sich weit über die Tankstelle bog und eine andere flach auf der Wasser-und Ölpfütze darunter lag. Es war eine Welt, aus der ihn ein Windstoß heraustragen mochte, niemals aber etwas, das böse war oder rücksichtslos oder ohne Belang. Es war eine Welt, in der er in die Gaskammer gehen und für immer sterben konnte und niemals starb.
Jetzt war ein wenig Tageslicht da. Durch Drahtgeflecht, das zur Not der Hitze eines Flammenwerfers widerstehen sollte, blickte er auf eine Welt, die in einen fliederfarbenen Frieden getaucht war. Ihm war, als hätten seine Füße das Ufer gefun-den. Dies ist dein ewiges Leben. Dies ist für immer. Dies geschieht einmal.
(Aus: Denis Johnson - Engel)
"Sobald die Leute eine Spur von Wissen haben, glauben sie, sie wüssten alles, und wollen unbedingt ihre Meinung berücksichtigt sehen, über was auch immer, ja mehr noch als die von Weisen und Experten, und so kommt alles zum Stillstand. Alles wird zum absurden Stolperstein, alles erfordert Übereinstimmung, nichts kommt je voran. Schon seit ein paar Jahrzehnten hat jeder etwas einzuwenden und entgegenzusetzen, und das wird noch zunehmen, wenn man nicht eingreift. Weshalb sollen die Leute bei etwas mitreden, wovon sie nichts verstehen, ja was sie nicht mal interessiert? Interessieren sich die Leute für Astrophysik, Neurochirurgie, technologische Neuerungen, Wettrüsten oder Weltraumforschung? Wohl kaum. Neunzig Prozent der Leute haben sich nicht mal damit beschäftigt, wie eine Pistole funktioniert. Oder mit dem eigenen Körper, die Anatomie ist ihnen gleichgültig. Sieht man von einer Handvoll Neugieriger und einer Handvoll Besserwisser ab, die sich nach Tisch produzieren wollen, verlangt es sie bloß nach Resultaten, Erträgen, Effektivität. Gewinn. In Wirklichkeit ist es jedem gleichgültig, wie die Dinge organisiert werden, wenn man sie nur organisiert, und das überlässt man am besten denen, die Weitblick, Projekte und echte Kenntnisse haben, und das waren immer sehr wenige an jedem Ort, zu jeder Zeit, und heute ist es nicht anders."
(...)
"Weißt du, wie eine Pistole funktioniert?", fragte mich der bewegliche Schmerbauch, nutzte mein Schweigen. Bestimmt war er ein guter Tänzer.
"Nein, ich habe nie eine in der Hand gehabt", antwortete ich, ohne mit der Wimper zu zucken, bei einem Lehrer mehr als wahrscheinlich, zumindest bei einem europäischen. "Ich bin auch nicht sehr neugierig darauf. Na ja, im Kino bekommt man eine Ahnung, oder?"
"Siehst du? Da willst du andere erziehen und Kenntnisse weitergeben, und etwas so Einfaches weißt du nicht. So einfach wie gewöhnlich, denn Abermillionen Pistolen auf der Welt sind in hirnlosen Händen, jeder beliebige Verbrecher weiß Bescheid und kann sie benutzen. Doch den normalen Leuten ist das egal, sie sehen, dass es so was gibt, aber interessieren sich für nichts. Und zugleich wollen sie bei allem mitreden, überall eingreifen. Die Demokratie ist schön und gut, versteh mich nicht falsch, ich bin unbedingt dafür. Aber nie hat man ihre Reichweite und ihre Grenzen verstanden. Im Gegenteil, sie dehnt sich aus, wohin sie nicht soll. Was für einen Sinn hat es, dass Ignoranten darüber entscheiden, wie die Wirtschaft gelenkt wird oder wie die Verteidigungspolitik auszusehen hat oder sogar, welche Gesetze gerecht sind und welche ungerecht? Es wird ein langsamer Prozess sein, mindestens zwei Generationen wird es dauern. Aber wenn die Leute wieder dazu stehen, dass sie nichts wissen, dann werden sie aufhören, ihre Nase in das zu stecken, was sie nicht zu interessieren hat. Was sie nichts angeht."
(Aus: Javier Marías - Tomás Nevinson)
Die Unzufriedenheit der Leute ist ein politisches Problem, und zwar von gigantischem Ausmaß. Die Unzufriedenheit ist in der Lage, ganze Gesellschaften zu sprengen. Man braucht nur ein wenig Zündstoff, Flüchtlinge oder Corona, und schon droht das ganze Gebilde auseinanderzufliegen, weil niemand jemals wirklich an die Segnungen von Frieden und Wohlstand geglaubt hat.
(Aus: Juli Zeh - Über Menschen)
Die Welt und die anderen sind eine niemals endende Aufgabe und ein beständiger Ruf an dich. Es sind nicht allein deine Fragen, auch das Leben fragt dich! Wer bist du, fragt es, wer bist du?
Ama Samy: ZEN - Der große Weg ist ohne Tor
Ein Frühlingswind im Baum,
hat zwei verschiedene Gesichter:
Ein nach Süden zeigender Ast sieht warm aus,
ein nach Norden zeigender Ast sieht kalt aus.
(Zenkai Shibayama - Quellen des Zen)
Dezembernachmittag, und der Tag
hat nie Lust gehabt aufzustehen.
Krähen wippen auf Taubendraht.
Äste greifen in den Himmel
und können die Wolken nicht festhalten.
Eine Frau pustet in ihre Teetasse.
Nebel legt sich in ihren Blick
und verliert sich im Raum.
Im See stehend spiegelt sich
der Reiher und wartet auf Fisch.
Das Café wird bald schließen und
die Teetassen trocknen.
Wer geht nach Haus? Wohin?
Dezemberabend, und auch der
Taubendraht ist wieder verlassen.
Am Jahresende im Café
Gabel sticht ins Fleisch.
Wer austeilt, muss einstecken,
schmatzt der volle Mund.
Stühlerücken, Lärm.
Besteck klimpert, jemand ruft:
Die Rechnung bitte!
Der Tag längst dunkel.
Rückblick. Vorsätze. Wünsche.
Das Jahr gähnt lautlos.
Top 3 meiner Roman-Lektüre in diesem Jahr:
Klarer erster Platz für "Faber - Der Zerstörer" von Tristan Garcia. (https://www.dieterwunderlich.de/Garcia-Faber.htm)
2. Platz: Thomas von Steinaecker - Die Verteidigung des Paradieses. (https://www.perlentaucher.de/.../die-verteidigung-des...)
3. Platz: David Mitchell - Die tausend Herbste des Jacob de Zoet. (https://www.deutschlandfunk.de/beruehrend-verstoerend...)
Was hinter uns liegt und was vor uns liegt, sind winzige Dinge im Vergleich zu dem was in uns liegt.
Ralph Waldo Emerson