Frau Prise hat eine Vorführstunde. Da kommt jemand aus ihrem Seminar vorbei und schaut sich ihren Unterricht an.
Frau Prise ist ganz aufgeregt und müde, weil sie sehr früh aufstehen musste, um noch die Klasse zu putzen und die Tafel zu wischen. Die Prüfer sagen Frau Prise, dass sie gar nicht nervös sein muss, weil sie ja keine Noten bekommt. „Wir arbeiten gemeinsam mit Ihnen an Ihrer Kompetenzentwicklung, Frau Prise!“ Frau Prise weiß aber, dass am Ende ihrer Kompetenzentwicklung sehr wohl eine Note steht und sie möchte lieber nicht allzu viel mit den Prüfern an ihren Kompetenzen arbeiten.
Für die Ausbilder hat Frau Prise alles auf die Minute genau aufgeschrieben. Als erstes steht da: „Begrüßung, 2 Minuten.“ Frau Prise sagt „Guten Morgen!“ und ist gut im Zeitplan. Dann kommt die Einführung. Frau Prise konzentriert sich. Sie hat alles auf Karteikarten aufgeschrieben und den Text zur Sicherheit auswendig gelernt. Viel darf sie aber nicht sagen, weil Schüleraktivierung sehr wichtig ist. Frau Prise legt ein Bild auf den Overhead-Projektor. Die Fenster hat sie vorsorglich ab geklebt, weil die Jalousien nicht mehr schließen, und wenn das Bild nicht gut zu sehen ist, dann bekommt sie gleich einen Abzug in ihrer Medienkompentenz.
Frau Prise zeigt ein Bild aus dem Geschichtsbuch. Es heißt „Die Freiheit führt das Volk“
Frau Prise sagt: „Beschreibt mal, was ihr da seht!“ Die Kinder schauen das Bild mit der Frau und den nackten Brüsten lange an. Es ist ganz still, bis Leon schreit: „Iiiiihhhh, dem läuft was aus der Fresse!“ Ein Kind in der letzten Reihe ist blau im Gesicht. Es hat auf eine Tintenpatrone gebissen. Frau Prise bringt schnell ein Taschentuch. Dann dauert es ein bisschen, bis die Kinder sich beruhigt haben. Schließlich fragt Frau Prise fragt wieder: „Was seht ihr hier?“ Ein Junge hebt die Hand. Frau Prise freut sich und sagt: „Ja, Yeboah?“ „Das sind die Brüste von Leons Mutter.“ Leon sagt: „Nur weil meine Mutter nich' so flach ist wie deine!“ Aber er sagt es nur sehr leise, weil Frau Prise ihn streng anguckt.
Frau Prise schaut auf ihren Unterrichtsentwurf. Die ganze Zeitplanung ist durcheinander. Und die Kompetenzentwicklung, die sie sich für die Stunde überlegen musste, wird sie auch nicht erreichen. Frau Prise ist verzweifelt. Die Prüfer finden Frau Prise am Ende der Stunde trotzdem nicht so schlecht. Sie sagen, Frau Prise habe Lehrerpersönlichkeit. Und wie sie den Overhead-Projektor eingesetzt hat, das sei hohe Medienkompetenz. Nur nackte Brüste, die solle sie beim nächsten Mal lieber nicht mehr zeigen.
Unser ehemaliger Kollege Herr König erzählt nach einem burnout von seinem beruflichen Neuanfang:
„Ich wollte raus aus dem zermürbenden System und dennoch weiter mit Kindern arbeiten. Ich habe eine Dönerbude vor meiner alten Schule eröffnet.
Man kann da heute nicht mehr nur Dönerfleisch und Fritten anbieten. Die Kundschaft wird gesundheitsbewusster. Wenn man tagaus, tagein zum Mittag einen Döner verspeist, kneifen die Bauchtaschen der Jungs bald um die Taillen. Und wenn die Mädchen wieder kreischen „Iiiieh, fass den dicken Dönerbauch vom Niklas nicht an!“ oder „Iiieh, der ist mit seinem dicken Dönerbauch gegen mich gerannt!“ dann bestellen die Jungs am nächsten Tag lieber was Gesundes bei mir. Bei mir gibt es deswegen nicht nur Döner, sondern auch Salat. Dazu nehmen sie dann am liebsten die Thousand-Island-Sauce. Die mit Mayonnaise und Kräutern.“
„Na Niklas, machste heute wieder Diät?“ „Jo, Herr König. “ „Gut Niklas, bis morgen dann.“