"Ja, der Ali, wer ist das denn? Der Große, der fast zwei Meter groß ist?" "Ja." "Ach so, immer nett und freundlich. Der ist in der Klasse? Wußte ich gar nicht. Der war nie da. Der kriegt 'ne vier."
"Und der Milan, der hat auch 'ne vier?" Wer ist das denn, der Schwarze, der aus Eritrea?" "Ja." "Nee, der ist doch gut! Der kriegt 'ne eins." "Hier steht aber eine vier." "Da ist irgendwas schief gelaufen, da hab ich mich vertippt. Gut, dass du noch mal anrufst." "Batoul und Esra, die stehen gar nicht auf der Liste." "Die haben auch 'ne vier." "Und der Thomas?" "Ja, was ist eigentlich mit dem, der rastet immer aus, bei dir auch?" "Nee, bei mir nicht." "Also, wenn der nächstes Jahr noch da ist, dann muss der mal zum IQ-Test. Der kriegt auch 'ne vier."
"Ok." Frau Tulpe legt auf. Da sieht sie, dass noch ein Kind nicht auf der Notenliste steht. Frau Tulpe denkt kurz nach, dann tippt sie eine vier in die Spalte "Mathematik" und fährt den Rechner runter.
Was ihr sofort aufgefallen wäre, würde sie denn noch darauf achten, war der Müll. Von dem Bushäuschen bis zur Eingangstür lagen verstreut leere Chipstüten, Getränkedosen, Taschentücher und allerhand andere Dinge herum. Der Müll säumte den Weg, er stand Spalier, bis sie das Eingangstor erreicht hatte.
Frau Meyer hielt den Kopf gesenkt. Sie schaute nicht nach rechts oder links, sie konzentrierte sich ganz auf ihre Schritte. Wurde sie doch mal gegrüßt, hörte sie entfernt ein „Guten Morgen, Frau Meyer“, so war das meist so laut ausgesprochen, fast gebrüllt, dass der Gruß ihr wie eine Beleidigung vorkam und sie gar nicht erst darauf reagierte. Im seltenen Fall, dass jemand direkt unter ihrer Nase vorbei lief, wenn sie so mit gesenktem Kopf durch die Müllallee spazierte und dieser kleine Mensch sie dann doch schüchtern grüßte, antwortete mit einer Stimme, die ihr selbst sehr würdig und autoritär erschien. In diesen Gegengruß mischte sich sogleich Mitleid. Denn nur eine schwache Person, eine Person, die kein standing hier hatte, würde den Lehrkörper so ehrerbietig grüßen, fast so als suche sie Beistand. Betrachtete Frau Meyer dann den oder die Grüßende, so waren sie meist unscheinbar bis auffällig zart oder dick. Sie hatten irgendeinen Makel, der für sie in unvorteilhafter Weise herausstach, eine altmodische Brille, ungewaschene Haare oder auch einfach ein schüchternes Wesen.
Auch mit ihren 55 Jahren fühlte Frau Meyer dann, wie sich etwas von der Ungelenktheit, Schüchternheit, der Uncoolness dieses kleinen Menschen auf sie zu übertragen begann und sich ein Stück ihrer Souveränität, die sie jeden Morgen sehr sorgfältig und unter Anstrengung überzog, zu bemächtigen drohte. Sie vermied es daher tunlichst, sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen oder auch nur noch eine weitere Frage an das Kind zu stellen, so als wollte sie keinesfalls mit ihm gesehen werden.
Frau Kowalski freut sich. Die Kinder machen ein Praktikum. Da muss Frau Kowalski nur ein bisschen durch die Stadt fahren und sie hin und wieder mal besuchen. Sie fährt zu Edeka, zu Kaufland, Lidl und nach Mitte zum Grill Royal. Davon hat sie schon mal gehört, da gibt es manchmal Fotos von in der Gala. Sie fährt zur Friedrichstraße, guckt ein bisschen durch das Schaufenster der Modeboutique von Harald Glööckler und läuft dann weiter zum Grill, denn da hat sie einen Praktikanten in der Putztruppe.
Den Eingang zum Restaurant findet Frau Kowalski nicht gleich, doch sie geht einfach durch den Lieferanteneingang und durch die Küche ins Lokal. In der Küche ist niemand, aber an einem runden Tisch in der Mitte des Ladens sitzen ein paar Frauen und rauchen. Es ist noch sehr früh am Morgen, trotzdem sehen alle gut aus. Als ob die in der Maske waren, denkt Frau Kowalski. Alle sehen so gut aus, dass Frau Kowalski sich ärgert, dass sie so ungekämmt ist und wieder nicht ihr Hemd gebügelt hat. Sie kommt sich bisschen schäbig vor und denkt, dass sie sich morgens mehr Zeit nehmen muss, um sich herzurichten, und, dass sie nicht immer nur in schlabberigen Sachen herumlaufen sollte.
Die Putzfrauen bemerken sie gar nicht, sie rauchen und trinken Kaffee, und mittendrin sitzt Tautvydas, der Schülerpraktikant. Er bekommt einen roten Kopf, als er Frau Kowalski schließlich entdeckt. Er sagt: „Alisa, da ist meine Lehrerin!“ Und Frau Kowalski bekommt die Hand gedrückt. Alisas Hände sind weich und die Nägel ganz hart und rot und ohne eine Macke.
„Ich leite das Unternehmen hier“, sagt Alisa. „Soll ich Ihnen alles zeigen?“ und sie läuft gleich los auf ihren goldenen Stiefeln mit Fransen, die bisschen Musik machen, wenn sie in Bewegung kommen. Vor ein paar großen Sitzkissen bleibt sie stehen: „Morgen kommt George Clooney! Der sitzt immer hier!“ Sie zeigt auf einen abgewetzten Couchwürfel. „Aha.“, sagt Frau Kowalski, und dann: „Tautvydas, wir brauchen noch ein Foto für deinen Praktikumshefter, für die Dokumentation!“
„Ja, das Bild machen wir hier, hier vor der Kunst.“ sagt Alisa und stellt Tautvydas vor einem Kasten mit Readymades auf. Frau Kowalski macht ein Handyfoto. Dann fragt sie, wie der Junge sich schickt. Alle sind sehr zufrieden mit ihm, nur ein bisschen schüchtern sei der Junge. Frau Kowalski versteht das. Sie ist auch ein bisschen schüchtern geworden. Dann muss sich beeilen, weil die Parkuhr abläuft. Es ist gerade noch genug Zeit, dass Tauti Frau Kowalski stolz die Lamellen der Bar zeigen kann, die er geputzt hat. Bevor Frau Kowalski geht, bekommt sie noch eine Visitenkarte zugesteckt: „Reservieren Sie mal einen Tisch bei uns!“, sagt Alisa.
Bei dem Auto beschließt Frau Kowalski, dass sie noch nicht zurück in ihr Viertel möchte. Sie schmeißt noch mal 'ne Münze in den Parkautomaten. Bei Lidl ruft sie an und sagt, dass sie die Praktikanten wann anders besuchen kommt. Als sie auflegt, schließt bei dem Glööckler gerade jemand den Laden auf. „Jede Frau ist eine Prinzessin“ liest Frau Kowalski noch an der Tür, als sie in den Laden hüpft.
Herr Pegel ist Mathematiklehrer. In seinen langen Berufsjahren hat er einige Grundsätze aufgestellt, nach denen er seine pädagogische Arbeit ausrichtet. Herr Pegel sagt zum Beispiel immer: „Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt.“ Herr Pegel fühlt sich seinen Kollegen intellektuell überlegen, denn er ist nicht nur Lehrer für Mathematik, er kennt sich auch mit japanischen Mangas und dem Internet aus. Wenn Herr Pegel Pausenaufsicht hat, stellt er sich immer in die Schulhofecke mit den Nerds und redet die ganze Pause mit Mangageschichten auf sie ein, bis den harmlosen Schülern ganz schwindlig wird. Weil Herr Pegel sich so gut mit dem Internet auskennt, ist er für alle IT-Fragen zuständig und wird immer von den Kollegen zur Hilfe gerufen, wenn die Schulcomputer mit Windows XP drauf wieder abgestürzt sind.
Die Arbeit von Herrn Pegel ist anstrengend. Deshalb fährt Herr Pegel am Wochenende in seine Brandenburger Datsche und erholt sich. Seine Erholung wird nur von den Maulwürfen gestört, die den Garten umgraben. Herr Pegel hasst Unordnung. Er will die Tiere los werden. Er sucht im Internet nach einer Lösung und findet ein Gerät das Maulwürfe aufspürt und dann mit einer Art Miniaturfeuerwerfer versengt. Die Technik fasziniert Herrn Pegel, aber das Gerät ist doch zu brutal. Außerdem, denkt Herr Pegel, stinkt es bestimmt, wenn das Fell und das Fleisch verbrennen und töten darf man die Tiere in Deutschland ja eigenlich gar nicht. Herr Pegel sucht weiter und findet heraus, dass sich mit Wühlmausfallen auch Maulwürfe fangen lassen. Wühlmausfangen sind in Deutschland nicht verboten. Herr Pegel bestellt gleich ein Dutzend für seinen Garten. Die Fallen funktionieren sehr gut. Die Maulwürfe, die darin verenden, sind fast noch intakt. Sie haben nur ein kleines Loch im Nacken, da wo der spitze Fanghaken sich ins Maulwurfsfleisch gebohrt hat. Herr Pegel findet, dass die Tiere auch tot noch wunderschön sind. Sie haben so zarte Nasen und ganz weiches Fell. Herr Pegel nimmt die toten Maulwürfe mit auf seine Datschenveranda und streichelt sie ein bisschen. Eigentlich sind sie zu schade zum Wegwerfen. Er überlegt sich eine warme Mütze aus den Fellen machen zu lassen. Aber den Gedanken verwirft Herr Pegel schnell wieder, denn es kracht es leise. Da ist ein neues Tier in seine Falle getreten, das aufgesammelt werden will.
Am Mittwoch muss Frau Kowalski erst zur vierten Stunde zum Unterricht. Vormittags geht sie deshalb bei Kaufland einkaufen. Da trifft sie am Kühlregal Frau Vogel. Frau Vogel stakst auf dünnen Beinchen an ihr vorbei und eine ihrer Töchter schiebt den Einkaufswagen hinterher. Frau Vogel hat neun Töchter und die älteren gehen alle zur gleichen Schule wie Frau Kowalski. Frau Kowalski sagt höflich „Guten Morgen, Frau Vogel!“ und Frau Vogel sagt etwas, das sich so ähnlich anhört. Frau Kowalski fragt, „Hat Karlotta denn nicht Schule?“ Frau Vogel sagt: „Nee, die war beim Arzt.“ Und zu Karlotta sagt sie, „Los, weiter.“
Am folgenden Mittwoch ist Frau Kowalski wieder bei Kaufland. Frau Vogel ist auch da und wieder schiebt eine der Töchter den Einkaufswagen hinter der Mutter her. Jetzt ist Frau Kowalski sauer: „Frau Vogel! Christel hat Schule!“ Frau Vogel sagt: „Die Christel war beim Arzt!“ und geht schnell weiter.
Am nächsten Morgen bringt Christel Frau Kowalski eine Entschuldigung mit in die Schule. Da steht auf der Rückseite einer langen Supermarktrechnung: „Die Christel war beim Arzt.“ Frau Kowalski findet, dass Frau Vogel besser nur so viele Kinder in die Welt setzen sollte, wie sie alleine Kauflandeinkäufe nach Hause transportieren kann. Hoffentlich, denkt sie, hat diese dürre, sonnenbankbraune Person, die immer nach kaltem Rauch stinkt, den Zenit ihrer Fruchtbarkeit schon erreicht.
Frau Prise hat eine Vorführstunde. Da kommt jemand aus ihrem Seminar vorbei und schaut sich ihren Unterricht an.
Frau Prise ist ganz aufgeregt und müde, weil sie sehr früh aufstehen musste, um noch die Klasse zu putzen und die Tafel zu wischen. Die Prüfer sagen Frau Prise, dass sie gar nicht nervös sein muss, weil sie ja keine Noten bekommt. „Wir arbeiten gemeinsam mit Ihnen an Ihrer Kompetenzentwicklung, Frau Prise!“ Frau Prise weiß aber, dass am Ende ihrer Kompetenzentwicklung sehr wohl eine Note steht und sie möchte lieber nicht allzu viel mit den Prüfern an ihren Kompetenzen arbeiten.
Für die Ausbilder hat Frau Prise alles auf die Minute genau aufgeschrieben. Als erstes steht da: „Begrüßung, 2 Minuten.“ Frau Prise sagt „Guten Morgen!“ und ist gut im Zeitplan. Dann kommt die Einführung. Frau Prise konzentriert sich. Sie hat alles auf Karteikarten aufgeschrieben und den Text zur Sicherheit auswendig gelernt. Viel darf sie aber nicht sagen, weil Schüleraktivierung sehr wichtig ist. Frau Prise legt ein Bild auf den Overhead-Projektor. Die Fenster hat sie vorsorglich ab geklebt, weil die Jalousien nicht mehr schließen, und wenn das Bild nicht gut zu sehen ist, dann bekommt sie gleich einen Abzug in ihrer Medienkompentenz.
Frau Prise zeigt ein Bild aus dem Geschichtsbuch. Es heißt „Die Freiheit führt das Volk“
Frau Prise sagt: „Beschreibt mal, was ihr da seht!“ Die Kinder schauen das Bild mit der Frau und den nackten Brüsten lange an. Es ist ganz still, bis Leon schreit: „Iiiiihhhh, dem läuft was aus der Fresse!“ Ein Kind in der letzten Reihe ist blau im Gesicht. Es hat auf eine Tintenpatrone gebissen. Frau Prise bringt schnell ein Taschentuch. Dann dauert es ein bisschen, bis die Kinder sich beruhigt haben. Schließlich fragt Frau Prise fragt wieder: „Was seht ihr hier?“ Ein Junge hebt die Hand. Frau Prise freut sich und sagt: „Ja, Yeboah?“ „Das sind die Brüste von Leons Mutter.“ Leon sagt: „Nur weil meine Mutter nich' so flach ist wie deine!“ Aber er sagt es nur sehr leise, weil Frau Prise ihn streng anguckt.
Frau Prise schaut auf ihren Unterrichtsentwurf. Die ganze Zeitplanung ist durcheinander. Und die Kompetenzentwicklung, die sie sich für die Stunde überlegen musste, wird sie auch nicht erreichen. Frau Prise ist verzweifelt. Die Prüfer finden Frau Prise am Ende der Stunde trotzdem nicht so schlecht. Sie sagen, Frau Prise habe Lehrerpersönlichkeit. Und wie sie den Overhead-Projektor eingesetzt hat, das sei hohe Medienkompetenz. Nur nackte Brüste, die solle sie beim nächsten Mal lieber nicht mehr zeigen.
Frau Prise hat keine Lust auf Schule. Sie fährt mit ihrem Rad einfach an der Schule vorbei und klingelt bei Frau Seifert. „Komm' runter, ich mach' heute blau.“ Frau Seifert freut sich, denn sie und Frau Prise haben schon oft zusammen geschwänzt. Frau Seifert hat gerade keinen Job und streng genommen schwänzt sie nichts, aber sie fühlt sich trotzdem wieder ein bisschen wie in der 11. Klasse. Da haben Frau Seifert und Frau Prise immer zusammen Schnaps getrunken und Latein geschwänzt.
In der nächsten Kneipe gibt es Futschi für 1€. Frau Prise und Frau Seifert trinken abwechselnd Futschi und Bier. Einmal geht Frau Seifert kurz vor die Tür Zigaretten holen, weil der Automat in der Kneipe kaputt ist, und Frau Prise sich wegen der Schüler nicht raus traut. Irgendwann fangen alle an zu tanzen. Frau Prise weiß noch, dass der Mann mit der Glatze, der schon an der Theke saß, als sie das erste Bier bestellt hat, dabei umfällt.
Am nächsten Morgen tut Frau Prise der Kopf weh. Ein Fahrrad hat sie auch nicht, das hat sie vor der Kneipe vergessen. Frau Prise denkt, dass der Tag nicht gut anfängt und dass sie lieber im Bett bleibt. Sie wählt die Nummer ihrer Schule und meldet sich krank.
Herr Adam möchte innovative Sachen mit den Kindern machen. Wenn er sich etwas Innovatives überlegt hat, laminiert er es immer gleich, damit die innovativen Sachen möglichst lange halten. Herr Adam laminiert sehr viel. Deshalb fährt er immer zu den Discountern, wenn Schreibwaren im Angebot sind, und lädt seinen Einkaufswagen mit farbigen Papieren, Klebestreifen, Laminierfolien und allerlei bunten Stiften voll. Kostet ja nichts.
Für die erste Geschichtsstunde in seiner neuen Klasse überlegt er sich etwas Besonderes. Die Kinder sollen am Ende seine Stunde auswerten. Dazu malt er auf ein großes Blatt Papier einen lachenden und einen weinenden Smiley. Für jedes Kind besorgt er einen kleinen Stein. Die sollen die Kinder auf die Smileys legen, je nachdem, wie es ihnen bei Herrn Adam gefallen hat. Herr Adam weiß, dass es den Kindern an seiner Schule nicht so leicht fällt sich differenziert auszudrücken. Er schreibt deshalb auch kleine Zettel mit Satzanfängen voll: „Mir hat gut gefallen, dass...“ „Mir hat nicht so gut gefallen, dass...“ oder „Für das nächste Mal wünsche ich mir, dass...“ Herr Adam fühlt sich nach einigen Stunden Arbeit gut vorbereitet für den Unterricht.
Die Kinder brauchen etwas länger, um zur Ruhe zu kommen. Aber nach zwanzig Minuten sitzen alle auf ihrem Platz. Herr Adam kann noch eine kleine Ausschneideaufgabe bearbeiten lassen. An Scheren und Kleber für alle hat er zum Glück gedacht! Dann ist es schon Zeit für die Auswertung der Stunde.
Das mit dem Stuhlkreis funktioniert nicht so gut. Da sitzt Herr Adam ganz alleine und die Kinder toben um ihn herum. Es ist so laut in der Klasse, dass Herr Schalke aus dem Nebenraum herein gelaufen kommt. Er schreit: „Was'n hier los? Habt ihr keinen Lehrer, oder was?“ Herr Adam wird auf seinem Stuhl im Stuhlkreis ein bisschen kleiner. Mit dünner Stimme ruft er: „Hier bin ich!“ Ihm ist die Situation etwas unangenehm. Aber er ist auch erleichtert, denn Herr Schalke sorgt für Ordnung. Er schreit mit seiner Sportlehrerstimme einmal sehr laut: „Setzt euch hin und Klappe halten!“ Und alle setzen sich hin und halten die Klappe. Herr Schalke ist eher von der alten pädagogischen Schule, da möchte Herr Adam nicht weiter auf den Stuhlkreis und seine Evaluationsmethoden zur Lehrer-Schüler-Interaktion bestehen. Er beschliesst, die Kinder ein anderes Mal zu seinem Unterricht zu befragen. Schnell sammelt er seine bunten Sachen ein. Denen ist zum Glück nichts passiert! Sie liegen gut geschützt in ihren Folien.
“Ey, was hat der Kevin eigentlich für 'ne Diagnose?" fragt Frau Malz. Frau Malz ist Sozialarbeiterin. Sie sagt das mit großer Selbstverständlichkeit, weil bei uns fast alle eine Diagnose haben. Die Kinder und die Erwachsenen sowieso.
Der kleine Kevin hat aber nichts Ernstes. "Der hat nur eine leichte Lernschwäche," antwortet Frau Mayer. "Was! Das kann nicht sein," sagt Frau Malz, "mit dem stimmt was nicht. Der redet immer mit sich selbst." Frau Mayer wird ein bisschen rot. Sie denkt daran, wie sie nachmittags müde zur S-Bahn stolpert und sich selbst verwundert die Geschichten erzählt, die sie auf Arbeit erlebt hat. "Nee, nee," sagt sie schnell, "der ist ganz normal."
In der nächsten Pause beobachtet Frau Mayer den kleinen Kevin. Er hat sich ein neues Spiel ausgedacht. Er setzt vor jeden Namen ein "Sch". Er sagt "Schnils" und "Schali" zu seinen Freunden. Er geht zu den Lehrerinnen und ruft "Guten Tag, Frau Schkowalski!" Oder "Alles klar, Frau Schprise?"
Dann rennt er in den Treffpunkt zu den Sozialarbeitern und schreit. "Hallo Frau Schmalz!" Ein paar Kindern gefällt das und sie rufen auch "Frau Schmalz, Frau Schmalz!" Frau Malz findet das nicht lustig, aber Frau Mayer hört es und freut sich.
Maries Schultasche ist rund und klein. Sie glitzert schön und hat einen goldenen Griff. Bücher oder eine Federtasche passen nicht hinein. Aber manchmal verstaut Marie ein Arbeitsblatt in ihrer Tasche. Wenn sie das Papier zu einer kleinen Kugel formt, dann findet es zwischen der Wimpernzange, der Puderdose, Glossy Lips und Rouge noch Platz. Sportzeug ist kein Problem, denn Marie wird vom Sport befreit. Sie hat ihre Erdbeertage, schreibt die Mutter immer auf den Entschuldigungszettel.
Frau Kowalski sorgt sich, weil Marie kaum Lesen und Schreiben kann. Hören kann sie noch schlechter. Lesen und Schreiben versucht Frau Kowalski dem Kind beizubringen, aber um ein Hörgerät kümmert sich niemand. Darum möchte Frau Kowalski Maries Mutter treffen. Sie versucht es telefonisch und schreibt einige Briefe. Aber die Mutter erreicht sie nicht.
„Dann besuchen wir die eben zu Hause“, beschließt Frau Kowalski, und zusammen mit Marie und der Sozialarbeit fährt sie bei der Mutter vor.
Frau Turner sitzt auf dem Sofa und schaut fern. Sie freut sich über ihren Besuch. Den Ton vom Fernseher schaltet sie ab, die bunten Bilder flimmern weiter. Auf dem Sofatisch liegt ein ungeöffneter Brief von der Schule. „Warum haben Sie den nicht aufgemacht?“, fragt Frau Kowalski. „Dachte, das ist Werbung“, antwortet Frau Turner. Frau Kowalski sagt, dass Marie ein Problem mit ihren Ohren hat. „Wissen Sie“, antwortet die Mutter „ich habe sechs Kinder. Die haben alle Probleme. Der älteste Sohn sitzt im Knast, der andere ist verschwunden. Keiner von denen hat 'nen Abschluss, die finden alle keine Arbeit. Und Marie, ich wollte, dass sie Ärztin, Anwältin oder so was wird. Aber die hängt nur mit Jungs rum und hört nicht, was ich ihr sage!“ Frau Turner weint ein bisschen.
„Ich kann nicht mehr.“, sagt sie schließlich. „Sie müssen sich um mein Kind kümmern!“ Frau Kowalski weiß einen Moment lang nicht, was sie sagen soll. Da klopft Frau Turner ihr kräftig auf die Schulter und stellt den Ton vom Fernseher wieder laut.
Der Freund von Frau Priel ist Feuerwehrmann und schon etwas älter. Immer sonntags und freitags treffen sie sich. Dann sitzen sie zusammen auf dem Sofa von Frau Priel und gucken fern oder machen andere gemütliche Sachen.
Montags sagt der Feuerwehrmann zu Frau Priel: „Bis Freitag!“ Und Frau Priel steigt in ihr lilafarbenes kleines Auto mit Prinzessin Lillifee am Fahrergurt. Prinzessin Lillifee ist aus Plüsch und spendet ihr Trost, denn montags ist Frau Priel immer sehr aufgeregt, weil sie dann wieder unterrichten muss.
Vom Lehrerparkplatz aus geht Frau Priel gleich in ihre Klasse. Da springen alle herum und sind laut. Frau Priel ist neu in der Klasse. Sie muss sich ihr standing erst noch erarbeiten. Sie sagt zur Begrüßung sehr laut: „Ruhe!“ und „Guten Morgen!“. Aber niemand setzt sich hin oder hört auf, laut zu sein. Frau Priel ruft wieder und wieder „Ruhe!“, „Guten Morgen!“ und „Hinsetzen!“.
Nach einiger Zeit ist die Aufregung von Frau Priel verflogen. Sie wird wütend und schreit: „Setzt euch hin, ihr Vögel!“ Jetzt bekommt Frau Priel Aufmerksamkeit. „Die hat uns Vögel genannt, tschüüüsch.“ Aber Frau Priel kann die Aufmerksamkeit gar nicht für sich nutzen, weil nun der Feueralarm los geht. In großer Eile rettet Frau Priel ihr Leben und das Klassenbuch auf den Schulhof. Ob sie ein Kind im Feuer zurückgelassen hat, das kann sie nicht sagen. Es war noch keine Zeit, um sich einen Überblick über die Anwesenheit zu verschaffen.
Die Kinder freuen sich über die Abwechslung und verlegen das Toben auf den Schulhof. Frau Priel steht ganz alleine in der für ihre Klasse vorgesehenen Feueralarmsecke. Da kommt das Feuerwehrauto auf den Schulhof gebraust. Am Steuer sitzt der Freund von Frau Priel! Frau Priel freut sich, jetzt muss sie nicht bis Freitag warten, um den Feuerwehrmann wiederzusehen. Der Feuerwehrmann und seine Kollegen prüfen alles fachkundig und finden einen eingeschlagenen Notknopf. Ein mutwillig ausgelöster Fehlalarm, stellen sie fest, und geben Entwarnung.
Eine handvoll Kinder lässt sich auf dem Hof einfangen. Mit ihnen läuft Frau Priel zurück ins Klassenzimmer. Gerade als sie mit der Überprüfung der Anwesenheit beginnen will, klingelt es zur Pause. Der Unterricht ist beendet. Frau Priel freut sich. Die erste Stunde hat sie hinter sich gebracht. Und der Feuerwehrmann ist vorbei gekommen, so eine schöne Überraschung!