Von vor der Maus bis 2015
Ich bekenne mich zum “Natural Scrolling”
oder: Tippen, schieben, drehen, wischen: Wie ich versuche, mir einen Reim auf die verschiedenen Arten zu machen, sich in langen Dokumenten zu verlaufen.
Eines der ältesten Hilfsmittel, sich in längeren Dokumenten zu bewegen, dürften die Cursortasten sein. Der Cursor (“Läufer”, früher gelegentlich auch “Einfügemarke” genannt) lässt sich in einem Dokument sehr plausibel nach rechts und links bewegen, wenn man die entsprechenden Cursortasten benutzt; aber für die Bewegung nach oben und unten werden Tasten benutzt, die von mir weg und zu mir hin zeigen. Das sind ganz andere Richtungen, aber weder ich noch sonst jemand schien damit je ein Verständnisproblem gehabt zu haben. Offenbar ist es üblich, das komplette eigene Gesichtsfeld als eine zusammenhängende 2D-Projektion aufzufassen, so dass die Richtungen “oben” und “unten” unterschiedslos auf (tatsächlich) horizontale wie (tatsächlich) vertikale Flächen anwendbar sind. Mit der gleichen Logik bedeuten auch gen Himmel weisende Pfeile auf Schilderbrücken, dass die betreffende Spur am Boden geradeaus führt. Seit wann ist das eigentlich so? Vormoderne Wegweiser deuteten direkt in die beabsichtigte Richtung, nie senkrecht von der Erde weg. Hätte man das z. B. im 16. Jahrhundert überhaupt verstanden?
Aber zurück zum Cursor: Was passiert, wenn der Cursor den unteren Bildschirmrand erreicht? Die Erwartung geht ganz klar dahin, dass der Cursor immer sichtbar bleiben soll, und sich stattdessen das Dokument nach oben schieben soll. Man verschiebt mit den Cursortasten also zusammen mit dem Cursor den zu betrachtenden Ausschnitt des Dokuments, den Fokus, und das Dokument als Ganzes verschiebt sich in die entgegengesetzte Richtung. Die PageUp- / PageDown-Tasten folgen derselben Logik.
Dann erschienen Mäuse. Zunächst noch ohne das Rädchen in der Mitte, waren sie eine hochwillkommene, weil intuitive Möglichkeit, Dinge zu steuern. Die Mausbewegung wird richtungstreu in eine Bewegung des Mauszeigers am Bildschirm umgesetzt, und man kann jetzt unter anderem den Scrollbalken am Rand des Textfensters nutzen: die Mausbewegung wird dadurch in eine fließende Bewegung des Fokus umgesetzt. Man kann aber auch Dinge mit einem Klick anfassen und als Ganzes verschieben. Es gibt nun also zwei Prinzipien, größere Dinge zu verschieben: zum einen mit Cursortaste oder Maus-auf-Scrollbalken den Fokus verschieben (und das Dokument in die entgegengesetzte Richtung), und zum anderen mit Klicken-und-ziehen das Dokument als Ganzes.
Als irgendwann die erste Maus ein kleines Scrollrädchen an der Oberseite bekam, war somit eine Interpretation nötig, eine Entscheidung fällig: Ist das Rad eher vergleichbar mit Cursortaste und Scrollbalken, soll sich also der Fokus in die gleiche Richtung bewegen wie der Zeigefinger an der Rad-Oberseite (und das Dokument entgegengesetzt), oder ist es eher sowas wie Klicken-und-ziehen, wodurch sich das ganze Dokument in Richtung des Fingers verschieben würde? Ich kann mich nicht erinnern, dass es damals große Diskussionen gab, wir haben uns schnell an Interpretation Nr. 1 gewöhnt und fanden das “intuitiv”. Vielleicht spielte es eine Rolle, dass die Namensgebung “Scrollrad” bereits die Erwartungen in Richtung des schon etablierten Scrollbalken lenkte.
Noch etwas jünger sind Touchpads. Meist haben sie am rechten Rand einen Bereich, mit dem man scrollen kann. Mit welcher Wirkung? Völlig klar: Wenn ich zu mir hin wische, ist das die gleiche Richtung wie Cursortaste-zu-mir und Mausrad-zu-mir; der Fokus verschiebt sich nach unten, das Dokument nach oben. Diese Ordnung scheint intuitiv, stabil und geradezu alternativlos.
Aber dann kamen die iPads und ihre Artgenossen mit berührungsempfindlichen Displays: plötzlich konnte man mit dem Finger direkt das Dokument anfassen und verschieben. Weil das so wunderbar an unsere Papier-Erinnerung anknüpfte (“intuitiv”), hat niemand gemerkt, dass hiermit eine Umkehr der bisherigen Finger-Wirkung eingeführt wurde: Ich wische zu mir hin, und das ganze Dokument bewegt sich in diese Richtung, nicht der Fokus.
Und mit dieser Erfahrung im Kopf und in den Fingern liegt es auf einmal nahe, das Touchpad neu zu interpretieren, denn da wird schließlich auch “gewischt”, und man kann es jetzt durchaus plausibel finden, wenn sich anstatt des Fokus das ganze Dokument in Wischrichtung bewegen würde. Plötzlich kann man also das Gegenteil einer als intuitiv anerkannten Steuerung ebenfalls intuitiv finden.
In der Konfiguration meines Touchpads kann ich heute jedenfalls wählen, ob ich dieses neue “natural scrolling” haben will: Ja, will ich.
(Karsten Doms)













