April 2019
Beyond Wischen
Irgendwann war SwiftKey da – empfohlen von, ich glaube, einem Mitglied der Techniktagebuch-Redaktion: eine neue Tastaturapp, bei der man nicht tippt, sondern wischt, also mit den Fingern entlang der Buchstaben der Wörter fährt, und dabei sein persönliches Wörterbuch aufbaut. Wann das war? Nicht aufgeschrieben, ein paar Jahre her. Letzte Woche tauchte Gboard in meiner Twitter-Timeline auf: eine andere Tastatur-App, die zwar nicht neu ist, aber mit der man neuerdings auch bequem die Zeichen des Internationalen Phonetischen Alphabets eingeben kann. Schon war SwiftKey weg – und das, obwohl Gboard, bis auf die Sache mit den phonetischen Zeichen, nahezu dasselbe ist wie SwiftKey. Manches geht besser, manches geht schlechter, wie eigentlich fast immer im Leben. Die Wischfunktion ist in Gboard keine Hauptfunktion mehr, sondern eines von vielen Features, die man zu- und abschalten kann.
Der für mich auffälligste Unterschied ist, dass Gboard mehr Wörter kennt als SwiftKey. SwiftKey schien im Deutschen zum Beispiel ein systematisches Problem mit Formen der zweiten Person Singular zu haben, die oft fehlten, daher nicht gewischt werden konnten und zumindest beim ersten Mal manuell eingegeben werden mussten. Auch Komposita, also Wortzusammensetzungen, die nicht im recht begrenzten mitgelieferten Wörterbuch enthalten waren, ließen sich nicht wischen. Irgendwann brach der Wischvorgang ab und musste man doch tippen – wie so ein Tier. Ganz anders bei Gboard: Das Wischen geht immer weiter. Es scheint nichts dagegen zu sprechen, sämtliche Einzelwörter im Wörterbuch zu beliebigen Komposita zu kombinieren. Wenn man sehr exakt wischt, kann man auch den berühmten Donaudampfschifffahrtskapitän an einem Stück eingeben. SwiftKey scheitert (bei mir) daran. Merkwürdig ist bloß, dass Gboard Wörter beinahe beliebiger Länge zulässt und keine Präferenz für Wörter zu haben scheint, die auch außerhalb der App bereits existieren.
Die ersten sonderbaren Wörter entstehen durch versehentliches Verwischen. Welches Wort gewischt werden sollte, als der ›Überzeugbeinkoch‹ das Tageslicht sah, ist nicht überliefert. Die nächsten Wörter generiere ich bewusst: Hegenführerzugriff, Astroeinszeitricke, Prozessschokoboni, Martendickfocus. Eifellöffelstichblatt. Sturmvideoreckbetonbiegeleiboffizierrock. Bierstütznichtringfotobockwagon. Es entsteht die Frage, ob es überhaupt eine Längenbeschränkung gibt. Die Recherche wird nach einer Minute ununterbrochenen Wischens mit dem Wort Absturzbürstenführergerätekartenhausgräteninternettheoriebrennfrontgetränkegärtnerzufuhrtücherzuckerfünfzoom-Landflugdrehdrucktheaterlanzenführungtrassenabendbrandt-Kunstfallscheibenburgstückführungsfühlritterbootgründungsuhrenflutungssuchfunktion abgebrochen. Vielleicht gibt es eine Grenze nach oben – aber wenn, dann befindet sie sich wohl hinter den Betaergebnispowerfreibieramtspultkurvenbergen.
(Christopher Bergmann)












