September 2022
Ich bin der Selfieman
Ich habe zum ersten Mal ein Selfielicht ausprobiert. Ich war natürlich angemessen skeptisch, als ich alles auf dem Stativ zurecht ruckelte und versuchte, mein Handy einzuspannen, wobei ich mich schlimm klemmte.
Allerdings hatte ich wirklich keine Alternative. In meiner 2K-Video-Call-Kamera sah ich immer aus wie ein Mensch, der direkt vor der Videokonferenz die Nachricht eines schweren Schicksalsschlags übermittelt bekommen hat. Der Hintergrund, ich arbeite in unserer Abstellkammer, weil mehr Zimmer gibt es halt nicht, tat sein übriges. Im Prinzip reagierten Leute im Call darauf, mir zu sagen, sie würden mich adoptieren, oder ob bei mir wirklich alles in Ordnung sei. Wegen der schweren Schatten unter meinen Augen sagten manche auch: „Guten Morgen. Auch mal aufgestanden oder was!“
Ich beschloss, mir das nicht länger bieten zu lassen. Mir ging es eigentlich sehr gut, außerdem ging ich regelmäßig ins Sportstudio, also nichts mit schlechter körperlicher Verfasstheit. So war es nämlich. Ganz genau andersherum.
Das Selfielicht lieh ich mir zunächst. Die Dinger sind nicht sehr teuer, aber zum Erfahrung machen reichte es. Obendrein hatte ich noch zwei Tischstative, weil ich mir ein hypergutes, sündhaft teures Podcastmikrofon angeschafft hatte. Ich beschloss, es endlich mal auszupacken und anzukabeln.
Als alles fertig war, steckte ich das Licht per USB-C in mein Handy, so dass ich auch keine Webcam mehr brauchte, die doof auf meinem Bildschirm sitzt. Das hätte ich natürlich auch früher schon machen können, anstatt mich über die schlechte Webcam zu ärgern, aber mir ging erst in diesem Moment auf, dass ich mir das ganze Gerödel sparen könnte.
Man kann so die Helligkeit regeln und den Farbton, und all das stellte ich ein. Als das Licht richtig justiert und angestellt war, bekam ich sofort das Gefühl, etwas verkaufen zu müssen. Ich sah mich auf dem Testbild und fand mich das erste Mal seit Jahren schön. Ausgesprochen schön. Natürlich war auch der entsprechende Handyfilter sicher aktiv, meine Haut sieht nämlich von Natur aus gar nicht so aus.
Das war mir total egal, ich fühlte mich ruhig und ausgeschlafen und top vorbereitet, und mein Selbstbewusstsein war schon vor dem Call weit höher als sonst. In mir keimte die Erwartung auf, dass ich gleich etwas sehr Gutes sagen werde. Vermutlich mehrfach.
Alle Gesichter erschienen nacheinander und lobten mein Äußeres. Einmal wurde die Beleuchtung gelobt. Als ich dann sprach, sagten alle, sie hätten das Gefühl, ich würde direkt neben ihnen sitzen; ob ich immer schon so eine sanfte, perfekt austarierte Vorlesestimme hatte. Ich sagte: „Ja, aber ich hatte ein sehr schlechtes Mikro.“
Als das Meeting nach einer Stunde vorbei war, hatte ich gute Sachen gesagt. Denke ich mal. Alle waren zufrieden und gelöst und sagten, sie würden sich auf nächste Woche freuen. Ich möchte das keineswegs allein mir zuschreiben, aber ein bisschen eben schon.
Ich blickte in mein Selfie, als alle längst offline waren, und dachte: Du machst Menschen in deiner Gegenwart zufrieden. Vielleicht solltest du professionell Ratschläge erteilen, oder über Vermögensaufbau sprechen. Oder auch nicht.
Am nächsten Tag kaufte ich ein teures Selfielicht, das jetzt immer noch im Karton steht, aber das wird. Jeden Menschen, der kein Selfielicht hat, kann ich nur bedauern. Ich bin der Selfieman. Und ja, ich weiß. Ich sehe verdammt gut aus heute Morgen.
(Alexander Krützfeldt)













