In der Nacht war Regen übers flache Land gezogen.
Er hatte bei angeklapptem Fenster dem gleichmäßigen Rauschen gelauscht und war darüber mit einem wohligen Gefühl von Geborgenheit in dem kleinen Haus in den Dünen zwischen Fjord und Nordsee eingeschlafen.
Spät, als die Sonne schon in‘s Fenster schien wachte er vom Rauschen des Meeres auf.
Er tastete nach seiner Armbanduhr auf dem Nachttisch und schwang sich aus dem Bett.
Seit zwei Jahren schlief er nun schon allein in diesem Bett. Margaret hatte ihn verlassen, nach langer schwerer Krankheit mit nur achtunddreißig Jahren. Lange Zeit hatte er in ihrem Bett geschlafen, um in ihrem Duft zu sein, aber mit den Wochen und Monaten war der Geruch verschwunden. Wahrscheinlich hatte er ihn eingeatmet und dann konnte er schließlich nur noch sich selbst riechen.
Jan zog sich die ausgeblichene Trainingshose und das blaue Sweetshirt über, das sie ihm zu seinem vierzigsten Geburtstag geschenkt hatte, schnappte sich das klamme Badetuch von der Leine und lief hinaus in den Morgen. Er eilte rasch den mit dürrem kurzen Gras bewachsenen Weg hinauf und den ausgetreten Sandweg auf der anderen Seite des Hügels wieder hinunter.
Vor ihm lag die sanfte Dünenlandschaft der Nordsee. Der Wind kam von der See und die graugrünen Halme des Strandhafers wiegten sich hin und her. Dazwischen reckte sich das Gelb der winzigen Lippenblütler zum Licht und das matte Llila des Heidekrauts.
Er erklomm den zweiten Hügel und dann lag die Nordsee vor ihm.
Zwar war es schon gegen Neun, aber die Urlauber standen eben erst auf und so war er allein mit sich und dem Meer, dessen Wellen schaumgekrönt ans Ufer rollten. Millionen Regentropfen gaben dem Strand ein besonderes Profil. Seine Spuren waren die Ersten, die das Tropfenmuster zerstörten.
Er schätzte, dass Windstärke sechs sei und zog schon während des Gehens den Sweeter aus, als sein Blick nach Osten in Richtung der bereits wärmenden Sonne fiel.
Mitten auf dem Strand stand etwas Gelbes.
Jan warf seine Kleider achtlos in den Sand und rannte ins Meer. Die Strömung war stark, so dass sie ihm bereits nach den ersten Schritten die Beine wegzog. Er warf sich in die nächste hohe Welle und genoss das Prickeln des Wassers auf der Haut.
Es war wie jeden Morgen, eigentlich wie immer. Aber etwas störte ihn. Er balancierte langsam und etwas unsicher über die kleinen Steine aus dem Wasser und trocknete sich rasch ab.
Dann lief er zu dem hohen gelben Gegenstand.
Je näher er kam, desto mehr grübelte darüber nach, worum es sich handeln könnte.
Er musste etwa 800 Meter laufen, bis er direkt davor stand.
Es war eine Säule aus leuchtend gelbem kunststoffartigem Material, etwa vier Meter hoch mit einer schwarzen Spitze. Gestern Abend war sie noch nicht da gewesen, das hätte er bemerkt.
Ihren Durchmesser schätze er auf 50 cm und er konnte sich nicht vorstellen, wer sie hingestellt hatte und zu welchem Zweck.
Hinter sich hörte er ein Rufen. Ein Golden Retriever war mit seinem Frauchen unterwegs. Frau und Hund nahmen Kurs auf ihn und die Säule.
„Guten Morgen!“ rief die Frau schon von Weitem. Während sie schnell auf ihn zusteuerte blieb der Hund misstrauisch stehen.
„Was ist das für eine Säule?“ wollte sie wissen. „Mm,“ Jan zuckte mit den Schultern „Ich weiß nicht. Gestern war das Ding noch nicht da.“ „ Irgendwelche Jugendliche können das nicht hergebracht haben, dafür ist es zu groß und es schein schwer zu sein.“ Überlegte die Frau laut. „Außerdem,“ Jan fing an, an der Säule zu rütteln, „scheint es ziemlich fest im Sand eingegraben zu sein. Ich werde mal bei der Verwaltung nachfragen. Vielleicht ist es so was wie eine Mess-Station.“
„Conni, komm schon her!“ rief die Frau dem Hund zu, aber Conni knurrte und Jan sah, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. „Was hast du denn, mein altes Mädchen? Komm her, hier ist dein Ball,“ lockte die Frau die Tier.
Conni klemmte den Schwanz ein und rührte sich nicht vom Fleck. „Der Mann tut dir nichts,“ rief sie und zu Jan gewandt: „Sonst ist sie der netteste Hund überhaupt. Weiß nicht, was mit ihr los ist. Haben sie Tiere?“ „Nein.“ antwortete Jan und verabschiedete sich freundlich. Im Gehen sah er noch, wie Frau und Hund die Säule weiträumig passierten, um dann ihren Strandspaziergang fortzusetzen.
Jan schmierte sich eine etwas trockene Scheibe Brot dick mit Butter und Solbeer-Marmelade. Früher hatte er nie was Süßes zum Frühstück gegessen, aber seit Margaret tot war, mochte er diesen herbsüssen Brotaufstrich. Seine Frau hatte die Konfitüre geliebt und in guten Jahren sogar selbst eingekocht.
Den Kaffee trank er mit viel Milch, zog sich Jeans und Hemd an und schob dann das alte Fahrrad aus dem Anbau der Hütte.
Vor dem Verwaltungsgebäude von Hvide Sande standen viele Räder. Jan hoffte, dass er nicht zu lange warten musste. In holprigem Dänisch fragte er nach dem Ordnungsamt.
Vor der Tür mit der Nummer 107 stand niemand und nachdem er geklopft hatte, signalisiere eine Stimme, dass er eintreten könne.
„Sie können deutsch sprechen,“ sagte der hagere Mann hinter dem Schreibtisch, nachdem Jan versucht hatte, seinen Fund irgendwie zu erklären.
Nein, er wisse nicht, worum es sich bei dieser Säule handele, aber immerhin habe schon eine Frau angerufen und davon berichtet. Er werde sich kümmern, gleich nach dem Mittagessen versprach der Hagere.
Als Jan das Amtszimmer verlassen hatte, griff der Beamte zum Telefonhörer und teilte die Beobachtungen des etwas verrückten Deutschen und die einer einheimischen Frau der Naturschutzbehörde von Ringkobing mit.
Jan hielt an der Bakkerei und und kaufte ein frisches Brot. In den ersten Wochen seines Alleinseins hatte er versucht zu kochen, aber nach mehreren misslungenen Mahlzeiten vertraute er eher den ansässigen Lebensmittelherstellern und an Sonntagen ging er ins Lokal, um etwas Warmes zu essen.
Die gelbe Säule ließ ihm keine Ruhe. Seitdem er dort gewesen war, hatte er leichte Kopfschmerzen und eine innere Unruhe plagte ihn.
Am späten Nachmittag lief er erneut zum Strand. Menschen standen um die Säule herum und fragten sich, aus welchem Material sie sein könnte, woher sie sei und wozu sie da wäre.
Zwei Jugendliche hatten ein Seil darum geschlungen und zogen daran. Einige Männer zogen mit, aber die Säule rührte sich nicht. Ein kleiner Junge begann, mit einer Schaufel einen Graben darum zu machen, aber sie schien zu tief in den Sand eingegraben zu sein.
Der Junge hatte sich beim Schaufeln wohl überanstrengt und musste sich plötzlich übergeben. Er fing an zu heulen, klagte über Kopfscherzen und lief in die Arme seiner Mutter zurück.
Über die Dünen kamen drei Männer in Arbeitskleidung. Sie blieben vor der Säule stehen, stellten eine Kiste mit Werkzeug ab und schauten ungläubig in die Höhe. Jan hatte das Gefühl, dass die Säule seit dem Morgen höher geworden sei.
Er sagte das den Männern, die anfingen zu lachen. Vielleicht war sein Dänisch zu schlecht und er hatte etwas Falsches gesagt?
Einer von ihnen nahm eine schwere Akku-Bohrmaschine aus der Kiste, schraubte einen Bohrer auf und setzte das Gerät in Hüfthöhe an der Säule an. Die Maschine dröhnte kurz, der Bohrer drehte sich, aber die Säule blieb unbeschädigt. Man konnte nicht eine Spur des Bohrers sehen. Auch Hammer, Meißel und die Säge hinterließen keine Zeichen im gelben Material.
Die Männer telefonierten und nach dreißig Minuten kam eine kleine Planierraupe über den Strand. Sie schob sich durch den Sand und drückte an der Säule, aber nichts passierte.
In der untergehenden Sonne standen etwa hundert ratlose Menschen um das gelbe eigenartige Ding und grübelten darüber nach, was es sei.
Jan wartete bis alle gegangen waren und in der einbrechenden Dunkelheit lief er nachdenklich zur Hütte zurück.
Die Nacht war sternenklar. Ein unbeschreibliches Schauspiel bot sich seinen Augen, wie jedes Jahr Mitte August. Hunderte Sternschnuppen, die Tränen des Laurentius schossen über den Sternenhimmel. Er hatte vor zwei Jahren aufgehört, sich etwas wünschten, wußte er doch, dass seine Wünsche unerfüllt blieben.
Er nahm eine Kopfschmerztablette mit einem Glas Rotwein ein und diese Mischung ließ ihn traumlos in Morpheus Arme gleiten.
Der Morgen war aschfahl und kühl. Im ablandigen Wind lief Jan zum Strand. In den Dünen lagen einige tote Möwen.
Die gelbe Säule stand noch da und in einiger Entfernung war eine zweite, nicht ganz so hohe Säule dazugekommen. Menschen diskutierten miteinander, der Strand-Zugang in nächster Entfernung zu dem gelben Ungetüm, wie Jan sie insgeheim nannte, war zugeparkt. Rot-weiße Absperrbänder an Metallstangen, die rund um die Säulen im Sand steckten flatterten im Wind.
„Hallo!“ sagte leise eine Stimme hinter ihm. Er blickte in rotgeweinte Augen und die Frau sagte schmerzerfüllt: „Conni ist gestorben. Gestern Abend lag sie tot auf der Fußmatte vor dem Haus.“ „Tut mir leid,“ sagte Jan und legte der Frau die Hand sanft auf die Schulter.
„Ich hab‘ Kopfschmerzen - vielleicht vom Weinen,“ sagte die Frau „Und nun ist da noch so ein Ding!“ „Ja, noch so ein Ding. Es macht mich nicht froh,“ antwortete Jan. „Vielleicht sollte ich wegziehen von hier, zurück nach Deutschland. Das Haus verkaufen und noch mal neu anfangen.“
Die Frau versuchte ein trauriges Lächeln, zog den Reißverschluss ihrer Jacke ganz hoch und lief dann landeinwärts über die Dünen.
Die Perseiden waren nicht zu sehen in der kommenden Nacht. Es war windstill und unheimlich schwarz, schwärzer als sonst. Jan fand keinen Schlaf, wälzte sich von einer auf die andere Seite und stand schließlich auf, als er die ersten Anzeichen von Dämmerung sah. Die Kälte draußen verschlug ihm fast den Atem. Nein, bei diesem Wetter war an Baden nicht zu denken.
Er zog eine dicke Allwetterjacke über den Wollrolli und lief über die Dünen mit Kopfschmerzen und einem unerklärlichen Gefühl von Sterbenwollen.
Der Strand war voller knallgelber hoher Säulen - hunderte davon standen stumm und hoch im kalten Nordseesand.