März 2017, aber schon länger
Die Erker und Zinnen meines Handys
Um mein Handy herum hat sich im Laufe des letzten Jahres allerlei Bewuchs angesammelt wie Seepocken an einem Schiff. In der Reihenfolge der Anschaffung:
1. Schutzfolie auf dem Display. Eventuell Aberglaube, aber ich stelle mir vor, dass sonst das Glas zerkratzt und beim Herunterfallen des Handys auch leichter zerbricht.
2. Gummihülle ums ganze Handy. Wegen allgemeiner Unaufmerksamkeit lasse ich das Handy etwa dreimal täglich fallen.
3. und 4. zwei Anbauten auf der Rückseite:
Seltsame Handhaltung, weil das Handy sich selbst im Spiegel fotografieren musste, das schien mir einfacher als das Wiederfinden und Aufladen des Akkus der zuletzt 2012 benutzten Digitalkamera oder irgendein Verfahren mit der Laptop-Frontkamera.
Die drei Dinger oben rechts gehören zum Handy: Kamera, Fingerabdrucksensor und irgendwas mit Blitzlicht.
Oben links ist ein Aufkleber mit vier Knöpfen, die via NFC mit dem Handy kommunizieren. Man kann sie selbst mit Funktionen belegen, das habe ich auch getan, aber ich weiß nicht mehr, welche es sind, denn ich benutze die Knöpfe nie. Zusätzliche Hardwareknöpfe erschienen mir beim Kauf verlockend, aber wie sich herausstellt, brauche ich eigentlich keine.
In der Mitte ist ein Ding, das man in vielen Varianten unter der Bezeichnung “Handyring” kaufen kann. Man steckt einen Finger durch den Ring, dann fällt das Handy statt fünfmal täglich nur noch dreimal runter. Man kann es entspannter halten, was zum Beispiel auf Brücken oder Badestegen von Vorteil ist. Vor allem aber fühlt es sich mehr wie ein Körperteil oder doch wenigstens ein Kleidungsstück an. Außerdem könnte man es mit dem Ring quer oder längs aufstellen (zu diesem Zweck ist er an einer Seite abgeplattet), das mache ich aber nur, wenn ich anderen Leuten demonstrieren will, wofür der Ring gut ist. Nachteil: Man kann das Handy nicht mehr flach auf eine harte Oberfläche legen.
Auf der Vorderseite klebt neuerdings ein Schweizer Schiebedeckel über der Frontkamera, den ich nicht in situ fotografieren konnte, weil er zu schwarz ist. So sehen seine zwei noch unaufgeklebten Geschwister aus:
Meine Begründungen, warum ich mich nicht von der Frontkamera angeschaut fühlen will, wechseln: Am Laptop habe ich die Frontkamera ja auch schon lange mit einem Text-Klebemarkerstreifen abgeklebt, sage ich mir und anderen, da wäre es doch inkonsequent, es am Handy nicht auch zu tun:
Bei anderen Gelegenheiten erkläre ich, es hätte mit meinem muskulösen Über-Ich zu tun: Ich beobachte mich sowieso schon unablässig selbst und kann keine zusätzlichen Beobachter, und seien sie nur symbolisch, in meinem Leben gebrauchen. Dritte Variante der Erklärung: Es stört mich, wenn ich versehentlich eine der Kameras aktiviere und mich dann selbst auf dem Display sehe, in Spiegel schaue ich ja auch nicht. Ich hätte gern eine schlüssigere Erklärung, denn die beiden Kameraabdeckungen sind eigentlich nicht mit meinen sonstigen Privatsphärengewohnheiten vereinbar.
Bisher hält das Schweizer Schiebedings überraschend gut auf der Displayschutzfolie. Nur wenn das Handy zusammen mit magnetisierbarem Kleingeld in der Hosentasche steckt, klebt das Deckelchen danach manchmal am Geld statt am Handy.
Update 2021: Die Schweizer Schiebedingse haben sich nur wenige Wochen gehalten. Die NFC-Knöpfe habe ich nie benutzt und bald wieder abgenommen und in einer Kiste archiviert. Aber der Handyring hat sich bewährt, ich bin inzwischen beim dritten oder vierten angekommen. (Man muss, wie ich inzwischen weiß, das teure Original von iRing kaufen, das hält nämlich ewig und lässt sich sogar aufs nächste Handy transplantieren.)
(Kathrin Passig)









