Winden
für Maren Lehmann
1.
Das Überwinden ist ein meteorologischer Vorgang.
Konstruktiv gedacht: Wenn ein Beobachter davon ausgeht, dass Natur und Gesellschaft einen Dualismus bilden und der überwunden werden müsse, dann wird er gute Gründe dafür haben, denn sonst würde er es nicht so beobachten. Rational wird es sein, denn nichts ist ohne Gründe, nihil est sine ratione. Rationalität funktioniert, dafür ist die da.
Wenn ein Beobachter von einer Warte aus beobachtet, dass die Moderne eine Besonderheit habe, und sie darin bestünde, dass mehr und mehr Beobachter Verbindungen zwischen Natur und Gesellschaft herstellen, dann wird er gute Gründe dafür haben, denn sonst würde er es nicht tun. Wenn er nicht erklärt, was der Unterschied zwischen Beobachtung und Herstellung ist, wird er Gründe dafür haben, denn nichts ist ohne Grund.
2.
Der Beobachter, es können auch zwei sein, wie etwa Stephan 'Fußnotenketten' Fuchs und Douglas 'Kosmetikketten' Marshall, sprechen nicht im Namen aller Gesellschaften und aller Naturen, auch nicht aller Beobachter. Sie beobachten auf besondere, fast einzigartige und moderne Weise. Darauf muss man sich nicht einlassen, man kann es aber tun.
Man kann einwenden, was es denn für ein Problem sei, wenn ein Dualismus überwunden werden könnte, das aber nur anthropozentrisch oder nur aristotelisch. Man könnte einwenden, dass es doch schon ein Fortschritt, eine Errungenschaft wäre, wenn ein Dualismus überwunden werden sollte und überwunden werden könnte, da müsse man doch einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schauen und könnte seine Vorbehalte gegen Menschen, Zentren und dann Anthropozentrismus (etwa Städte) oder gegen Aristoteles zurückstellen. Du lebst und thust mir nichts, sagt Aby Warburg. Aristoteles ist sogar tot, der tut euch erst recht nichts. Wenn ihr wollt, dass der Dualismus überwunden wird und der Aristotelismus es schafft, ihn zu überwinden, kann man sich dann damit nicht begnügen?
Nein das geht nicht, denn die Überwindung ist eine meteorologische Angelegenheit. Die Überwindung dreht den Wind auf, dreht ihn ab, wirbelt auf und ab, schraubt hoch und runter, fest und locker. Am nächsten Tag könnte schon Windstille sein und sie könnte nicht überwinden. Kants berühmte Taube könnte vom Himmel fallen und wie ein glühender Bolide in die Universätslandschaft einschlagen, wenn kein Wind ist. Ohne Regen keine Rechte, nicht einmal als geballte Faust. Unterscheidungen können nicht geleugnet werden, man kann sich mit ihnen nicht begnügen. Fuchs und Marshall haben 1998 einen der Texte geschrieben, die sehr deutlich den Stil eines Schriftsatzes gleichen, das ist ein juridisches Schreiben, ein richtendes und urteilendes Schreiben. Das können die, sie haben es gelernt, das ist gut, es wir gebraucht um die Welt ein und auszurichten.
Theorien anderer werden als Parteien vor Gericht gezerrt, um die Frage zu klären, wer etwas am besten beobachten und beschreibt. Was habe ich mit Widerlegung zu tun? Viel, denn ich werde dauernd widerlegt, wie wir alle. Letzens sitze ich am Tisch beim Essen und esse Melonen - und jemand erklärt mir: Das schmeckt nicht! (wie in der Geschichte von Ivan Toporisch). Ihm würden Melonen nicht passen, Pommes wären besser. Ich betrachte das als Widerlegung: etwas liegt widerständig und insistierend im Weg oder am Wegesrand, in der Gesellschaft, in der man sich befindet und an der Tafel, an der man tafelt und speist. Ich werde nicht nur widerlegt, ich widerlege auch, esse zum Beispiel Melonen und mir schmeckt's. Seltsamer Alltag: Latour erklärt sich etwas, manchen hilft es, und andere sagen, das würde ihnen nichts erklären, sie kommen mit fundamentalen und evidenten Einwendungen, dass man am Ende eines solchen Aufsatzes den beiden Herren Glückwunsch´sagen kann, Volltreffer, Latour versenkt! Wäre doch beinahe aus der Zeitschrift für Soziale Systeme eine andere Zeitschrift, keine zum Luhmannismus, sondern eine zum Latourismus geworden, wenn, ja wenn nicht Fuchs und Marshall wie ein Fuchs und Marshall Alexander Wassiljewitsch Suworow-Rymnikski mit hohem persönlichen Einsatz gezeigt hätten, dass Latour nix kann. Das passiert öfters mal. Foucault sieht nur die Hälfte, Derrida auch, Luhmann auch, aber wenn Teubner alles zusammensetzt, dann klappt's! Derrida sieht die Welt nur teilweise richtig, Luhmann sieht sie nur teilweise richtig, aber wenn der Steinhauer kommt und alles zusammenbaut, dann steht der Dom und mitten drin die Geschichte vor dem Gesetz. Ich habe das von Teubner gelernt, aber nicht von nur von ihm und von ihm nicht nur persönlich.
3.
Ich mache schon wieder Witze, es ist aber auch Juni. Glaube ich denn an gar nichts? Das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube wie die Wilden, denen von den Missionaren in Brasilien vorgehalten wurde, unbeständige Seelen zu haben und an alles zu glauben. Nicht ihre Ungläubigkeit sei das Problem, dass sie an alles glauben würden, das sei ein Problem, so heißt es in den traurigen und fröhlichen Tropen. Im Moment sind die Tropen fröhlich.
Dem römischen Kalender nach steigen Ende April venerische Monate an, die Mittsommernacht (Johannisnacht/ Sao Joao) gipfeln, um dann in saturnalische Monate zu kippen, die im Dezember gipfeln. Zweimal im Jahr soll dem römischen Kalender nach etwas überwunden werden, es wird dann einfach überwindig, mal eskaliert das Venerische, mal das Saturnalische. Treppauf, Treppab, Treppen, Treppende, trippelnde Schreiber, mit denen man es sich hoffentlich nicht zu sehr verscherzt. Im Venerischen kann das Schreiben gar nicht genug von der Welt bekommen, im Saturnalischen können die Details gar nicht entfernt genug werden.
Wenn Betrachtungen mit trachtenden und kleidenden, (a-)dressierenden und polarisierenden juridischen Kulturtechniken einhergehen, die auch sittlich sein sollen (die Portugiesen legen das nahe, weil sie Sitten als Kostüme betrachten), dann geht es in venerischen Schreiben und in saturnalischen Schreiben unterschiedlich gesittet zu, mal erhabener, mal frivoler, mal sublimer, mal subtiler, mal geht es an die Haut, mal an die Rüstung, mal an den Pelz, mal auf den Hut. Beim Schreiben und Lesen, Bilden und Gestikulieren halte ich mich streng an den römischen Kalender. Wozu?
Ich werde meinem Gegenstand ähnlicher, dem Warburg und wiederum seinen Gegenständen. Die Theorien, auf die der Fuchs und der Feldmarshall zurückgreifen, die sind fantastisch: Sie reden von Rekursion, phänomenologisch auch davon, dass wir sehen, was uns anblickt, dass der Blick auf einen Schirm bezogen ist und zwischen Blick und Schirm eine Gespanne trägt und trachtet. Wir gehen mit unsere Gegenständen zu einer Art Kommunion, begegnen ihnen am chair-du-monde, bei Fleischbällchen und geistvollem Getränke. Wir verzehren sie, sie lassen uns begehren.
Was die beiden Beobachter Fuchs und Marshall Beobachter nennen: jemand oder etwas, der Obacht gibt und dem etwas im Obacht-Geben begegnet, so dass das Obacht-geben zur Beobachtung wird. Das übersetze ich mit Betrachten, weil ich meinem Gegenstand in den letzten Jahren ähnlich geworden bin. Ich bin Warburgs Staatstafeln ähnlich geworden, sehe überall Verträge, Träger, Trachten, Kontraktion und Distraktion, aber nicht überall Achtung, nicht überall Obacht und nicht überall Leute, die Obacht-Geben. Ich sehe nicht überall Warten und Wärter, sondern Träger und Trachten.
Dass der kleine Fuchs und der große Feldmarschall den Bruno Latour achten würden, das ist jetzt nicht meine Betrachtung. Kann sein, dass sie es tun, aber ich betrachte das nicht, dafür übernehme ich die volle Verantwortung. Ich betrachte, dass sie Obacht geben und sagen, Beobachter täten das von einer Warte aus (ich nehme an, dass die Warte etwas ist, was (er-)warten lässt, dass die Warte also Zeit mehr oder weniger anspruchsvoll durchhalten lässt und insofern eine Institution ist.
Ist das zu abstrakt? Dann wieder zurückziehen, in die andere Richtung, nicht abstrahieren, sondern hinstrahieren: Die Institution könnte eine Zeitschrift namens Soziale Systeme sein, vielleicht auch die Universitäten, deren Mitarbeiter die Zeitschrift aufbauen und vor dem Verfall schützen. Die Zeitschrift oder die Universitäten könnten den Fuchs und den Feldmarschall (er-)warten lassen. Die Institution könnte ihnen eine Warte geben, eine Bank, eine Gasse (portugiesisch: lado), also etwas, dass ihre Beobachtung schärft und dadurch klamm macht, einerseits leuchtend und damit auch einleuchtend, ausleuchtend, flesh light und flashlight, dadurch auch phobisch, wie die Maske des Apollo, weiter auch eng und ängstlich.
Fuchs und Marshall sind geladen, sie laden: das sind Kassierer, ihr Lesewege Gassen, ihre Schreiben Kassiber, sie beiden sind Kanzler eine Kanzleikultur. Who`s afraid of Latour? Die Geburt der Ikonophobie liegt im Kriegsrecht, aber das ist nur ein Bild, nur eine Metapher. Die Ikonophobie speist sich vom Kriegen und vom Regen, von Bekriegungen und Richtungen.
4.
Ich lese die Sozialen System sehr gerne, sind tolle Aufsätze drin. Auch der von Fuchs und Marshall ist wirklich toll. Ich mache Witze drüber, aber nur, wenn witzig ist, was ich sage. Ich nehme das ernst, wenn das, was ich hier von den beiden aufnehme, ernst ist. Der Aufsatz zu den großen und kleinen Trennungen lese ich mit Gewinn, denn man erfährt immer etwas über die Wahrheit und die Gesellschaft (vor allem immer mehr als man überhaupt verarbeiten kann) in solchen Aufsätzen. Stoff für den Zettelkasten gibt es immer. Noch wenn man etwas falsch an so einem Aufsatz findet, erfährt man Wahrheit und Wirklichkeit. Dass alles verstellt ist, alles vermittelt, alles relativ, nirgends ein archimedischer Punkt, das glaube ich, aber sicher bin ich nicht. Vorerst betrachte ich, was ich betrachte, weil ich etwas wahrnehmbar und ausübbar machen möchte: Juridische Kulturtechniken. Ich wäre denkfaul, wenn ich Fuchs und Marshall jetzt vorhalten würde, sie würden soviel andeuten und nichts richtig zuende führen, sie würden der Ausdifferenzierung nicht gerecht und ihre Unterscheidungen einfach dem Latour überstülpen. Denkfaul ist man nicht, wenn man übersetzt und man übersetzt, indem man bolisch übersetzt. Das ist nur eine These von mir und sie ist nicht das, was dem Edgar Wind alles ist, aber auf distanzierte Weise alles ist (er setzt das Wort 'alles' in Anführungszeichen. 'Reifsein' ist alles, die These ist nicht reif.
Ich lese den Aufsatz der beiden, um den Begriff des Minoren zu schärfen, ein Doktorand von mir arbeitet gerade an dem Begriff und das ist eine gute Gelegenheit, den Begriff zu schärfen. Ich lese den Aufsatz auch, um zu sehen, wie 'Goodys Begriff' der großen Trennung rezipiert wurde - und weil ich davon ausgehe, dass Goody zwar ein Autor dieses Begriffes ist, er ihm aber nicht gehört, schaue ich herum, wie mal wieder geschieden, geschichtet und gemustert wird, wenn Trennung, Assoziation und Austauschbarkeit ein- und ausgerichtet werden. Der Aufsatz von Quasifuchs und Quasisuworow normiert und formiert, der singt und rauscht auch so herrlich, nicht immer herrschaftlich, mal sind die beiden großzügig, mal kleinzügig. Ihnen passt der Latour nicht, witzig die Passage, wo sie beobachten, dass es in der Literatur, die sie beobachten, nicht nur nicht um Luhmann geht, sondern um Latour (Wo ist mein Smiley? Anm. FS] und wo sie daraus Witz machen, der die Freiwilligkeit und die Unfreiwilligkeit der Komik hochfährt. Hoffentlich überwinde und übertreibe ich hier gerade nix, wollte nur sagen: toller Aufsatz in den Sozialen Systemen zur großen und zur kleinen Trennung, toller Aufsatz zum Minoren! Schärfend!
Die beiden haben eine These zur Vermehrung. Die bestreite ich, widerlegen kann ich sie bisher nicht. Ich sehe Verminderung: Beobachter trennen und assoziieren Natur und Gesellschaft, Beobachter tauschen beides aus. Wenn es eine Vermehrung darin gibt und damit Verbindung reicher, größer oder vermehrter wird, dann, so sehe ich das, weil sie sich in einer großen Anzahl von Beobachtungen beständig halten soll. Ich glaube aber, dass die Verbindung, die Trennung und der Austauch reproduziert werden und diese Vorgänge unbeständig sind. Das schließt nicht aus, von Vermehrung und Verminderung, von Vergößerung und Verkleinerung zu sprechen, von Verlängerung und Verkürzung. Ganz im Gegenteil, dann kann man es. Ja schärfer man das dann tut, desto besser. Wenn die Definition sein soll, dass Moderne dasjenige ist, was jüngst vermehrt hat, dann haben die beiden einen fantastischen Aufsatz dazu geschrieben, eine solche Moderne wahrnehmbar und aussübbar zu machen. Man kann ja üben, die Welt so zu beobachten, wie Beobachter das tun und dann Modern nennen, was jüngst etwas vermehrt und sich dabei selbst vermehrt hat. Das ist doch Angebot, freilich eins, das man ablehnen kann. Fuchs und Marschall hatten jetzt 26 Jahre Zeit an dem Aufsatz weiterzuschärfen. Solche Aufsätze sind fantastisch, die einen anfangen lassen. Der Aufsatz ist fantastisch, weil er einen anfangen lässt. Wenn die beiden die letzten 26 Jahre nicht genutzt haben, ihre Überlegen zur Vermehrung und Verminderung weiter zu schärfen, dann können wir das ja tun, sie nehmen uns nichts weg, wenn sie dann wieder anderes zu tun hatten.
Gute Kunst muss verbessert werden. Es gibt genug Verhinderer und Abratgeber in der Welt, noch aus denen muss man Flügelwesen machen. Muss man? Ja, das ist ein altväterlicher Rat von mir, lasst es Euch gesagt sein, Kinderchen. Man soll beflügelt und nötigensfall betäubend durch das Leben kommen, nicht niedergeschlagen werden.
5.
Ceci n'est pas eine Retourkutsche, es ist ein jacobinisch taubes Friedensangebot, eine Kapitulationserklärung und diplomatisches Winke-Winke gegenüber den Sozialen Systemen. Zwischen uns ist der Abstand mal größer, mal kleiner.
Was will der Steinhauer? Wenn man nicht sagen kann, ob er einem Aufsatz zustimmt oder ihn ablehnt, aber nach der Lektüre seiner Zettel sagen kann, was man sagen muss, um dem Aufsatz zuzustimmen und was man sagen muss, um diesen Aufsatz abzulehnen, dann hat der Steinhauer, der zum Distanzschaffen forscht und juridische Kulturtechniken lehrt, bekommen, was er wollte.
Kinder die was wollen, kriegen was auf die Bollen. Ich will alles und kriege darum immer auf die Bollen, bin darum aber auch Spezialist für bolische Objekte und bolische Übersetzungen.














