Juni 2020
Die erstbeste Lösung ist gleich die beste
Beim Familientreffen. Die Jubilarin bekommt von einer der Anwesenden ein Glas hausgemachtes Holunderblütengelee mit Orangensaft geschenkt. Das Geschenk wird ausgepackt und unter beifälligen Geräuschen der Umstehenden begutachtet. Aus den Geräuschen leitet die Schenkerin ab, dass andere Anwesende Interesse am Rezept haben könnten. Vielleicht hat sie sogar Recht.
Das Rezept ist aus dem Internet. Die Schenkerin hat zufällig ihr Tablet dabei. Sie ruft darauf das Rezept auf. Es ist von chefkoch.de, wie ich am bekannten Seitenlayout erkenne – aber wie sie das genaue Rezept findet, bekomme ich nicht mit. Dann hält sie das Tablet einem anderen hin, der mit seinem Handy das Tablet-Display abfotografiert. Informationsübertragung abgeschlossen.
Mein erster Impuls ist, diese Art der Weitergabe eines Rezepts für absurd und umständlich zu erklären. Einen Bildschirm, der eine Internetseite zeigt, abfotografieren? Das ist doch lächerlich. Dann denke ich nach, wie ich vorgegangen wäre und ob das besser gewesen wäre. Nicht alle Anwesenden haben Mailadressen oder Telefonnummern voneinander. Diese auszutauschen, wäre aufwändiger gewesen, als ein Tablet-Display abzufotografieren (und vielleicht gar nicht gewünscht). Das fällt also schon mal raus. Wie hätte man die URL des Rezepts stattdessen übertragen können? Ein kurzer Blick auf chefkoch.de zeigt, dass die URLs der Rezepte eher lang und kompliziert sind – ungeeignet zum schnellen Diktieren jedenfalls. Alternativ hätte die Schenkerin, die das Rezept ja auch irgendwie gefunden hat, den Interessierten Begriffe nennen können, mit denen sie das Rezept über eine Suchmaschine oder die Suchfunktion auf chefkoch.de finden können. Aber was dann? Die Interessierten hätten auf ihrem eigenen Gerät einen Weg finden müssen, die gefundene Seite abzuspeichern – als Bookmark, Notiz oder durch Offenlassen des Tabs. Das Foto dagegen ist direkt an einem Ort abgelegt, an dem man es bequem finden kann.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger absurd und umständlich wirkt die Idee, das Tablet-Display mit dem Handy abzufotografieren. Das dadurch entstehende Foto dürfte für alle Zwecke, für die es gebraucht werden könnte, gut genug sein. Selbst falls es nicht gut genug sein sollte, um alle Details des Rezepts zu erkennen, bietet es sicher genug Informationen, anhand derer man die tatsächliche Website mit dem Rezept finden und aufrufen könnte.
Bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob das Holunderblütengelee lecker ist.
(Christopher Bergmann)













