Die Vergangenheit versucht zu vergehen, aber nicht mit mir!
Ich möchte in einer neuen Kolumne aus einer alten Kolumne zitieren, die ich irgendwann um 2005 herum geschrieben habe. “Das nächste große Ding” hieß die Kolumne damals, und sie erschien in der Berliner Zeitung, auf Papier und im Netz. Ich google nach passig friebe wohnzimmer, denn um das Wohnzimmer ging es im Text, so viel weiß ich noch, und Holm Friebe war mein Coautor bei dieser Kolumne.
Zu finden ist: nichts. Nicht mal kaputte Links oder Seiten, auf denen die Kolumne eigentlich noch stehen sollte.
Auch eine Suche nach dngd wohnzimmer auf meiner eigenen Festplatte bleibt zunächst erfolglos. Ich finde allerdings eine Datei dngd.html im Verzeichnis
Users/kathrinpassig/Sites/1und1%20backup/zia/kunden/homepages/27/d17543294/htdocs/zia/dngd.html
Darin sind einige Kolumnen verlinkt, auch die gesuchte. Der Link führt zu
www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/0528/feuilleton/0030/index.html
Wenn ich ihm folge, gelange ich allerdings nicht mehr zur Kolumne und nicht einmal zur Berliner Zeitung, sondern hierhin:
Ich denke nach. Die Kolumne ist zweimal als Buch erschienen, einmal im Jahr 2007 (die ersten zwanzig Texte) und dann noch einmal im Jahr 2008 (dieselben Texte plus fünfzehn neue). Ich suche auf meiner Festplatte nach den Korrekturfahnen-PDFs, die es zu diesen Büchern gegeben haben muss, finde aber nichts. Wahrscheinlich bekam man Korrekturfahnen zu dieser Zeit noch auf Papier zugeschickt.
Ich denke ein bisschen weiter. Als ich mit dem Nachdenken fertig bin, gehe ich fünf Schritte zum Bücherregal meiner Mutter und ziehe die beiden Bücher heraus. Jetzt, wo ich den Wortlaut des gesuchten Texts kenne, finde ich ihn auch auf meiner Festplatte.
Ich beschließe, aus der gesamten alten Kolumne ein E-Book zu machen, denn so geht es ja nicht. Keine zwanzig Jahre alt und schon komplett verschollen! In einem E-Book lassen sich alle Texte so bündeln, dass sie wenigstens nur noch gemeinsam wieder verschwinden können, nicht einzeln. Das kommt mir derzeit wie ein halbwegs zukunftssicheres Format vor. Zukunftssicherer jedenfalls als das Archiv der Berliner Zeitung!
Den Papierausgaben entnehme ich, dass wir die Kolumne seit 2004 geschrieben haben. Auf meiner Festplatte existieren einige Dateien mit Namen wie dngd7.txt, dngd27.rtf und dngd34.doc. Offenbar haben wir die Texte damals immer in mehreren Formaten an die Redaktion gemailt, damit für jeden Geschmack etwas dabei ist.
Bei reedsy.com, einem unvollkommenen, aber komfortablen und kostenlosen Dienst, lege ich ein leeres E-Book mit 35 Kapiteln an und beginne die Texte aus den erhaltenen Dateien dorthin zu kopieren. Für die Veröffentlichung sind sie damals von unserer Redakteurin Carmen Böker noch einmal redigiert worden, aber diese Änderungen sind jetzt eben zusammen mit dem Archiv der Berliner Zeitung verloren, da kann man nichts machen.
Nach ein paar Kopiervorgängen fällt mir ein, dass ich 2008 wegen meines ersten Smartphones angefangen habe, Gmail zu verwenden. Ein paar meiner lokalen Thunderbird-Mailarchive habe ich damals nach Gmail importiert, so dass insgesamt etwa mein Mailverkehr seit 2006 erhalten sein dürfte. Ich suche nach Mails an Carmen Böker und finde immerhin einen Teil der Kolumnen 30 bis ... erstaunlicherweise 70. Bis 2010 haben wir also an dieser Kolumne geschrieben und 35 Texte sind überhaupt nie in Buchform erschienen.
Weiteres Nachdenken ergibt, dass wir in der Zentralen Intelligenz Agentur seit Ende 2005 oder spätestens 2006 Google Docs verwendet haben, also wahrscheinlich auch für diese Texte. Und tatsächlich:
Das “ZZZ Archiv” heißt so, weil es uraltes Zeug enthält und in der alphabetischen Übersicht des Google Drive ganz unten stehen soll. Der gefundene Ordner enthält fast alle Kolumnen seit #31, von November 2006 bis Februar 2010. Die noch fehlenden extrahiere ich aus Mailanhängen, und dann sind alle 70 komplett. Ich exportiere das Buch aus Reedsy und öffne es in einem Open-Source-Tool namens ebook-edit, das zu Calibre gehört, um dort weiterzuarbeiten. Reedsy hat den Vorteil, dass es extrem einfach ist, aber eben auch den Nachteil, dass es extrem einfach ist und man deshalb viele Voreinstellungen nicht ändern kann.
Offenbar haben wir bei der Zusammenstellung der zweiten Buchversion im Jahr 2007 bereits vor ganz ähnlichen Archiv- und Versionenprobleme gestanden. Das Google Doc "DNGD Buch II” beginnt mit:
Hallo Holm, die Absätze sehen hier zwar falsch, weil fehlend aus, sind aber beim Open-Office-Export dann korrekt. Bitte daran nichts ändern. -Kathrin 1/28/07 3:07 PM
Was für eine Textversion ist das denn jetzt eigentlich? -Friebe 1/29/07 1:56 PM
Der Anfang stammt aus dem unvollständigen Dokument, das Jörg gemailt hat. Dann fehlt einiges (will Jörn noch schicken), und dann kommen Kopien von den Seiten der Berliner Zeitung; muss man halt im Einzelfall abgleichen, wo der Originaltext besser wäre. -Kathrin 1/29/07 2:14 PM
In dem Ordner im Google Drive findet sich ein Dokument “DNGD Fahnenkorrektur” mit einer Liste aller Änderungen, die wir für die zweite Buchfassung vorgenommen haben:
S7, A2, Z3: "und den Anwendungsmöglichkeiten" -> "und die Anwendungsmöglichkeiten"
S8, viertletzte Zeile: "längst" streichen (Wortwiederholung)
S9, A1, Z6: "mikrobiotischen" -> "probiotischen"
Im Jahr 2020 mache ich Fahnenkorrekturen immer noch auf dieselbe Art. Nur Fahnen bekomme ich schon seit einigen Jahren nicht mehr auf Papier, sondern als PDF. Ich werde aber immer noch jedesmal gefragt, ob ich nur Papier möchte oder zusätzlich auch ein PDF. Bitte nur das PDF, antworte ich dann.
Mit Hilfe der alten Liste mache ich einen Vormittag lang alle Fahnenkorrekturen von 2007 ein zweites Mal. Zumindest die Kolumnen 1 bis 35 sind damit in einem guten Zustand. 36 bis 70 bleiben unkorrigiert, denn ich habe jetzt genug gearbeitet und es ist schließlich ein E-Book. Wenn mir oder jemand anderem eines Tages grässliche Fehler auffallen, kann ich die nachträglich beheben.
Man kann das Buch jetzt kaufen, es ist aber nur was für Archiv- und Vergangenheits-Interessierte. Die neue Titelgrafik soll Kundschaft, die etwas über Gegenwart und Zukunft zu erfahren hofft, vor dem Kauf darauf hinweisen, dass die Inhalte nicht mehr ganz so brandneu sind, wie sie es vielleicht 2004 mal waren.