IM Mallorca - Wettkampfbericht Teil 3
Wer die letzten beiden Blogeinträge verpasst hat: Das Schwimmen findet sich hier und die 180km Rad hier.
Runter vom Rad, Hand an den Sattel und Vollgas in die Wechselzone gesprintet. Jetzt hieß es keine Zeit mehr zu verlieren. Der Marathon war eh als meine starke Disziplin geplant – wäre da nicht das Fragezeichen wegen meiner lädierten Achillessehne. Rad am Platz abgestellt. „Danke für die krassen 180km, jetzt muss ich wohl alleine gemein gegen die Welt und mich selber sein.“ Durch die Wechselzone gesprintet. Rad Nummer eins, Rad Nummer zwei und zack war ich bei den Wechselzonen beuteln. Wie ich bin wirklich Dritter???? FUCK!!! Dann war der mit dem großen Abstand ja wirklich nur Zweiter. SCHEIßE! (Verzeihung!) Na gut, dann muss ich uns allen eben das Rennen schwer machen. Flott gewechselt, mit Sonnencreme eincremen lassen wird ja eh überbewertet und raus aus der Wechselzone.
Info zur Laufstrecke: Raus aus der Wechselzone, um einen kleinen Häuserblock gelaufen, um quasi die Wechselzone zu umlaufen und dann geht es parallel zur Radstrecke (Straße hat vier Spuren, wobei die beiden äußersten quasi als separate Straße durch einen Grünstreifen abgetrennt waren) Richtung Ortsausgang von Alcudia. Am Wendepunkt befindet sich die erste Timingmatte. Auf dem Rückweg geht es irgendwann rechts auf die Promenade, der folgt man und läuft dann irgendwann durch die Shoppingmeile am Hafen vorbei. Am Hafen rauf auf die Mole Wendepunkt Nr. 2, Stück nach rechts Wendepunkt Nr. 3 und dann über die Einkaufsstraße zurück in Richtung Wechselzone. Warum man den dritten Wendepunkt eingebaut hat, anstatt die erste Gerade bis zum WP 1 zu verlängern, ist mir allerdings rätselhaft. Naja, viermal mehr anlaufen tut eben auch mehr weh. Die Runde ist 4,5 zu laufen, weil man in der fünften Runde auf der Promenade dann in den Zielkanal abbiegt. Für die Fotoexperten: Ja, die Strandpromenade hat wirklich einen blauen Boden! ;-)
Plan fürs Laufen war es die ersten beiden Kilometer in 5:00 anzulaufen und dann das Tempo anzuziehen, um einen Marathon in sub 3:15 Std zu laufen. Trainiert hatte ich auf 3:14:59, war mir aber aufgrund der Zwangspause durch die Sehne unsicher, ob das so noch machbar war… Vor einigen Wochen war ich mir sogar sicher, dass ich eine 3:07 im Ironman laufen könne, flach ohne Vorbelastung eine 2:5x. Also gebremst losgelaufen. Ohhh, Hilfe fühlt sich das langsam an. Ich hasse es, wenn ich mich bremsen muss. Kurz danach direkt Sylvia und Marius gesehen und ihnen zugerufen, dass ich Dritter sein müsste. Uhr vibriert KM 1: 4:17 min/km. Ohhh. Ich wollte doch 5:00 laufen. Was geht bitte hier ab Tim??? Du bremst Dich doch schon. Noch langsamer, viel, viel, viel langsamer, sonst brichst Du zu sehr ein. Also Tempo noch mehr rausgenommen.
Auf einmal war da ein Haufen von Dänen und ich in meinem dänischen Anzug mittendrin: „HOPPA DENMARK HOPPA!!!“ Immerhin ein „Hej, hej!“ und ein winken habe ich zustande gekriegt. KM 2: 4:23 min/km. Autsch. Hast Du ja suuuuuuper Tempo rausgenommen Tim. Auf einmal fiel mir zwischen den regelmäßig so super fantastisch anfeuernden Dänen ein, dass ich auf meiner Startnummer unten ja zwei Deutschlandflaggen habe. Was hat Tim also gemacht? Richtig. Die Startnummer so unten abgeknickt und nach innen gedreht, dass nur noch die Nummer und mein Name, aber nicht mehr die Flaggen sichtbar waren. Tricksen kann ich auch! ;-) KM 2 war ja nun vorbei. Also ist das Einlaufen rum oder? Pokeball also aus meinem Kopf rausgeholt: „Los Berserker! Attacke! Kill den Tim Modus! Jag die Konkurrenz, wir wollen nach Kona! Kona. Kona. KONA!!!!“
Auf der Promenade dann Marius und Sylvia wiedergesehen. 446 ist deine Konkurrenz zugerufen bekommen. Mist, die Nummer kenne ich ja schon. Also bin ich doch Dritter. GRRR! Weiter, immer weiter. Sei stark mein Kopf, Du bist heute meine stärkste Waffe.
Massig Abstand zum Zweiten ist aber keine sonderlich gute Motivation. Trotzdem fand ich in den Marathon rein, meine Sehne zwickte nicht, der Anzug spannte nicht und ich musste nicht mit einer Schulter frei laufen, um den Stoff zu entspannen. Gutes Zeichen. Auch die Gele gingen wieder gut. Der Kopf war klar. Viel klarer als auf dem Rad. Super Zeichen. So bescheuert das jetzt auch klingt, aber auf den Marathon nach 3,8km schwimmen und 180km Rad fahren hatte ich mich wirklich am Meisten gefreut. Ja, ich muss irgendwie auf Schmerzen stehen. Fragt mich nicht.
Runde eins vorbei. Die Laufstrecke füllt sich. Wieder die irren Dänen am Straßenrand. Meine Beine wurden langsam müder, mein Tempo pendelte sich bei 4:32 ein. Auf der langen Gerade möglichst rechts im Schatten laufen. GEHEN GIBT ES NICHT TIM! HIER GEHT NOCH KEINER!!!!! LAUF WEITER, DU WILLST DOCH NICHT DER ERSTE ABKNICKER SEIN! BEWEG DICH, WENN DU NACH HAWAII WILLST!!!
Wieder an der Strandpromenade. Sylvia gesehen. „Du schaust gut aus Tim! Weiter so!“ Also weiter. Am Hafen an total irren Irländern vorbeigelaufen, die einen so massiv angeschrien haben. Das war echt irre! Am Wendepunkt dann auf einmal Timo Bracht gesehen. Timo ist Profi, mit ihm war ich 2011 für ein Wochenende im Trainingslager. Ich habe drei Profis, von denen ich behaupten würde, dass sie meine absoluten Idole sind. Timo ist einer davon. Der muss aber keinen guten Tag erwischt haben (hatte er nicht), wenn ich schon auf ihn auflaufe. An der letzten Verpflegungsstation von Runde zwei hatte ich ihn dann. Dabei hatte ich noch zwei Wasserbecher in den Händen. „Timo, brauchst noch Wasser?“ Nein, brauchte er nicht. Gutes Durchhalten gewünscht und weitergelaufen.
18 km hinter mir, 24 noch vor mir. Meine Beine wurden schwerer und schwerer, die Laufstrecke wurde immer voller und damit auch ordentliches laufen schwerer, weil man als flotter Athlet sich immer seinen Weg durch die Masse bahnen musste. GEHEN GIBT ES NICHT TIM! DAS IST PEINLICH!!!!! LAUF WEITER! BEWEG DICH FAULER HUND, WENN DU NACH HAWAII WILLST!!!
Halbmarathon überstanden und voll gegen eine Wand gelaufen. Ab dort bin ich nur noch mit dem Kopf gelaufen. Mein Körper wollte nicht mehr. So gar nicht mehr. Egal, weiter immer weiter. Vielleicht holst Du den Zweiten ja noch ein, weil er super einbricht und dabei dann auch noch immer diese Angst, dass ein schneller Läufer von hinten kommt!!!
Promenade KM 24 oder so. Sylvia gesehen. „Tim, Du bist Zweiter!!!!“ – „ Wie vielter bin ich?“ – „ZWEITER!!!!“ und machte so ein Peacezeichen dazu. Zweiter???? Ernsthaft?!?! Bin ich jetzt schon blind geworden, dass ich nicht mal mehr beim Überholen auf die Nummern achte?? Marius 100m weiter gesehen. „BIN ICH ZWEITER???“ – „Ich glaube ja!“ Kurz danach bin ich am Zielkanal und dem Zielgelände vorbeigelaufen. Kennt ihr diese Affen, die Schellen in der Hand halten und die immer zusammenschlagen, dass es scheppert? So einen hatte ich im Kopf, nur dass es nicht immer knall in meinem Kopf machte… KONA, KONA, KONA, KONA, KONA!!! Wieder am Hafen vorbei. Die Sonne knallte von oben. Ich war wie zugedröhnt. Als hätte ich gekifft und wäre total stoned (so stelle ich mir das zumindest vor – Erfahrungen habe ich selbstverständlich keine). Konzentration? Fehlanzeige. Wendepunkt auf der Mole und auf mal Alex hinter mir. Wie? Schon überrundet. Uff… Dann stand dort ein Junge mit einem Wasserschlauch als Dusche. RIGHT INTO MY FACE!!! Zack war ich klitschnass. Naja. Immerhin war ich dann wieder wach. Alex beim Überholen kurz angeschnackt. Der hatte Magenprobleme und war auf Klo – also nur eine Überholung nachdem ich ihm auf dem Klo überholt hatte. Okay. Schade für ihn! Schade, dass ich da nicht mitlaufen konnte. Ich merkte nämlich, dass mich mal wieder jeder Appetit verlies. Rundenband drei abgeholt und dann kam da diese Frage auf. Brauche ich eigentlich vier oder fünf Bänder? Ich mein, wenn man 4,5 Runden läuft, ist die Frage ja klar, dass es nur vier sind. So logisch zu denken, war ich in der Situation nur gerade nicht in der Lage. Alex warte auf mich, ich hab da mal ne Frage!! Schade, war aber schon weg. Nach ein paar Minuten bin ich dann auf die Lösung meines Rätsels gekommen ;-)
Alex als Tempomacher.
KM 29 beendet, mitten auf der Geraden in Richtung Ortsausgang und ich ging auf einmal. ICH GING!!! Akku leer, Kopf leer, Magen leer, Appetitlosigkeit da. HILFE!!!!!!! PANIK!!!!!!
In dem Moment machte ich etwas, was mir wahrscheinlich den Wettkampf gerettet hat. Ich weiß aber auch bis heute nicht, wie ich draufgekommen bin. Von Lanzarote weiß ich, dass ich dort zum Ende hin massiven Salzmangel hatte. Für Mallorca hatte ich deshalb zwei kleine Tütchen mit Salztabletten auf dem Rad deponiert und zwei im Wechselbeutel zum Laufen, dass ich während der Bewegung eine Tüte verlieren könne und trotzdem noch welche habe. Ich griff also in meine Rückentasche und fing an Salztabletten in mich reinzuschlingen. Vier, fünf, sechs Stück. Ohne Wasser, ohne Cola, ohne Gel versteht sich. Habt ihr schon einmal massiv Salz in euren ausgetrockneten Mund hinengestopft? Nein? Ich schon. Schmeckt nicht sonderlich gut. Auch nicht beim zweiten oder dritten Mal. Eigentlich war das so eklig und salzig, dass ich freiwillig wieder losgelaufen bin, weil ich jetzt doch wieder Cola und Gele haben wollte. HA, KÖRPER! MICH KRIEGST DU HEUTE NICHT AUSGETRICKST!!! Spontane Gradwanderung zwischen absoluter Appetitlosigkeit vor lauter Süße und schlecht sein vor lauter Salzigkeit mitten im Ironman? Tim kann das. Nachahmung ist aber nicht zwingend zu empfehlen! Außerdem merkte ich, dass ich mal auf Klo müsse. Vorteil von der nächsten Verpflegungsstation war, dass erst die Dixis und dann die Getränke waren. Also während dem Laufen die Startnummer ausgezogen und nur locker um meinen Kopf gehängt. Erste Schulter aus dem Anzug rausgenommen, weiterlaufen. 50m vorm Dixi dann auch die andere Schulter rausgenommen (zur Erklärung: Die Brust muss während des Wettkampfes mit Ausnahme vom Schwimmen bedeckt sein) Einteiler runtergezogen und ab ins Dixi rein. Wieder raus aus dem Dixi, Einteiler hochgezogen, eine Schulter rein und zack war ich die 20m schon bei der Cola. Zwei Colabecher, Schwämme und ab die Post. Anzug wieder angezogen, Nummer gerichtet und weitergelaufen.
Auf dem Rückweg feuerte mich jemand an, der dort schon alle Runden stand. „Tim you’re looking good!“ – „No, I’m not looking good. I’m feeling very bad.“ Und zack ging ich wieder. Also wieder Salztabletten rausgekramt, Salz gefuttert und freiwillig weiterlaufen.
Lieber Kopf, wenn Du mich austricksen kannst, dann kann ich Dich auch austricksen. Unfaire Mittel einsetzen kann jeder. Ätschbätsch! Auf einmal fiel mir ein, dass ich ein eklatantes Problem habe. Ich habe mal in einem Bericht über Sportpsychologie gelesen, dass man sich in besonders harten Einheiten vorstellen soll, wie man bei seinem nächsten Wettkampf ins Ziel laufen will. Für meine bisherigen großen Wettkämpfe hatte ich mir das immer gut ausgedacht, aber an meinen Zieleinlauf hier auf Mallorca habe ich keinerlei Gedanken verschwenden. MIST! Und nun??? Den Flieger kann ich nach Lanza ja nicht noch einmal auspacken. Mistekiste! Musst Du halt irgendwie improvisieren Tim. Machst Du ja schließlich irgendwie schon den gesamten Tag… ;-) Strandpromenade. Irgendwie ging es doch mit laufen. Sylvia gesehen. „Bin ich wirklich Zweiter?“ „JAAA!!!!“ Marius gesehen. „Wie viel Vorsprung habe ich???“ „Bei Facebook auf deiner Seite stand beim Halbmarathon 15min Vorsprung.“ Da war er wieder der Affe KONA, KONA, KONA, KONA, KONA!!! Am Zielkanal vorbei. Jetzt läuft also die letzte Runde. Kona! Ich will nach Kona. Cap umgedreht. Im Training laufe ich mit dem Sonnenschutz nach vorne immer, wenn ich locker laufe. Sobald ich schnell laufe, wird die Cap umgedreht. Soll ja auch windschnittig sein. Also Cap umgedreht, damit der Kopf weiß, dass es jetzt endgültig heißt: ALL IN! WE WANT TO GO TO KONA!!!
Am Hafen dann das nächste Tief. WILLE IST ALLES TIM!!! Go for it! Wenn Du Dir jetzt nicht den Qualiplatz krallst, dann beißt Du Dir so dermaßen dein gesamtes Leben in dein Gesäß, dass Du nie wieder sitzen kannst. Lauf Tim lauf! Ein letztes Mal an den irren Irländern vorbei, ein letztes Rundenband abgeholt. Ein letztes Mal an den wirklich, wirklich, wirklich unzählig vielen und super fantastisch anfeuernden Dänen vorbei. Die Deutschen sitzen am Strand und gucken blöde, die Dänen nicht. HOPPA DENMARK HOPPA!! Mange tak! (:
Auf der Geraden ging ich wieder. Wieder Salztabletten. Schmeckt wirklich beim dritten Mal auch nicht besser. Wirklich nicht!! Dafür bin ich auch nur so 50m gegangen. Weiter. Einmal noch geradeaus, Wendepunkt und dann geht es irgendwann zurück. Wendepunkt, die letzte Zeitmatte und ich wusste, dass es jetzt nach Hause geht. Tempo noch einmal beschleunigt. Ab dort lief ich wie auf Wolke 7. Läuferdreieck, Arme ordentlich mitschwingen und Tempo aufnehmen. Tempo, Tempo, Tempo. Tim, Du fährst nach Kona! LEBENSTRAUM!!!! Da hatte ich unter meiner Sonnenbrille dann doch glasige Augen vor Freude. Auf der Strandpromenade dann auf einmal ein Führungsfahrrad vor mir. Die vierte Frau überholt. Wooooow! Ein Genuss. Läufer um Läufer überholt. Von einer Gruppe von Dänen angefeuert: „Mange tak! I’m going to Kona!!!“
Rechts in den Zielkanal abgebogen. Freude pur. Feierei pur.
Das ist unglaublich schwer zu beschreiben. Wenn ich daran denke, dann muss ich nur grinsen und kriege nach wie vor feuchte Augen und Schweißausbrüche vor Freude. Sich seinen größten Lebenstraum erfüllen… Sprachlos… Hawaii wird Realität… Noch sprachloser! 9:35:20 TIM – YOU ARE AN IRONMAN!!!!! YEAH AND I’M GOING TO FUCKING KONA!!!!!
Im Ziel wartete dann Alex auf mich. Was für eine Sause. Mein erster Gang ging zum Klamottenbeutel, Handy rausgeholt und erst einmal in Deutschland angerufen, ob ich wirklich Zweiter sei. Als die Bestätigung kam, saß ich auf dem Strand und hatte zum ersten Mal in meinem Leben so richtig Freudentränen in den Augen...
1,5 Wochen später macht mich der Gedanke noch immer sprachlos, manchmal drifte ich mit meinen Gedanken richtig ab und bin gar nicht ansprechbar. Wie in einem Tagtraum. Ich hoffe, dass sich dies noch nicht so schnell legen wird, weil das Gefühl einfach genial ist. Was ich aber jetzt schon weiß, ist die Tatsache, dass ich durch die Zurufe von Sylvia und Marius nicht eingegangen bin. Ohne die beiden wäre ich jetzt nicht für Hawaii qualifiziert. Danke euch beiden! Wirklich.
Morgen wird es hier im Blog ein bisschen sachlicher. Ich versuche mich mal in einem Fazit und will euch ein paar Zahlen vorstellen.
Bis morgen, Tim







