17. November 2021
Bewegende Punkte
Markus Winninghoff will bei mir fünf Ladegeräte für E-Trottinette abholen, für die ich keine Verwendung habe, er aber schon. Die Ladegeräte liegen bei mir seit 2019 herum. Wir besprechen die Abholmodalitäten. Ich warne Markus, denn das mit der Türklingel ist immer noch kompliziert.
Da er mit dem Auto kommt und man bei mir weder parken noch halten kann (die Straße ist eng und beidseitig zugeparkt), schlage ich vor, dass er seinen Standort im Näherkommen mit mir teilt und ich dann pünktlich mit den Ladegeräten an der Straße stehen werde. Ich meine eigentlich Teilen im Facebook Messenger, in dem diese Feinabstimmung stattfindet, aber Markus schickt mir stattdessen einen Glympse-Link. Auch gut.
Der sich bewegende Punkt auf der Karte erfreut und fasziniert mich wie immer. “Ich schau mir das so gern an”, sage ich im Chat, “kann jetzt leider 10 Minuten nicht arbeiten, muss den Punkt bestaunen”.
Das ist schon lange so. “Aus unklarem Grund verursacht es mir Schauer des Wohlgefallens, mich selbst als Punkt zu sehen, der sich auf der Karte bewegt, ich habe nur nie Gelegenheit dazu”, habe ich in einem Beitrag über das Jahr 2007 berichtet (aufgeschrieben vermutlich 2014). Aber ich sehe auch den Markus-Punkt sehr gern auf der Karte, zumal ich die Strecke kenne:
Erst kürzlich habe ich herausgefunden, dass die Freude am Punktegucken nicht nur mein obskures Privathobby ist. Die ehemalige Fahrradkurierin Emily Chappell berichtet in ihrem bisher nicht ins Deutsche übersetzten Buch “Where There’s a Will” über das Radrennen “Transcontinental Race”. Das Rennen gibt es seit 2013, seine wechselnde Strecke führt einmal quer durch Europa und ist drei- bis viertausend Kilometer lang. Die Teilnehmenden tragen einen GPS-Tracker am Fahrrad, der auch aus internetlosen Gegenden alle paar Minuten ihren Standort zu einem Satelliten sendet. Unter trackleaders.com lässt sich damit der Stand des Rennens verfolgen. Chappell schreibt:
“Ich wusste natürlich, dass die Leute im Internet sehen konnten, wie ich vorankam. Ich hatte sogar mitbekommen, dass dot-watching, wie es inzwischen heißt, sich als Hobby mit Suchtpotenzial erwiesen hatte. Transcontinental-Fans auf der ganzen Welt ächzten theatralisch über den zweiwöchigen Einbruch ihrer Produktivität, während sie in einem Browserfenster das Rennen verfolgten und in einem zweiten ihre Arbeit vernachlässigten.”
Sie zitiert aus einer Mail einer Freundin:
“Amazing efforts. I am loving following your dot. Enjoyed armchair following you up Mont Ventoux last night immensely.”
Das dot-watching ist beim Transcontinental Race nicht nur eine Ersatzbeschäftigung für Leute, die keine Gelegenheit haben, am Straßenrand zu stehen oder im Fernsehen zuzuschauen wie bei der Tour de France. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, dafür ist das Rennen viel zu lang und die Fahrenden, die sich ihre Strecke zwischen den Kontrollpunkten selbst suchen, sind zu weit verstreut.
“Das konnte sich mehr oder weniger zu einem Vollzeitjob auswachsen, wenn man sich die Mühe machte, die Karte gleichzeitig mit den Social-Media-Feeds der Fahrenden, offiziellen Rennverlautbarungen, Street View und lokalen Wetterberichten im Auge zu behalten. Im dritten Jahr des Rennens hatten alle verstanden, wie wichtig das Internet nicht nur für seine Existenz war, sondern auch dafür, wie es von den Fans erlebt, von der Renncrew entschieden, von den Teilnehmenden erlebt, und nach außen dargestellt wurde.”
Später wird Chappell von einer Twitter-Followerin unerwartet aus einem slowenischen Krankenhaus abgeholt:
“’Ich dachte, ich komm mal lieber gucken, wie es dir geht’, erklärte sie. ‘Ich habe deinen Punkt verfolgt und deine Tweets über den Krankenhausaufenthalt gesehen, und meine Universität ist gleich nebenan …’ Kurze Zeit später saß ich in ihrem Auto und wurde Richtung Norden nach Škofja Loka gefahren, wo Essen, eine Dusche und ein Bett auf mich warteten.”
Wenn sie nicht gerade auf dem Rad sitzt, guckt sie selbst den Punkten zu:
“Mehrmals in dieser Nacht gab ich es auf, mich schlafend zu stellen, beugte mich über mein Handy und sah zu, wie die beiden Punkte einander immer näher kamen. Ich war ganz wild vor Aufregung, als sie sich gemeinsam weiterbewegten. Weit weg von mir fuhren Mike und Kristof Seite an Seite.”
Mike ist Mike Hall, der Gründer des Rennens. Wenige Stunden später wird er von einem Auto gerammt und stirbt. Das fällt allen Zuschauenden dadurch auf, dass sich sein Punkt nicht mehr bewegt. Einige Stunden lang wird bei Twitter spekuliert.
“Irgendwann meldete jemand, dass sich Mikes Punkt jetzt mit 100 km/h auf der Autobahn Richtung Canberra bewegte. Danach konnte ich nicht mehr hinsehen.”
Gedenktweet von 2021, twitter.com/TransPyrenees/status/1377162237299712000
Ich weiß nicht, ob das Punktegucken eine Zukunft hat. Wahrscheinlich sieht sie so aus: In ein paar Jahren gibt es auch auf dem Fahrrad und in entlegenen Regionen ausreichend Strom und mobiles Internet für einen Livestream. Das Publikum braucht sich die Strecke nicht mehr vorzustellen. Dass Menschen es ein paar Jahre lang bewegend gefunden haben, einen Punkt über eine Karte wandern zu sehen, wird dann selbst denen, die dabei waren, seltsam und unwahrscheinlich vorkommen. Aber so war es, in der kurzen Zeit zwischen der Einführung von GPS-Trackern und dem flächendeckenden Ausbau des mobilen Internets.
(Kathrin Passig, in Teilen vorher in der Frankfurter Rundschau erschienen)











