Nie die Wahrheit, nie das Eigentliche.
Manchmal muss ich mir abends die Wörter von den Lippen kratzen, das Übriggebliebene, Raue, und mich einbalsamieren für einen neuen Tag Welt. Anstatt olympiergleich das Erdenrund mein Eigen zu nennen, stappelt sich jedes “Guten Tag” auf mir wie die Last auf Sisyphos’ Schultern, kann ich ein “Wie geht es dir?” manchmal mit nichts in Verbindung bringen. Dysphasische Antworten aus vagen Gesten, so brilliert meine Kommunikation.
Gebe ich tatsächlich meine Gefühle wieder oder denke ich sie mir aus, weil sie ‘passend’ wären? War das Angst, Liebe, Hoffnung oder gibt es einfach kein anderes Wort und man fühlt, was man sprachlich zur Verfügung hat?
Wir sind nicht weitergekommen seit Lord Chandos. Noch immer zerfällt mir ein Gespräch und aus Gewohnheiten werden Silbenschnipsel, die mit der Realität nichts zu tun haben. Es sollte ein Leichtes sein, “Ebenso” zu antworten, “Ganz gut” oder auch “Heute Morgen war es mir, als müsste ich eine fremde Haut abstreifen, um überhaupt den ersten Atemzug zu machen, aber ich habe es geschafft, zu duschen, zu essen, ein Leben weiterzuführen und fühle mich ausgelaugt, aber stolz und brauche seit einem Jahr keine Tabletten mehr, auch wenn es einzwei Rückfälle gab, also läuft es ganz annehmbar, Danke der Nachfrage” - doch nicht einmal das in seiner Detailiertheit scheint ausreichend.
Wenn ich über mich schreibe, wenn ich aus Erfahrungen schöpfe, erhält mein Gegenüber trotzdem nie die Wahrheit, nie das Eigentliche. Wie tief kann Lyrik gehen, wenn sie nur eine Hülle ist?









