Niemand hat Macht für sich allein. Macht entsteht, wenn Menschen aufeinander treffen und zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen. Die sicherste Methode, Macht zu verhindern, ist die Aufösung der Gesellschaft. Denn Macht ist stets ein soziales Verhältnis.
Der Wille des einen ist das Tun des anderen. Jemand hat Macht, weil er Macht über andere hat, weil er ihnen seinen Willen aufzwingen kann. Die einzige Bedingung, die für die Entstehung von Macht unerläßlich ist, ist die Existenz eines sozialen Zusammenhangs. Macht gibt es nur, wo Menschen sich zueinander verhalten, wo sie gemeinsam arbeiten, miteinander besprechen oder einander bekämpfen. Umgekehrt gilt freilich ebenso: Wo immer Menschen sich zueinander verhalten, kann sich Macht herausbilden. Allezeit ist Macht eine menschliche Möglichkeit. Wer Macht sagt, sagt auch Gesellschaft, doch wer Gesellschaft sagt, sagt immer auch Macht. Der Grund dafür ist einfach. Solange Menschen handeln und nicht zu Marionetten fremder Mächte verkümmern, überschreiten sie sich auch selbst und stoßen dabei immerzu auf andere, die sich ihnen entgegenstellen können. Eine Gesellschaft ohne Macht wäre eine Gesellschaft von Jasagern. Wer sie abschaffen wollte, müsste alle der Fähigkeit berauben, Nein sagen zu können.Denn das Handeln des einen endet am Widerstand des anderen, seiner unhintergehbaren Selbstständigkeit und Freiheit, etrwas anderes zu tun, als von ihm erwartet wird. Dagegen geht die Macht vor. Sie erweitert die Freiheit des einen gegen den anderen, indem sie sein Nein bricht, seine Freiheit negiert. Macht ist Freiheit zur Vernichtung von Freiheit. Aber umgekehrt verteidigt Macht auch die Freiheit, schützt sie vor fremden Übergriffen und bewahrt die eigene Selbstständigkeit. Sie bedroht die Freiheit und pariert die Bedrohung. Soziale Pluralität erzeugt Macht und begrenzt sie zugleich.
Sofsky, Wolfgang & Paris, Rainer (1994). Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition. S. 9. Frankfurt am Main: Suhrkamp.