Streiflicht
8. Juli 2026, 14:51 Uhr|
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Die Friedhofsruhe hat einen ungünstigen Leumund – zu Unrecht, wie man neuerdings von den Hamburgern lernen kann.
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Wenn irgendwo Friedhofsruhe ausgerufen wird, spricht nur noch sehr wenig dafür, dass man sich an einem spannungsgeladenen Ort aufhält. Fällt bei einer Feier das Wort Friedhofsruhe, ist das für jeden Partylöwen der letzte Aufruf, sofort nach Hause zu gehen. Die Friedhofsruhe wurde in den Sprachgebrauch eingepflegt, weil es offenbar Bedarf für ein starkes Bild gab, das den absoluten Nullpunkt an emotionaler Ansprache und Diskussionsfreudigkeit bezeichnet. Ein Stadion, in dem Friedhofsruhe herrscht, ist entweder leer oder totenstill, weil Donald Trump eine Grundsatzrede über volatile Fußballregeln hält. Kurzum, Friedhofsruhe braucht kein Mensch, es sei denn, er ist in eine andere Welt übergetreten, in welcher der Unterschied zwischen Lärm und Stille aufgehoben ist. Was einerseits angemessen, andererseits auch egal ist, weil niemand weniger gestört werden kann als die Toten. Aber selbst auf dem Friedhof geht es letztlich um das Seelenheil der Lebenden, die der Toten ungestört gedenken wollen.
Deshalb wachen allerhand Regeln über die Friedhofsruhe. Lautes Sprechen zum Beispiel ist untersagt. Auch auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg, dem größten Parkfriedhof der Welt, gilt es, sich pietätvoll zu benehmen. Aber in Ohlsdorf schließt die Friedhofsruhe gute Gespräche nicht aus. Dort warten, wie die Katholische Nachrichten-Agentur berichtet, ehrenamtliche Helfer an der Kapelle drei an einem kleinen Tisch, um anderen Menschen Gelegenheit zu geben, sich zu ihnen zu setzen oder mit ihnen umherzuspazieren, auf dass sie dann erzählen, was sie loswerden wollen. Dahinter stecken die Initiativen „Nicht schnacken – machen!“ und „Zuhör-Kiosk“. In Hamburg gibt es nämlich seit geraumer Zeit Kioske, in denen die Leute einfach erzählen können, was sie bewegt, ohne Beratung und ohne Bewertung.
Diese Menschen mit Erzählbedarf konnten bislang aber nur im städtischen Leben loslegen, dort wo Kioske zum Inventar gehören. Aber doch nicht mitten auf dem Friedhof! Noch läuft die Testphase in Ohlsdorf. Aber je länger man sich vorstellt, wie man dort grundentschleunigt unter riesigen alten Bäumen dahinschreitet, die Hände flaneurhaft hinterm Rücken gefaltet, desto schöner erscheint einem die Möglichkeit, in aller Friedhofsruhe über alles Mögliche zu reden, meinetwegen auch über Gott und die Welt. Und zwar über jedwede Götter, Ohlsdorf ist da hanseatisch liberal. Einem ehrenamtlich zuhörenden Menschen erzählt man auch eher viel als wenig. Und vielleicht vergisst man über den Gesprächen, wo denn der Ausgang aus diesem riesigen Areal ist. Dafür findet man einen Ausgang aus seinen Problemen und bietet den grundgelangweilten Toten mal ein paar neue Geschichten. Und womöglich eine ruhige Antwort auf die Frage, ob uns allen ein bisschen tägliche Friedhofsruhe nicht sehr guttun würde.








