Corpus delicti
Neben der Tür zum Spielplatz auf dem Gehweg lag eine Mund-Nasenbedeckung.
Mein geübtes Auge sah sofort, daß sie zwar sehr benutzt aussah, aber sie mußte erst vor kurzer Zeit dort „abgelegt“ worden sein, denn als ich den Müll runterbrachte, war sie noch nicht da.
Ich umkreiste sie mit dem nötigen Abstand und überlegte, was zu tun sei. Der Besitzer des Bellfells aus dem gegenüberliegenden Haus betrat frohgemut die Straße. Laut kläffend raste Nachbars Lumpi los, aber ich stellte mich dem unwissenden Tier todesmutig in den Weg und brüllte: „Halt! Gefahr!“ Das Herrchen drückte die Stopptaste der aufrollbaren Leine und näherte sich mit sorgenvollem Gesicht dem hellblau-weißen Teil.
„Unmöglich!“ rief er entrüstet. „Was, wenn Arthus von der Silberheide daran schnüffelt und sich mit Abermillionen von Viren infiziert!?“
„Heben sie ihn doch einfach auf“, sagte eine Spaziergängerin, die des Weges kam und unsere erschrockenen Gesichter sah.
„Um Himmels Willen! Wohin soll das denn entsorgt werden? Es ist doch hochgradig kontaminiert!“ gab ich zu bedenken.
Wir überlegten eine Weile und der Kreis der um uns stehenden Mitbürger wurde immer größer. Schließlich nahm sich der Besitzer des Lofts im Nebenhaus ein Herz und wählte auf seinem neuesten IPhone die Nummer des Grünflächenamtes, weil ja das Corpus delicti auf einer Rasenkante lag. Nach gut fünfzehn Minuten klärte er uns wortreich auf: Die Leute des Grünflächenamtes seien dafür nicht zuständig. Wir sollten es mal bei der Straßenreinigung versuchen.
Aber auch da bekamen wir eine Abfuhr. Bei der Alltagsmaske handele es sich um Sondermüll, dafür gäbe es das Ordnungsamt.
Beim Ordnungsamt waren alle Leitungen besetzt, aber wir warteten geduldig eine halbe Stunde in der Warteschleife.
Der Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung war sicher dabei, die ersten Weihnachtskekse zu vertilgen. Ich hörte nur, wie er hastig runterschluckte. Er könne uns nicht weiterhelfen, egal wie angespannt wir die prekäre Situation in unserer unterdessen sehr gefährlichen Gegend auch schilderten.
Wir überlegten noch eine Weile, wie wir den verseuchten Gegenstand kennzeichnen könnten, aber kamen zu keinem Ergebnis. Der Kunststoff-Fliegenschutz, den Frau Müller brachte, war auch keine Lösung!
„Vielleicht ist es ja IHRE Mund-Nasenbedeckung. Sie tragen ja keine!“ bemerkte ein neu Hinzukommender.
„Ich habe Asthma, ich kann nicht!“ japste ich kraftlos.
Aber noch bevor alle auf mich losgehen konnten, riss sich ein etwa dreijähriger Zwerg von der Hand seiner Mutter, stürmte auf die versiffte Alltagsmaske zu, hob sie auf und hielt sie sich durchaus professionell vor sein Gesicht.
„So deht das!“ rief er fröhlich und rannte dann unbekümmert auf den Spielplatz.
Tja, manchmal lösen sich Probleme von ganz allein!

















