aus der Reihe EiN STANDARD / FRAGEN AN
ANTISEMITISMUS IN BERLIN, EINE REALE GEFAHR?
Interview mit „Merla Y.“ (Name auf Wunsch geändert),
Hauptschul-Lehrerin aus Wedding, Berlin
Wie lange sind sie bereits Lehrerin an dieser Schule? Ich bin seit Sommer 2007 an dieser Schule, vorher war ich in der Nähe von Greifswald an einer Realschule beschäftigt.
Wie unterscheidet sich die Arbeit hier im Wedding von ihrer vorherigen Anstellung? Die Schule ist wesentlich größer. Zum anderen ist man hier als Lehrkörper auch gleichzeitig Bezugsperson, viel mehr als zum Beispiel in Greifswald, denn viele Eltern scheinen schlicht und ergreifend überfordert. Da wir eine Ganztagsschule sind, lernt man die Kinder auch über den „normalen“ Schulalltag hinaus besser kennen. Wir sind eine Art Gemeinschaft, anders geht es hier auch nicht.
Was genau ist mit „anders geht es hier auch nicht“ gemeint? Wissen sie, wir sind ein so genannter Problem-Bezirk. Viele Schüler und Schülerinnen hier sind Kinder von Einwanderern und sprechen meistens auch nur in der Schule deutsch. Die kulturellen Unterschiede sind immens. Unser Anteil an muslimischen Kindern zum Beispiel liegt ungefähr bei 70%, vielleicht sogar noch höher, ich habe da keine genauen Zahlen.
Inwieweit ist Antisemitismus ein Thema an Ihrer Schule? Was ist Ihr Eindruck? Man merkt gerade in Diskussionen im Klassenverband wie leicht beeinflussbar manch junger Mensch ist, gerade beim Thema Vorurteile beziehungsweise Schubladendenken. Allerdings ist Antisemitismus zumindest bei uns hier an der Schule nicht merklich zu spüren. Es kommt schon mal ein Spruch, der in die Richtung geht. Wir als Kollegium nehmen das sehr ernst, wobei es bei den meisten Sprüchen und Andeutungen seitens der Schülerschaft nicht signifikant in eine bestimmte Richtung geht. Genauso bestehen leider Ressentiments gegen Polen, Rumänen, Italiener, Araber, Russen und Kinder aus Ex-Jugoslawien.
Diese, wie sie es nennen, Sprüche zum Thema Antisemitismus, wären? Ich erinnere mich noch gut an einen Schüler, er ist mittlerweile entlassen und in der Ausbildung. Seine Familie kommt ursprünglich aus dem West-Jordanland, er selber wurde in einem libanesischen Flüchtlingscamp geboren. Er erzählte einmal von seinem Onkel, der angeblich unschuldig in einem Gefängnis der israelischen Armee saß, ich glaube für acht Jahre oder so. Dieser Schüler war ideologisch so verblendet, dass man getrost, wenn man von seinen Ansichten spricht, von antisemitischen Stereotypen reden kann. Für ihn waren Juden Verbrecher, die kleine Kinder verhungern lassen und Menschen foltern. Für mich als Muslimin war das eine schwierige Situation.
Inwiefern schwierig? Ich hatte das Gefühl ihm helfen zu müssen. Doch was erzählst du einem Jugendlichen, der bereits mit solchen Ansichten großgezogen wird. Er bekam Tränen vor Wut in den Augen, wenn er von seinem Onkel und seinem Schicksal sprach.
Ich frage erneut: Ihrer Ansicht nach ist also Antisemitismus an Ihrer Schule kein Thema? Ich erzähle ihnen zu ihrer Frage eine Geschichte: einer meiner Kollegen, er unterrichtet Politik und Wirtschaft, erzählte mir einmal von einer Unterrichtsstunde, in der er mit seinen Schülern über das Thema Iran – Israel diskutierte. Zu diesem Zeitpunkt war der Präsident Irans Achmadinejad, und die politische Situation war sehr komplex und schwierig. Dieser Kollege erzählte mir nun nach der Unterrichtseinheit, wie überrascht er gewesen wäre, dass seine muslimischen Schüler die ganzen Hasstiraden von Achmadinejad gegen die USA und den Staat Israel verurteilten würden. Zuerst war ich ein wenig beleidigt als Muslimin, weil ich dachte: Du denkst wohl auch wir Muslime sind alle Judenhasser. Aber später begriff ich, was mein Kollege eigentlich meinte, denn er war erleichtert zu sehen, dass zumindest einige seiner Schüler differenzierten und sich eine eigene Meinung bildeten, fernab der Medien oder auch ihres Elternhauses.
Haben sie auch Schüler und Schülerinnen jüdischen Glaubens an ihrer Schule? Ja. Zwar wenige, aber es gibt sie, zumeist Zuwanderer aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjet-Union. Und da gibt es keine Probleme? Statistiken, resultierend aus Untersuchungen, welche unter anderem vom deutschen Zentralrat der Juden in Auftrag gegeben wurden, sagen etwas völlig anderes. Was sagen die denn?
Dass Antisemitismus nach wie vor, gerade auch bei jüngeren Menschen, durchaus vertreten, dass Antisemitismus ein großes Thema ist. Wie passt das mit Ihren Erfahrungen zusammen? Ich glaube wir erleben einen Umbruch. Sowohl in der deutschen Wahrnehmung zum Thema Antisemitismus, aber auch in der muslimisch – arabischen Welt. Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind alte Differenzen und stereotypisches Denken zu überwinden. Ob es nun in Berlin, Jerusalem oder Teheran ist. Wir haben in der Türkei ein Sprichwort: ein Herz, was hassen will, wird auch immer hassen. Ich sehe mich als Lehrerin in der Verantwortung gegen Vorurteile anzugehen und einen offenen Dialog mit meinen Schülern zu zulassen und zu führen. Natürlich versuche ich nicht die Augen vor der Realität zu verschließen: es gibt Vorurteile, ganz klar. Aber man sollte die Dinge auch nicht dramatisieren. Antisemitismus hat genauso wenig etwas in der Gesellschaft verloren wie Ausländerfeindlichkeit oder dergleichen. Das wird es immer geben, aber ich versuche meinen kleinen Teil dazu beizutragen, dass irgendwann die Leute mit diesen Begriffen nichts mehr anfangen können. Dafür bete ich.
Frau Y., ich bedanke mich für Ihre Zeit und das Gespräch! Alles Gute.












