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@sueyourass-blog
YES, WE CANNES
Veronique und ihre drei Freundinnen halten Pappschilder in ihren Händchen. Jede der jungen Frauen, alle Anfang 20 und ausnahmslos chirurgisch vom Bauchnabel bis zum Haaransatz bearbeitet, hofft auf eine Einladung für das Gelände der Filmfestspiele in Cannes. In Stilletos und Kleidchen stehen Dutzende, zumeist jüngere Damen in knappen Outfits, an diesen Tagen auf der Croisette, der berühmten Flaniermeile der Stadt. Sie sprechen auch Kevin, den Regisseur unseres Kurzfilms HADES (facebook.com/hadesthemovie), und mich an. Man darf sich aber in seinem männlichen Ego nicht sonderlich durch diesen Umstand der Kontaktaufnahme geschmeichelt fühlen, denn die jungen Frauen haben ihr Ziel "dabei sein" zu wollen, fest im Blick. Anders als zum Beispiel bei der Berlinale sind die Festspiele in Cannes nicht öffentlich, nur Aktiven und der Presse ist der Zugang gewährt.
(Am Mittwoch, 13.Mai, beginnt das 68. Cannes Filmfestival. Unser Kurzfilm HADES läuft in der Shortfilmcorner. Bereits am Dienstag besorgen Kevin und ich unsere Akkreditierung und reservieren uns einen Screening-Termin für unseren Film für den darauffolgenden Tag. Unsere Wahl fällt auf einen Raum mit insgesamt neun Sitzplätzen und riesigen Polstersesseln in Rot mit dem Logo der Festspiele. Darüber hinaus ist in der Mediathek Kevins Werk jederzeit zu sehen.)
Mein typischer Festivaltag beginnt mit einer 30minütigen Busfahrt. Ich bewohne ein Haus in den Hügeln zwischen Grasse und Cannes. Pünktlichkeit ist nicht gerade die Stärke der Buslinie 610, sie bedient die Station nur jede Stunde. Manchmal kommt der Linienbus 15 Minuten früher, manchmal 40 Minuten später, in einigen Fällen auch gar nicht. Ich lasse mir meine Laune nicht vermiesen, denn ich bin realistisch: Ich werde mit größter Wahrscheinlichkeit nur einmal mit einem Projekt in Cannes vertreten sein. Nachdem ich das Festivalgelände erreiche, genehmige ich mir eine Tasse Kaffee am Stand eines bekannten Kaffeekapsel - Herstellers. Die Bedienungen, ausnahmslos wunderschöne Frauen, die den Anschein machen, als hätte George Clooney sie selber handverlesen ausgesucht, sind sehr freundlich und wissen am zweiten Tag bereits genau, welche Kaffeesorte ich bevorzuge. Normalerweise trinke ich gar keinen Kaffee, aber die Damen hinter dem Tresen sind einfach zu attraktiv.
Danach begebe ich mich in das Erdgeschoss / den Halbkeller des Hauptgebäudes, wo sich die so genannte Shortfilmcorner befindet. Zwischen vielen Ständen verschiedener Nationen findet man immer wieder interessante Gesprächspartner, viele der Anwesenden kommen bereits zum wiederholten Male an die Côte d'Azur. Ich verbringe meine Zeit unter anderem mit dem Besuchen von Workshops. Dort treffen sich Produzenten, Filmemacher und Autoren, um sich auszutauschen und zu fachsimpeln. Hier bemerke ich erneut, was mir bereits beim Wischen über den Spülkasten der Toilette auffiel: Kokain ist allgegenwärtig, ebenso wie Alkoholfahnen, denn Cannes und das Festival scheinen in erster Linie eine große Party zu sein. Ich starte meinen Festivaltag immer gegen 8.30h, zu einer Zeit, wo viele sich nach durchzechter Nacht zur Ruhe betten.
Neben den Workshops gucke ich natürlich viele Filme, bewusst kleinere lowbudget Produktionen.
Der große Auflauf gegen Abend auf dem roten Teppich - nicht mein Ding
Ich versuche etwas zurück zu geben: Ich bin durch unseren Kurzfilm nach Cannes geladen und möchte bewusst die anderen Kollegen unterstützen und kennenlernen. Ich sehe diesen Aufenthalt als Arbeit an und bin dementsprechend diszipliniert und fokussiert; werde letzten Endes auf keiner einzigen Party in den Festivaltagen anwesend sein. Jeder Moment, jede Impression brennt sich in meinen Kopf und ich erlebe einen Glücksmoment nach dem nächsten, „high of life“. Mal ganz davon abgesehen ist mir ein Bier für 9€ schlicht und ergreifend zu teuer, zumal deutsches Bier Mangelware ist. Um die Verpflegung muss man sich aber nicht sorgen, die Chancen auf dem Fest zu verhungern stehen schlecht, zumindest für Leute mit Pass. So schlendere ich von Pavillon zu Pavillon und esse ohne Unterbrechung. Ich werde in der Woche Frankreich fast fünf Kilo zunehmen. Cannes ist in manchen Momenten mit einer großen Messe zu vergleichen: alle sind ausnehmend freundlich, loben deine Arbeit in die Höhe, ohne sie wirklich zu kennen und sich mit ihr näher auseinandergesetzt zu haben.
Am letzten Tag meines Aufenthaltes treffe ich erneut Veronique und ihre Mädels, sie waren in der Nacht mal wieder unterwegs; aber stehen tapfer mit ihren Schildern bewaffnet Gewehr bei Fuß, auf der Suche nach neuen Begleitern, vorzugsweise vermögend. Ein Journalist von ntv spricht mich an, was meine Eindrücke des Festivals wären. Relativ spontan sprudelt es aus mir heraus:
groß, einzigartig, aber auch sehr oberflächlich. Ernüchternd!
Von den kokainverschmierten Spülkästen erzähle ich ihm nicht.
AUS DER REIHE: EIN STANDARD / FRAGEN AN
Wir treffen den Krefelder Patrick Zentgraf gutgelaunt aber etwas geschwächt am herbstlichen Niederrhein. Seine Müdigkeit ist schnell erklärt: er hatte am Vorabend unseres Gesprächs seinen Geburtstag gefeiert.
Sueyourass.de: Für diejenigen, die dich nicht kennen: wer bist du, wo kommst du her, und mit welchen Firmen wirst du derzeit in Verbindung gebracht? P.Z.: Mein Name ist Patrick Zentgraf, bin gestern 22 Jahre alt geworden und komme aus Krefeld, NRW, wo ich seit sieben Jahren lebe. Ich fahre aktiv seit circa acht Jahren Skateboard und momentan für Arrow & Beast SkateShop. Darüber hinaus für das deutsche Team von Adidas Skateboarding, Bones Wheels, Souljahgrip und Hood Skate Company. Zur Zeit suche ich einen neuen Deck-Sponsor, ich fuhr bis vor kurzem für Sweet Skateboards aus Schweden.
Sueyourass.de: Was bedeutet es für dich konkret für Adidas zu fahren? P.Z.: Für mich ist es natürlich eine riesige Ehre in diesem Team und für Adidas zu fahren. Mehr kann ich dazu eigentlich auch gar nicht sagen; ich bin einfach extrem dankbar und freue mich über die Zusammenarbeit.
Sueyourass.de: Bislang hältst du deiner Heimatstadt Krefeld noch die Treue. Warum ziehst du hier nicht weg? P.Z.: Ich mag Krefeld und meinen persönlichen Alltag, der unmittelbar mit der Stadt verknüpft ist. So langsam merke ich aber schon, dass es mich wegzieht von hier, gerade wenn ich frisch aus anderen Städten hier hin zurückkomme. Ich könnte mir auch gut vorstellen woanders zu leben: Stuttgart, Köln, vielleicht Berlin.
Sueyourass.de: Hast du für uns einen Essenstip während wir hier sind? Welcher Laden hat Erwähnung verdient? P.Z.: Also auf jeden Fall sollen Fans von einem soliden Gyros zum Sprödental-Grill, direkt an den Straßenbahn-Linien 042 / 043 gelegen. Für sieben Euro gibt’s da einen der besten Gyros-Teller im Sektor, absolut unschlagbar.
Sueyourass.de: Du kommst gerade frisch von einer einmonatigen USA Tour mit Adidas zurück. Was hatten diese Tage für einen Einfluss auf deine Arbeit und generell dein Lebensgefühl? Wie kam das alles zustande? P.Z.: Mein Teammanager rief mich an und erzählte mir davon, dass eine teaminterne USA Tour anstünde. Da musste ich nicht lange nachdenken, ich begriff die Situation als große Chance und war sehr aufgeregt. Ich kann das alles noch gar nicht klar in Worte fassen. Ich weiß wie viel Arbeit es ist, aber ich kann mir nichts schöneres für mich vorstellen. Die Zeit in den USA hat mir unter anderem gezeigt, dass man wahrscheinlich alles mit Fleiß und gutem Herzen schaffen kann, alleine dieser Erkenntnis wegen hat sich der Monat da drüben schon gelohnt. Nochmal vielen Dank an dieser Stelle für die Chance!
Sueyourass.de: Was ist der Unterschied zwischen Fahren im Ausland und in Deutschland? Gibt es da merkliche Unterschiede? P.Z.: Deutschland hat viele cleane Spots, viele sind aber auch schlicht und ergreifend scheiße. Darf ich das hier so sagen? Europa hat aber eine Menge zu bieten, allem voran natürlich Barcelona: wer skatet muss einfach da einmal hin, ganz klare Sache. Europa ist skateboard-technisch auch noch nicht so wirklich von den Amerikanern entdeckt, aber das ist nur eine Frage der Zeit und der Umstände.
Sueyourass.de: Wie beurteilst du die momentane Skate-Szenerie? Was hat sich im Vergleich zu deiner eigenen Anfangszeit getan? P.Z.: Es hat sich definitiv etwas getan. Zum einen hat bereits fast jedes Dorf einen Skateplatz mit amerikanischem Touch. Zum zweiten ist das Internet als Faktor nicht außer Acht zu lassen. Die Kids sehen die Contests, die Videos, und werden dadurch extrem gepushed. Früher kam mal im Monat ein Video raus, welches man sich dann im Shop kaufen musste.
Sueyourass.de: Was hörst du generell für Musik? P.Z.: Musik mit einem positiven Vibe. Ich höre ein bischen Rap, aber eher die Klassiker und nicht wirklich “street-battle-mäßiges”. Ich mag Musik zu der man mitsingen kann, die mich fröhlich stimmt; das Feeling muß einfach stimmen. Das mit dem Musikhören beim Fahren selber hält jeder anders: ich persönlich fahre so gut wie nie mit mp3-Player, höchstens vielleicht zum aufwärmen.
Sueyourass.de: Wie geht’s es für dich jetzt sportlich weiter? Was sind deine nächsten Schritte und Ziele? P.Z.: In erster Linie ist mein Ziel gesund zu bleiben und weiterhin diszipliniert zu fahren. Das beinhaltet auch einen gewissen Life-Style: kein Bier am Skateplatz, und den Feierabend nicht beliebig zwischen 17h und 20h schwanken lassen. Kontinuität ist der Schlüssel zum Erfolg, und ich bin extrem hungrig nach dem Verzehr meiner bisherigen Vorspeise (lacht). Ich gebe nicht auf, egal was passiert. Der Winter steht jetzt vor der Türe, und da ergibt sich in NRW, beziehungsweise in unserer Region, ein Problem, denn wir haben hallentechnisch nur die Halle in Dortmund. Das heißt mindestens eine Stunde Zugfahrt. Für Berufstätige oder Leute in der Ausbildung ein ernsthaftes Problem.
Sueyourass.de: Letzte Worte, Grüße. P.Z.: Auf die Gefahr hin, dass das jetzt zu aufgesetzt kommt… eine Bitte an die Menschen: hört auf Kriege zu führen und diese zu unterstützen. Bleibt alle aufrecht, lasst euch nicht unterkriegen. Achja: und hört auf zu lügen, ganz wichtig. Des weiteren grüße ich meine Jungs und die ganze Volta-Connection.
Sueyourass.de: Danke für deine Zeit, und alles Gute in der Zukunft, Paddy! (Photo: Adam R. / FDF Ent.)
"Daniel Brühl, wir wissen wo du arbeitest." Interview von sueyourass.de, die reizende Jasmin traf Kevin Kopacka, leidenschaftlicher Caffee Trinker, Exil-Österreicher und Regieseur des Kurzfilms "hades". #annaheidegger #kevinkopacka #criskotzen #fdfentertainment #hades2014 https://www.wetransfer.com%2Fdownloads%2F3df017826cd8bd2f26388b9ca2ee9ea520140808141622%2F398af12e465042685e9859d9037f6ecf20140808141622%2F464a17&h=LAQEAZUAZ&enc=AZOg2VqBqxsTCzKbGIvGPibol8Gld2udUlmcPgB0LD0suq9bXRgjDO-gj2r5z1_WYnAYYt-buVx1QFYjSraVTxLw6rNsAFEvCEsQwzxuHPJ3wZImdRG0c9XClsxsmyRndOeHhdzqvk8_27kDwAjrB1rK&s=1
Ein Teil des FDF Kollektivs, Sommer 2014 Achse NRW - Berlin
Mo Dirty Shit Trip & H.k. DeWitt
Dr Wolle, was zur Hölle.
Dr iur W. S. und ein Vergleich
Er war gerade drei Jahre alt, als das Dritte Reich zusammenbrach. Wolfgang Schäuble wuchs im damals amerikanischen Sektor Deutschlands auf, im beschaulichen Freiburg im Breisgau. Man könnte nun mutmaßen, er habe aufgrund dieser Tatsache eine leichtere Jugend im Besetzungsstatut verlebt als ein Jugendlicher des selben Jahrgangs, aber wohnhaft in der sowjetischen Zone des durch die Alliierten nieder gerungenen ehemaligen Deutschen Reiches.
Schäubles getätigter Vergleich zwischen Putin und Hitler (Zitat: "Solche Methoden hat schon der Hitler im Sudetenland übernommen."), ausgesprochen letzte Woche während eines Vortrages vor Berliner Schülern der Robert Jungk Europa-Schule, Putins momentane Außenpolitik und deren Auswirkungen auf die Schwarzmeer-Halbinsel Krim sei eine Analogie zu Hitlers Einverleibung der Tschechoslowakei und Österreichs in den späten 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ist an Brisanz kaum zu übertreffen.Dass der Finanzminister gerade an einem Bildungsinstitut, welches nach einem vor den Nazis geflohenen österreichischen Juden benannt ist, zu so einem Vergleich ausholt, verleiht der Gesamtsituation weitere Tragweite.
Auf die Weltgeschichte bezogen hinkt dieser Vergleich Schäubles nur bedingt. Hitlers Rechtfertigung, sich erwähnte eigenständige Staaten einzuverleiben, stützte sich, ebenfalls wie die Putins in heutigen Tagen, auf die Tatsache, dass in den Gebieten deutsch gesprochen wurde, also auf ihre linguistische Zugehörigkeit.
Man muss sich also nach dem Warum fragen; wieso zieht ein nach herrschender Meinung gebildeter Mann wie Dr Schäuble diesen Vergleich? Warum läuft er Gefahr sein politisches Erbe und das seiner Kanzlerin so zu gefährden und schlimmsten Falles zu demontieren? Alles scheint in der heutigen Zeit erlaubt zu sein,Hauptsache politische Schwarzmalerei ist das gebrauchte Instrument.Putin böse, habgierig, sich nach alt-sowjetischer Machtfülle sehnend. Westen gut, abwägend, aus us-amerikanischer Sicht außenpolitisch zu mut- und rückgratlos.
Man vergisst dabei sehr schnell, dass Putin mit seiner Reaktion auf innenpolitische Unruhen in der instabilen Ukraine unter staatsrechtlicher Perspektive nicht unrechtens gehandelt hat. Bis dato.
(ein Zitat der geschätzten Kollegin Melanie Pechstein, freie Journalistin in Berlin: “Wie sollen denn andere Staaten damit aufhören, uns mit den Nazis zu vergleichen, wenn wir selbst nur allzu gerne Parallelen ziehen?”)
aus der Reihe EiN STANDARD / FRAGEN AN
ANTISEMITISMUS IN BERLIN, EINE REALE GEFAHR?
Interview mit „Merla Y.“ (Name auf Wunsch geändert),
Hauptschul-Lehrerin aus Wedding, Berlin
Wie lange sind sie bereits Lehrerin an dieser Schule? Ich bin seit Sommer 2007 an dieser Schule, vorher war ich in der Nähe von Greifswald an einer Realschule beschäftigt.
Wie unterscheidet sich die Arbeit hier im Wedding von ihrer vorherigen Anstellung? Die Schule ist wesentlich größer. Zum anderen ist man hier als Lehrkörper auch gleichzeitig Bezugsperson, viel mehr als zum Beispiel in Greifswald, denn viele Eltern scheinen schlicht und ergreifend überfordert. Da wir eine Ganztagsschule sind, lernt man die Kinder auch über den „normalen“ Schulalltag hinaus besser kennen. Wir sind eine Art Gemeinschaft, anders geht es hier auch nicht.
Was genau ist mit „anders geht es hier auch nicht“ gemeint? Wissen sie, wir sind ein so genannter Problem-Bezirk. Viele Schüler und Schülerinnen hier sind Kinder von Einwanderern und sprechen meistens auch nur in der Schule deutsch. Die kulturellen Unterschiede sind immens. Unser Anteil an muslimischen Kindern zum Beispiel liegt ungefähr bei 70%, vielleicht sogar noch höher, ich habe da keine genauen Zahlen.
Inwieweit ist Antisemitismus ein Thema an Ihrer Schule? Was ist Ihr Eindruck? Man merkt gerade in Diskussionen im Klassenverband wie leicht beeinflussbar manch junger Mensch ist, gerade beim Thema Vorurteile beziehungsweise Schubladendenken. Allerdings ist Antisemitismus zumindest bei uns hier an der Schule nicht merklich zu spüren. Es kommt schon mal ein Spruch, der in die Richtung geht. Wir als Kollegium nehmen das sehr ernst, wobei es bei den meisten Sprüchen und Andeutungen seitens der Schülerschaft nicht signifikant in eine bestimmte Richtung geht. Genauso bestehen leider Ressentiments gegen Polen, Rumänen, Italiener, Araber, Russen und Kinder aus Ex-Jugoslawien.
Diese, wie sie es nennen, Sprüche zum Thema Antisemitismus, wären? Ich erinnere mich noch gut an einen Schüler, er ist mittlerweile entlassen und in der Ausbildung. Seine Familie kommt ursprünglich aus dem West-Jordanland, er selber wurde in einem libanesischen Flüchtlingscamp geboren. Er erzählte einmal von seinem Onkel, der angeblich unschuldig in einem Gefängnis der israelischen Armee saß, ich glaube für acht Jahre oder so. Dieser Schüler war ideologisch so verblendet, dass man getrost, wenn man von seinen Ansichten spricht, von antisemitischen Stereotypen reden kann. Für ihn waren Juden Verbrecher, die kleine Kinder verhungern lassen und Menschen foltern. Für mich als Muslimin war das eine schwierige Situation.
Inwiefern schwierig? Ich hatte das Gefühl ihm helfen zu müssen. Doch was erzählst du einem Jugendlichen, der bereits mit solchen Ansichten großgezogen wird. Er bekam Tränen vor Wut in den Augen, wenn er von seinem Onkel und seinem Schicksal sprach.
Ich frage erneut: Ihrer Ansicht nach ist also Antisemitismus an Ihrer Schule kein Thema? Ich erzähle ihnen zu ihrer Frage eine Geschichte: einer meiner Kollegen, er unterrichtet Politik und Wirtschaft, erzählte mir einmal von einer Unterrichtsstunde, in der er mit seinen Schülern über das Thema Iran – Israel diskutierte. Zu diesem Zeitpunkt war der Präsident Irans Achmadinejad, und die politische Situation war sehr komplex und schwierig. Dieser Kollege erzählte mir nun nach der Unterrichtseinheit, wie überrascht er gewesen wäre, dass seine muslimischen Schüler die ganzen Hasstiraden von Achmadinejad gegen die USA und den Staat Israel verurteilten würden. Zuerst war ich ein wenig beleidigt als Muslimin, weil ich dachte: Du denkst wohl auch wir Muslime sind alle Judenhasser. Aber später begriff ich, was mein Kollege eigentlich meinte, denn er war erleichtert zu sehen, dass zumindest einige seiner Schüler differenzierten und sich eine eigene Meinung bildeten, fernab der Medien oder auch ihres Elternhauses.
Haben sie auch Schüler und Schülerinnen jüdischen Glaubens an ihrer Schule? Ja. Zwar wenige, aber es gibt sie, zumeist Zuwanderer aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjet-Union. Und da gibt es keine Probleme? Statistiken, resultierend aus Untersuchungen, welche unter anderem vom deutschen Zentralrat der Juden in Auftrag gegeben wurden, sagen etwas völlig anderes. Was sagen die denn?
Dass Antisemitismus nach wie vor, gerade auch bei jüngeren Menschen, durchaus vertreten, dass Antisemitismus ein großes Thema ist. Wie passt das mit Ihren Erfahrungen zusammen? Ich glaube wir erleben einen Umbruch. Sowohl in der deutschen Wahrnehmung zum Thema Antisemitismus, aber auch in der muslimisch – arabischen Welt. Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind alte Differenzen und stereotypisches Denken zu überwinden. Ob es nun in Berlin, Jerusalem oder Teheran ist. Wir haben in der Türkei ein Sprichwort: ein Herz, was hassen will, wird auch immer hassen. Ich sehe mich als Lehrerin in der Verantwortung gegen Vorurteile anzugehen und einen offenen Dialog mit meinen Schülern zu zulassen und zu führen. Natürlich versuche ich nicht die Augen vor der Realität zu verschließen: es gibt Vorurteile, ganz klar. Aber man sollte die Dinge auch nicht dramatisieren. Antisemitismus hat genauso wenig etwas in der Gesellschaft verloren wie Ausländerfeindlichkeit oder dergleichen. Das wird es immer geben, aber ich versuche meinen kleinen Teil dazu beizutragen, dass irgendwann die Leute mit diesen Begriffen nichts mehr anfangen können. Dafür bete ich.
Frau Y., ich bedanke mich für Ihre Zeit und das Gespräch! Alles Gute.
Niederlande, Herbst 2011
Hier nun die Internet-Seite mit dazugehörigem Downloadlink zu Cris Kotzens erster Solo-LP "hartpissen".
Wir sind stolz auf den Jung' und bedanken uns...
provocare
(photo: Thomas Hestermann)
persischer popstar
Lennart Grau
Resistenz, 2013
150x180cm
H.k. DeWitt mit seiner Kurzgeschichte "B&C" (kostenlos zu lesen auf bookrix.com)
http://www.bookrix.com/_ebook-h-k-dewitt-boogaard-amp-cobain
aus der Reihe EiN STANDARD / FRAGEN AN
Puppentheater mal anders
wie gerade der schwierigste Stoff Kraft geben kann
sueyourass.de im Gespräch mit Pierre Beng, Student im dritten Jahr an der Ernst Busch Schule für Schauspiel, Abteilung Puppenspielkunst, zu Berlin
sueyourass.de : In deiner aktuellen Arbeit geht es um einen Wissenschaftler, der seine scheinbar große Liebe durch einen Unfall verliert und diese Frau danach wieder zum Leben erweckt, nur um danach von ihr getötet zu werden. Was hat dich genau an diesem Stoff gereizt?
P. Beng : Die Frankenstein-Thematik ist an sich ja nicht neu. Was aber für viele Menschen neu sein könnte: Puppenspiel ist weit mehr als Kindergeburtstag oder ähnliches. In meiner Arbeit geht es um Vergänglichkeit - und das Leben an sich, so profan es klingen mag. Der Stoff ist stark mit Karlos Ruiz Safons Buch „Marina“ verknüpft.
sueyourass.de : Mir stellte sich nach dem Stück unter anderem die Frage: sind Puppen die besseren Sterbenden?
P. Beng : Ich glaube, dass eine Puppe auf der Bühne genauso traurig sterben kann wie ein Schauspieler aus Fleisch und Blut. Eine Puppe kann aber auch vieles entschärfen. Wenn mein Protagonist seine zuvor verstorbene Freundin zusammennäht und wieder zum Leben erweckt, kann das weniger gewalttätig aufgenommen werden; trotz der zerstückelten Körper.
sueyourass.de : Obwohl Puppen ja eigentlich für Kinder gemacht werden, haben sie in manchen Fällen etwas bedrohliches, zahlreiche Beispiele aus Filmen ließen sich an dieser Stelle aufzählen. Zuschauern gefällt aber gerade anscheinend auch die Tatsache, dass eine Interpretation mit einer Handpuppe bei gewissen Thematiken noch wesentlich bedrückender wirken kann.
P. Beng : Das auf jeden Fall auch, klar. Eine Puppe kann das widerwärtigste auf der Bühne thematisieren und die Zuschauer lachen im Zweifelsfalle sogar. In meinem Stück geht es um Verlust, um die nicht erwiderte Liebe, ebenfalls ja bekanntlich nicht ganz simpel thematisch.
sueyourass.de : Wie kamst du denn explizit auf dieses Buch?
P. Beng : Es wurde mir empfohlen. Ich wusste direkt: das machst du jetzt. Es ist einfach eine wunderbare Geschichte. Meine Arbeit weicht hier und da auch etwas von „Marina“ ab. Dennoch sind der Kern und die Dramatik erhalten geblieben. Dieser Mann liebt auf seine Weise so stark, und überschreitet eine gesetzte Grenze: er erweckt seine Frau nach ihrem tragischen Unfall wieder zum Leben. Doch sie ist anders, nicht mehr die selbe. Es geht, wie so oft, um die große Liebe.
sueyourass.de : Wie weit darf die Wissenschaft gehen?
P. Bang : Ich kann aus eigener Erfahrung einschätzen, wie wichtig zum Beispiel die medizinische Forschung sein kann, ich verdanke ihr mein Leben. Fortschritt an sich ist ja nichts verkehrtes.
sueyourass.de: Pierre, ich danke dir für das Gespräch und wünsche dir weiterhin viel Erfolg.
Drogen im Wandel der Zeit
Vorbei die Zeit, als Heroin, liebevoll Brown Sugar genannt, nur einem Synonym für "abgefuccked", "Stricher" oder ähnlichem gleichkam.
Wenn man an Heroin denkt, kommen einem gleich gewisse Bilder in den Kopf: unrasierte, langhaarige, dünne Loser mit speckigem Mantel und fehlenden Zähnen, (junkies,) die einen um einen Euro oder/und eine Zigarette anbetteln, während sie einem ins Gesicht brüllen: "So wie du war ich früher auch mal, wart es nur ab, Jüngchen."
Doch man irrt sich.
Jüngstes, trauriges, Beispiel ist der objektiv gesehen brillante Schausteller Philip Seymour Hoffman, seines Zeichens Academy Award Winner 2006. Man mag sich gewiss darüber zurecht streiten, ob ein Oscar-Preisträger gleichzeitig ein guter Schauspieler Schrägstrich Künstler ist oder sein muss. Im Falle von oben genanntem sieht das aber anders aus: Hoffman war dem Anschein nach stets bemüht gerade unbequeme Rollen zu verkörpern, wohl auch im privaten Bereich.
Er verstarb letzten Sonntag in New York - durch eine Überdosis Heroin.
Nimm dies', Klischeevorstellung.
"Nichts ist so gut, wie es zunächst den Anschein hat."
George Eliot (1819-1880)
(photo: digitalspy.co.uk)
Diggin’ in the crates
holy or evil