„Eine Maschine, die dich einfach ersetzt“
Frau S. bietet mir gleich nach zwei Wochen das Du an und freut sich, „endlich wieder einen neuen jungen Menschen“ an der Kasse zu sehen. Manchmal kommt sie mit ihrer Freundin aus dem Altersheim, deren Name ich mir nie merken konnte, aber meistens ist sie alleine unterwegs. Sie scheint auch ständig mit irgendwelchen anderen Menschen aus dem Altersheim im Streit zu sein und meidet diese dann sehr offensichtlich. Versteckte Auseinandersetzungen und kleine Machtkämpfe zwischen herabgeschriebener Milch und frischen Brötchen, die ich morgens noch halb schlafend backe – in diesem kleinen Dorfsupermarkt zu arbeiten, erweist sich bald als aufregender als gedacht.
Wie die ganze Welt von der Technik heimgesucht wird, geschieht dies auch da ziemlich schnell. Mein Chef ist sehr aufgeregt, als wir von weiter oben zwei vollelektronische Kassen vorgeschrieben bekommen. Da kann man seine Artikel selbst einscannen, den Betrag in Noten oder Münzen oder mit Karte begleichen, seine Sachen selbst einpacken und wieder gehen. Man muss niemanden grüssen oder sich für nichts bedanken, man ist selbstständig und vielleicht auch schneller, das ist erstrebenswert. Diese Kassen können eine gute Sache sein. Für Bahnhofseinkäufe, die unter Zeitdruck gemacht werden müssen. Wenn man abends so müde ist, dass man nicht einmal mehr fähig ist, dem*der Verkäufer*in ein Lächeln zu schenken, oder ganz einfach, wenn so viele Leute da sind und die Schlange endlos erscheint. Aber ich habe von Anfang an die Wirksamkeit und die Richtigkeit dieser Kassen in einem eher kleinen Dorfsupermarkt angezweifelt, in dem die Leute so gerne noch über das Wetter, den neuen Busfahrplan oder den letzten Urlaub plaudern.
Die Kassen werden installiert und am ersten Tag ihres Gebrauchs bin ich da eingeteilt. Ich stehe zwischen den zwei Kassen und habe die Aufgabe, unseren Stammkund*innen die Vorteile zu erklären. Ich bekomme einen wichtigen Badge, um in das Kassengeschehen einzugreifen bei Alterskontrollen oder Kreditkarten, die nicht funktionieren wollen. Als ich von weitem den Haarschopf von Frau S. sehe, ahne ich bereits Böses.
Wie erwartet ist sie alles andere als zufrieden. Sie kommt mit ihren ledrigen Händen kaum bis zum Bildschirm hinauf, den sie bedienen soll. Sie muss zuerst den Rollator inklusive Korb in die richtige Position bringen, dann um ihn herum laufen und vorsichtig die Ware ausladen, die sie auf einem Zwischenregal abstellen muss, weil ihre Kraft nicht ausreicht, die Tüte ganz nach oben zu legen. Irgendwann scanne ich ihre Ware ein (billige Milch, zwei Brötchen, billigen Honig, drei Eier – wie fast jeden Tag) und zeige ihr, wo sie das Geld einwerfen kann. Grosse Aufregung, als das Rückgeld in Zweifrankenstücken herauskommt und nicht in zwei Einfrankenstücken. Frau S. braucht nämlich immer diese Einfrankenstücke, um damit ihre Wäsche zu waschen. Als die Ware schliesslich im Rolli verstaut ist, sind ihre Haare zerrauft, ihre mottenzerfressene Handtasche durchwühlt und ihr Gesichtsausdruck unzufrieden. Sie nimmt meine Hand und meint „Das ist schon verrückt. Eine Maschine, die dich einfach ersetzt? Das gab es früher nicht. Nein, so was gab es wirklich nicht. Ich weiss noch, als ich zum ersten Mal eine Strumpfhose suchte, habe ich“ – Und genau in diesem Moment klingelt der Alarm der anderen Kasse, weil irgendjemand Zigaretten einscannt und ich überprüfen muss, ob dieser Kunde das auch wirklich darf. Ich lasse Frau S. stehen und sehe aus den Augenwinkeln, wie sie sich langsam vom Laden wegschiebt.
Die nächsten drei Tage arbeite ich nicht, und als ich vier Tage später den Pausenraum betrete, merke ich sofort, dass eine spezielle Stimmung herrscht. Aufgeschlagen auf dem Tisch im Mitarbeiter*innenraum liegt die Seite mit den Todesanzeigen und da ist Frau S. abgebildet. Einen Tag, nachdem ich keine Zeit für sie hatte, ist sie verstorben. Ich hätte gerne erfahren, wie Frau S. ihr erstes Paar Strumpfhosen gekauft hat.