Aby Warburg ist nicht unbedingt Kunsthistoriker, aber unbedingt ein Historiker und Theoretiker dessen, was einmal war und dann auch mal römisch passierte. Er ist Historiker und Theoretiker von Weisen oder eben jener Mar oder Mär, die größer oder kleiner, noch als tanzendes Meer(chen) oder traumhaftes Märchen vorkommen kann und mit dem Namen Rom verknüpft wurde. Warburg ist damit auch in weiterem Sinne ein Historiker und Theoretiker solcher römischer Passagen, die Assoziationen sind, so echt und so erdacht sie auch sein mögen. Er ist ein Historiker und Theoretiker dessen, was (in) Rom durchging, was im Kontakt mit Rom oder über römische Übertragungswege Spuren hinterließ. Manche nennen das gleich Abendland. Jemand hat sogar mal jemanden als Theoretiker des Abendlandes bezeichnet, für Warburg würde das aber nicht so gut passen. Warum?
Weil dasjenige, was römisch passierte, vielleicht auch nur so durch Rom oder Rom durch ging, wie das Gäule, Waren, Touristen und 'Pellegrini' machen, muss das, was durch Rom oder Rom durch ging, nicht aus Rom kommen und nicht auf Rom zurückführbar sein . Nicht einmal die Gründer sind von da. Warburg nutzt ohnehin eher den Namen Europa als den Namen Rom, bezeichnet Europa dazu einmal als Mittelmeerbecken (vergisst dabei gleich noch das schwarze, das weiße, das tote und das rote Meer, das Asovsche Meer und das kaspische Meer). Treffender spricht er gleich nur von Wegen und Kreuzungen, die vier geographische Pole und Ausrichtungen haben: Norden, Süden, Westen und Osten.
Ohne lokale Festlegung nutzt Warburg auch lieber die Bezeichung "Antike" als "Rom". Da bilden Zeiten mindestens zwei Pole: eine entfernte Vergangenheit und eine nahe Gegenwart etwa, Frühes und Spätes, Morgen und Abend, Tag und Nacht. Nicht zuletzt ist Warburgs Denken auch auf 'Römer' gerichtet: psychisch nicht gleich labile, aber auch instabile Wesen, die sich schlicht in Gesellschaft befinden und die darüber etwas von Rom abbekommen haben. Auch diese Wesen haben Pole, hohe und niedrige etwa, allein schon, weil sie unterschiedliche soziale Stellungen und einen unterschiedlich mit Affekten haushalten, zum Beispiel leichter erregbar oder eher besonnen, mal eher in höheren, mal in niedrigen Sinne, mal hochgelaunt und mal tiefgelaunt agieren. Warburg ist noch einmal anders gesagt ein Historiker und Theoretiker von Routen und Routinen eines römischen polus/ polos.
Warburg ist auch nicht unbedingt Bildwissenschaftler, aber unbedingt ein Theoretiker und Historiker von Polobjekten: von Dingen, die Distanz schaffen, indem sie wandern, (sich) bewegen und pendeln lassen, in jeder Hinsicht. Das ist etwas kurz und verdichtet gesagt, hat man mehr als Zettel, müsste man aus dem Satz mehr machen.
Im Hinblick darauf, dass er nicht unbedingt Bildwissenschaftler, aber unbedingt Historiker und Theoretiker von Polobjekten ist, würde ich ihn sogar eher Polarforscher denn Bildwissenschaftler nennen. Er ist auch dem Wissen immer wieder wie im Sturm und in Wirbeln ausgesetzt. Warburg beschäftigt sich nicht nur mit Bildern, nicht immer mit Bildern. Im Atlas taucht auch auf, was nicht als Bild erscheint, dies auch gar nicht muss - wie zum Beispiel die (diplomatischen) Schreiben auf Tafel 78. Vier Objekte auf Tafel 78 können zwar als Bild erscheinen, müssen es aber nicht. Ob sie es tun oder nicht, hat wohl schon etwas mit der Geschichte des Bilderstreites zu tun, aber auch mit der Geschichte eines Blickes, der ebenfalls Launen haben, pendeln und 'kippen' kann, also auch polarisiert ist. Wenn man die vier Schreiben von Tafel 78 hervorhebt , dann muss man auch hinzufügen, dass sie nur Beispiele sind. Das heißt: Keines der Objekte im Atlas muss als Bild erscheinen, auch nicht die, bei denen sich die Bildlichkeit gleich aufdrängt. Alles, was Warburg für seinen Atlas nutzt, von stoffbespannten Tafel über die Fotos oder die fotomechanischen Reproduktionen bis hin zu den Postkarten, Briefmarken und Zeitungsseiten können als Bild betrachtet werden, müssen es aber nicht. Vieles von dem, was Warburg einsetzt, ist 'imaginal schwach' und scheint leicht etwas anderes als ein Bild zu sein. Vor allem setzt Warburg 'Augenblicke' ein, verzeitlich also noch den Status seiner Objekte.
In seinem kurzen Text über Dürer und die italienische Antike benutzt er das erste mal das Wort Pathosformel und greift auf das technische Vokabular der Sprachwissenschaften zurück. Er beschreibt Bilder mit Begriffen, die für die Sprache entstanden (insoweit als 'Sprachobjekte'), und er macht das, um zu beschreiben, wie Bilder wandern und wie sie pendeln. Kein Pendeln ohne Polarisierung, d.h. nicht ohne Polarität zu operationalisieren: nicht ohne den Einsatz von Techniken und Routinen, um mit 'Schwankungen' und anderen Phänomenen zwar entsicherter, aber auch nicht verlorener (Unter-)Gründe umzugehen.
Irgendwo auf den "Wanderstraßen der Kultur" gibt es besondere Stellen: (Ab-)Biegungen, Kreuzungen, Bivios (Scheidewege), Kehren, Falzen, Falten oder Wenden. Wenn man noch das Wasser dazu nimmt, dann muss auch man Wogen oder Wellen und die Fluten und Ebben der Gezeiten dazuzählen.
Das sind für Warburg wohl Spuren eines Austauschmanövers, an dem noch der 'Verkehr verkehrt', weil erstens etwas (zum Beispiel zwischen Außen und Innen oder zwischen Form und Inhalt) gewechselt und zweitens etwas durch etwas anderes ersetzt und dennoch transportiert wird. Warburgs Vorstellung von Polen hat mit Differenzen zu tun, die reproduziert werden, sie haben mit der Operationalisierung von Differenzen zu tun (darum ist Warburg nicht nur für eine Geschichte und Theorie des Symbolischen wichtig, sondern auch für eine vergleichende Normwissenschaft). Diese besonderen Stellen operationalisieren Differenzen, indem sie etwas biegen, kreuzen, falten oder umstülpen. Ich würde Warburgs Vorstellungen über Polarität im Kontext einer Geschichte und Theore des Vagen sehen. Warburgs (Ab-)Biegungen, die Kreuzungen, die Bivios, die Kehren und Wenden sowie die Falten oder Falzen, das sind vage Stellen. Man muss vielleicht etwas ausgreifen und den Begriff des Vagen noch einmal ausschöpfen und von einer Entwicklung absehen, in dem der Begriff das Ungenaue, Unscharfe oder Unbestimmte bezeichnet. Man muss daran erinnern, dass er auch an Wagen und Wagnissen, am wiegen, wogen und wägen hängt und dass er an der Fagie, am Verzehren hängt. So eine Verwandschaft muss man erstmal packen.
Vor allem muss man daran erinnern, dass dem Begriff geschehen ist, wovon er spricht und dass man darum auch diesen Begriff wählt, um mindestens zwei Sachen loszuwerden: Das, was man sagen will und das, was nicht sagen will. Der Begriff ist selbst vage geworden, nicht ungenau. Ohne Bestimmungsverlust bezeichnet er das, was durch Verzehren oder Verkehren effektiv ist. Die Bestimmung, die Genauigkeit, die sind nicht weg. Sie mögen verstellt oder verdeckt, aus einer Präsenz geraten und nicht festgestellt sein, aber es gibt Möglichkeiten, wieder an ihre Linien zu kommen. Biegen, kreuzen, Falten: das sind insoweit alles konkrete Ausprägungen solcher Operationen, in denen Differenzen operationalisieren werden, indem etwas verkehrt oder verzehrt wird. Die Stelle wird verkehrt, d.h. durch Verkehr/Verzehr wird sie effektiv, so kommt sie an. Diese Stelle kann ein Bild sein, ein Vorbild, eine Norm oder ein Symbol, warum nicht auch Gesetz oder Gewalt?
Das Vage vollzieht Austauschmanöver auf eine Weise, in der die jeweils mitlaufende Trennung auch verkehrt wird, also auch etwas anderes als Trennung ist. Man gibt ab, was man erhält. Man muss den Begriff des Vagen nicht als paradox begreifen, aber durchaus als einen verschlungenen und verschlingenden Begriff, dazu noch als Begriff, der sich nicht dem Dogma der großen Trennung fügt. Darum wurde er ja auch in der tropischen Anthropofagie wieder attraktiv und titelgebend.
Man kann sagen, dass Warburg an etwas interessiert ist, das Differenzen operationalisiert, indem es Differenzen 'verkehrt' oder 'verzehrt'. Die Trennung schließt den Übergang ein. Die Operationen 'verbrauchen' im Austauschmanöver etwas. Die Beispiele, die Warburg nennt, haben dabei mit Inversionen zu tun, kurz gesagt: Die Form bleibt erhalten, der Inhalt wird ausgetauscht. Soweit führt Warburg einersetzt 'vormoderne' Überlegungen zu Simulation und Dissimulation weiter, wie sie im schillernden Begriff der Kontrafaktur gefasst wurden, bezieht sie aber nicht nur auf einen anderen Diskurs. sondern gibt den Überlegungen selbst noch einmal eine andere Richtung.
Ein Sprachwissenschaftler, auf den Warburg wiederholt rekurriert, ist Hermann Osthoff. Es ist dabei die Idee einer Suppletion, die Warburg interessiert, die er aufgreift und nutzt, man kann auch sagen: benutzt, durchaus so, dass an Osthoffs Ideen auch etwas durch etwas anderes ersetzt wird. Osthoff nennt zuerst andere Inversionen: Inhalt bleibt, aber Form, genauer gesagt: Wortstamm wird ausgetauscht.