Die deutsche Sprache und Bilder von Syrien
Ein bisschen unsicher bin ich schon.
Ist es nicht ein bisschen wie ein Blick ins Schlafzimmer anderer Leute? Eindringen in eine Privatsphäre, die es in einem Flüchtlingslager eh kaum gibt? Kommen sich die Menschen, die hier fürs Erste ein Dach über dem Kopf haben, vielleicht doch vor wie auf dem Präsentierteller? Angegafft wie Tiere im Zoo?
„Hallo – hier bin ich. Lass uns Tee trinken.“
Werde ich das sagen? Bin ich offen genug? Empathisch genug, um zu spüren, ob ich störe oder willkommen bin?
Zu viel denken ist nicht gut.
Einfach machen.
Hingehen.
Wenn’s nix ist, brauche ich nicht zu bleiben.
„Ihr seid herzlich eingeladen“
Ab 13.30 Uhr seien wir herzlich willkommen, hatte Peter Donecker gesagt.
Nach dem Mittagessen finde dann in der Theodor-Heuss-Halle eine Art Meeting statt. Dann versammelten sich alle in der zur Cafeteria umfunktionierten Turnhalle. Neuigkeiten würden angekündigt und wer ein Freizeitprojekt anbieten möchte, eine Idee habe, wie man die jungen Leute hier für ein paar Stündchen aus dem Lagerleben herausholen könnte - auch diese Dinge würden dann bekannt gegeben. Wer keine Angebote ausgetüftelt hat, habe vielleicht einfach Zeit. Denn das sei das, was die Menschen dort am meisten brauchten. Kontakte, Gespräche. Ein größeres Geschenk als sich Zeit für sie zu nehmen, könne man den Menschen dort kaum machen. Einfach zusammen sitzen und Tee trinken. „Ihr seid herzlich eingeladen“, hatte der Sozialarbeiter gesagt.
Junge Leute in Jeans, Turnschuhen und Sweatshirt
Gut.
Ich geh hin.
Auch um zu gucken, was mich erwartet, wenn das mit dem Chor tatsächlich klappen sollte.
Erst ist es schwer, die Halle überhaupt zu finden, wenn man nicht selbst auf die Theodor-Heuss-Schule gegangen ist. Auf dem Berufsschulgelände finde ich einen Plan. Damit ist es dann einfach. Hier und dort sitzen junge Menschen. Alleine, zu zweit, in kleinen Gruppen. Es könnten die Bewohner der Halle sein. Oder auch nicht. Sie sehen aus wie junge Leute hier in Reutlingen eben aussehen. Jeans, Sweatshirt, Turnschuhe, ein Smartphone in er Hand.
Die Tür zur Halle ist offen.
Ein Sozialarbeiter erzählt über Mikrofon in Englisch, was zu tun sei, wie das mit den Ausweisen ist, beantwortet Fragen. Ein Mann übersetzt ins Arabische. Eine Frau steht daneben, guckt mich kurz an. „Kommen Sie doch herein“, sagt sie.
Ein bisschen unschlüssig bleibe ich in der Nähe des Eingangs. Setze mich schließlich auf einen Tisch, der an der Wand daneben steht und gucke in die Runde.
Alles Männer. Keine einzige Frau. Die meisten jung. Manche im Alter meines Sohnes, andere vielleicht so um die dreißig. Ein paar ältere gibt es auch, aber die sind eindeutig in der Minderheit. Na, die werden auf mich gerade gewartet haben, denke ich. Ich bleibe trotzdem.
„Wie geht es dir? Ich heiße Hadi.“
Und dann ist das Meeting zu Ende. Die meisten gehen raus. Die Sonne scheint, es ist warm, ein schöner Herbsttag.
„Wie geht es dir?“, strahlt mich der erste junge Mann an. Ich bin überrascht. Dass er mich anspricht, obwohl er altersmäßig locker mein Sohn sein könnte. „Ich heiße Hadi. Und wie heißt du?“ Die Worte, die er spricht, sind fast akzentfrei. „Das ist mein Freund Ahmet“, sagt er und fragt mich, ob ich rauche, bietet mir eine Zigarette an. Ich rauche nicht. „Warum rauchen die Deutschen nicht?“, fragt er, „Warum ist es hier in öffentlichen Gebäuden verboten?“ Ich bin erstaunt, wie gut er Deutsch spricht und frage, wie lange er schon hier ist. Seit 20 Tagen, sagt er, fast einen Monat.
Wir stehen draußen in der Sonne. Inzwischen sind wir eine kleine Gruppe. Vier, manchmal fünf, junge Männer und ich. Sie sind begierig darauf, Deutsch zu lernen, zeigen mir Bilder, fragen nach dem deutschen Begriff, sprechen nach, was ich sage, sagen mir das Wort auf Arabisch und ich muss es auch versuchen. Wir lachen viel. Ich sehe Bilder von einem wunderschönen Syrien, einem Land in dem es sich zu leben lohnt, das es wohl so nun nicht mehr gibt. Hadi zeigt mir Bilder von seiner Familie. „Ich habe einen Sohn und drei Frauen sagt er.“ Drei Frauen? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Die anderen lachen. Nein, natürlich keine drei Frauen. Er hat nur eine Frau, aber drei Töchter. Vier Kinder. Einen Sohn und drei Töchter eben. Hadi lernt das Wort „Tochter“ und „Töchter“.
„bst – bst – bst – Herbst“
„Herbst“ ist für die Araber nicht so leicht auszusprechen. Wegen der vier Konsonanten hintereinander: „rbst“. Wir kürzen das etwas ab und machen „bst“ draus. „bst – bst – bst“. Dann rhythmisch. Ist ein bisschen wie beatboxing. Das kennen sie und machen begeistert mit. Und schließlich sagen sie „Herbst“.
Eli mag ich besonders. Er ist um die 30, schätze ich. Seine Auffassungsgabe begeistert mich. Er ist seit zehn Tagen hier. Seit zehn Tagen lernt er Deutsch. Es hört sich an, als hätte er es bereits in Syrien gelernt. Hat er aber nicht. „Kannst du noch mehr Sprachen?“ frage ich ihn. Er scheint mir eindeutig sprachbegabt. „Ja, Englisch“, sagt er. Sein Englisch ist noch ein bisschen besser als meins. Wir können uns richtig unterhalten.
Aber jetzt will er Deutsch lernen. Es geht ihm nicht schnell genug. Was ich erkläre, saugt er auf wie ein Schwamm. Und setzt es umgehend um. Er hat irgendetwas mit Wirtschaft und Finanzen studiert, erzählt er. Ich wünsche mir, dass er das bei uns weitermachen kann, so lange er hier ist.
Irgendwie ist das hier eine intensive Deutschstunde. Alle sind aufmerksam, wissbegierig, fragen.
„Nice to meet you“, sagt Eli und will wissen, wie man das in Deutsch sagt. Einfach übersetzen? Ich überlege. Nein, im Deutschen würde man wohl eher sagen „Schön, dich kennengelernt zu haben“ oder „Ich freue mich, dich kennengelernt zu haben.“ Das ist kompiziert, aber Eli kriegt das hin. Nach zehn Tagen Deutschunterricht.
Ob ich wiederkomme, möchte er wissen.
Es wird mir eine Freude sein.
Ich versuche die Namen zu lernen, es ist schwierig. Eli, Ahmed, Hadi und jemand dessen Namen mit S. anfängt. Arabisch ist für mich ganz und gar neu. Aber jetzt weiß ich, dass „antike“(syrisch) „antik“(deutsch) heißt. Ein paar mehr Wörter habe ich nachgeplappert. Aber leider alle wieder vergessen.
Ich gehe wieder zurück zu meiner Arbeit im Büro und sage: „Tschüss bis bald.“
Ich werde wieder kommen. Das nächste Mal vorbereitet. Mit ein paar Sprechübungen in der Tasche. Und vielleicht erzähle ich ihnen etwas über unser Leben, über die ganz alltäglichen Dinge.