Berlinale: A bathala de Tabatô
Fritz Lang meets Oral History
Dunkle Leinwand, Regenwaldregen, akzentuierende Trommelschläge und eine Männerstimme aus dem Off erzählen als Filmeinstieg eine mythische Stammesgeschichte: Mündliche Überlieferung und mehrere Minuten Schwarz etablieren Ungewöhnliches für zeitgenössische westliche Sehgewohnheiten. Dann werden Mofas im nächtlichen Regenwald von vorne in der Fahrt abgefilmt, harter Schnitt, gleiche Einstellung, die Mofas tagsüber auf der Straße einer afrikanischen Stadt, Tabatô, als wäre das eine Bild der Negativ-Abzug des vorherigen.
Regiesseur João Viana, Westafrikaner mit portugiesischer Herkunft, hat seine filmhistorischen Hausaufgaben gemacht – „The M of the Portugese Cinema“ heißt eine Dokumentation, die letztes Jahr unter seiner Regie entstanden ist – weswegen sein Entwurf einer postkolonialen Geschichte, die in einem der ärmsten Länder Afrikas spielt, Guinea-Bissau, enorm effektiv ist.
Die Kamera verhält sich, zusätzlich zu den Graufstufen, zum Geschehen sehr reduziert, häufige Perspektivwechsel und Schnitte, die nicht glattgezoomt werden (Schwenks gibt es auch keine), fordern dazu auf, zu einem aufmerksamen Gefährten des Fremden zu werden.
Dazu gibt es Plot und Dramaturgie, Fatu, junge Uni-Dozentin mit Smartphone und Plastik-Flip-Flops, verlobt mit Indrissa, der gleichzeitig Musiker und spiritistischer Weiser ist(seine Stimme erzählt in der Einstiegssequenz), und Fatus Vater Baio, der aufgrund der anstehenden Heirat aus seinem kriegsbedingten Exil eingeflogen wird.
Seine Innovations- und Aktualisierungsfähigkeit, die bereits beim Visuellen erstaunt und beglückt, wendet Viano auch im Umgang mit den symbolischen Motiven an, mit denen er arbeitet: Beispielsweise bringt Baio aus Portugal einen Koffer mit, der zunächst rätselhaft scheinende Gegenstände beinhaltet; Fatu untersucht sie während der Abwesenheit des Vaters, kommt aber genausowenig zu einem Schluss wie der Zuschauer, zu welchem Zweck Baio wohl einen auf einer Steinplatte einbetonierten Wasserhahn gebrauchen könnte. Einige Szenen später hält sich Baio genau dieses Objekt an sein Ohr, woraufhin die Leinwand rot wird und Gewehrschüsse, wie man sie aus Kriegsfilmen kennt, in die vorherige Stille einbrechen.
Es werden also posttraumatische Belastungsstörungen im Film behandelt, man erfährt einiges über afrikanische Minderheiten, außerdem werden postkoloniale Strukturen thematisiert und Musik spielt auch eine wichtige Rolle, allerdings wird man „A bathalo de Tabatô“ mit diesen Schlagworten keinesfalls gerecht, sondern verkürzt ihn auf einen eurozentristischen Diskurs. Daher auch die dringende Empfehlung, den Film vor Beginn des Abspanns zu verlassen, bevor die Polyphonität afrikanischer Stammesmusik einsetzt und man doch noch ethno-kitschig belästigt werden kann
"A batalha de Tabatô" (The Battle of Tabatô), João Viana, Guinea-Bissau 2013