(Choreo-)graphische Akte
1.
Immer wenn etwas anfängt, erscheint, weitermacht oder aufhört, dann fängt auch das Recht an, erscheint, macht weiter oder hört auf. Das Recht ist in alles und in allem involviert. Ob meine Perspektive ist oder meine Aufgabe, das zu sagen, wen schert's?
Wenn man so etwas wie Legosteine oder die ersten und letzten Dinge seiner Wissenschaft haben möchte, dann würde ich mir für meine Wissenschaft wünschen, dass das (choreo-)graphische Akte(n) sind. Ich stelle mir die Stellen, an denen etwas und das Recht kooperieren als Striche, Linien oder Züge vor, wie diejenigen, aus denen heraus Städte und Staaten gegründet, Begriffe und Menschen- oder Weltbilder sowie diplomatische Objekte gemacht sind. Kleine Grenzobjekte durch die Bewegegung geht könnten das schon sein.
2.
Seitdem sich über die kleine Ausstellung und den kleinen Workshop im Hamburger 8. Salon der Kontakt zu Roberto Ohrt und Axel Heil verdichtet und vertieft hat, ist mir noch einmal die Tafel 32 aufgefallen, zu der Ohrt und Heil eine fantastische Beschreibung liefern. Ich kann das hier nicht wiederholen, google it for you.
Sicher sind die Staatstafeln zwei Tafeln, an denen unterschiedliche Perspektiven darauf, was ein Körperschaft ist (nämlich etwas, was durch Kulturtechniken der Verkörperung oder Verleibung erscheint) fruchtbar zusammenkommen, fruchtbar, weil sich daran auch Geschichten und Theorien des Rechts entwickeln lassen, die nicht die Unverwechselbarkeit, die Ausdifferenzierung und die Stabilisierungen des Rechts sichern wollen, sondern: die einen Umgang mit Unbeständigkeit, mit vaguen (verschlingenden/ verschlungenen) Assoziationen und polaren Bewegungen ermöglichen sollen.
Aber Tafel 32 widmet sich dem Verhältnis von Körper und Recht auf einer anderen, vielleicht konkreteren Schiene, nämlich anhand der Geschichte des Tanzes und der dort mittanzenden Normen, Gebote, Verbote und normativen Praktiken. Tafel 32 ist im Werk Warburgs das, was La passion d'être un autre im Werk Pierre Legendres ist. Und weil ich Warburg und Legendre für zwei der wichtigsten Autoren zur modernen Bild- und Rechtswissenschaft halte, bietet es sich an, Warburgs Tafel 32 mit Legendres Buch von 1978 zu vergleichen. Vor die Klammer gezogen: Bei beiden ist die Frage nach dem Gesetz auch diejenige "nach der Remanenz der Zeichen im Physischen und ihrem Insistieren im Verhalten der Körper" (Ute Holl). Beide nehmen in einer Hinsicht eine kulturtechnische Perspektive ein: Das Material ist in dieser Perspektive auch schon beschnitten, es ist durch die 'Scheidekünste' und das 'Distanzschaffen' gegangen, die dieses Material erst effektiv machen. Das Material ist dazu noch aus der Unterscheidung zwischen Form und Inhalt wie herausgeschält. Auch das Material: nur in Formen und Relationen, selbst dann, wenn an diesen Formen und Relationen immer noch zuviel und zuwenig hängt.
2.
Auch der Tanz, schreibt Legendre 1978, durch den das Gesetz im Körper des Subjektes echohaft zum Klingen kommt, könne sich nicht außerhalb einer Textualität verorten, in der das Begehren normativ begleitet wird (und noch einmal übersetzt gesagt: die Normen, zum Beispiel das Gesetz, die Gerechtigkeit oder das Vertragen) begehrt werden).
Mit Textualität meint Legendre ein spezifisch eingerichtete Struktur der Assoziation, die durch jene Faltungen aus Körper und Geist läuft, denen wir den Name Psyche geben. Auf diese spezifische Einrichtungen, etwa die Vorstellung eines Dritten, einer Referenz, will ich hier nicht eingehen. Aber darauf, Zitat Legendre:
Die gesellschaftliche Einheit und Übereinstimmung wirkt auf dogmatische Weise, das heißt auch ausgehend vom Glauben in seinen verschiedenen Ausformungen. Werbung und Propaganda versetzen genau dieselben Elemente in Schwingung wie das durch höchst wohlmeinende Diskurse geschütze Ensemble, das wir als Recht bezeichnen. Wir haben es also mit mehreren Arten von Juristen zu tun, jenen, die das Recht im engeren Sinne vertreten, und den anderen. Hier liegt im Kontext unseres Systems aus verblüffenden epistemologischen Annäherungen eine sehr große Schwierigkeit: Wir müssen akzeptieren, dass die Juristen überall sind.
Ob man sich am Yoghurtregal beim gleichen Yoghurt und vor der selben Verpackung, an der selben Marke trifft (und dann glaubt, man habe den gleichen Geschmack und schmecke das Selbe), ob man im Netz sich in den sortierten Grüppchen trifft, die mit ihren Solidaritätsbekundungen sich auf der gleichen Seite und andere auf der anderen Seite glauben, ob man sich vor Gericht trifft und dort gleich zu urteilen glaubt: Etwas an der Assoziation ist nach Legendre auf eine Weise verbunden, dass sie vom Selben durchzogen ist, schon weil sie das Selbe durchzieht, kompromissbereit gesagt: Etwas als Selbes erscheinen und annehmen lässt. Legendre hat ein Interesse am Selben, Warburg auch. Und beide entfalten dieses Interesse an etwas, was tanzen lässt und dass der Tanz selbst oder sein Regime, seine Normativität sein könnte. Legendre sieht im Tanz eine Passion oder Leidenschaft, nämlich des Selben, anders zu sein (das hat er schön doppelt gemoppelt gesagt). Warburg sieht im Tanz polare Bewegung (und assoziiert sie gleich mit seinen Vorstellungen vom Verschlingen, in dem Fall einer Figur, die man mit Helge Schneider den Wurstfachverkäuferin nennen könnte, eine Figur aus der Karnevalisierung und Verkehrung der Geschlechter). Das Selbe, so will ich das einmal annehmen, ist dasjenige, was sich daraus, dass die Kontraktionen und Distraktionen weitreichend und unaufhaltsam sind und darum bei aller vorgehenden Differenz sich etwas auch decken kann und genau das manchmal tut. Wäre Differenz begnügsam und würde sie immer verteilt in Differenz verbleiben, müsste man kaum Distanz schaffen. Auch im Verkehr Deckung, so lautet eine Formel zu dem, aus dem bei Legendre und Warburg die Fragestellung spriest. Daraus resultiert zu nicht unerheblichen Anteil das, was man Legendres und Warburgs Fragestellung nennen kann. They want to reign the rain oder Stellen, die nah am Wasser gebaut sind, auch halten können und nicht halten müssen. Sie wollen Passionen mitmachen können.
Daraus entwickelt Legendre etwa die Weite eines Begriffs des decorums, der dogmatisch assoziiert bleibt und doch vom Passenden bis zum Passierenden reicht, immer sowohl an Zähmung als auch Züchtung des Fiktiven (das er auch, wie andere, als das Normative begreift) hängen bleibt. Daraus entwickelt Warburg seine Polarforschung und noch die Summa zum Verzehren des Gottes, wie man sie auf den Staatstafeln finden soll.
3.
Fragen, die gestellt werden, die müssen beantwortet werden. Die Frage danach, was ein Tanz ist, kann definitiv beantwortet werden, aber unabhängig davon wird der Tanz etwas sein, dessen Fassung sowohl begrifflich als auch metaphorisch gelingt. Dass der Tanz eine Bewegung ist, die durch Körper geht, von denen angenomen wird, dass sie einen Beweger hätten, der zwar in ihnen säße und ihnen doch Passion ermögliche, das wird ein Teil seiner Bestimmung sein. Dass die Menschen tanzen, das wollen wir voraussetzen: dass nicht nur sie tanzen, dass sogar nicht nur das Lebende tanzt, dass aber auch.
Der Tanz ist eine Aufgabe für vergleichende Normwissenschaften und vergleichende Meteorologie, er ist eine Aufgabe für alle die, die etwas von Regeln und Normen für Körper wissen wollen, durch die Bewegung geht. Der Tanz ist ein Verwandter des Protokolls (auch des diplomatischen Protokolls, wie man es auf Tafel 78 sieht), der Liturgie (wie man sie ebenfalls auch Tafel 78 sieht) und er ist ein Verwandter der Choreographie, in beiden Fällen so weit verwandt, dass man sagen, er sei einer von ihnen.








