Das einzige, das wir sicher wussten, war, dass wir mit Unwissenheit nicht leben konnten. Die Unibescheide kommen niemals, sagte das Blondie, wir hätten uns genauso gut auf dem Mars bewerben können. Das wäre auch gerade weit genug weg gewesen von deiner Familie. Und Thede. Wow, sagte ich, wir sind nervliche Fracks. Du hast Thede seit mindestens anderthalb Jahren nicht mehr erwähnt. Ich weiß, sagte das Blondie tief seufzend, aber mehr weiß ich auch nicht. Außer, dass die Unibescheide nicht da sind. Sie ließ ihren Kopf auf den Tisch fallen. Ich trank einen Schluck Kaffee aus ihrer Tasse. Am Blondie bewegte sich nichts.
Thede war der athletische Gott unseres Jahrgangs gewesen, bevor er sitzenblieb und der athletische Gott des Jahrgangs unter uns wurde. Hände wie Schaufeleimer, Arme wie Baumstämme und dazu das Gemüt eines Bernhardiners und die ganze Schule war ein kleines bisschen verliebt, inklusive der Lehrerzimmertür, die sich ihm magisch oft öffnete. Wir anderen schauten zu wie Thede traumwandlerisch durch die Schule wandelte, den Kopf immer beim nächsten Training. Dass er dumm wie die Tauben im Schulhof war, machte nur Snobs wie mir etwas aus. Das Blondie, ihrerseits eine große Ablehnerin von Intelligenz, konnte nichts davon abhalten, die Pausen plötzlich nicht mehr mit mir im Rauchereck zu verbringen, sondern mit Thede drüben beim Tischtennisballtisch. Ich sah zu und rauchte wütende Wolken in den Himmel.
Der ganze restliche Schulhof sah auch zu. Da war sie, die wunderschöne, aber leider komplett durchgeknallte Heldin der Geschichte und er, der auf jede Art die klassische Heldenrolle besetzen konnte, solange man ihn nicht bat zu erklären was ein Held eigentlich ist. Sie waren wie gemacht füreinander, da alle großen Heldengeschichten im Kern Dramen sind.
Zunächst ging alles gut. Das Blondie vergnügte sich und ich versuchte mich daran zu erinnern, mit wem ich befreundet gewesen war, bevor wir uns begegneten. Ich hörte das Essen kurzzeitig auf um so dünn zu werden wie sie. Sie wurde dank neuer Zucki-Pillen in der gleichen Zeit noch dünner, woraufhin ich das Essen ernsthaft aufhören musste und meine Eltern mir auf die Schliche kamen. Das Ergebnis war eine durchgeknallte Psychologin, die mich in allen Therapiesitzungen bat mir vorzustellen, ich sei ein Baum, den nichts entwurzeln konnte. Ich schüttelte wütend meine Äste um einige Kalorien zu verbrennen während sie schwafelte. Dann ging ich heim und in der Einsamkeit meines Zimmers fragte ich mich langsam aber sicher, ob ich Alleinsein glorifiziert hatte, weil es das Blondie gab oder ob ich mich schlechter kannte, als ich dachte.
Die Antwort war vermutlich beides.
Nach drei Monaten Turteltauben-Dasein und Schulhofneid erinnerte sich das Blondie meiner Existenz und mein ursprünglicher Plan sie mindestens eine Woche zu ignorieren zerfiel im Moment, in dem wir unseren ersten Tiefseetaucher tranken. Beim dritten hätten wir nicht einmal mehr gewusst, wer Thede eigentlich war und so kehrte in dieser Nacht alles zum Alten zurück. Erst als er anrief und anrief und anrief erinnerte ich mich daran, dass das Blondie nicht mehr mir allein gehörte und dann erinnerte ich mich an nichts, da ich bevorzugte nichts zu wissen, anstatt das.
Natürlich stellte sich heraus, dass die Beziehung nicht so super war wie gedacht. Denn erstens waren wir noch nicht mal ganz 18 und nichts auf der Welt ist gut, wenn man nichtmal ganz 18 ist. Und zweitens war das Blondie ein schwieriger Mensch und Thede hatte seine eigenen Probleme und kurze Zeit später zerfloss sie in meinen Armen, da er sie nicht so liebte, wie sie gedacht hatte und alles furchtbar war. Mit der Großmut einer Kaiserin nahm ich sie zurück zu mir, auch wenn ich vermutlich die einzige war, die das so sah und von da an gingen wir Thede aus dem Weg.
Das war zumindest der Plan, aber stellte sich heraus, dass das Blondie sein Herz verloren hatte und sich sicher war, es nie wieder zu bekommen. Das Leben macht keinen Sinn mehr, sagte sie sinnierend auf der kleinen Flußmauer sitzend von der aus wir runterspringen konnten, sobald wir sehr betrunken waren und unsere Füße baden wollten, und ich stimmte nicht zu. Das Leben war jetzt gerade, mitten im Sommer, zu Beginn unseres letzten Schuljahres eigentlich ziemlich perfekt. Das Wetter war warm, ich war braungebrannt und dünn, die Haare des Blondies glänzten in der Sonne wie flüssiges Gold und wir hatten Alkohol und Kippen, die wir legal nicht besitzen durften. Was hätte man nicht nicht mögen können?
Dieser Sommer war der erste, in dem ich verstand, wie schnell Freundschaften in die ein oder andere Richtung ausschlagen können; wie schnell etwas, das so fest zu sein schien wie meine Arme an meinem Körper sich langsam loslöst, verblasst und irgendwohin entschwindet, wo man es in seiner ursprünglichen Form nie mehr findet. Und ich lernte, dass ich mich selbst wohl niemals ganz kennen würde, denn meine Eifersucht, Kleingeisterei und Genervtheit gegenüber dem Blondie hätte ich niemals von mir erwartet. Das Leben war viel weniger gut als noch vor sechs Monaten, aber wir saßen zusammen auf dieser Mauer und stoßen an und taten als seien wir die Menschen von vor einem halben Jahr und dann kamst du aus dem Nichts und setztest dich neben uns und brachtest uns wieder zueinander auch wenn es das vermutlich letzte war, was du eigentlich wolltest.
Dein Gesicht sieht aus als seist du als Kind zu viel in der Sonne gewesen, sagte das Blondie und ich kicherte und du lachtest laut auf und fragtest uns, ob wir noch was trinken wollten. Wollten wir. Dann rauchten wir eine gemeinsam und dann gingen wir in eine Kneipe gemeinsam und du ludst uns nicht ein, was wir fancy fanden. Und dann gingen wir auseinander ohne Nummern auszutauschen, da wir alle wussten, dass unsere Stadt klein genug war um sich immer irgendwo zu begegnen aber es zufällig aussehen zu lassen und als du mir zu blinzeltest bevor ich abdrehte um heim zu gehen schlug mein Herz einen Schmetterlingsschlag schneller.














