Tag 1082 / Als Deutsche lerne ich von klein auf keine Feier ohne Alkohol kennen.
Die Gäste tranken auf meiner Taufe. Da standen immer ganz selbstverständlich Bier-, Wein- und Spirituosenflaschen auf dem Tisch, der Anrichte, neben dem Schornstein, dem Küchenschrank. Die Gäste tranken bei meiner Konfirmation. Und etwa zu diesem Zeitpunkt entwickelte ich mit meinen Freunden ein Trinkmuster, das sich von dem meiner Familienmitglieder und Verwandten bereits unterschied. Angebrochene Alkoholflaschen, die zurückgestellt wurden für die nächste Feier, gab es bei uns Jugendlichen nicht. Wir tranken immer alles leer und brauchten manchmal auch noch Nachschub.
Als Deutsche lerne ich von klein auf keine Feier ohne Alkohol kennen - und das betrifft ja nicht nur große, einmalige Feiern wie Taufe und Konfirmation. Ich lerne, dass Alkohol immer und überall dabei ist - auf dem Altstadt- und Schützenfest, beim Grillen, bei Geburtstagen, anlässlich der meisten gesetzlichen Feiertage, … und der meisten Feierabende scheinbar auch.
Als Deutsche gehe ich jahrzehntelang in Restaurants, Bistros, Cafés, Imbisse - erst mit elterlicher Begleitung, dann ohne - wo überall Alkohol angeboten und angenommen wird, wo die Menschen sich auch zum Mittagessen mal ein Bier oder einen Wein bestellen, wo zum Kuchen ein Glas Sekt gereicht wird.
Heute sitze ich in meiner Mittagspause in einem alkoholfreien Schnellrestaurant. Und ich könnte wieder ausrufen: “Die Araber retten mein Leben” (Tag 879). Und genaugenommen, sind es nicht die Araber, sondern die Muslime. Die Muslime retten mein Leben! Die Muslime retten meine Abstinenz! Hier in der Praktikumsgegend haben die es geschafft, Abstinenzraum zu erobern und die deutsche Alkoholunkultur erträglich nebensächlich zu machen. Ich darf da bestellen an dem Stand mit der Aufschrift halal. Ich darf mich da reinsetzen ins Lokal, in dem ich mich sicher fühle. Ich bin willkommen. Auch als deutsche Christin. Als deutsche, alkoholabhängige Christin.
In der S-Bahn werde ich mir zum Feierabend ein Lion White einverleiben, keine Pulle Zellgiftbräu, auch wenn Zucker ja so viel verschriener ist hier in Deutschland in den 2010ern.
Zu Hause beschäftige ich mich mit möglichen Zusammenhängen meiner Erkrankung Alkoholismus und der Kultur dieses Landes, einer Kultur, die auch über Medien vermittelt wird.
Ich stoße auf die Veröffentlichung “Social and Cultural Aspects of Drinking” vom “Social Issues Research Centre” in Oxford (http://www.sirc.org/publik/drinking3.html). Ich finde Kapitel 11 “Alcohol in the Media: Drinking Portrayals, Alcohol Advertising, and Alcohol Consumption Among Youth” aus “Reducing Underage Drinking: A Collective Responsibility” vom “National Research Council and Institute of Medicine” aus Washington (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK37586/). Ich lese online bei der New York Times “Alcoholism is rarely treated soberly on TV”, “Television has a drinking problem” (http://www.nytimes.com/2010/12/03/arts/television/03watch.html). Ich entdecke den Artikel “Alcohol Portrayal on Television Affects Actual Drinking Behaviour” von Rutger Engels (https://academic.oup.com/alcalc/article/44/3/244/178694). Ich fange mehrmals heftig an zu heulen, als ich mich ausschnittweise durch “7 Tage… trocken”, eine NDR-Doku von Benjamin Arcioli und Lisa Wolff, klicke (https://tinyurl.com/ydxdc5ok) und insbesondere, als ich im Text zur Sendung lese “Alkohol gehört zu den gefährlichsten legalen Drogen überhaupt” … “Nur drei Prozent der Suchtkranken, die sich einer Entgiftung unterziehen, bleiben tatsächlich abstinent.” Ich erfahre, dass ich heute 1052 Tage länger trocken bin als Ex-Basketball-Profi Dennis Rodman (https://www.vip.de/cms/kein-alkohol-mehr-fuer-dennis-rodman-4143632.html) und dennoch nicht weiter entfernt vom Rückfall als er.
“Manchmal wenn es mir schlecht geht, suche ich Beiträge über meine Krankheit” (Tag 728) - und es geht mir heute nicht besonders gut.









