Kurz gesagt: Wie verhalten sich Geschichtsphilosophie und Formanalyse zueinander?
Formanalyse, Formbestimmung eines Systems, Trennung von Wertgröße und Wertform – der Witz ist ja bei Marx gerade, dass er sagt, die Wertgröße hat in allen Zeiten der Geschichte eine unbestreitbare Rolle gespielt, das fängt beim Neandertaler an: Wenn einer in einer Stunde seinen Faustkeil bearbeitet hat, ist es dem natürlich angenehmer, als wenn er zwei Stunden dazu braucht. Das, was Marx also, wie ich finde, neu ins Spiel bringt, ist die Formbestimmtheit. Es ist ganz interessant, dass im Marx ganz viel Aristoteles auftaucht, nicht nur als Beleg oder in Fußnoten, sondern in Bezug auf die Formbestimmtheiten. Aristoteles, der bedeutendste Denker des Altertums, den hat er nicht aus archivarischen Gründen in seinem Werk verehren wollen, sondern wenn ich die Hegelsche Philosophie materialistisch wende, tritt der Aristotelismus, der in ihr aufgehoben war, wieder an die Oberfläche. Ein ziemlich einfacher Vorgang. Daher das große Interesse an Form und Materie, an der Formbestimmtheit, an solchen Kategorien im Kapital. Ricardo war sehr weit gediehen mit der Analyse der Frage der Wertgröße, aber der Schönheitsfehler seiner Konzeption war ja in den Augen von Marx der, dass er es versäumt hatte, zu sehen, dass in der Formbestimmtheit der historische und damit auch vergängliche Charakter des kapitalistischen Systems, zuerst einmal auf einer theoretischen Ebene, nachzuweisen war. Man kommt nicht umhin, Georg Lukács’ Geschichte und Klassenbewußtsein, den berühmten Aufsatz Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats über den Fetischcharakter der Ware zu lesen. Aber schon der Titel zeigt, dass Lukács natürlich geglaubt hat, seine sehr gescheite und geistreiche Analyse dieser warenanalytischen Bestimmungen sei schon die ganze Wahrheit. Er hat es selber so gesehen, als spiele sich unter seinen Augen ein sich anbahnender revolutionärer Prozess ab, den es dann ja in der Tat nicht gegeben hat. Stalins berühmte These vom „Sozialismus in einem Lande“ von 1930 war ja eigentlich das Eingeständnis, dass das Konzept der Weltrevolution, jedenfalls so wie man sich das einmal gedacht hatte – Marx selber hat ja auch gemeint, es müsse gleichzeitig in allen Ländern das neue System aufgebaut werden -, gescheitert war. Kurzum, Trotzki wurde, wie Sie wissen, in Mexiko ermordet, weil er das immer noch im Schilde führte, nachdem die ruhmreiche Sowjetunion schon ganz andere Schritte getan hatte.
Worin Marx geirrt hat, war einfach sein deutscher Idealismus, er hat geglaubt, die Menschen lassen sich den unwürdigen Zustand nicht gefallen. Wenn aber die Alternative lautet: Wir gehen nach Mallorca nächsten Sommer… Man hat dem Proletariat wahrscheinlich, so hat das der späte Horkheimer formuliert, die Sache ein bisschen abgekauft.
Die Frage eines Subjekts der Geschichte ist von Herbert Marcuse so beantwortet worden, dass er meinte, das Proletariat sei korrumpiert worden. Er hat dann an die historische Kontinuität oder an das historische Kontinuum als solches nicht mehr geglaubt. Die letzten Werke von Marcuse, die ich ja auch bis zuletzt in großen Teilen übersetzt habe, beinhalten nicht mehr die Vorstellung: Jetzt brechen wir unmittelbar auf in eine neue Ordnung der Dinge. Die Vorstellung also, dass die politische Aktion der Arbeiterklasse, die theoretisch untersucht worden war, irgendwie mit der ökonomischen Dynamik vermittelt sein könne oder müsse, das hat er doch am Schluss aufgegeben. Der Begriff des revolutionären Proletariats ist ein mythologischer Begriff geworden, hat er einmal zu mir gesagt, und das ist nicht ganz falsch. Es tut mir also leid, dass ich hier keine großen Jubelstürme anstimmen kann, das entspricht einfach nicht der Wahrheit der Dinge.
Philipp Lenhard, Niklaas Machunsky, Mathias Schütz, „Es geht um die Anstrengung des Begriffs. Ein Gespräch mit Alfred Schmidt über Formanalyse, Geschichte und Revolution“, Prodomo no. 11, 08.06.2009.