Hallihallo! Wer meine Einträge aufmerksam verfolgt wirt merken, dass sich zwischen diesem und dem letzten Eintrag dann doch ein recht großer Zeitsprung liegt. Bei inhaltlichen Fragen einfach an mich wenden :) Drinnen war es etwas heller als bei meinem letzten Besuch, die Leuchtfrüchte waren etwas praller geworden und manche waren zu Boden gefallen, wo sie den Weg erleuchteten. Die Luft war schwerer und feuchter als in der Zentrale, oder oben in den Wolken, verwunderlich, und der erdige Moosduft stieg mir in die Nase. Ich hörte, wie Mariah direkt neben mir den Duft inhalierte und exhalierte. „Wow. Dagegen ist der Rickelby Forest, Räubergeschichten hin oder her, total langweilig.“ Bedächtigen Schrittes bewegte sie sich auf eines der verwachsenen, knorrigen Bücherregale zu und zog ein Buch heraus. „‘Die Geschichten von Keks, dem zweiköpfigen Zwerg‘.“, las sie vor und hielt das Buch hoch. Blauer Einband sowie die Zeichnung eines rotbärtigen, grünhütigen, zweiköpfigen Zwerges. Wir beide lachten über den ungewöhnlichen Titel und sie stellte das Buch vorsichtig an seinen Platz zurück, bevor sie über einen moosigen Baumstamm hüpfte. Der Wald war still, wie schon beim letzten Mal, doch das hatte nichts zu bedeuten, schließlich hatte ich Eos auch damals nach einiger Zeit gefunden. Wir streiften durch den Wald, Mariah interessierte sich besonders für die schimmernden Blüten am Boden des Bücherwaldes und wirkte ganz entzückt, als sie ebenfalls schimmerte, sobald sie die Blütenkelche berührte. Wir kletterten ein wenig auf den Bäumen herum, deren Äste tief genug hingen und versuchten, die Leuchtfrüchte zu pflücken, doch die wichen genauso geschickt, wie unser Frühstück aus. Als wir schon eine Weile im Geäst herumturnten und ich Eos noch immer nirgendwo entdeckt hatte, ganz gleich, ob nun als Kokon, oder Schmetterling, beschloss ich, nach ihm zu rufen. Sein Name schallte nicht weit, das Laub und die Stämme dämpften den Schall und es schien recht hilflos. Nach mehreren Rufen und einem beschwerlichen Abstieg aus den Kronen der Bäume, die nicht zu enden gedachten, beschloss ich aufzugeben. „Es hat keinen Sinn, ich stelle ihn dir ein andermal vor. Lass uns jetzt schauen, ob wir vielleicht Raven einen Besuch abstatten möchten.“, erklärte ich Mariah. Doch wo war sie? Nicht hinter mir, wo ich sie erwartet hatte und genauso wenig vor mir, wo ich sie gesehen hätte, über mir schien sie auch nicht zu sein. „Mariah?“, rief ich, doch ich wartete vergeblich auf eine Antwort. Ich suchte den Weg ab, aus dem ich glaubte gekommen zu sein, doch sie war nirgends zu sehen. Immerzu rief ich ihren Namen, stieg wieder auf die Bäume, um eine bessere Aussicht zu erhalten doch sie war und blieb vorerst unauffindbar. Dafür gesellte sich sehr bald und unbemerkt jemand anderes, beinahe unbekanntes zu mir. Nicht Eos, der ließ sich noch immer nicht blicken, sondern jemand, den ich nicht unbedingt in diesem Wald erwartet hätte, der sich allerdings als mehr als passend herausstellte. Es war der Junge, der mich vor einer guten Woche aus der spätabendlichen Schule ‚befreit‘ hatte. Ebenso lässig und leger stand er gegen einen der Bäume gelehnt und passte, bei mehrmaligem Hingucken, genauso in die Szenerie wie vor einer Woche. Er aß eine der Leuchtfrüchte und bewies damit indirekt, dass sie sich ihm nicht hatte entwinden können, wenn er sie nicht gerade vom Boden aufgesammelt hatte. „Du rufst vergebens nach ihr.“, sagte er und biss in die Frucht. Ich überlegte kurz, wie ich seine Präsenz einordnen sollte, ob er mir wohl helfen wollte, oder nur dumm rum stehen… und fragte ihn dann: „Wirst du mir helfen, sie zu finden?“ Er grinste ein unerträglich selbstgefälliges Grinsen und schüttelte den Kopf. „Ich bin der Letzte den du da fragen solltest. Aber ich möchte dich nicht ganz verloren dastehen lassen…“ Seine Stimme passte zu seinem Aussehen, selbstverherrlichend und rau, allerdings nicht kratzig. Ich entschloss mich, ihm endgültig misstrauisch gegenüber zu stehen, da er mir offenbar nicht helfen wollte. Ich kräuselte die Nase und zog eine Augenbraue so hoch, wie ich konnte, verschränkte meine Arme und verlagerte das Gewicht. „So?“, fragte ich, woraufhin er nickte und einen Kern ins Gebüsch spuckte, wo das Blattwerk automatisch begann zu fluoreszieren. „Ich kann deine Frage beantworten.“ Welche Frage? Ich hatte keine gestellt, abgesehen von der, die Mariahs Verschwinden betraf. Er schien meine Verwunderung zu bemerken und lachte kurz auf, ein freudloses Lachen, keines, das von Herzen kam. „Was verbirgt sich hinter der zwölften Tür?“, half er mir auf die Sprünge. Ich legte die Stirn in Falten, ich hatte diese Frage nie in seiner Nähe ausgesprochen, nicht bewusst jedenfalls, was hieß, dass er mein Gespräch mit Lucia belauscht hatte. Ich strich meinen Pony aus meinem Gesicht und merkte, dass es noch immer feucht war, machte mir darum allerdings keine Gedanken, eine Erkältung wäre mein kleinstes Problem, wenn sich mein Verdacht bestätigen sollte, und Mariah verschwunden wäre. Er hatte sich von seiner Position entfernt und streifte um mich herum, wie eine böswillige Raubkatze, sein Blick observierte mich pragmatisch. „Was sich dahinter erstreckt ist eine Ansammlung von… Kreaturen… die… lange Zeit weggeschlossen blieben. Aber jetzt sind sie frei.“ Ein Ast knackste unter seinem Fuß, als er mich weiter umkreiste. Was er mir da erzählte, konnte sich in zweierlei Richtungen entwickeln, doch so wie er mir davon erzählte, kam eigentlich nur noch eine in Frage. Kreaturen, die lange weggesperrt blieben waren meist böswillige Monster, die dem Gemeinwohl schadeten und die man aus Angst um die Sicherheit seines Volkes einschloss, oder aber es waren missverstandene Wesen, die man grundlos, oder aus purer Grausamkeit einsperrte. Ich hatte Philos kennengelernt und er wirkte, auch wenn er manchmal sehr distanziert und weltfremd schien, nicht wie jemand, der missverstandene Wesen einsperrte. Sprich, was nun frei umher wandelte, war eine Gefährdung für die Bibliothek, wenn mich nicht alles täuschte. „Warum jetzt?“, fragte ich, weil mir keine bessere Frage einfiel. Vorerst. „Du hast sie entkommen lassen.“ Jetzt breitete sich Perplexität in mir aus, entgeistert starrte ich ihn an. „Wie denn das?“ Er zuckte mit den Schultern. „Finde es heraus.“ Dieser Typ gefiel mir ganz und gar nicht. „Weißt du, ich bin ein netter Kerl.“, sagte er nach einer Weile und klang dabei gar überhaupt nicht, wie ein netter Kerl. „Ich zeige dir den Weg heraus, denn es wäre ja langweilig, dich schon hier scheitern zu lassen.“ Jedes seiner Worte war ein Rätsel, das es zu entwirren gab, mir kam es vor, als steckte ich in einem dieser Labyrinthe, die man als Kind vorgesetzt bekommt, in denen man die Maus zum Käse führen muss. Andauernd stieß ich gegen eine neue Wand. Und jetzt hatte ich auch noch Mariah verloren. Der Typ verschwand, brach allerdings nicht sein Versprechen, mich zum Ausgang zu führen, schimmernden Fußstapfen musste ich folgen, bis ich irgendwann vor der Tür stand. Ich blickte zurück in den dichten Wald, der mir mit einem Mal nicht nur mysteriös, sondern auch ungeheuerlich vorkam. Es begleitete mich ein schlechtes Gefühl, als ich den Wald verließ, doch ich hatte keine Chance, Mariah ohne weitere Hilfe und viel Glück zu finden, also sagte ich mir, dass es wohl das Beste war. Aus der Tür fiel, sobald ich sie öffnete, ein kleines, hartes Stück Pergament, auf dem in meiner spinnenbeinigen Schrift die Worte ‚Öffne dich‘ geschrieben standen. Mich überkam eine schauderhafte Ahnung. [...] Mit einem dumpfen Knallen schlug die Tür hinter uns zu und verschwand gleich darauf. Es gab also keinen Weg zurück. Gustavson machte ein gurgelndes Geräusch und streckte sich, den Blick in die graue Ferne gerichtete, wo Wälder und Berge in eine langweilig Masse verschwammen. Direkt vor uns weitete sich ein See aus, der mich unwillkürlich an den See im Garten der Bibliothek erinnerte, den ich mittels des Flaschenbootes überquert hatte. Doch dieser See war weder klar noch blau, sondern eine Art graugrüner Sumpf, in den ich nicht einen Zeh tauchen wollte, wenn es nicht dringend nötig war. Auf meinen Schultern lastete schwer der Rucksack, der mich bereits mit in die Bibliothek begleitet hatte, prall gefüllt mit Proviant und ein paar Klamotten, sowie Streichhölzern und, so lachhaft das klingen mag, Tintenfässchen inklusive einer Feder. Die Idee, Tinte mitzunehmen, stammte, so gern ich mich dafür brüsten würde, nicht von mir, sondern von Gustavson, der sie mir, kaum dass ich die Zentrale erreichte, in die Hand drückte. Sie wollten mir nichts erklären, er, Raven und auch Castiel nicht, sprachen nur davon, dass es dringend nötig war, auf der Stelle zu gehen. Es wunderte mich ein bisschen, dass Castiel mitkam, weil der ja die ‚rechte Hand‘ von Philos war, und Philos unterstützte dieses Vorhaben Scheins kein bisschen, doch es war nicht wirklich die Zeit, Fragen zu stellen. Wie es aussah lag eine lange Reise vor uns, wenn ich Gustavson vertrauen durfte, und ich hatte genügend Zeit um reichlich Fragen zu stellen. Während Raven sich mit ihren gewaltigen Schwingen in die Lüfte schwang und ich sie tatsächlich in Menschengestalt fliegen sah, packte der Katzenmann eine Karte aus und entfaltete sie lang und breit. Er setzte sich auf einen Stein am Ufer des Sees und fuhr mit einem Finger eine Route nach, malte mit roter Tinte Kringel um manche Stellen und schrieb Randnotizen. Castiel wirkte etwas nervös, er rieb sich stet über die Hände und biss sich auf die Unterlippe, sein Blick schweifte immer wieder zu der Stelle, an der zuvor noch die Tür die Möglichkeit zur Flucht geboten hatte. Gerade als ich ansetzte ihn doch zu fragen, warum er mitgekommen war, hob Gustavson den Kopf von seinem Kartenstudium, rief Raven zu sich und winkte uns ebenfalls her. „Die Karte ist alt und die Landschaft hier verändert sich je nach Belieben von Corax… sprich die Aufzeichnungen könnten komplett falsch sein. Aber wenn mich nicht alles täuscht, befindet sich der Palast von Corax hinter den Bergen, an der Küste seines eigenen Ozeans. Es ist naheliegend, dass eure Freundin dort gehalten wird. Wir sollten uns so schnell wie möglich aufmachen und heute Nacht am Waldrand kampieren, bevor wir in die Vollen gehen.“, knarzte Gustavson und unterstützte seine Aussagen mit einem Fingerzeig auf die Karte. Bevor wir seinen Plan hätten abnicken oder kritisieren können, faltete er die Karte zusammen und steckte sie in seine lederne Umhängetasche. Ich beschloss, später zu fragen, woher er eine Karte hatte, wenn dieses Land so strikt gemieden wurde… Flatternden Schwanzes und wachsamen Ohren erhob er sich und hüpfte über den Stein, über den er sich vorher gebeugt hatte. „Bewegt euch.“, kommandierte er und wanderte entlang des Seeufers. Raven und Castiel tauschten einen Blick, den ich nur auffangen und nicht verstehen konnte, bevor wir ihm folgten. Wie alles warf auch diese knappe Reiseerklärung Fragen auf, doch ich hütete mich davor sie zu stellen, denn Antworten warfen nur mehr Fragen auf. Es war wirklich ein Teufelskreis. Ich besann mich auf die wenigen Tatsachen, die ich mit Sicherheit wusste, und zwar das Mariah verschwunden war und wir sie suchten. In einer grauen Einöde die von einem ehemaligen Türöffner, oder einem Abtrünnigen, geschaffen wurde. Zur Hölle mit Matheformeln und Trigonometrie, dieses Abenteuer nachzuvollziehen war um Längen anstrengender. An keiner Stelle des grauen Himmels war auch nur ein Fetzen Blau zu sehen, strudelförmig kurvten die Wolken über uns hinweg, sanfter, aber kühler Wind strich uns durch die Haare. Raven hob von Zeit zu Zeit vom Boden ab und kreiselte in die Höhen, um einen Ausblick auf das Geschehen um uns herum aufzufangen, doch sie berichtete nie irgendetwas spannendes, kein Schloss, kein Leben. Am anderen Ufer des Sees stand noch immer das Häuschen, doch es schien genauso grau, leer und langweilig wie der Rest der Umgebung. Wenn diese Landschaft ganz und gar in Corax‘ Händen lag, warum sollte er sie dann so trist gestalten? Castiel lief schweigend neben mir her und starrte entweder auf seine unruhigen Hände, oder gen Himmel, sein sonst recht ordentlich gescheiteltes Haar stand an allen Seiten ab, als sei er soeben aus dem Bett gezerrt worden. Der Waldrand, den wir ja zu unserem Ziel erklärt hatten, lag zwar nicht in der Ferne doch der breite, lange See versperrte uns den Weg und es schien auch keine Flaschenboote zu geben, die uns herübertragen wollten. Gleich zu Anfang hatte ich vorgeschlagen, dass Raven uns darüber tragen konnte, doch Gustavson hatte resigniert den Kopf geschüttelt und erklärt, dass Corax es uns nicht so einfach machen würde. Er kenne sich nicht allzu gut mit so Leuten wie Corax aus, doch alles, was zu Beginn einfach schien, konnte sich nur als schwer und kompliziert herausstellen. Das waren die einzigen Worte, die wir seit unserem Aufbruch gewechselt hatten und nun hüllte uns schon seit zwei Stunden das Schweigen ein. Vielleicht waren es auch mehr, oder weniger Stunden. Die Armbanduhr, die ich mit in die Bibliothek genommen hatte, spielte durchweg verrückt und hätte mir wohl besser sagen können, wo Norden ist, als dass sie mir die Uhrzeit vermittelt hätte. Doch ich brachte es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen, denn ich hatte sie einst zum ‚Geburtstag‘ von Amaryl bekommen. Eine halbe Ewigkeit, wunde Füße und diverse gescheiterte Konversationen später, erreichten wir den Waldrand. Die Sonne ging bereits unter und färbte den gräulichen Himmel am Horizont rot, tauchte sogar den spiegelglatten See in etwas gesunde Farbe, kündigte allerdings damit die düstere Nacht an. Ich hatte bereits die ein oder andere Nacht im Freien verbracht, natürlich nicht in der Realität, oder das, was ich für die Realität hielt, sondern in manchen Büchern, allerdings war ich kurz darauf wieder in meinem behaglichen Bett aufgewacht. Hier allerdings war es etwas anderes. Diese Natur, der Wald, das teils tote Gras und die unheimlichen Geräusche, die aus dem Wald drangen, waren allesamt unbekannt und entstammten dem Kopf eines Ausgestoßenen. Gustavson hatte erzählt, dass bereits der ein oder andere Bote hinter dieser Tür verschollen war und ein Großteil von ihnen vermutlich ihr Leben gelassen hatte. Dabei waren ihre Botengänge meist irrelevant oder hoffnungslos, Friedensangebote von Philos and Kudós, um die Streitigkeiten zu begraben, doch diese Angebote wurden nie angenommen. Absolut alles konnte hier lauern, Orks, Gnome, Goblins, Nymphen, Waldgeister oder Zwerge, obwohl die bevorzugt im Gebirge lebten. Vielleicht warteten Vampire und Werwölfe nur darauf, dass wir unsere Augen zutaten. Oder viel schlimmer, die Gefahr lauerte nicht dort, wo man sie erwartete, sondern eine kleine Blaumeise würde einem einfach die Augen auspicken. Allerlei Boshaftigkeiten konnten im Schatten hocken, oder sich im Mondlicht sonnen, Fakt war, wir konnten uns in nichts sicher sein, dieses Terrain war sogar für den erfahrenen Gustavson neu. Entsprechend schlugen wir ein Lager auf, insofern man es als solchen bezeichnen konnte, in der Hast hatte ich nicht mal die Möglichkeit, einen Schlafsack zu suchen und einzupacken, geschweige denn besonders warmer Klamotten. Wir entschieden uns außerdem dagegen, ein Feuer zu entfachen, aus Angst, irgendwas, oder irgendwen anzulocken. Obgleich Feuer abschreckend wirkte, doch wer nicht auffiel, musste schon gar nicht abschrecken. Ich hätte mit Sicherheit noch einen oder zwei Kilometer mehr wandern können, auch wenn die Umrundung des Sees einiges an Zeit und Kraft gekostet hatte, doch ich war mir sicher, dass ich das nicht wollte. Die Sonne hatte ihre rötlichorangene Schleppe mit sich gezogen und war ohne ein freundliches ‚Auf Wiedersehen‘ hinter der Gebirgskette verschwunden, die die Ebene zu umrunden schien. Jetzt erstreckte sich düster und sternenlos der Himmel über uns, der Mond nur ein silberner, verschwommener Kreis, dessen Licht sich mühselig durch die Wolkendecke kämpfte. Castiel, der heute noch kein Wort gesprochen hatte, war auch des Abends nicht besonders redselig, sondern wickelte sich fest in eine Decke, schloss die Augen und schnarchte von da an. Raven bedachte ihn mit einem Blick, der beides bedeuten konnte, Mitleid und Enttäuschung, verlor über sein ungewöhnlich stilles Verhalten jedoch kein Wort. Gustavson meinte, wir sollten alle ein klein wenig essen, bevor wir uns schlafen legten und erklärte sich außerdem bereit, Wache zu halten. Obwohl noch alle Blätter an den spärlich verteilten Laubbäumen hingen und keinen Schatten Rot an sich trugen, erinnerten die Temperaturen an einen harschen Spätherbst, sodass ich mich in meinen Anorak und einen besonders dicken und besonders kratzigen Pullover einpackte, bevor ich eines der Butterbrote, die ich am Morgen von meinem Frühstück geschmiert hatte, herausholte und aß. Das wenige Essen, das ich dabei hatte war nicht nur knapp, sondern auch nicht sonderlich haltbar, folglich würde es sehr bald aufgebraucht sein. Im Nachhinein ärgerte ich mich unheimlich über meine Dummheit, doch machen konnte ich dagegen auch nichts. [...] Er unterbrach sich, denn es knackte, raschelte, rauschte und fauchte. Dann zischte es und eine enorme, freischwebende Flamme tänzelte über unseren Köpfen und kitzelte Raven an den Füßen. „Hat da jemand was von Beerentinte gesagt?“, zischelte eine heisere Stimme, doch ihre Quelle ließ sich nirgends ausmachen. In Alarmbereitschaft sprang Gustavson auf und schnüffelte um einen unbekannten Duft oder eine Spur zu finden, erfolglos, wie es schien. „Setz dich wieder hin, Väterchen. Mich kriegst du sowieso nicht.“, stichelte sie, definitiv eine sie, von woanders. Ravens Augen zischten umher, doch die unhöfliche Stimme ließ sich nicht im Schein der Flammen blicken. Selbst, wenn sie mitten auf dem freien Feld gestanden hätte, hätten wir sie durch den Schleier der Dunkelheit nicht erkennen können. „Verdreht euch nicht die Höschen, ich will euch nichts Böses. Noch nicht.“ Dann tat es einen Knall und sie stand plötzlich in unserer Mitte, mitten in der Flamme, als mache es ihr nichts aus. Sie war klein und stämmig, hatte kurze, sprunghafte, dunkelblonde Haare, ein gesundes, rundes Gesicht und bare, helle Füße, die sich unter einer Schmutzkruste versteckten. Bemerkenswert waren, neben ihrem karmesinroten Fuchsschwanz und den orangeroten, spitzen Ohren, die sich von Gustavsons nur in Farbe unterschieden, ihre flammend orangenen Augen. Ein überlegenes Lächeln zierte ihre schmalen Lippen und ihr aufgeplusterter Schwanz schwang angriffslustig umher. Mit einem lautlosen Hüpfen landete sie auf dem trockenen Boden, direkt vor mir und beugte sich zu mir hinab. Sie führte eine ihrer winzigen, niedlichen Hände zu meinem Gesicht und strich ihre langen Krallen entlang meiner Wange, wo sie Gänsehaut verursachte. „Na Kleines…“, gurrte sie grinsend und ihre goldgesprenkelten Augen wanderten mein Gesicht ab, während ihr warmer Atem darüber strich. „…von dir hat Rus schon erzählt, kleine Türöffnerin.“ Sie erhob sich ruckartig und drehte sich weg von mir, ließ ihren stinkigen Fuchsschwanz, wenn es denn einer war, durch mein Gesicht streifen, wo vorher ihre Krallen Kratzspurenhinterlassen hatten. Ich war glücklich über den Abstand zwischen uns beiden, doch die Verwirrung musste mir noch immer quer über die Stirn geschrieben standen. Mit grimmiger Freude bemerkte ich, dass auch Raven, Castiel und Gustavson überrascht schienen. „Ich bin Tonya. Und so nennt ihr mich auch, wenn euch euer Leben lieb ist. Corax schickt mich. Er freut sich sehr über euren Besuch und natürlich haben wir alles dafür getan, dass ihr euch im Schloss wohlfühlen werdet. Wenn ihr so weit kommt.“, kicherte und kreischte sei. Dann verschwand sie, so schnell wie sie gekommen war, und mit ihr verschwanden das Licht und die plötzliche Wärme. Ihr kommen und gehen war wie immer und alles in dieser verflixten Geschichte fragwürdig gewesen, doch sie wirkte ziemlich aufregend. Ich wartete darauf, dass einer der anderen ihre kurzzeitige Präsenz ansprechen würde, doch sie schwiegen. „Ihr kennt sie nicht, habe ich Recht?“, fragte ich. „Nein. Und ich bezweifle, dass ich sie näher kennen möchte. Corax‘ Leute sind mit Vorsicht zu genießen. Schlaf jetzt ein bisschen, wir wollen morgen früh und schnell weiter.“, ertönte Raven von oben, ihre Worte erfüllt von Abscheu gegenüber Corax und dessen Schergen. Von Castiel und Gustavson war zustimmendes Gemurmel zu hören und sehr bald legte sich Stille über unsere kleine Gesellschaft. Ich beschloss, Ravens Ratschlag zu folgen und legte mich, meinen Rucksack als Kopfkissen nutzend, nieder. Nach kürzester Zeit hüllte mich unruhiger, aber erlösender Schlaf ein.