Den letzten Sommer habe ich mit meinen Eltern in Irland verbracht. Das war unser letzter Urlaub zusammen. Jetzt ist Anuk weg aufs Konservatorium. Ich wollte nie, dass sie geht. Nicht schon mit 16. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich es nicht richtig finde. Viel zu früh. Und vor allen Dingen hat mich gestört, dass sie keinen Moment gezögert hat. Kann man das verstehen? Da war nicht die geringste Unsicherheit in ihrem Verhalten. Keine Sätze wie: Ich kann bleiben, wisst ihr? Wahrscheinlich funktioniert es ja sowieso nicht. Ich weiß nicht.
So etwas hat mir gefehlt, vielleicht weil ich mir absolut sicher bin, dass das bei mir so abgelaufen wäre. Verwälzte Nächte, zerbrochene Köpfe, Alpträume, Nachmittage am Kanalufer sitzend, hin und her überlegend.
Meine Mutter sagt, Anuk weiß eben, was sie will. Die ist nicht satt zu kriegen. Immer auf Empfang. Bei der drängt alles nach außen. In alle Richtungen gleichzeitig und jede Tür hat schon von Weitem offen zu stehen. Jetzt sitzt sie in München in einem Hotelzimmer, dass sie sich genommen hat, um zu üben. In einem Hostel ginge das nicht. Und sie spielt vielleicht Five Spots After Dark oder was weiß ich.
Wenn ich ehrlich bin, es kümmert mich nicht.
Irland war anders. Wir haben ein Paar aus Koblenz kennengelernt. Bachelorarbeit gerade abgegeben, frisch verheiratet. Lass dir bloß nichts von Regelstudienzeit oder so erzählen, haben sie zu mir gesagt und meine Eltern blickten immerzu aus dem Fenster, auf den Spielplatz raus. Einen dünnen Japaner mit Kinnbart, der nie das Stockbett verlassen und sich vorgestellt hatte mit: My english is so poor. So sorry. Eine laute Familie aus Madrid, die nur orange trug und eine Spur zu glücklich war. Haben mit den Deutschen darüber geredet dass man immer sagt: Wir kommen aus Köln. Oder: Wir sind aus München. Wenn man eigentlich gar nicht dort wohnt. Aber Koblenz, das sagt natürlich in Irland keinem was. Da nickt man höflich und lächelt, so wie ich das bei den Mädchen aus Israel getan habe. Was soll man da auch sagen? Free Palestine? Arafat hat den Friedensnobelpreis, wusstet ihr das? Gaza ist ein verdammtes Freiluft-Gefängnis? Nein. Stattdessen haben sie uns salzige Kekse aus Israel zu probieren gegeben und wir haben darüber geredet, was für eine hässliche Stadt Cork doch ist, besonders nachts und im strömenden, grauen Regen. Dann wenn die Straßen am Containerhafen ertrinken, die Hochspannungsleitungen vom Wasser gelbe Funkenblitze schlagen und der brüllende Regen gelbe Kippenstummel durch die Fußgängerzone spült. An M&K vorbei. Der Kirche und dem Opera House, neben dem eine Buchhandlung voll mit Joyce steht.
Mein Vater hat sich zurückgehalten und Mama hat das auch getan. Dass ich sie noch immer so nenne: Mama... Wenn sie ihren seidenen Schal trägt, von Anuk schwärmt, ihren roten Wein trinkt. Und mein Vater nicht weiß, was er zu mir sagen soll, weil ich gerade nicht studiere, es sind ja Semesterferien.
Irland also.
Die hohe, taufeuchte Wiesen in grüne Grasquadrate gezwängt. Rot und lila Punkte darauf verteilt, weißer Klee, Disteln. Irgendwo schließt in einer sanften Krümmung blaugrau das raue Meer an. Die Brandung rennt den Strand entlang wie in Panik und verliert sich schließlich. Ein paar Häuser, weiß, rot angestrichen in die Landschaft gestellt. Aber leicht zu übersehen. Und so schnell vergessen.
Im Moment, da ich wieder zurück bin, habe ich sowieso viel zu viel Zeit. Ich muss Antibiotika nehmen. Ich bin völlig ausgelaugt, nachts steigt mein Fieber auf 39 Grad, tags schlafe ich traumlos und dennoch unruhig. Heute nicht. Ich habe Sarah versprochen, sie zu besuchen. Solange sie krank geschrieben ist, übernimmt sie zwei Nachmittagsschichten die Woche in der Bibliothek unten an der Ecke. Hauptsächlich Krimis, einige Klassiker, Kinderbücher, lokale Werke stehen dort in den schiefen, vernachlässigten Regalen. Der Efeu und der schwankende Wein wuchern die Fenster fast zur Gänze ein, kaum dass sie sich noch öffnen lassen. Sarah mag das. Sie mag, wie das Geäst nur noch einen Spalt lässt, durch den das weiche Sonnenlicht an diesem verhangenen Tag schräg einfällt, durch den man nach draußen sieht, aber nicht gesehen wird. In ihrer Position ist das gut. Die Wolken sind dicht und ziehen schnell im Westwind. Der Himmel ist blass und blau.
Sie sagt, dass man sie sucht. Sie sind auf der Suche nach ihr. Und sie lassen sich immer neue Strategien einfallen, um ihr Ziel zu verwirklichen. Es gibt keine Möglichkeit der Flucht. Das sei in den vorbeifliegenden Autos, immer das gleiche Modell, chromfarben matt, Berliner (was sonst!) Kennzeichen. Daran, flüstert Sarah, wird es offensichtlich. Jeden Tag, zur selben Zeit. Sie wollen, dass sie die Nerven verliert. Ich weiß nicht, ob ich ihr glauben kann. Ich mache mir Sorgen. Um sie. Vielleicht um mich, wenn ich denke, was jetzt wird.
Ich sage, Sarah. Sarah, du siehst schlecht aus.
Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange. Ihr graues Haar streicht an meinen Augen vorbei. Ihre hohe Stirn berührt mich, kühl und weiß, alte Haut.
Ich erzähle ihr von Anuk, sie spricht vom Wetter. Vereinzelt Sonne in den letzten Tagen.
Mal sehen, vielleicht bricht sie auch heute durch die Wolkendecke.
Ja. Wer weiß.