21. März 2017
Der böse Techniker
Wenn es um Behörden, die Bahn, die Gema oder die Straßenverkehrsordnung geht, besitze ich nicht das Recht, mich zu den Hochwutbegabten zu zählen. Wird mir die Vorfahrt genommen, so weckt das eine Empfindung, die sich, wenn es hochkommt, in der Interjektion „aha“ entlädt. (Wenn es nicht hochkommt, bleibt es meistens bei „ah…“). Deswegen irritiert mich der etwas aufgebrachte Telekomtechniker, der bereits seit mehreren Sätzen das Thema variiert, dass er seinen Kaffee nicht austrinken darf: Er könne zwar nichts dafür, aber er sei jetzt eben der böse Techniker! Und wir, nämlich mein Nachbar und ich, seien STINKSAUER, weil es kein Internet gibt, klar, und den Kaffee dürfe er jetzt auch nicht mehr austrinken, weil: der böse Techniker!
Das Problem ist, wenn ich es richtig verstehe, ein eher banales. Es besteht darin, dass die bei der Sanierung der Wohnungen neu verlegten Leitungen keine Verbindung zu einer Verteilerdose im Keller aufweisen. Und niemand weiß so genau, wo die Kabel herauskommen. Bislang bewegt sich also alles auf einem erträglichen Abstraktionsniveau: Ein „der Stecker steckt nicht“-Problem, nur mit dem Trick, dass der nicht steckende Stecker zugleich verschollen ist. Auf einem vergleichbaren Niveau („ah…“) liegen auch meine Empfindungen dem Techniker gegenüber, und meinem Nachbarn, der professionell mit der Straßenverkehrsordnung befasst ist, scheint es ähnlich zu gehen. Er gießt beschwichtigend etwas frischen Kaffee nach. Als der Techniker realisiert, dass er gegen Phantomkunden kämpft, gibt er seine Deckung auf. Dafür unterhält er uns mit einer Reihe von Anekdoten, in denen nüchterne Technik von kleinen Friktionen in großes Gefühl übersetzt wird.
Als ich ein paar Tage später meinen Anbieter per Mail in friedlicher Absicht darum bitte, den Auftrag trotz des verschollenen Steckers nicht, wie angekündigt, kostenpflichtig zu stornieren, erhalte ich innerhalb kürzester Zeit eine Antwort, deren zierlicher Informationskern sich hinter einer dickwandigen Schale aus Entschuldigungsformeln verbirgt. Ich fühle mich ein wenig, als hätte ich jemanden nach dem Weg gefragt und dafür eine Proskynese geerntet. Die Proportionen der Mail sind erkennbar daraufhin optimiert, auch noch den Kunden zu erreichen, der es bereits mit den ganz großen Gefühlen zu tun hat. Und wenn das Skript für Vodafone-Kundenbetreuer damit rechnet, dass das ganz große Gefühl im Durchschnitt liegt … bin ich dann ein Virtuose der Selbstbeherrschung oder ein schlichter Zornversager? Ein Zornversager? Aha.
(Christian Schmidt)








