Die Zeit steht still für Mode aus den 1920er-Jahren
„Elefantenhaut, Krone, Edelweiß, Hosenträger, roter Faden, 1920er-Jahre“, was würden Sie damit verbinden?
In Hamburg-Bergedorf werden Besucher auf ungefähr 40 m² nach all dem fündig – spätestens, wenn sie den urigen Laden von Holger Peckmann betreten.
Das Erste, was sofort beim Betreten ins Auge fällt, ist die speckig, glänzende Wand, die einst mit alten, mittlerweile vergilbten Zeitungen tapeziert wurde und abschließend ihren Endanstrich mit Elefantenhaut (farbloser Schutzanstrich) erfahren hat.
An den Wänden hängen so manche Kuriositäten, wie alte Bilder, Landkarten und Spiegel, Uhren ohne Zeiger … darunter auch ein Geweih, Förster bezeichnen dies in der Fachsprache als Krone.
Von der Decke baumelt ein altes Holzflugzeug und ein in die Jahre gekommener ausladender Kronleuchter aus Messing verziert weitgehend die restliche Decke.
Sein Laden im Haus aus der Gründerzeit, weist einen alten braun gestrichenen Holzfußboden auf, der bei jedem Schritt ächzt und knarzt. Darauf liegt ein alter großer Teppich, der der aufsteigenden Fußkälte im Winter ein wenig Einhalt gebieten soll.
Direkt neben der Eingangstür sitzt Holger vertieft auf seinem Chesterfield-Sessel und näht alle möglichen Knöpfe an Kleidungsstücke an. Scheinbar gibt es nur drei Garnfarben: rot, braun und schwarz. Auf Holgers Nase sitzt eine runde Nickelbrille mit starken Lupengläsern … offensichtlich damit er beim Nähen alles erkennt. An der „Zeitungswand“ befindet sich ein Chesterfield-Sofa, worauf seine Besucher in der Regel Platz nehmen.
Schaut man sich Holger derweilen genauer an, bemerkt der Beobachter rasch, dass Holger scheinbar modisch aus der Zeit gefallen ist. Erkennbar ist das an seiner im Retro-Style geprägten, mit Pomade gepflegten Undercut-Frisur. Auch seine Kleidung wirkt anders als die derzeitige Mode und überhaupt … sein Laden und alles, was die Besucher entdecken können, stammt offensichtlich auch aus alten Zeiten.
Beim Betrachten der Auslage und der Mode, die Holger fein säuberlich auf diverse Kleidungsständer, Schaufensterpuppen und Regalen verstaut und drapiert hat, fällt sofort ins Auge, dass auch diese aus einer anderen Epoche entspringen.
Spätestens dann erinnern man sich allerdings an den Firmennamen, der quer in goldener Schrift über das Schaufenster steht: „Workwear Department 1920“: Arbeitskleidung aus den 1920er-Jahren.
Als studierter Modedesigner kann Holger Peckmann mittlerweile über 30 Jahre Berufserfahrungen aufweisen. Wer seinen gemütlichen, in warmen Farben gehaltenen Laden besucht, weiß in der Regel zu schätzen, was Holger drauf hat.
Seine Kleidung, die in Hamburg produziert wird, kommt nämlich nicht von der Stange. Es finden ausschließlich erlesene und langlebige, teilweise auch recht alte Stoffe und Materialien Verwendung, um individuelle Teile auf Kundenwunsch zu fertigen.
Bei den Kleidungsstücken handelt es sich überwiegend um Arbeitskleidung, die sich jedoch die wenigsten konkret als Arbeitskleidung zulegen. Dafür ist die Kleidung einfach zu einzigartig und viel zu hochwertig. Die Meisten haben sich schlichtweg für die Moderichtung aus den 20ern entschieden, weil sie es schick finden.
Auch Mäntel und Anzüge aus feinem Zwirn, mit Weste, Hose und Jacke und wer will auch mit Hemd und Halstuch im 20er-Jahre-Style finden Kunden bei Holger im Laden aus vielfältigen Materialien und Stoffen.
Das bekannte Fischgrätmuster (eines der weltweit ältesten Stoffmuster), sowie die populären Kleidungsstücke wie Knickerbocker und Schiebermütze aus den 20ern erleben bei Holger ebenso ihre Renaissance, wie alle anderen Kleidungsstücke auch. Holger Peckmann verhilft gewissermaßen den 20er-Jahren zu ihrer Wiederentdeckung und er transportiert dadurch modische Zeitgeschichte aus längst vergangenen Zeiten ins 21. Jahrhundert.
Arbeitskleidung ist immer wieder einmal Thema in der Mode. Was die Amerikaner High-Visibility nennen, sind in den 90er-Jahren auch in der Techno-Bewegung in Form von Warnweste, reflektierenden Streifen und hoher Sichtbarkeit ein modischer Look gewesen. Erst jüngst hat Calvin Klein in seiner Amerika-Kollektion Funktionsjacken der New Yorker Feuerwehr gezeigt. Die Jacke mit den vier Haken zum Verschließen stammt zum Beispiel von der Arbeitskluft der Postboten und Fischer. Es gibt zig Beispiele, und alle haben ihren Ursprung in der Arbeiterklasse und wurden später durch den Zeitgeist und diversen Designern zur modischen Kluft und Kultur erhoben.
Die Arbeitskleidung von Holger Peckmann unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von zeitgenössischer Arbeitskluft der Modedesigner Calvin Klein, Christopher Bailey und Co.: Sie wirkt nicht schrill und verfügt über keine reflektierende Streifen oder Signalfarben. Holgers Arbeitskleidung kommt farblich gedeckt (natürliche Erdfarben) daher, sieht edel aus, der Tragekomfort ist durch die legeren Schnitte bequem, die Stoffe sind edel und traditionell und sie entwickeln, je älter sie werden, eine wunderschöne Patina. Kurzum, sie liegen bei Holgers Anhängerschaft schlichtweg im Trend.
Wer seine Kleidung live erleben möchte, sollte einmal in Hamburg in der Gastronomie Störtebeker Elbphilharmonie vorbeischauen. Für 60 Angestellte fertige er im Jahr 2016 für die Störtebeker Braumanufaktur in grauen und braunem Denim hochwertige und traditionsreiche Arbeitskleidung, wie Schürzen, Westen und Tücher an.
In seinem Laden, den er an zwei Tagen in der Woche und auf Anfrage auch an anderen Tagen öffnet, herrscht reges Treiben. Überwiegend suchen ihn Herren in seinem Laden auf. Immer öfter jedoch treffen bei Holger auch Frauen ein, die einen androgynen, natürlichen Worker-Style bevorzugen. Da Holger seine Kleidungsstücke auf Maß anfertigt, bereitet es ihm Freude, dass sich die weibliche Fraktion inzwischen vermehrt an seiner Arbeitskleidung und dem feinen Zwirn erfreuen.
Sie fragen sich jetzt, was es mit dem Edelweiß auf sich hat? Aufmerksame Beobachter finden das Edelweiß bei Holger auf dem linken Handrücken als Tätowierung wieder. Man munkelt, dass die Bergwelt ihn schon vor Jahren in Bezug auf Mode und der Wahl seiner Stoffe inspiriert hat.
Kurzum, als Besucher kann man stundenlang mit Holger über Mode, Zeitgeschichte und Politik in seinem Shop-Atelier plaudern und dabei jegliches Zeitgefühl verlieren.
Obgleich Holger Peckmann wirkt, wie ein Mensch aus den 1920er-Jahren … er lebt auf ganzer Linie im Hier und Jetzt und er ist sich als Modedesigner darüber im Klaren, welche Moderichtung en Vogue ist und was er selbst auch tragen möchte: Workwear aus den 1920er-Jahren.
Telefon: +49 157 37130021
facebook.com/workweardepartment1920
Freitag & Samstag: 12–16 Uhr
Montag bis Donnerstag nach Vereinbarung
Bildrechte: Angela Roesenberger, Future4web, angehende Pressefotografin oder was auch immer aus meinem Studium entstehen mag ;-)
Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen haben wir uns in diesem Artikel teilweise für die männliche Form entschieden, allerdings ist die weibliche Form gleichermaßen damit gemeint.