Das Hamsterlein
Leuchtend rote und gelbe Blätter fallen herab. Lautlos lösen sie sich einzeln vom Baum, der seine Kraft in Zweigen, Stamm und Wurzeln für den Winter sammelt. Leicht stibitzt sich die Sonne mit zarten Strahlen durch die dicken grauen Wolken. Manchmal schafft sie es, manchmal macht ihr die dicke Watte auch Schwierigkeiten.
Eine Katze räkelt sich auf ihrem warmen Platz auf dem Fenstersims. Sie schaut nach draußen und sieht ein kleines Tier entlang huschen. Was war das bloß? Sie hebt den Kopf. Aber schon im nächsten Moment dreht sie sich träge um die eigene Achse, setzt sich wieder in eine neue noch bequemere Position und legt den Kopf auf ihre Pfoten.
Die Kraniche rufen am Himmel. Sie klingen blechern und knöchern zugleich. Wie aus urigen Zeiten. Ihre Sommerzeit ist vorbei, sie rasten bevor sie weiter nach Frankreich und Spanien ziehen, zum Überwintern in wärmeren Gefilden. Voller Freude sammeln sie sich hoch oben. Bald geht es weiter. Dem Grau der kommenden Monate entfliehen. Eintauchen in das saftige Grün, was ihnen reichlich Nahrung bescheren wird.
Das Hamsterchen rennt und rennt. Es ist noch nicht am Ziel. Viel hat es noch zu erledigen. Die Nahrung muss es in den Bau bringen, denn bis zum Winter ist es nicht mehr weit. Abends als es die Nase in die Luft streckt, da ist schon der Duft der Kälte zu riechen. Dieses Jahr würde es frühzeitig Schnee geben. Das Hamsterchen braucht noch viele Vorräte, wenn der Winter so lang werden würde, wie es befürchtete. Außerdem muss es seine unterirdischen Gänge abdichten, damit nichts einfriert.
Aber da sieht es einen großen Schatten – sein kleines Herzchen setzt fast aus. Eine Pfote fällt auf ihn nieder. Der Fuchs sieht ihm in die Augen. Er sieht aus als würde er lachen. Das war es! Nun ist alles aus.
„Na, kleiner Hamster? Bist eilig unterwegs?“, die kratzige Stimme des Fuchses bringt den Hamster in eine Schockstarre. Er zittert unter der Pfote, seine Beine wollen nicht mehr seinen Befehlen gehorchen.
„Na, bist wohl stumm, kleiner Hamster?“, lacht der Fuchs und stupst den Hamster einmal an, hält ihn wieder fest.
„Brauchst keine Angst zu haben, mein Magen ist gut gefüllt, denn ich habe mir gerade ein paar dicke Würmer gefangen. Heute ist mein Fastentag. Ich achte nämlich auf meine Figur, weißt du!“
Der Fuchs lässt ihn los und wendet seine Hüfte, wedelt mit dem buschigen Schwanz. Aber danach setzt er an und rollt den Hamster von der einen Pfote zur anderen. Das Hamsterlein kriegt große Augen, seine Kräfte schwinden.
„Au ja, das macht Spaß, mein kleines Hamsterlein!“, gluckst der Fuchs. Plötzlich spannt er seinen Körper an, sieht auf und zieht scharf einen Geruch in seine Nase. Er macht einen Satz und fängt die Maus. Es war wohl doch nichts mit seinem Fastentag.
Eine Weile liegt das Hamsterchen so da, dann rappelt es sich auf. Gottseidank, nochmal davon gekommen! Es schämt sich für seine Feigheit, denn seine Rasse ist sonst weitaus wehrhafter. Doch nun weiter, schnell die Vorräte zum Bau. Es ist noch viel zu tun.
Ein Igel kommt des Weges: „Hallo, kleiner Hamster! Ist es dir schon aufgefallen?“
Der Hamster hält kurz inne und fragt: „Was ist mir aufgefallen?“
Der Igel antwortet: „Na, wie gut es heute riecht! Der Regen hat die Blätter abgewaschen und die Erde gewässert. Es riecht so lecker, so frisch und würzig! Findest du nicht?“
Der Hamster zuckt mit den Schultern, hastet weiter, läuft zurück zum Bau, verstaut seine gesammelten Pflanzensamen. Aber kurz darauf ist er wieder unterwegs, um weitere Nahrung zu suchen.
Da begegnet ihm die alte Frau Maus. Sie schluchzt.
„Ach, ich bin so traurig! Was für eine Tragödie!“, jammert sie. Das Hamsterlein stoppt. Sie spricht weiter: „Mein Sohn wurde vom Fuchs geholt!“ Sie schnieft stark.
Das Hamsterlein tritt von einem Fuß auf den anderen. „Das tut mir sehr leid, aber ich muss jetzt auch schnell weiter. Ich habe noch viel zu tun vor dem Winter. Das kennst du ja.“
Schnell läuft es weiter, sammelt und verstaut die Nahrung im Bau.
Die Tage und Nächte vergingen. Es wechselten sich ab die Sonne, der Wind und der Regen. Dann wieder war ein wunderschöner Regenbogen am Firmament zu sehen.
An einem anderen Tag kam eine Schafherde vorbei. Wie Gaukler erzählten sie viele lustige Geschichten, die sie unterwegs erlebt hatten all den Tieren, die sie hören wollten. Der kleine Hamster war nicht dabei.
Und eines Tages blühte die letzte Lavendelblüte im zartesten Lila, dass man je gesehen hatte. Immer wieder neu wuchsen die Pilze in unzähligen Formen und Farben, von kleinen schmalen bis hin zu becherförmigen, weißen, lilafarben und rot-braunen, mit Lamellen und auch mit schwammigem Fleisch.
Der Wind zog über die abgeernteten Äcker und spielte mit einzelnen vertrockneten Grashalmen.
Dann war es soweit und das Hamsterlein hatte sich einen großen Vorrat angelegt. Es hatte seine Gänge abgedichtet und es sich gemütlich gemacht. Nun konnte es sich zum Winterschlaf legen. Es atmete zufrieden ein und aus. Aber als es seine Augen schloss, war das nicht für die nächsten sechs Monate, nein, das Hamsterlein wusste es nicht, aber seine Augen würden sich im nächsten Frühjahr nicht wieder öffnen.












