9. Mai 2026
Handy-Ortung nach Diebstahl: Hoffnung, Abenteuer, Frust, Fluch, beim Segen bin ich unsicher
Mir wurde das Handy geklaut, beim Aussteigen aus der Ringbahn S41 am Bahnhof Sonnenallee vermutlich aus der Jackentasche genommen. Mein Handy ist ein Samsung Galaxy, das ich vor zwei Jahren gebraucht gekauft habe und das schon schmerzhaft das Kopfsteinpflaster in der Heerstraße in Bonn geküsst hat und die Treppen der S-Bahn Schönhauser Allee, als ich versuchte zu erkennen, ob der unsachgerecht entfernte Müll auf dem Foto, das meine Hausverwaltung schickte, von mir gewesen sein könnte. (Nein.) Also kurz gesagt: mein Handy ist so alt, dass ich nicht mal problemlos eine neue Hülle dafür kaufen kann und es sieht ziemlich mitgenommen aus. Warum jemand sowas klaut, erschließt sich mir nur, wenn die Person was mit den Daten darauf anfangen kann und das führt natürlich zum Instant Panik-Modus.
Ich kam aus Oranienburg, wo ich derzeit Katzen hüte und dort lagen sowohl mein Laptop als auch mein Arbeitslaptop. Zu Hause versuchte ich also panisch, mein zickiges Tablet zur Mitarbeit zu bewegen und mein altes Handy mit sehr schwachem Akku zu reaktivieren und schon mal so weit alles zu sperren, was geht. Da ging mir auf, dass ich mein Handy mit „Mein Gerät finden“ orten kann, und das zeigte an, dass es noch Ringbahn fährt.
Sofort hatte ich die selten bescheuerte Idee, dass ich versuchen könnte, zu warten, bis die Ringbahn wieder rumgekommen ist und dann darin nach meinem Handy suchen. Das Problem: ich habe keine Ersatz-Sim-Karte. Also wahrscheinlich habe ich schon eine, irgendwo vergraben, weiß die Hölle wo, praktische Ordnung ist nicht meine Stärke. Also bin ich mit dem Tablet ohne Sim Karte zum Ostkreuz gefahren, in der Erwartung, dass es da bestimmt WLAN gibt und ich in Ruhe verfolgen kann, bis sich mein Handy wieder nähert. Zum einen: „in Ruhe“. Lol. Zum anderen: die verdammte Deutsche Bahn hat mal wieder versagt und ich finde kein WLAN am Ostkreuz. Beim Haferkater gefragt „Wir haben leider kein WLAN“. Das „Aber mir wird es doch hier angezeigt!“ habe ich mir halb verkniffen.
Ich endete im McDonalds, wo ich mit meinem Tablet an der Tür stand und nur noch sehen konnte, dass mein Handy grade nicht zu orten wäre. Verzweifeltes Starren auf den unübersichtlichen Fahrplan, wann dieselbe Ringbahn ankommen müsste. Da sie sich auch nicht exakt an den Fahrplan hielt (Überraschung!) taperte ich etwas unmotiviert durch die eventuell richtige Ringbahn und guckte unter Sitze und entschuldigte mich „Sorry, hab mein Handy verloren.“ Dem jungen Mann, der mich großspurig darauf hinwies „Das hier ist Berlin. Das siehste nicht wieder.“ hätte ich sehr gerne das schwere Tablet über den Kopf gezogen, natürlich war ich mir bewusst, dass das absolut bescheuert ist, was ich da mache, aber die Verzweiflung treibt mich zu sowas. Jedesmal; wenn mir sowas passiert ist, denke ich „beim nächsten Mal Ruhe bewahren“ und trotzdem wird beim nächsten Mal nichts bewahrt. Nicht die Ruhe, nicht die Contenance und folgerichtig auch nicht die Effizienz. Kleiner Bonus noch für mich: die S Bahn, in der ich mich befand, fuhr nicht bis Sonnenallee, sondern nur Treptower Park, wegen Polizeieinsatz. Welcher verdammte Bus fuhr von dort aus wieder Richtung Sonnenallee? How the fuck do I know ohne Netz? Bin in einen gestiegen, der vage in die richtige Richtung fuhr, eine Station gefahren und den Rest des Weges gerannt.
Das Handy ließ sich immer noch nicht wieder orten. Da Sim Karte gesperrt, Online Banking gesperrt, das Handy als Lost gemeldet war, habe ich gleich aufgegeben und Nägel mit Köpfen gemacht und angeordnet, dass es bei nächster Gelegenheit auf Werkseinstellungen zurückgesetzt werden soll. Schade um die Photos von der Katze, die ich hüte. Über die anderen will ich nicht nachdenken.
Dann bin ich zu einem Chorkonzert gegangen und wieder nach Oranienburg gefahren. Sehr spät am Abend ließ sich mein Handy wieder orten. An der Weberwiese, in Friedrichshain, von Oranienburg ca. eine Stunde entfernt. Mein altes Handy hatte zu diesem Zeitpunkt ca 42 Prozent Akku, mein altersschwacher externer Akku hatte ca eine halbe Stunde am Netz gehangen. Ich rief kurz die Polizei an und fragte, ob ich telefonisch Anzeige erstatten kann, mir wurde gesagt, nein, ich müsste persönlich vorbeikommen. Dann fragte ich, ob es eventuell eine dumme Idee sein könnte, den Ort auszuchecken, wo mein Handy laut Ortung ist, hätte ja sein können, dass es an der Weberwiese ein hochgefährliches Handyklaukartell gibt. Weiß mans? Gibt es wohl nicht. Ich bin also mit dem Handy im Flugmodus, um Batterien zu sparen, über eine Stunde bis zur Weberwiese gefahren, zu dem Ort, wo mein Handy laut Ortung ist.
Der Ort war ein Haus, das exakt so aussah, wie man sich Häuser vorstellt, wo geklaute Handys gehortet werden. Im Erdgeschoss wohl Hallenartiges mit Rollos davor. Der Vorgarten allerdings voller dichter Rhododendronbüsche (glaube zumindest), durch die ich mich zwängte, die Handytaschenlampe am Boden entlanggleitend in der kleinen Hoffnung, dass es da irgendwo liegen könnte. 100% lässt sich das mit der Ortung nicht sagen, erst recht nicht mit meinem mangenden räumlichen Vorstellungsvermögen. Dann habe ich mir die Blüten von der Jacke geklopft, noch zur Prüfung die Mülltonnen geöffnet und dann geguckt, wo das nächste Polizeirevier ist. 8 Minuten Fußweg. Also dahin. Mir wurde an der Tür gesagt, dass ich die Anzeige auch online hätte erstatten können, der Kollege hätte Unsinn erzählt. Aber ich hatte ja Gründe, herzukommen, ich weiß ja, wo mein Handy ist, da kann die Polizei doch helfen. Bestimmt. Vielleicht. Ein Versuch ist es wert. Eine halbe Stunde im Wartesaal sitzen, zum Glück hatte ich ein gutes Buch dabei, weil am Handy abhängen und Leuten erzählen, dass ich grade durch die Büsche gekrochen bin und jetzt bei der Polizei sitze, war wegen schwindenden Akkus ein Problem und den brauchte ich ja unbedingt, um der Polizei zu zeigen, wo mein Handy ist. Der externe Akku gab noch ca 1%, dann war er auch wieder weg.
Dann wurde ich in ein hässliches Büro gebeten, mit einem sachlichen und neutral freundlichen (in Berlin erwähnenswert) Beamten, der mich fragte, warum ich da sei und wie der Diebstahl passiert sei und er fragte mich, wann ich zuletzt auf das Handy geguckt hätte, bevor ich ausstieg. „5 Minuten? 10?“ MUAHAHAHAHA. Musste mich echt zusammenreißen, was für ein Psycho. Um das Ganze abzukürzen sagte ich „Ich kann ihnen allerdings ganz genau sagen, wo es ist.“ da wurde er richtig munter. Ich zeigte ihm die Ortung, die immer noch anzeigte, dass das Handy hier um die Ecke liegt. „Das Haus kenne ich, da wohnen einige verdächtige Personen.“ Er sagte nicht verdächtige, es war was Technischeres, aber es war 2 Uhr nachts, ich erinnere mich nicht mehr. Ich war jedenfalls an dem Abend „die Geschädigte“, vielleicht nehme ich das als offiziellen Titel.
„Dann fahren wir doch mal dahin.“
Er erklärte mir, dass eine solche Ortung keine Hausdurchsuchung erlaubt und dass wir versuchen müssen, die exakte Wohnung zu bestimmen. Das geht nur, wenn man einen von extern ausgelösten Ton des Handys hören kann. Ein weiterer Polizist gesellte sich zu uns, der zwar aussah wie ein Hollywoodstar, aber so schüchtern still war, dass ich ihn als noch nicht so altgedient einordnete. Deswegen und weil der andere ihn rief mit „Benni, wir fahrn! Achnee, sorry, Thorsten!“ (Namen geändert, an die echten kann ich mich aber auch nicht erinnern.) Im Polizeiauto habe ich dann noch ca 2% Akku spendiert bekommen, die Fahrt war zu kurz für mehr. Als wir vor dem Haus standen, öffnete der Altgediente beherzt mit einer Plastikkarte die Haustür und wir versuchten, anhand der Ortung und Google Maps herauszufinden, welche Wohnung die wahrscheinlichste war. Es ging mehrere Etagen auf und ab und durch die diverse Gänge, immer mit dem Ohr an Tür und Fenstern beim Versuch, einen Klingelton zu spielen, den ich über „Mein Gerät finden“ abspielte. Ich konnte nur hoffen, dass dieser Ton abgespielt werden würde unabhängig davon, dass ich grundsätzlich alle Töne immer ausgeschaltet habe.* Andererseits hatte ich immer versucht, Anrufe tatsächlich akustisch ankündigen zu lassen, es passiert selten genug und es gab Phasen in meinem Leben, wo ich sehr nervös auf potentielle Anrufe wartete. Aber auch unabhängig davon wäre mein echter Klingelton nicht der hilfreichste, es ist nämlich „Constant Fear“ von Bohren & Der Club of Gore.
Es dauerte bestimmt 20 Minuten, wie wir durch die Gänge polterten und unsere Ohren an Fenster und Türen hielten, schreckten auch eine Bewohnerin auf, die gerade zurückkehrte. Und mussten dann leider kapitulieren. Vor der U-Bahn-Haltestelle wurde die Anzeige aufgenommen, Ausweis wird abphotographiert, meine Beschreibung des Herrn neben mir in der S Bahn war lächerlich rudimentär, ich konnte noch damit beeindrucken, dass ich die IMEI an der Hand hatte, es wurde sich entschuldigt, dass sie leider in Bezug auf Ortung nichts machen können, die Kameradaten der S Bahn werden ausgewertet und dann eventuell nach dem Typen gesucht, aber mir wurde bedauernd versichert, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich mein Handy wiedersehen werde.
Mit 13 Prozent Akku stieg ich in die U Bahn, das Handy bald aus, ich las weiter mein gutes Buch, war eineinhalb Stunden später wieder in Oranienburg und verbrachte noch einige Zeit damit, auf die Ortung zu starren, mich meinem Schicksal zu ergeben und die Ortungsfunktion zu hassen. Ich drücke mir metaphorisch die Nase platt am Schaufenster der geschlossenen Bäckerei, in diesem Fall steht zwischen mir und dem Begehrten keine Glasscheibe, sondern der Rechtsstaat. Zu schade. Wobei: eine Glasscheibe steht auch zwischen uns. Und eine Wand mit geschlossener Tür. Ich finde es grundsätzlich sehr gut, dass die Handlungsmöglichkeiten der Polizei beschränkt sind, aber doch nicht, wenn es um MEIN HANDY geht! Just kidding. Die Handyortung ist also nur die halbe Miete.
* Wenn ich mein Vorgängerhandy, dem laut Einstellungen verboten ist, jemals einen Ton von sich zu geben, via „Mein Gerät finden“ dazu auffordere, einen Ton abzuspielen, kommt mein echter Klingelton, also relativ laut „Constant Fear“ von Bohren & Der Club of Gore. Ich sollte ihn wohl ändern. Zum Beispiel zu „Die Die Die Fuckers Die“ von Venetian Snares.
(Dorothea Studthoff)

















