Werke aus der Ukraine zu Gast in Bremen
Die Kunsthalle Bremen zeigt ab dem 13. August 2025 eine Auswahl von Hauptwerken der Druckgraphiksammlung des Museums für westliche und östliche Kunst in Odesa. Die Bestände des Museums in Odesa sind aufgrund des Krieges in der Ukraine bedroht. Die Kunsthalle Bremen unterstützt die Anstrengungen, die Kunstwerke in sichere Auslagerungsorte zu überführen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Folgenden beantwortet Museumdirektor Igor Poronyk Fragen zur Ausstellung „Spuren der Zeit“.
Wie kam die Idee zu einer Ausstellung in Bremen zustande?
Die Idee, eine Ausstellung in Bremen zu arrangieren, geht auf meinen Freund Wolfgang Eichwede* zurück. Er brachte mich schon im Januar 2023 in Verbindung mit dem Direktor der Kunsthalle Bremen. Von diesem Zeitpunkt an begannen wir, eine Ausstellung vorzubereiten. Natürlich mussten wir beträchtliche Hindernisse der Bürokratie überwinden und die Finanzierung klären. Dank der Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung (besonderer Dank gilt deren Generalsekretär Martin Hoernes) und der Senatskanzlei der Freien Hansestadt Bremen, den Freunden der Ukraine, in erster Linie Wolfgang Eichwede, sowie dem Direktor der Kunsthalle, Christoph Grunenberg, gelang das Projekt.
Für uns ist es eine große Ehre unsere Graphiken in der Kunsthalle in Bremen zeigen zu dürfen, in einem so renommierten Museum in Deutschland, das auf eine Geschichte von 200 Jahren zurückblickt. Mein eigenes Museum ist gerade 100 Jahre jünger.
Welche Bedeutung hat die Ausstellung für Sie?
Für diese Ausstellung brachten wir nicht nur 125 unserer besten Graphiken an einen sicheren Ort, sondern bauten auch eine bemerkenswerte wissenschaftliche Kooperation mit den wunderbaren Spezialisten der Kunsthalle auf. Mehr noch: Das gesamte Projekt dient der Wahrnehmung der Ukraine in Deutschland, stärkt die kulturellen Verbindungen zwischen unseren beiden Ländern und zementiert das kulturelle Erbe der Ukraine als ein europäisches Land. In einer Zeit, in der viele unserer Museen und Sammlungen fürchterlich leiden, ja einige durch den russischen Angriff vernichtet werden, ist dieses Vorhaben ein überzeugendes Beispiel für das gemeinsame Ringen um den Erhalt der Weltkultur, ihrem Schutz vor Vernichtung und ihre Weitergabe an zukünftige Generationen. Uns verbindet auch die Erfahrung, dass insbesondere die Graphiksammlung der Kunsthalle im Zuge des Zweiten Weltkrieges großen Schaden nahm, während gegenwärtig unserer Sammlung durch die täglichen Bombardements der russischen Aggressoren die Vernichtung in sehr realer Weise droht.
Welche Bedeutung spielen internationale Kooperationen aktuell für die Museen in der Urkaine?
Außer unserem Museum arbeiten auch andere Häuser in der Ukraine mit westlichen Institutionen zusammen, zum Beispiel das Chanenko-Museum in Kyiv (Kiew), die Nationalgalerie in Lviv oder das Kunstmuseum in Odesa. Dabei geht es um Teilevakuierungen und Ausstellungen. . Wir selbst haben neben Bremen auch eine Ausstellung mit Gemälden unseres Museums in Berlin organisiert. Gemeinsam mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Berliner Gemäldegalerie bereiten wir eine weitere Ausstellung unserer Bestände in Heidelberg vor.**
Wie sieht der derzeitige Alltag in Ihrem Museum aus?
Ungeachtet der täglichen Angriffe auf Odesa haben wir unsere wissenschaftliche, restauratorische, editorische und öffentlichkeitswirksame Arbeit zuhause nicht eingestellt. Allein im zurückliegenden Halbjahr wurde unser Museum von mehr als 10.000 Menschen besucht, haben wir 19 Kunstausstellungen durchgeführt, zwei Kataloge herausgegeben und 135 Vorträge organisiert.
Ich hoffe außerordentlich, dass wir die Zusammenarbeit mit deutschen Museen, Stiftungen und Partnern auf lange Sicht fortsetzen werden. Und dass der Tag kommt, an dem wir Werke aus Deutschland in unserem Hause in Odesa zeigen können – wenn der Krieg beendet ist.
Wie war Ihr erster Eindruck der Kunsthalle Bremen?
Die architektonische Gestaltung der Kunsthalle ist eindrucksvoll. Sie verbindet die alten Teile des Gebäudes mit neuen, zeitgenössischen und bewahrt gleichzeitig die historische Fassade. Mir imponiert auch die durchdachte Infrastruktur des Hauses – mit Bibliothek, Museumsshop, einem Café und einem Restaurant – sie bilden zusammen eine Landschaft, die einlädt zum Besuch des Museums, zur Betrachtung und zum Genuss der Werke.
Besonders gefällt mir die Gestaltung des zentralen Saales, der Bremen gewidmet ist. Er verrät ein Gefühl für Feinheit und Ironie. Mit Humor, der uns Odessitern sehr nahe ist, wird auf sehr phantasiereiche Weise das Wahrzeichen der Stadt – die Bremer Stadtmusikanten – dargestellt (eine Skulptur von Maurizio Cattelan). „Love saves life / Love doesn`t last forever.“
Wie war die Zusammenarbeit?
Mir und meinen Mitarbeitern war und ist es eine große Ehre, mit der Kuratorin unserer Ausstellung, der hochkompetenten Maria Aresin, zusammenzuarbeiten. Ihr gilt unser Dank für die Konzeption und Anlage der Ausstellung sowie für die Auswahl der Werke. Dank der Zusammenarbeit mit unseren deutschen Kollegen haben wir viel gelernt über die Organisation, Transport und Infrastruktur musealer Ausstellungen. Ebenso hatten wir eine gute wissenschaftliche Kommunikation und einen von gegenseitigem Respekt getragenen Austausch unseres Wissens der europäischen Graphik vom 17. bis zum 19. Jahrhundert.
Die Fragen stellte und die Antworten übersetzte Wolfgang Eichwede.
Über das Museum in Odesa
Das Museum für westliche und östliche Kunst Odesa besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen ausländischer Kunst, die den Bogen vom 5. Jahrhundert bis heute spannen. Es wurde gegründet im Juli 1924 im früheren Palast von Alexander Abaza, der in den Jahren 1856 bis 1856 nach einem Entwurf des französischen Architekten Louis Otton gebaut worden war. Heute gehört der Palast zu den Architekturdenkmälern von nationalem Rang. In 23 Sälen gliedert sich die Ausstellung in drei Abteilungen: in eine antike, eine westeuropäische und eine östliche.
Das Museum ist nicht nur in der Ukraine bekannt, sondern weit über seine Grenzen hinaus, da es Kunstwerke von höchstem künstlerischem Wert besitzt, darunter Arbeiten von Michelangelo Merisi da Caravaggio, Frans Hals, Alessandro Magnasco, Francesco Granacci, Bernardo Bellotto und Cornelis de Heem, die zu den glänzendsten Vertretern der Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts zählen. Die Gemälde des Museums wurden wiederholt in Ausstellungen in Mailand, Washington D.C., London, Amsterdam, Genua, Berlin, Vilnius und anderen Städten gezeigt. Zur Sammlung des Museums gehören auch Skulpturen bedeutender europäischer Meister und außergewöhnliche Schmuckstücke aus Porzellan, aus Meißen, Sèvres und Wedgwood.
Das Museum besitzt weit über 4.500 graphische Arbeiten, darunter Kupferstiche, Zeichnungen und Aquarelle von Künstlern mit Weltrang. Von besonderem Interesse ist die Abteilung der Kunst von Ländern des Ostens, Chinas, Indiens, des Iran und der Mongolei. Ebenso die Abteilung antiker Kunst mit Werken altgriechischer Keramik, altrömischer Glaskunst und bemerkenswerten Abgüssen aus dem 19. Jahrhundert von berühmten Skulpturen des alten Griechenlands. Die kunstgeschichtliche Reputation der Sammlung spiegelt sich auch in dem Interesse ausländischer Experten und dem Zustrom ukrainischer Besucherinnen und Besucher wider.
Über die Ausstellung in Bremen
Die Ausstellung „Spuren der Zeit“ (13. August bis 26. Oktober 2025) zeigt eine Auswahl von Hauptwerken der Druckgraphiksammlung des Museums für westliche und östliche Kunst in Odesa, dessen Bestände unmittelbar vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine bedroht sind.
Die Kunsthalle Bremen unterstützt die Anstrengungen des Museums in Odesa, die kostbaren Kunstwerke in sichere Auslagerungsorte zu überführen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Kunsthalle ist die Herausforderung, Kunstwerke vor Kriegsgeschehen zu schützen und potentielle Kriegsverluste zu verhindern, aufgrund der eigenen Sammlungsgeschichte bis heute besonders bewusst.
Im Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen werden etwa 40 ausgewählte Werke europäischer Druckgraphik präsentiert. Darunter finden sich Blätter berühmter Radierer, Holzschneider und Kupferstecher wie Rembrandt van Rijn, Gérard Edelinck, Anthonis van Dyck, Jacques Callot, Cornelis Cort, Johann Elias Ridinger, Adriaen van Ostade und Niccoló Boldrini.
Partner und Förderer
Die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen ist eine Kooperation mit dem Museum für westliche und östliche Kunst Odesa. Ermöglicht wurde sie durch die Ernst von Siemens Kunststiftung – UKRAINE-Förderlinie und die Senatskanzlei der Freien Hansestadt Bremen.
*Prof. Dr. Wolfgang Eichwede ist Gründungsdirektor der Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen
** Gemälde aus dem Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa wurden vom 24. Januar bis 22. Juni 2025 in der Berliner Gemäldegalerie gezeigt im Rahmen der Ausstellung „Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts“. Diese Ausstellung wird vom 19. Oktober 2025 bis 22. März 2026 im Kurpfälzischen Museum Heidelberg präsentiert („Meisterwerke aus Odesa. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts“).
Fotos: Igor Poronyk beim Auspacken der Werke aus seinem Museum mit Direktor Christoph Grunenberg; Igor Poronyk in der Kunsthalle Bremen; Nicolò Boldrini nach Tizian, Landschaft mit Kuhmelkerin, ca. 1525, Holzschnitt, Museum für westliche und östliche Kunst, Odesa | Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa ((c) Igor Poronyk)
Weitere Infos zur Ausstellung findest du unter:
https://www.kunsthalle-bremen.de/de/view/exhibitions/exb-page/spuren-der-zeit
Veröffentlicht am 8. August 2025




