Was meinen wir damit, wenn wir jemandem vorwerfen, er habe unsere Zeit gestohlen? Dahinter steht ein bestimmtes Verständnis von Zeit als Gut oder Eigentum, denn nur ein solches lässt sich rauben, stehlen, auch vergeuden oder verlieren. Wie kann man Zeit besitzen? Die Redewendungen beziehen sich auf unsere Lebenszeit. Zeit ist kostbar, sagt ein Sprichwort. Sie hat also einen Wert. Manche meinen, Null sei keine Zahl, da sie keinen Wert habe. Denn Wert habe nur etwas, das man auch teilen kann. Wie teilen wir Zeit? Es verhält sich mit ihr ein wenig anders, als mit einem Laib Brot oder einer Flasche Wein, um die insinnuierte Metaphorik von christlicher Nächstenliebe zu bedienen. Wir können von unserer Lebenszeit nichts abgeben an andere. Wie kann man sie uns dann aber stehlen, wenn sie nicht in den Besitz eines anderen übergeht?
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, dass sich seines Todes bewusst ist. Lassen wir offen, ob es sich dabei um eine Tatsache handelt, zeitigt eine derartige Einstellung doch gewisse Verhaltensweisen und Ansichten, die uns als Menschen zu eigen sind. Glaubt man dann nicht, dass die Zeit, die wir lebend, bei Bewusstsein verbringen ein Reservoir, ein Vorrat ist, mit dem wir haushalten müssen? Wir beginnen heutzutage schon sehr früh damit, unseren weiteren Lebensweg zu planen – überlegen uns einen Beruf, eine auf ihn hinführende Ausbildung. Ähnlich, wenn auch weniger planbar verhält es sich im privaten mit der Familienplanung. Was ist das – etwas planen? Wir nehmen uns etwas vor, versprechen uns selber oder auch anderen, etwas zu tun, beziehen unsere Prognosen über zukünftige Verhältnisse in die dem Versprechen vorhergehenden Überlegungen mit ein. Pathetisch gesprochen, bauen wir die Zukunft. Zwar nur geistig, aber wenn der antizipierte Moment gekommen ist, vollziehen wir die Handlung, die wir uns vor nahmen – oder auch nicht – und messen daran unseren eigenen Erfolg, oder unser eigenes Glück. Wer die Versprechen, die er anderen gegenüber gemacht hat, hält, gilt als verlässlich. Wer diese anderen in seinen Plan eingeweiht hat und jenen befolgt, gilt als berechenbar. Wessen antizipierten Handlungen sogar prognostizierte Wirkungen zeitigen, die in das vorher gegebene Versprechen miteinbezogen wurden, dessen Handeln gilt als nachhaltig. Das sind heutzutage keine unschmeichelhaften Bezeichnungen. Steht hinter diesen Vorstellungen von Zeit als Gegenstand planhaften Handelns eine Teleologie, die Verwirklichung von Zielen, die die damit verbrachte Zeit in ein ökonomisches Kosten-Nutzen-Verhältnis stellt? Dann wäre die Zeit eine genutzte Ressource, die das Produkt ‚Lebensziele‘ effizient, ausreichend oder unwirtschaftlich erzeugt, oder, wenn sie es nicht erzeugt, verschwendet wird. Ressourcen haben ein wichtiges Merkmal: sie müssen verarbeitbar sein. Wie aber verarbeiten wir Zeit?
Als natürliches Phänomen ist Zeit vor allem die allen Gegenständen innewohnende Dynamik. Oder: Zeit ist bloß eine Kategorie der Anschauung, für die es in der Welt nicht zwangsläufig eine Entsprechung geben muss. Die Menge an Sachverhalten, die durch diese beiden Aussagen beschreibbar werden, können sich überschneiden, die müssen es aber nicht. Sind mikrokosmische Phänomene, Vorgänge, Entitäten zeitlich verfasst? Sind es Makrokosmische? Wir sind heute dabei, die Bedeutung der Zeit für die Vorgänge in der Welt zu relativieren, d.h. dass Zeit in der Schnelligkeit, mit der sie abläuft, relativ zu der Wirklichkeitsebene ist, in der die beschriebenen Sachverhalte liegen. Gibt es aber einen Nullpunkt der Zeit? Oder lässt sie sich vielleicht sogar so beschleunigen, dass sie überhitzt, spaltbar wird? In unserer Lebenswelt nutzen wir die Energien, die aus gespaltenen Atomen kommen, aber für unsere Zwecke ist es den allermeisten von uns nicht möglich, ein Atomkraftwerk zu bauen. So ist auch unsere Zeit als lebensweltliches Phänomen, als Wahrgenommenes nicht relativ. Sie bleibt in ihrem Fortgang absolut, unaufhaltsam, unwiederbringlich. Die Struktur der Wahrnehmung der Zeit hat sich – wir nehmen das an – im Zeitraum der Menschheitsgeschichte nicht verändert. Für uns gilt heute noch, was Augustinus dazu schrieb. Die Zeit vergeht oder geht voran, sie läuft ab oder zu, mit einer konstanten Geschwindigkeit. Der Moment, in dem wir jetzt leben, liegt immer kurz später als der, den wir wahrnehmen, über den wir reden – die Gegenwart. Absolute Präsenz, Identität, Jetztzeitigkeit ist stumm, vielleicht unbewusst. Vergangenes ist unveränderlich, dem Zugriff unserer Handlungen entzogen. Es kann Wirkungen in der Gegenwart zeitigen. Bewusst ist uns vergangenes nur insofern wir uns daran erinnern. Was wir nicht erinnern, vermuten wir. Vermutungen sind zulässig, wenn der Sachverhalt, den sie vermuten, wiederholbar ist. (Wenn ich die Starße entlang gehe und einen Hundehaufen sehe, vermute ich, dass ein Hund sich hier erleichtert hat. Ich sehe auf der anderen Starßenseite, wie sich ein Hund erleichtert. Meine Vermutung ist also zulässig. Ob es aber derselbe Hund ist, der sich auf der anderen Starßenseite erleichtert, wie der, der sich hier vor mir erleichtert haben muss, kann ich nicht sagen.) Wie stellen wir uns Zukunft vor? Die Zukunft, ist das, was auf uns zukommt, worauf wir zugehen. Glauben wir, dass die Zeit auf etwas zu läuft? Eigentlich doch nicht. Nehmen wir zum Beispiel einen Fluss. Wenn wir uns in einem Fluss befinden, uns mit der Strömung treiben lassen, sehen wir, was auf uns zukommt. Wir sehen die Zukunft aber nicht. Wir erinnern nur die Vergangenheit. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die Zeit aus der zukunft in die Vergangeheit läuft, wenn sie Fluss ist, wenn wir Mitgerissene sind.Bewegungen haben Richtungen. Werden wir von einer Bewegung erfasst, richten wir uns selber in die Richtung der Bewegung. Werden wir von der Zeit erfasst, richten wir uns in Richtung Vegangenheit. Kann das sein? Die Zeit fließt in dem Sinne in die Vergangenheit, indem immer ein neuer Augenblick auf uns zu kommt, unsere Gegenwart, dann Vergangeheit wird. In diesem Sinne vergeht sie. Aber: Wir bewegen uns nur in die Zukunft hinein, können nicht in die Vergangeheit zurück, nicht gegen den Strom anschwimmen, der uns in die Zukunft hinein zieht. Wir scheinen Bäuchlings mitgezogen zu werden im Zeitfluss. Mit den Füßen vorran Richtung Zukunft, sehen wir nur das, an dem wir gerade eben vorbeizogen sind. Unserer Bewegung in die Zukunft, dem Zeitfluss, steht eine epistemologische Ausrichtung in die Vergangenheit, die Erinnerung, als natürliche Bedingung unseres zeitlich verfassten Lebens anbei.Es ist, als würden wir fallen, ohne nach unten blicken zu können. Wie können wir dazu kommen, diesen freien Fall zu planen? Wie können wir behaupten, die Bewegung des freien Falls oder des Mitgerissenseins vom Fluss wäre uns so zu eigen, dass wir sagen könnten: Du hast meine Zeit gestohlen?