Was ist negative Philosophie?
Ich baue hier kein System, errichte keine Argumentationskette. Negative Philosophie verstehe ich als eine Reihe von Versuchen, die eines gemein haben: Sie versuchen Kernbegriffe von philosophischen Systemen, Schulen oder Richtungen aus ihrem Gegenteil, einem Gegenbegriff her zu verstehen, einzukreisen, abzugrenzen - was eigentlich heißt: zu definieren.
Ich möchte kurz darlegen, wie ich dazu kam. Während meines Philosophiestudiums habe ich mich einige Zeit lang mit dem Begriff ‘Langeweile’ auseinandergesetzt. Es ist vermeintlich einfach, dazu einen Gegenbegriff zu entwickeln: Was nicht langweilt oder langweilig ist, das ist kurzweilig, zerstreuend, unterhaltsam, abwechslungsreich usf. Auf seiner sprachlichen Oberfläche kann also eine einfache Umbesetzung (lang gegen kurz) einen Gegenbegriff ‘Kurzweil’ herstellen. Aber schon hier stoße ich, immer noch auf ein Problem: Ich mag mir nichts wirklich konkretes darunter vorstellen - dasselbe gilt für Zerstreuung, abgeschwächt für Unterhaltung oder Abwechslung. Noch schwieriger gestaltet es sich für mich, wenn ich die existenzphilosophische Analyse der Langeweile ernst nehme und versuche, diesem philosophisch vertieften Begriff einen ebensolchen der Kurzweil oder der Zerstreuung gegenüber zu stellen.
Kurzer Exkurs oder: als Beispiel
Die Analyse der Langeweile (ennui) beginnt bei Pascal. Ihm zufolge käme alles Unglück der Welt aus der einfachen Tatsache, dass die Menschen nicht still in einem Raum sitzen könnten. Sie suchten darum nach Zerstreuung (Spiel, Genuss und Jagd nennt er als Beispiele), da sie im Zustand der Langeweile, ohne Ereignisse in der Welt, die an ihn herantreten, aber auch ohne Gedanken, Erinnerungen, die sich ihm aufdrängen, nichts mit sich anzufangen wüssten. Es stellt sich bei ihnen eine Unruhe ein, die der äußeren und geistigen Anlass- und Antriebslosigkeit antinomisch gegenübersteht, kurz: Sie sind sich selber nicht genug. Diesem Zustand versuchen sie mit Zerstreuung zu entkommen, sich zu beschäftigen, von der eigenen Unrast abzulenken.
Ich erinnere noch gut, wie eine Dozentin in einem Seminar, gefragt, ob sie sich langweile, entgegnete, dass sie dieses Gefühl nicht, oder zumindest nicht in diesem Ausmasse kenne. Vielleicht davon beeindruckt muss ich aber heute auch sagen, dass ich es durchaus mit mir alleine in einem stillen Raum aushalte, dass ich dieser Situation auch durchaus etwas emblematisches für die Vorstellung von einem Philosophen abgewinnen kann. Wäre ich gerade nicht damit beschäftigt, diesen Text zu schreiben, hätte frei, meine Freundin wäre verreist, meine Freunde anderweitig verplant - ich hätte kein Problem, mir eine Beschäftigung zu suchen. Vielleicht würde ich mich in den Sessel fläzen, den Band mit Wedgwoods Geschichte des Dreißigjährigen Krieges zur Hand nehmen und beim Nachlesen in mein studiertes Halbwissen abbiegen und mir Gedanken darüber machen, was uns die Geschichte dieses Konfliktes vor dem Hintergrund von Nationalstaatsbildung, religiösem Fanatismus, Wirtschaftlichkeit von Kriegsführung, Propaganda in einer sich verändernden Medienlandschaft, Zerstörung, Vertreibung, Flucht etc. an Topoi anbietet, in denen wir aus unserer Zeit mit der damaligen ins Gespräch kämen. Ein guter Text ist immer nur Anlass zum Denken. Aber ich kann mir nun mal keine Stunde innerster Ruhe vorstellen, die mich, so wie den von sich selber Gelangweilten, einschüchtern und unruhig werden ließe.
Heidegger analysiert die Langeweile existenzphilosophisch, er nennt sie gar als einen der Grundbegriffe der Metaphysik. umso irritierter werde ich, dieser - nach ihm - Stimmung, nicht zugänglich zu sein. Was passiert in der ‘langen Weile’? Die Zeit, der entlang wir in unserem Dasein gerichtet sind, bleibt für eine Weile leer. Es passiert nichts: keine Eindrücke der Umwelt, keine Handlungsaufforderungen, keine Affektionen unserer Aufmerksamkeit. Die Zeit wird nicht mehr als Nacheinander von Ereignissen, sonder als leere Dauer empfunden. Unsere Erwartungen laufen ins Leere, unsere Gerichtetheit wird zum Starren an die Wand. Wir sind auf uns selber angewiesen. Nach Heidegger: Zurückgeworfen auf unser Dasein. Alleine mit uns und der Zeit. Das bedeutet auch, dass in der langen Weile Dasein nichts als Dasein ist, und Zeit als Zeit. Die Grundbestandteile der Ontologie in ihrer Reinform. Ein Rückfall aus der Welt macht den Gelangweilten zum heiligen Eremiten oder zum verstoßenen Erzengel. Dabei ist ‘Gelangweilter’ eigentlich der falsche Ausdruck: Heidegger strukturiert die Langeweile entlang des einfachen Satzes: ‘Es ist langweilig’. Was ist langweilig? Das Sein, auf das wir uns in der langen Weile als Dasein und Zeit zurückbesinnen.
Ich kehre zurück: Was ist dann Kurzweil? Im alltäglichen Leben wird unsere Erwartungshaltung mal bestätigt, mal enttäuscht durch Ereignisse, Handlungsaufforderungen oder -initialisierungen, Gedanken, beiläufig, wie zielgerichtet - kurz: wir sind beschäftigt. Sieht man das jemandem an, ob er gelangweilt oder beschäftigt ist? Nehmen wir mich, über alles mögliche grübelnd, das Buch umgeschlagen auf dem Knie im Sessel. Von außen unterscheide ich mich nicht sehr, von dem, der Gelangweilt in dem Sessel, ohne an ihn herantretende Ereignisse oder Gedanken, in seinem Sessel sitzt und sich als Dasein in der Dauer aufs Sein zurückbesinnt - abgesehen davon, dass ich eben grübele. Zerstreuung und Kurzweil - ehrlichkeitshalber gestehe ich, dass ich mir etwas darunter vorstellen kann: Sport treiben, Feiern, sich unterhalten, Filme schauen, Bücher lesen, aber auch: arbeiten, diskutieren u.ä.m. - wollen aber dennoch nicht so recht als Gegenbegriff zur Langeweile taugen. Was wäre der philosophische Inhalt dieses Gegenbegriffs? Das wir in der Zerstreuung das Sein vergessen, weniger Dasein und Zeit in Reinform sind? Aber mit was sind wir dann vermischt? Was rückt uns dann mehr ins Bewusstsein als das Sein? Bin ich, grübelnd im Sessel, zerstreut, weil ich Erinnerungen an Bildungsinhalte, Gedanken, Assoziationen, vor die Erfahrung einer Dauer und des Daseins schiebe? Oder ist es nicht eher so, dass ich spielerisch mit der Dauer und der Zeit umgehe, indem ich die leere Zeit in der langen Weile mit Artefakten aus der Zeit vor der Langeweile fülle und sie daher nicht mehr als langweilig empfinde. ‘Es’ kann so langweilig sein, wie 'es’ will - ich bin mir selbst genug! Zweierlei ist interessant: eines in Bezug auf die Langeweile, eines in Bezug auf unseren Ausgangspunkt - die Versuche in negativer Philosophie. Zum ersten: Wie gesagt fülle ich als Grübler die leer gewordene Zeit mit Erinnerung / Gedanken aus der vorangegangenen. Ich beschäftige mich, während ich darauf warte, dass die Dauer der langen Weile umgeht. Warten - das müssen auch Jäger (wir erinnern uns an Pascals Maßnahmen zur Zerstreuung) und Sportler. Sie füllen die für sie leer gewordene Zeit mit Vorstellungen dessen, was sie als Ereignis erwarten oder Herbeiführen wollen. Der Jäger wartet auf seine Beute, der Sportler auf den Zeitpunkt, zu dem er in der Lage ist, das zu leisten, was er von ihm erwartet. Das kann bei letzterem bis zur Kontemplation gehen. Läufer berichten über den Runner’s Point, an dem sie nicht mehr denken, nur noch laufen. Hier haben wir eine geistige Leere, wie dort, wo ich in meinem Sessel, einer Ereignislosigkeit um mich herum aufbaute. Beides sind (Teil-) Aspekte der Langeweile. Sowohl Läufer als auch Grübler könnten für sich ein ebensolches Identitätsgefühl in Anspruch nehmen, wie jenes, dass Heidegger exklusiv an die Langeweile bindet. Statt eines bloß komplenentären Gegenbegriffes zur Langenweile finden wir hier existenzphilosophische Beschreibungen ganz alltäglicher Vorgänge, was uns zurück zu den Versuchen in negativer Philosophie bringt.
Die Suche nach dem Anderen der Langeweile brachte mich dazu, meinen Zustand in den Begriffen, mit denen man auch diese beschreibt, verständlich machen zu können. Am Ende tut spannt sich vor mir ein Fächer aus Situationen auf, in denen jemand gelangweilt wirkt, ohne gelangweilt zu sein, ohne dass sich diese Situationen einem Begriff unterordnen lassen, der den der Langeweile kontrastiert, und es tritt ein Spannungsverhältnis ein zwischen nicht empfundener (existentieller) Langeweile und unverständlichen situativen Lebensvollzügen. Vielleicht besagt dieser Satz nichts oder ist nur esoterische Nachlese von Begriffsspuren. Aber es tritt noch etwas hinzu: Die Suche nach einem Gegenbegriff lässt mich lebensweltliche Sachverhalte mit den Bestimmungen des Ausgangsbegriffs beschreiben. Ich halte das für eine Möglichkeit, den Bedeutungshorizont, die Ausführlichkeit von Begriffen darzustellen, und das in Bezugnahme auf ihr Gegenteil.
Wie vollzieht sich die Bezugnahme auf dieses Gegenteil? Nehmen wir eine Tatsachenbehauptung, nennen wir sie A. A sagt etwas über bestimmte Dinge aus, erhält seine Gültigkeit, indem diese Dinge Tatsachen sind und die Behauptung ihrer wahr ist. Tastachen können erzeugt, Behauptungen hergeleitet werden. Die sicherste Probe ihrer Richtigkeit ist, zu zeigen, dass ihr Gegenteil (¬A) falsch ist. Wie findet sich aber dieses Gegenteil von Begriffen, wenn wir wissen wollen, ob diese Begriffe wahr oder richtig sind? Ich habe versucht, zu zeigen, dass ¬Langeweile, nicht Zerstreuung heißt. In dieser Untersuchung zeigten sich einige Sachverhalte in neuem, vielleicht verständlicherem Licht. Wir verfügen über eine ganze Reihe solcher Begriffspaare, wie Langeweile und Zerstreuung. Verhält es sich bei diesen nun ähnlich, d.h. können wir die Belastbarkeit eines Begriffs in einem antinomischen Nachdenken über ihn überprüfen? Es gibt dazu einige Ansätze in der Philosophiegeschichte.
Die negative Theologie, die im Anschluss an Platon Eingang in christliche Philosophien fand, verfuhr im Sprechen von Gott so, dass sie keine positiven Beschreibungen Gottes (also Tatsachenbehauptungen der Form: Gott ist … oder Gott hat …) zuließ. Das Höchste ist unsagbar, kein analytischer Begriff, nur als reine, evidente Erkenntnis erfahrbar, Transzendenz nicht in Worte zu fassen. Von Platon stammt auch die dihairetische Methode – wie Alexander Kluge sagen würde: Die Kunst, Unterschiede zu machen. Wie können wir aber unterscheiden, wenn eine Seite des Unterschieds leer bleibt? Wie spricht man über das Unsagbare? Ich denke, dass wir mit unserem Verstand vergeleichbar auf Verständnis ausgerichtet sind, wie Heideggers Dasein zeitlich gerichtet ist. Wir erwarten vom Denken, dass es uns sprachlich die Welt beschreibt. Worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen? Es verhält sich doch genau anders herum. Wir sollten über das sprechen, was uns anschweigt. Was wie eine rethorische Parodie anmuten mag, die die Begriffe von den Füßen auf den Kopf stellt, hat durchaus die Möglichkeit Bedeutungsfelder aufzuspannen. Ich denke dabei etwa an Rousseaus Art, in Widersprüchen, Extremen sogar offenen Antinomien zu denken, an Bachelards (Wissenschafts-) Philosophie des Nein, die Fortschritt damit begründet, dass Wissenschaften ›Nein‹ sagen können, zu vorherrschenden Meinungen oder aber auch ihren eigenen Ergebnissen. Ich denke auch daran, dass Sartre das Denken als Möglichkeit zur Nichtung beschreibt. Diese Nichtung vollzieht sich dergestelt, dass einerseits Tatsachen ihres Existenzquantors beraubt werden können. Wir können an einem Wintermorgen in kurzen Hosen vor die Tür treten und sagen, heute ist es warm. Was in diese Richtung wie geistige Verwirrung erscheint, ergibt in seiner Umkehrung die Möglichkeit, über Dinge zu reden, die nicht sind. Einhörner, verknotete Giraffenhälse, sind harmlose Beispiele einer Gruppe, zu der ebenso der perfekte Kreis, ein mathematischer Punkt, wie die Idee des Höchsten Gutes, ja vielleicht sogar irreduzible und nicht herleitbare Begriffe wie Raum und Zeit gehören.
Und doch finde ich in diesen Inspirationsquellen noch keine exakte Formulierung für das, was mir als Versuchsanordung oder Projekt vorschwebt. Es gibt ja immerhin keine Gegenbegriffe zu Raum und Zeit, und wenn wir ehrlich sind, ebenso wenig zu Gott oder Welt. Die Gegenstände der Versuche in negativer Philosophie sind profaner. Mag die Langeweile für Heideggers Philosophieren zentral gewesen sein, man käme auch gut mit dem alltäglichen Verständnis von Langeweile und Zerstreuung aus. Sie in der Gegenüberstellung zu relativieren, mag manchen mit ihnen zusammenhängenden Aspekt erhellen, aber berührt er noch nicht das, was für die Philosophie oder das alltägliche Leben wesentlich ist, die aber nicht vollkommen transzendent sind, so dass sich über sie reden lässt. Ich schlage ihnen einmal eine Reihe von Begriffen vor: Wahrheit, Vernunft, Mensch. Bilden wir Gegenbegriffe: Lüge, Mythos, Tier. Darauf werde ich noch zu sprechen kommen, aber vorab: es sind nicht die einzigen Gegenbegriffe zu denen der Philosophischen Tradition. Irrtum eignet sich ebenso als Gegenbegriff zur Wahrheit, wie die Lüge, ich finde nur, dass diese aufgrund ihrer moralischen Implikation Wahrheit besser kontrastiert. Vernunft könnte man auch der Unvernunft, oder, was dasselbe ist, Irrationalität, gegenüberstellen. Eine andere Optionen wäre: Wahn – dazu denke ich an Fieber, Traum. Das bringt uns schon auf die Spur zum Mythos. Ich bevorzuge diesen Begriff, da er auch am Anfang der Unterscheidung der Philosophie, d.h. ihrer Ausbildung als eigene Disziplin, ihres Gründungsmythos gehört, und daher einige Ambivalenzen aufweist, die auch die sich in der modernen Interpretation des antiken Logos-Begriffs widerspiegeln. Schließlich gebe ich Tier den Vorzug vor Unmensch, Monster oder Automat, da sich auch in diesem (eigentlich unscharfen) Begriff Ambivalenzen aufweisen lassen, die sich in den Beantwortungen der Frage nach dem Menschen widerspiegeln. Man kann mit diesen Begriffen zumindest Teile ganzer philosophischer Disziplinen darstellen: Logik, Erkenntnistheorie und Anthropologie, und zwar je als Pseudologie, Mythologie und Tierphilosophie. Zu einem soliden philosophischen System fehlt dann nur noch die Ontologie, daher behalte ich Diskussionen über die Langeweile, die das Thema zumindest streifen, als Teile dieses Projektes bei.
Sollte der Eindruck entstehen, ich wollte eine falsche Wissenschaft aufstellen, oder Taschenspielertricks anstellen, um rethorisch herzuleiten, wozu ich verstandesmäßig nicht in der Lage bin, bitte ich das zu entschuldigen und im folgenden den Theoriefetzen, Gedankengängen und Versuchen eine Haltung des ehrlichen, wenn auch vorläuifigen Bemühens um philosophische Erkenntnis, wenigstens aber Weltverständigung, zu unterstellen.