Föhnsturm in Klein Venedig
Durstig brauste der trockene Südwind um die rissigen Fassaden und brachte damit die Strassenlichter, die an dünnen Drahtseilen über den Strassen hingen, bange zum Schwanken. Düster und kalt wirkte der Stadtteil, der sich ansonsten mit dem so sonnigen Namen «Klein Venedig» kleidete, an diesem Abend, trotz des warmen Föhnsturmes. In diesem Lichte liessen sich die südländischen Einschläge an den Häusern nur erahnen und hätte der warme Wind die Nacht nicht so mild gemacht, wäre es vielleicht komplett an einem vorbeigegangen, wie sich die Menschen, die sich hier vor vielen Jahren niedergelassen hatten, ein Stück ihrer Heimat hier wieder aufgebaut hatten.
In jener Nacht geschah es also, dass der warme Luftstrom meine halb erfrorenen Lebensgeister zu wecken vermochte und mich die Langeweile nach draussen gegen den dunklen Bürgersteig branden liess, wo um mich herum sofort ein Schaummeer aus Planlosigkeit aufsprudelte. Schleunigst watete ich aus jener Gischt und ging in schnellen Schritten los, den Wind im Rücken, die Sterne im Blick. So rannte ich also vor meiner eigenen Langeweile davon und von Meter zu Meter fühlte ich, wie alles leichter wurde und ich konnte mich sogar ein wenig des strahlenden Lichtes der Sterne freuen, welche mit ihrer altklugen Erhabenheit auf mich niederblickten und ganz so wirkten, als würden sogar sie sich um mich sorgen.
Wenn sie sich schon nicht sorgten, so waren sie doch wohl wenigstens erstaunt, als sie mich so in den nächtlichen Gassen umherirren sahen, planlos, Rauch ins Dunkel blasend. So wäre es aber vermutlich allen gegangen, die mich halbwegs kannten, und auch ich selbst, der ich mich auch halbwegs kannte, wäre erstaunt gewesen, hätte ich mich selbst so draussen in der Nacht getroffen. Wahrscheinlich wäre ich selbst sogar der Erstaunteste von allen gewesen und hätte am ehesten erkannt, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu und her gehen kann.
Schnellen Schrittes ging ich an den mit Efeu überwucherten, dicht an dicht stehenden Häusserfassaden vorbei, die mich aus vielen blinden Augen aus dunklen Fenstern anstarrten. Ich war jetzt schon vorne an der Kreuzung und schlüpfte dort in das kleine Räumchen, eine alte Telefonzelle, um mich vor dem mit gierigen Zähnen an mir nagenden Sturm zu verbergen. Dort konnte ich auch etwas verschnaufen und meine selbstgedrehte Zigarette wieder anzünden, die mir der Wind ausgeblasen hatte.
In der windstillen Zelle wurde mir sofort warm und heisser Schweiss schoss mir aus allen Poren. Ich hielt meine Pause demnach kurz und kaum war ich wieder bei Atem, stiess ich die Türe mir einem Quitschen auf und warf mich wieder in des Windes Arme, welcher die Tür hinter mir mit einem lauten Knall schloss. So stampfte ich weiter durch die nächtlichen Strassen, scheinbar mit einem Ziel vor Augen, der Wind mit seinen giftig zischenden Peischen hinter mir.
Auf meiner Karte war aber weder eine Route markiert, noch war mein Kompass auf ein Ziel ausgerichtet. Ich lief einzig des Laufens wegen. Ein Fuss vor den anderen setzend, weg von meiner Haustür, von Verantwortung, von Gefühlen, von mir, von meinem Leben. Wobei es am schwersten war, von mir selbst wegzulaufen, doch mit mir zu leben schien ebenso schwer zu sein.
Eigentlich glaube ich ja, dass ich mich selbst gar nicht so sehr hasse wie alles rundherum. Und wenn doch, dann war dieser Hass doch gerade eben geschaffen von diesem Rundherum. Was kann ich also dafür? Nichts. Und doch fühlt niemand meine Gefühle für mich, denkt meine Gedanken oder lebt mein Leben für mich. Beim Aufputzen der Scherben lassen sie dich allein zurück.