Propaganda Superpower - Ein Interview mit Plastic Propaganda
An einem Sommerabend treffe ich mich zu einem Gespräch mit der Hamburger Punkband Plastic Propaganda. Die Band sitzt auf einer Treppe neben der Hamburger Punkrockkneipe Kraken. Während es langsam dunkler wird, sprechen Plastic Propaganda über ihre Musik, über Punk generell, die zunehmende Kommerzialisierung der Jugendkultur und die bevorstehende Produktion ihres Debütalbums. Plastic Propaganda haben etwas zu sagen, daran besteht kein Zweifel. Sie schreiben Texte, die in den Gesamtkontext nicht nur dieser, sondern auch jeder anderen Großstadt projiziert werden können.
Die Rede ist von Songs, die nicht bloß dahinvegetieren wie so vieles im popkulturellen Malstrom der Musikindustrie, vielmehr von solchen, die gesellschaftskritische und politische Aussagen treffen, vom Aufbruch und vom Ausbruch erzählen. Wie titelte ich einmal? „Wenn jedwede andere Art von Propaganda aussehen und sich anhören würde wie diese, ich würde sie liebend gern verbreiten, so ist es schließlich Musik, die ein Zeichen setzt, Wahrheiten ausspricht.“ Dem kann ich noch heute voll und ganz zustimmen. Und in diesem Sinne, Vorhang auf für die Propaganda Superpower!
Hey, würdet ihr euch kurz vorstellen?
Julian: Hallo, wir sind Plastic Propaganda. Ich bin Plastic Propaganda.
Pablo: Nein, bist du nicht!
Julian: Die anderen haben nichts zu sagen. (kollektives Gelächter)
Könntet ihr ein paar Worte zu eurer Bandgeschichte sagen?
Julian: Pablo und ich hatten vorher so eine Schrammelpunkband, oben auf dem Dachboden. Da hab ich noch Schlagzeug gespielt und er hat schon immer Gitarre gespielt, seitdem ich ihn kenne. Und damals haben wir unsere Punkpubertät damit verbracht. Und irgendwann haben wir das dann aufgegeben. Das war, glaube ich…
Pablo: Ende 2010 haben wir angefangen.
Julian: Ende 2010 haben wir angefangen.
Nina: Und 2012 habt ihr aufgehört.
Julian: Ja, Sommer 2012 haben wir aufgehört und wollten dann was Eigenes machen und haben dann erstmal bei Pablo im Kinderzimmer geübt. Wir haben vorher auf Deutsch gesungen und getextet und wollten dann mal auf Englisch texten und haben uns darauf geeinigt, dass wir uns eher an den älteren Bands orientieren wollen von 1977.
Nina: Eigentlich kann man das so gar nicht sagen. Mittlerweile war das einfach so der Musikgeschmack, den irgendwie alle hatten.
Pablo: Ich kann auch nichts anderes spielen.
Julian: Er kann auch nichts anderes spielen (Pablo lacht). Zwischendurch haben wir auch ein bisschen Straßenmusik gemacht, um warm zu werden.
Klingt gut. Wo denn so? Ich hab euch immer verpasst.
Julian: Mönckebergstraße oder unten bei den Landungsbrücken. Und ich wollte auch nicht mehr Schlagzeug spielen, sondern ich wollte Gitarre spielen. Meine ersten Griffe hat Pablo mir dann auch mehr oder weniger gezeigt. Ja, dann ging es langsam los und dann haben wir 2012 angefangen, zusammen Musik zu machen. Nina kam dann dazu.
Nina: Wir haben ja zu dritt geprobt und ich hab früher Geige gespielt und ich konnte sonst nur Gitarre spielen und weil Julian dann aber darauf bestanden hat, dass er jetzt Gitarre spielen will, habe ich gesagt, probier ich das mal mit dem Bass. So haben wir dann da zusammen im Kinderzimmer gesessen bei Pablo.
Pablo: Mit Kaffee und Kuchen von Omma.
Nina: Und dann haben wir versucht, uns einen Schlagzeuger zu suchen, was ein kleiner Prozess war.
Pablo: Und dann hab ich irgendwann über Bandcamp Johann ausgegraben. Ich wusste nicht, was ich kriege und jetzt haben wir den.
Und seid ihr alle zufrieden? Ihr dürft jetzt nichts Falsches sagen!
Julian: Ja, auf jeden Fall. Ich liebe ihn.
Und du, Johann, bist du auch zufrieden?
Johann: Nö, ich find Punk scheiße, ich bin nur hier um zu saufen. (kollektives Gelächter)
Julian: Dann findest du also Punk doch gut!
Ich würde zu gerne wissen, wie euer Bandname eigentlich entstanden ist.
Nina: Wir waren auf dem Weg zu unserem ersten Auftritt…
Pablo: Wollen wir jetzt die Geschichte erzählen oder die spannende Geschichte mit Inhalt?
Nina: Beide? Also, wir waren auf dem Weg zu einem Auftritt in einem Zirkuszelt und hatten noch keinen Namen und dann haben wir uns einen Namen überlegt in der Bahn. Und jetzt darfst du das mit Inhalt erzählen!
Pablo: Nina hatte sich Plastic ausgedacht, weil wir halt das Gefühl hatten, dass das irgendwie aussagekräftig ist, weil das viel ist, was dich täglich umgibt und dann wollte ich unbedingt ein zweites Wort, was mit einem P anfängt, einfach, damit es ein bisschen zackig klingt und dann haben wir die ganze Zeit überlegt und überlegt und dann trafen wir Julian da, wo wir uns verabredet hatten und er meinte: „Ja, dann können wir uns auch Plastic Propaganda nennen.“ Und dann guckten wir drei uns an und dachten so: „Mensch, das ist ganz gut.“
Nina: Mensch, das ist ganz gut (lacht).
Pablo: Und letztlich ist das auch eine inhaltliche Aussage, die wir ganz spannend finden, weil das letztendlich so ist, wie Propaganda funktioniert. Propaganda selbst hat ja keinen Inhalt, sondern wird einfach immer zu dem geformt, was sie bezwecken soll. Das hat auch keine eigene Form, keine eigene Identität und ist daher formbar wir Plastik.
Nina: Mit Plastic war es auch so. Wir hatten ja zu dem Zeitpunkt schon ein bisschen angefangen mit ein paar Songs. Wir haben ja eigentlich nichts Poltisches, das sind ja eigentlich eher gesellschaftskritische Texte.
Nina: Ja, beobachtend. Das, was wir uns unter dem Wort Plastic vorgestellt haben, über sowas haben wir gerade kurz davor geredet und deshalb meinte ich, dass ich Plastic ganz gut finde, weil ich glaube, dass es für uns etwas ist, das uns viel beschäftigt hat.
Pablo: Und über das Plastic sind wir auch schnell zu dem Pink gekommen, weil Pink für uns einfach die Plastikfarbe ist.
Das klingt nach einem guten Prozess. Wie würdet ihr Leuten, die euch nicht kennen, eure Musik beschreiben?
Julian: Klingt nach Plastic Propaganda.
Johann: Wir sind nicht gut, aber laut.
Ihr seid gut. Bestätigung aus erster Hand.
Pablo: Punk. Einfach im besten Sinne.
Julian: Punk, wie er sein sollte: kreativ und sehr eigen.
Pablo: Plattitudenfrei. Bescheuert.
Nina, du hast ja selbst schon angesprochen, dass ihr gesellschaftliche Songs macht und besonders aufgefallen ist mir das in Sell My City und das passt natürlich auch momentan besonders gut in den „Geld frisst Stadt“-Kontext der Esso-Häuser.
Pablo: Ja. Obwohl der Text eigentlich uralt ist.
Julian: Den kannst du eigentlich auf jede Großstadt beziehen. Im Grunde hat es uns zu dem Zeitpunkt einfach angekotzt, weil wir eine Wohnung gesucht haben und dann haben wir gedacht, okay, dann schreiben wir eben einen Song über Gentrifizierung.
Habt ihr mittlerweile eine Wohnung gefunden?
Pablo: Wir proben nicht mehr im Kinderzimmer und ich muss auch nicht mehr ins Kinderzimmer zurück (lacht).
Nina: Doch, manchmal. Wenn du dich schlecht benimmst, dann schick ich dich in dein Zimmer.
Was würdet ihr sagen, sind denn die Alben, die euch dazu gebracht haben, Musik machen zu wollen.
Pablo: Das ist, glaube ich, nicht die richtige Frage…
Nina: Pablo, bei dir kann man einfach sagen: The Clash.
Pablo: Gut, aber ich hab angefangen Musik zu machen, bevor ich die überhaupt kannte. Ich mache Musik mit anderen Leuten seitdem ich fünfzehn bin. Das war damals eine Schülerband. Wie das halt so ist und wie man halt so anfängt, wenn man von nichts eine Ahnung hat. Und dann über den Verlauf bin ich auf die ganze Musik gestoßen. Also relativ spät eigentlich. Es gibt ja Leute, die sagen dann, sie kannten das alles mit zwölf, aber ich hab so mit fünfzehn, sechzehn angefangen.
Nina: Also, bei mir war das so, ich hab, als ich ganz klein und noch in der Grundschule war, angefangen, Geige zu spielen und hab das auch ungefähr neun oder zehn Jahre gemacht. Da hab ich dann eigentlich nur klassische Musik gespielt. Für mich war Musik irgendwie schon immer meins und hab dann aber einfach später gerade als die beiden dann noch ihre Band hatten, die zugegebenermaßen sehr schlecht war (Pablo und Julian lachen), gesagt, mich würde eher die Musik interessieren, die ich selbst auch privat gerne höre und das war dann eben zu dem Zeitpunkt schon eher Punk und deshalb haben wir das dann gemacht.
Pablo: Aber du wolltest eigentlich eher auf unsere Lieblingsalben hinaus, oder?
Ich hör alles gerne, wirklich.
Pablo: Das Schöne an Inspirationen ist, die wechseln ständig. Es gibt Songs, die verstehst du einfach noch nicht, wenn du sie das erste oder zweite Mal hörst und dann irgendwann wächst du in sowas auch rein.
Julian: Ich wollte eigentlich immer Gitarre spielen wie The Edge von U2, schon als kleines Kind. Meine Eltern haben mich mit U2 penetriert, aber ich hatte eigentlich nie den Mut, mir die Gitarre zu nehmen. Punk hat mir eigentlich erst den Mut gegeben, zu sagen: „Scheiß drauf. Ich mach das jetzt einfach, weil ich Bock darauf hab.“
Also würdet ihr auch sagen, das ist Punk für euch. Einfach mal das machen, was ihr immer machen wolltet.
Julian: Ja, in jedem Fall.
Pablo: Aber das kannst du halt auch wieder nicht so festmachen. Punk ist ein Widerspruch.
Julian: Punk ist ein Prozess.
Interessant. Was würdet ihr sagen, sind so eure persönlichen nicht-musikalischen Einflüsse?
Julian: Metal (kollektives Gelächter). Ich glaube, darauf können wir uns eigentlich festlegen. Johann, du findest Metal auch scheiße, oder?
Nina: Ich glaube, das ist die einzige Musikrichtung, wo wir uns alle vier einig sind, dass wir sie scheiße finden. Ansonsten ist das bei uns immer unterschiedlich. Es gibt immer was, was ein paar mögen oder nicht mögen und ein paar sehen das anders.
Johann: Es gibt auch geile Metal-Sachen.
Pablo: Da fängt’s schon wieder an.
Nina: Mach’s nicht kaputt!
Pablo: Wir sind sehr stark vom Diskurs und von der Diskussion beeinflusst, glaube ich. Das ist superschwierig, du bist halt auch immer drin im Einfluss. Ich glaube, wenn dich etwas beeinflusst und du das in Worte fassen kannst, ist der Einfluss schon verarbeitet, weil du dann nicht mehr drinsteckst. Andererseits kannst du auch immer sagen, dass Punk sehr viel beeinflusst. Aber Bücher sind ein guter Einfluss.
Johann: Zwischenmenschlichkeit und sowas.
Pablo: Es gibt auch so viel, was diese gewisse Geisteshaltung vorantreibt, mit der du dann irgendwann auch auf Punk stößt und was damit überhaupt nichts zu tun hat.
Nina: Ich glaube, es geht ja jetzt da auch nicht nur um Punk, sondern was uns ansonsten beeinflusst hat.
Pablo: Science-Fiction-Trash. Star Wars ist wichtig.
Johann: Die komplette Wahrnehmungsschiene, alle Sinne.
Pablo: Ja, alles. Wir sind von allem beeinflusst, von vorne bis hinten. Stimmt ja auch irgendwie. Jeder ist von allem beeinflusst.
Julian: Und vor allem sind wir die absolute Mehrheit.
Pablo: Wir sind vier von vier, das ist eine absolute Mehrheit (lacht).
Ihr könntet mit dem Wahlspruch eine Partei gründen. Obwohl, ihr wollt ja gar nicht so sehr politisch sein, oder?
Julian: Wir wollen einfach nicht so bierernst sein, sondern wollen eher kreativ damit umgehen und kreative Denkanstöße geben.
Nina: Also ich sehe uns eher als gesellschaftskritisch an, aber das hat ja auch immer alles eine politische Seite. Das ist alles auch einfach eine Sache der Auslegung. Ich würde uns nur so einfach nicht als politische Band abstempeln, einfach, weil ich finde, dass das sehr schnell zu genau zu so etwas wird: zu einem Stempel. Was man so aushängen kann. Das finde ich einfach zu schade, weil es so viele Seiten gibt, so viele Meinungen.
Pablo: Ich glaube, am Ehesten wollen wir einfach undogmatisch sein. Das ist sehr prägnant und treffend.
Nina: Am Ende möchten wir auch immer das aussagen, was uns gerade in dem Moment beschäftigt und betrifft und das kann alles sein. Das kann auch politisch sein, muss es aber nicht.
Ein guter Denkanstoß. Ich würde gerne nochmal auf die Gesellschaftskritik zu sprechen kommen. Wenn es eine Sache gäbe, die ihr an der Gesellschaft ändern könntet, welche wäre das? Nehmen wir beispielsweise die jetzige junge Generation, die Jugend von heute, wie man so schön sagt.
Pablo: (lacht) Nein, Herdendenken.
Nina: Andersherum, würde ich sagen. Sie sollen mehr selbst denken. Sich selbst mehr hinterfragen.
Johann: Mündigkeit fördern.
Nina: Einfach, dass mehr Leute Sachen weniger ernstnehmen.
Pablo: Und nicht einfach so hinnehmen.
Nina: Eben einfach mal über Sachen nachdenken und sich dann am Ende selber eine Meinung bilden, ob das nun letzten Endes das ist, was die Mehrheit denkt oder nicht, das ist mir egal, solange man selbst einfach mal darüber nachgedacht hat.
Pablo: Du kannst heutzutage auch schon unglaublich viel personalisieren, was dir gegeben wird. Jeder hat heute die Möglichkeit, sein Leben über seine „Tracklist bei Spotify“ zu personalisieren oder alle Apps auf seinem Smartphone so abzustimmen, dass man das Gefühl hat, dass das alles personalisiert ist. Aber das sind alles Möglichkeiten, die dir gegeben werden. Man muss sich selber seinen eigenen persönlichen Freiraum erkämpfen und dabei auch alles hinterfragen und auch sich selbst. Das ist wichtig, das ist gut. Heute ist das ein bisschen wenig. Sollst du auch einfach heute gar nicht mehr.
Es gibt diesen stetigen Überfluss, der uns dazu bringt, dass wir uns eingeengt fühlen.
Julian: Ja, vor allem ist das auch so, dass es die Leute bequem macht und selbst in der Punk-Szene ist es so, dass viele Leute einfach nur konsumieren. Möglichst viel Bier trinken, sich möglichst krass abschießen. Das ist überall so, das unterscheidet dich eigentlich nicht von dem normalen Schützenfestgänger. Aber mal kreativ sein, da haben einige Leute vielleicht zu wenig Mut für oder wie gesagt, sind zu bequem.
Pablo: Da bist du dann wieder beim Herdenverhalten.
Nina: Ich glaube, das ist überall so. Ich finde, das hat auch überhaupt nichts mit Subkulturen zu tun, weil das einfach überall so ist, dass die meisten Leute sich früher oder später eine Rolle suchen, in die sie fallen. Egal, ob das dann das eine oder das andere ist. Das kann ja auch jemand sein, der sagt, er sei jetzt total Punk. Das findet man überall. Das ist ein allgemeines Problem, das man nicht nach Subkulturen sortieren kann.
Ich finde, das ist wieder mal ein guter Gedanke. Kommen wir wieder zu Plastic Propaganda: was war denn euer bester Auftritt? Der euch am besten in Erinnerung geblieben ist?
Julian: In Potsdam (lacht). Das war ein Wochenende und wir hatten am Freitag in Berlin gespielt und am Samstag sollten wir in Potsdam spielen und eigentlich dachten wir, Berlin wird richtig geil. So das erste Mal in einer Großstadt spielen…
Pablo: Also einer noch größeren Stadt.
Julian: …Und bei Potsdam dachten wir so: „Na, mal gucken, was das wird.“
Nina: „Nehmen wir mal mit.“
Julian: Berlin war dann Katastrophe irgendwie. Wenig Leute da, Scheiß-Sound, Dauer-Feedback, also Rückkopplung. Dann waren wir also ziemlich gerädert von dem Abend und dann am nächsten Tag haben wir auf diesem Festival in Potsdam gespielt, beim La Datscha.
Pablo: Das ist ein besetztes Haus-Projekt, die haben da fünf Jahre Besetzung gefeiert oder irgendwie ein Besetzungs-Jubiläum. Kleiner Laden, direkt an einem See gelegen.
Nina: Die haben das untere Stockwerk umgebaut, dass man da einen Bühnenraum hat. Da haben die regelmäßig Konzerte gemacht.
Pablo: Kleiner Raum, ebenerdig, es war gerammelt voll. Wir sind durch ein paar Umstände an dem Abend dann Headliner geworden und vorher hatten zwei sehr energetische, aber dann doch irgendwie langsame Bands gespielt und die Leute wollten dann einfach ausrasten und dann kamen wir an und waren mit unserem Sound für die genau richtig. Wir standen direkt im Publikum drin, es gab, wie gesagt, keine Bühne. Und wenn du direkt vor den Leuten stehst und dann durchdrehen kannst, ist das schon geil. Vor allem hab ich da das erste Mal gemerkt, dass die Leute angefangen haben, mitzusingen.
Julian: Die kannten uns ja gar nicht!
Nina: Das Witzige war wirklich, dass da keine einzige Person dabei war, die uns schon mal gesehen oder gehört hatte. Die kannten uns gar nicht. Die Leute sind so abgegangen, das hatten wir hier noch nie, dass wirklich ein Raum mit fünfzig Leuten mitspringt und mitgröhlt und einfach mitmacht – mit vollem Programm! Das war so gut.
Julian: Das hängt aber, glaube ich, auch damit zusammen, dass das Publikum in Hamburg einfach anders auf Konzerte geht.
Das stimmt. Wie oft habe ich das schon miterlebt. Sagt mal, für was lohnt es sich, zu kämpfen?
Julian: Ja, wollte ich auch gerade sagen.
Pablo: Sonst ist alles verloren. Wenn du nicht für dich selber kämpfst, ist alles verloren.
Pablo: Absolut nichts anderes.
Wo bleibt da die Romantik?
Julian: Das Ding ist, nur, wenn du dich selber liebst und schätzt, kannst du auch andere Menschen lieben.
Nina: Jeder hat ja irgendwie andere Träume und Vorstellungen und wenn einen etwas ganz Bestimmtes glücklich macht, dass man für andere Leute tun kann, womit man anderen Leuten auch helfen kann, kann es letztlich auch das sein. Aber am Ende, finde ich, läuft es auf das hinaus, was einem selber am Wichtigsten ist
Pablo: Selbst, wenn du ein großartiges, romantisches Ideal für soziale Gerechtigkeit hast, ist das irgendwann ein Dogma. Und du kannst dich an so einem Dogma auch wunderbar zerreiben. Aber wenn du für dich selber klargekriegt hast, was du wirklich selber machen möchtest, dann bist du auch irgendwann in der Lage, dich auf Andere wirklich einzulassen.
Julian: Das seh ich genauso.
Ich hab von eurer bevorstehenden Albumproduktion gehört.
Pablo: Am 15. September geht’s los, da sind wir dann in Berlin mit Smail von den Shocks und mit dem nehmen wir dann über zwei Wochen mit allem Drum und Dran unser erstes Album auf. Analogproduktion, richtig schön altmodisch. Wir haben mit dem um Ostern herum angefangen, ein bisschen zu arbeiten. Das hat richtig gut geklappt, sehr viel Spaß gebracht und wir freuen uns darauf, weil wir überhaupt keine Ahnung haben, von nix (kollektives Gelächter). Das ist unser gemeinsames Erstes Mal mit vier Leuten. Auch eine Leistung.
Wollt ihr schon irgendwas über euer Album sagen?
Pablo: Es wird gut…hoffentlich! Wir wollen dafür auch einfach alles selber machen, das Artwork und überhaupt. Das soll auch einfach alles, was wir gut finden, an Ausdruck und an Ton, fassen. Wir wissen selber noch gar nicht, wie das wird.
Nina: Wir haben uns auch noch gar nicht endgültig für alle Songs entschieden. Wir haben ein Grundgerüst, aber sind immer noch ein bisschen am Rumüberlegen. Uns ist einfach nur wichtig, dass wir das letzten Endes zum größten Teil alles selber gemacht haben. Dass das von vorne bis hinten für uns stimmt. Deshalb wollen wir das auch unbedingt auf Vinyl haben, nicht auf CD. Damit es für uns rund ist.
Pablo: Der größte Moment dieser Plattenproduktion wird sein, wenn ich die Platte zum ersten Mal auf meinem eigenen Plattenspieler auflegen kann und dann dieses Knistern höre.
Julian: Widerliches Schwein!
Pablo: Ja, widerliches, selbstverliebtes Schwein (lacht).
Das passt irgendwie alles in den Do-It-Yourself-Zeitgeist.
Pablo: Echt, ist das gerade Zeitgeist, ist das gerade cool? Stimmt, diese ganzen DIY-Hardcore-Kids. Das ist schon wieder so traurig: man lässt die Kids eben das haben, aber trotzdem kommt das noch von den großen Instanzen und das wird so vorgegaukelt. Das ist so gekaufte Individualität.
Wo wir schon bei dem Thema sind: Gibt es ein momentanes Phänomen, über das ihr euch besonders aufregt, das euch beschäftigt?
Pablo: Es gibt zu viel, über das man sich trefflich aufregen kann, das ist doch das Schöne daran. Festgefahrenheit ist schlimm. Wenn du dir irgendwann deine Festung gebaut hast und da auch nicht mehr rauskommst und dich irgendwann einfach nicht mehr bewegst, weder vor noch zurück.
Julian: Richtig verloren fühle ich mich eigentlich auf so Herdenveranstaltungen. Also hier in Hamburg gibt es ja mittlerweile jedes Wochenende eine Massenveranstaltung.
Pablo: Der Schlagermove ist scheiße!
Julian: Gerade so viele Menschenmassen, das stresst mich ungemein.
Pablo: Dieser Herdentrieb.
Julian: Manchmal nervt mich auch diese Großstadt einfach.
Back to the roots, ab auf’s Land.
Pablo: Bloß nicht! Das finde ich zum Beispiel richtig zum Kotzen, so bürgerliches Kleinspießertum.
Julian: Da fällt man dann halt echt raus.
Pablo: Gut, aber sobald dich das Dorf erst mal richtig schön kaputt gemacht hat und dich zwingt, am Stammtisch zu sitzen, ist es mit der Individualität auch vorbei.
Nina: Ich finde, darum geht es auch gar nicht. Mein Gedanke ist auch nicht, um jeden Zweck rauszustechen und aufzufallen, sondern am Ende des Tages einfach das zu machen, was mir Spaß macht. Wenn das dann halt irgendwas ist, was raussticht, dann ist das so, wenn nicht, dann nicht. Das ist mir dann auch egal. Ich finde nur Leute affig, die sich einfach nur danach richten, was besonders auffällig ist und je nachdem, was gerade Norm ist, das Gegenteil machen, bloß um aufzufallen. Das finde ich albern.
Pablo: Wenn jemand Bock hat, einen Stammtisch zu organisieren und darin voll aufgeht, dann soll er das machen. Sitzen und einfach nur ausharren, das ist hart. So ein Dulli-Dasein.
Julian: Ein duseliges Dulli-Dasein.
Pablo: So vor sich hinvegetieren und nichts machen und selber auch gar nicht wissen, was man möchte.
Julian: Sein Leben zu verschwenden, das finde ich immer schade.
Pablo: Obwohl es so viele Leute gibt, die sagen, dass wir unsere Zeit verschwenden (lacht).
Julian: Das hab ich wohl überhört…
Aber das geht doch auch irgendwie gar nicht, zu meinen, Anderen vorschreiben zu müssen, was sie tun oder lassen sollen.
Pablo: Siehst du, da haben wir schon wieder was, worüber man sich aufregen kann. Wunderbar. Und Leute, die sich über alles aufregen, zum Kotzen! (kollektives Gelächter)
Nina: Punks finde ich auch eklig.
Pablo: Ja, ekelhaftes Scheißpack.
Julian: Und Leute, die ihre eigene Platte hören würden, die sind noch furchtbarer.
Soll eure Platte eigentlich eine besondere Farbe haben? Soll sie pink sein?
Pablo: Ja, wir überlegen, ob wir eine kleine Auflage Pink hinkriegen. Das wär schon cool.
Ich möchte unbedingt noch auf eure persönlichen Helden zu sprechen kommen. Wenn ihr euch jemanden aussuchen könntet, mit dem ihr euer Bier trinken würdet, wer wäre das und was würdet ihr diesen Jemand fragen?
Pablo: Ich würde ein Bier mit Joe Strummer trinken! (Nina lacht)
Irgendwie hab ich das gewusst.
Nina: (Pablo lacht) Das hat jeder gewusst.
Pablo: Bin ich etwa so berechenbar geworden? Scheiße. Ach, ich würde auch gerne mal ein Bier mit Hermann Hesse trinken, aber ich glaube, der trank eher Wein.
Ich würde auch sagen, eher Weißwein als Rotwein. Wo wir schon dabei sind.
Pablo: Ian Curtis wär auch mal spannend.
Julian: Das könnte aber anstrengend werden.
Pablo: Ja, stimmt. Aber man darf sich auch einfach an Helden nicht so aufhängen. Man braucht sowas einfach irgendwann eine gewisse Zeit lang, aber dann irgendwann muss man auch den Schritt machen, sowas zu hinterfragen (Nina lacht). Hör auf zu lachen! Mit wem würdest du denn gerne mal einen trinken gehen?
Nina: Ich weiß nicht, ich bin nicht so festgefahren auf eine Person.
Pablo: Johann, was ist mit dir?
Johann: Wahrscheinlich Richard D. James.
Johann: Der macht elektronische Musik und mit dem würde ich gerne einen trinken gehen.
Und was würdest du ihn fragen?
Johann: Ob er so apathisch ist, wie er wirkt.
Pablo: Ich würde mich auch gerne mal mit Johann unterhalten.
Johann: Ja, ich mich auch. (kollektives Gelächter)
Nina: Ich glaube, bei mir wäre das Tim Burton. Ich kann mich da aber nicht so festlegen.
Pablo: An Johnny Rotten würde ich mich nicht ran trauen, der würde mich verarschen.
Julian: Da würde auch kein vernünftiges Gespräch zustande kommen.
Pablo: Manchmal sind auch die Gespräche mit den Leuten von denen du überhaupt nichts erwartest, die spannendsten.
Julian: Kim Jong-un! Mit dem würde ich gerne mal ein Bier trinken gehen, das könnte witzig werden.
Was steht denn so in Zukunft bei euch an außer der Albumproduktion? Irgendwelche weiteren Auftritte? War nicht sogar mal von London die Rede?
Pablo: Stimmt, ja! Irgendwie müssen wir das auch nochmal anpeilen.
Julian: Aber so konkret steht jetzt erstmal nichts an außer dem Album. Mal gucken, vielleicht kommt noch was dazu.
Pablo: Ich hab noch zwei Bands aus Berlin so ein bisschen am Wickel, The About Blanks und Gulag Beach. Dann wollen wir nochmal nach Aachen fahren zu den Nazi Dogs, mit denen nochmal spielen, weil das Spaß gemacht hat. Aber sonst…
Nina: Ja, London vielleicht nächstes Jahr auf dem Rebellion.
Pablo: Stimmt, Rebellion haben wir auch noch irgendwie in der Leitung! Also ganz viel, da kommt halt auch immer wieder was dazu.
Stellt euch vor, dieses Interview ist eine Möglichkeit, etwas zu sagen, was ihr der Öffentlichkeit noch nie zuvor gesagt habt. Was wäre das?
Pablo: Ich glaube, weise letzte Worte kriegst du aus uns nicht raus. Das Weise musst du rausdestillieren.
Nina: Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Julian: Oi! (kollektives Gelächter)
Pablo: Belassen wir’s dabei!
Dann würde ich sagen, das waren die weisen Abschlussworte. Vielen Dank für das Interview und viel Glück in der Zukunft!
(Photos: Svetlana Grigorieva)