DIE FRAGE
Werter war ein guter Berater. Groß. Dunkelblond. Eine stattliche Erscheinung. Es war ihm wichtig, diese durch feine Anzüge, bunte Einstecktücher und edle Schuhe zu unterstrichen. Äußerte Werter seine Meinung, gab es bei seinen Kunden selten Zweifel. Und wenn, dann fand er treffende Argumente, die diese im Keim erstickten. Auch wenn Kunden seine Arbeit im Netz bewerteten, las sich das Ergebnis überdurchschnittlich. Man schätzte seinen Rat.
Die meisten Geschäfte kamen über Referenzen rein. Kunden-Akquise war nicht notwendig. Er machte seine Manager-Trainings seit fast zehn Jahren, aber Kundenakquise hatte er Jahre lang nicht nötig, Die Mundpropaganda funktionierte außerordentlich gut. Es machte ihm Spaß zu arbeiten. Abgesehen von seiner situationsbedingten Emotionalität lief sein Leben geregelt. Er konnte nicht klagen.
Für den eloquenten Recruiting Spezialisten Stefan Huber hätte der Arbeitsmarkt derzeit nicht besser sein können. In einer Phase, in der qualifiziertes Personal schwer zu finden war und Millennials auf dem Vormarsch waren, kam er leicht mit Kunden ins Gespräch. Alle Firmen suchten erfahrene Arbeitskräfte und sein Arbeitgeber hatte einen großen Pool an Beratern angehäuft. Berater wie Kunden arbeiteten gerne an Projekten mit ihm. Besonnen führte er seine Gespräche, wenn auch bestimmt und zielstrebig. Er galt als einer der wenigen, die sich sehr genau überlegten, wer zu welcher Zeit welches Projekt am besten betreuen kann. Seine Erfolgsquote war hoch und Hubers Chef lobte ihn oft vor den Kollegen für seinen Scharfsinn.
Manchmal organisierte Huber neue Geschäftskontakte für Werter, mit denen sie dann gemeinsam zum Essen gingen. Allerdings monetarisierten sich diese Treffen nicht ansatzweise. Oft blieb es bei dem einen Kennenlernen und danach hörte man von Hubers Kontakte nie wieder. Werter wurde das Gefühl nicht los, dass es Huber vorwiegend um seinen eigenen Profit ging, um neue interessante und potentielle Kunden von Werter zu identifizieren. Dennoch schätze man sich seit einigen Jahren, wie man eben Geschäftskontakte so schätzt. Bis zu dem Tag, an dem Huber Werter eines Tages per Messenger schrieb.
“Ob er Projekte denn jetzt überhaupt annehmen könne?”
Die Frage traf Werter völlig unvorbereitet. Sie machte ihn sprachlos. Sein Puls schnellte in die Höhe. In ihm brodelten Fragezeichen des Unverständnisses. Oder war es mehr eine Entrüstung, gepaart mit einer Woge Wut? Oder mehr? Er strich über seinen Verband und sah zum Fenster hinaus. Wieso fragte grade ihn jemand so etwas nach dreißig Jahren, in denen er so vielen Managern die Mehrwerte der Digitalisierung erklärt hatte? Vor allem aber in einer Zeit, da die Menschen dank der grassierenden Pandemie sowieso von zuhause aus zu arbeiteten. Im Home Office, wie es alle so schön betonten. Da saßen sie jetzt alle vor ihren Computern oder Laptop-Monitoren. Die Männer in Jogginghose mit gebügeltem Hemd darüber. Die Frauen im Smart Casual Stil mit Polohemden und kurzen Sommerröcken. So mancher war vermutlich ungeduscht und ohne Unterwäsche vor seinem Bildschirm. Aber wer wusste das schon. Jeder genoss die Freiheit des Uncommuting, der Entschleunigung, des Daheimseins und der bilanzierten Geschäftsruhe.
“Ob er jetzt überhaupt Projekte annehmen könne?”
Wieder leuchtete die Frage vor seinen Augen im Vorschaumonitor. Warum stellte ein Berater, der viele Vorlesungen an der Universität bis zum Abschluss genossen hat, der selbst seine Beratung seit geraumer Zeit aus seinem kleinen Kellerbüro betreibt, der ihm erst kürzlich von den familiären Vorzügen der Ausnahmesituation philosophiert hatte, eine solche Frage? Was war das für ein Gedanke in Hubers Kopf? Wie sollte Werter die Frage verstehen, wie sie bewerten? War sie nicht vollkommen unpassend und unüberlegt?
Seit Jahren versuchte er zu verstehen, wieso Menschen die Möglichkeiten, die Arbeitsleistung und die Schaltgeschwindigkeit eines menschlichen Hirns von einem ihm oder ihr gestellten Arbeitsplatz, einem Bürogebäude oder einer erzwungenen Zusammenführung von Menschen an einem Ort abhängig machten. Hatte das Zeitstempeln sich als Produktionsgarant immer noch nicht überlebt? Als ob ein Computerchip einen besonderen Boden benötigt, um zu einwandfrei seine Bites and Bytes fließen zu lassen? Selbst Strom war seit Jahrzehnten mobiler denn je geworden. Warum also sollte da das menschliche Hirn einen Aussetzer haben, wenn es nicht beim Kunden vor Ort sitzen kann? Arbeitet der Kunde mit dem Bein des Beraters, oder will er nicht einfach sein Hirn als erweitertes Energie-Kraftwerk mieten?
“Ob er jetzt überhaupt Projekte annehmen könne?”
Wieder schoss Werter die Frage durch den Kopf. Warum kommen Menschen überhaupt auf solche Assoziationen, die auf gesellschaftlichem Miteinander beruhen? Ist es die Angst des Management Teams, ihre Identität zu verlieren, wenn sie keine Bühne, keinen Meeting-Raum oder keine reisebedingten Besprechungen mehr haben? Wie verknüpfen heute noch angebliche Lichtgestalten der Industrie die Vorstellung, dass ein Smartphone mit einer stärkeren Arbeitsleistung als Computer der 2000-er Jahre den Menschen bei körperlicher Immobilität auf einmal ein vorzeitiges oder zeitweiliges Sabbatical gewährt? Ein Sabbatical, das Werter nicht wollte, ja niemals in seinem Leben im Sinn hatte, aber Huber ihm aufoktroyierte? Eine zeitweilige, unbezahlte Pensionierung, die seinen Geldbeutel mit Leere füllen würde, seinem Kühlschrank keinen Wein zum Kühlen gönnen und seinen Keller vorratslos verwaisen lassen sollte? Ein vorgezogener Ruhestand, der auf nicht selbsterwählten Abruf genommen werden musste, weil sein operierter Fuß eine Laufpause benötigte und nicht von Flughafen zu Flughafen hetzen konnte wie die letzten zwanzig Jahre?
Werter sah sich ins Auto steigen, um Huber zur Rede zu stellen. Im Internet fand er schnell seine Privatadresse. Er raste zu seinem Haus. Er klingelte und wartete. Ungeduldig, gehetzt, verständnislos. Seine Frau würde vermutlich aufmachen, vielleicht auch seine Kinder. Das würde seine Rage ausbremsen, vielleicht auch seine Wut besänftigen. Er wollte das nicht.
Während Werter noch im Auto saß, hatten er versucht, seine Gedanken zu ordnen, eine Argumentation herzustellen und zu einer Meinung zu sortieren. Alles scheiterte kläglich. Es war zu viel. Sein ganzes Leben geriet ins Wanken angesichts dieser Frage. Seine Kompetenz war mit einer Frage bloßgestellt worden. Sein berufliches Wirken der letzten Jahre war angezweifelt, wenn nicht ausgelöscht worden.
Was würde er jetzt machen, wenn Huber selbst öffnete - ohne seine gewohnte Eloquenz, ohne seinen ihm Halt gebenden Kleidungsstil und mit banalen Gehhilfen an seiner Seite und in kurzer Jogginghose? Würde er ihn unvermittelt packen und schütteln, damit sein Chip im Hirn wieder funktionierte? Würde er ihm kräftig eine Ohrfeige geben, damit ihn der Schmerz stärker beschäftigt als seine sinnlose Frage? Oder ihm sogar direkt die metallenen Krücken vehement und ungebremst mehrfach auf den Kopf hauen, um die Menschheit von so viel Hirnlosigkeit zu befreien?
Wie sollte er ihn zur Rede stellen?
Huber: “Sie? Hier? Was kann ich für Sie tun?”
Werter: “Wieso haben Sie diese Frage gestellt?”
Huber: “Was meinen Sie?”
Werter: “Denken Sie nach!”
Huber: “Ich verstehe nicht...”
Werter: “Ob ich jetzt überhaupt Projekte annehmen könne?”
Huber: “Ach das! Ihr Bein. Ich dachte...”
Werter: “Sie denken? Sie denken überhaupt nicht. Haben Sie verstanden, was mein Business der letzten Jahre war? Wie ich viele Menschen in ihrem Denken digitalisiert habe? Warum ich seit Jahren ein gefragter Berater in diesem Themenfeld bin? Sie denken überhaupt nicht!”
Huber: “Ja. Also, ich...”
Weiter kam Huber nicht. Werters Wut traf ihn mitten ins Gesicht. Er fühlte, wie sich Hubers Nase unter seiner Faust verbog. Der Wucht des Schlages ausgeliefert, fiel Huber rückwärts mit dem Hinterkopf auf die marmorne Kante der Eingangsschwelle. Er rührte sich nicht mehr. Er lag einfach da. Die Frage hatte die Reaktion in Werters Augen mehr als verdient. Sie fühlte sich richtig an. Werter drehte sich um und ging wieder. Seine Wut würde über den Abend wieder zur Ruhe kommen.
Werters Smartphone flog in die Ecke. Er fiel wieder in seine Kissen im Bett zurück. Sein Bein schmerze noch immer von der Operation. Alles war komplikationsfrei verlaufen, wie Ärzte das im Nachhinein gerne formulierten, ohne dass man weiß, was das nun genau besagte. Sein Hirn hinderte auf jeden Fall nichts daran, die unternehmerischen Herausforderungen eines Managers mit weisem Rat zu lösen oder einer Firma wieder auf die Beine zu helfen. Nur die vorverurteilende Frage von Huber. Eine Frage die eine Grundvoraussetzung bedingte, welche Werter als Arbeitskraft für die Arbeitswelt blockieren würde. Hubers hirnlose Frage.
“Ob er jetzt überhaupt Projekte annehmen könne?”
Werter schrieb Huber nicht zurück. Sein Hirn war zu sehr beschäftigt, sich über die Einstellung eines Millennials zu wundern. Er kämpfte damit, seine Frage in eine zunehmend digitalisierte Arbeitswelt einzuordnen. Er kam zu der Erkenntnis, dass der digitale Umbruch in der Wirtschaft weiterhin am Menschen scheiterte. Besser vielleicht an Menschen wie Huber, deren Mundwerk der Geschwindigkeit seines Hirnes voraus waren und das obwohl eine ganze Führungsriege davon schwärmte, wie weit die Millennials ihnen heute voraus waren.
Werter bekam sechs Wochen lang keinen einzigen Kundenauftrag. Er las viel, bildete sich weiter und erholte sich gut. Nach vielen stressigen Reisen, unzähligen Terminen und noch mehr oftmals fragwürdigen Meetings über Jahrzehnte hinweg war er dankbar für die entspannte Auszeit. Danach konnte er wieder schmerzfrei laufen und genoss seinen neu gewonnenen lautlosen Schritt.
Im Sommer danach fand man Huber eines morgens in seinem Garten. Er muss schon ein paar Tage dort gelegen haben, sagte der Gerichtsmediziner später. Er hatte keine Frau und keine Kinder. Jemand hatte ihm wohl aufgelauert und wie in einem Rausch so viele Tritte verpasst haben, dass er an seinen Blutungen gestorben war. Über Jahre suchte man nach dem Täter, bis der Fall als „ungelöst“ in den Schränken der Polizei verschwand. Hubers Kontakte Smartphone hatte man akribisch überprüft. Niemand hatte je Hubers Nachricht für wichtig gehalten.
PS: Nach meiner sportlichen und vor meiner wirtschaftlichen Karriere, habe ich meinen Master in Literatur absolviert. Ab und zu überkommt mich der Drang, ein wenig meiner literarischen Ader freien Lauf zu lassen. Dieser Post wurde inspiriert durch Ferdinand von Schirach.
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