Am Bellandursee in Bangalore.
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Am Bellandursee in Bangalore.
Der brennende See von Bangalore
Der Traum vom Orchideen-Wohnpalast mit Seeblick, „Orchid Lakeview“, für Sonal ist er eigentlich schon ausgeträumt.
Es wird jeden Tag schlimmer. Der Schaum kommt über die Straße, er kommt ins unsere Wohnung, in den Swimming-Pool der Wohnanlage, und wir müssen fast immer die Fenster geschlossen halten.
Seit etwas mehr als einem Jahr wohnt Sonal mit ihren beiden Kleinkindern hier, am Bellandur-See in Bangalore. Ihr Ehemann arbeitet in der IT-Branche, für die Bangalore berühmt ist. Die Orchideen-Seeblick-Wohnanlage, in der sie sich eine Wohnung gekauft haben, könnte ein Symbol für den wirtschaftlichen Aufbruch in Indien sein. Stattdessen zeigt Sonal ihre Unterarme. Kleine Pusteln haben sich auf der Haut gebildet.
Es kratzt. Vor allem, wenn ich koche. Sobald ich mit Wasser in Berührung komme.
Der Schaum, der die Pusteln verursacht, kommt vom Bellandur-See. An einem Ausläufer direkt gegenüber der Wohnanlage türmt sich auch an diesem Tag der Schaum meterhoch. Es stinkt nach Kloake. Manchmal entzündet sich der Schaum. Dann brennt der Bellandur-See. Bilder, die auch TV Ramachandra aufgeschreckt haben.
Das Feuer brannte orange-gelb, das zeigt, dass Industrieabwässer die Ursache sind. Das zeigt auch eine Analyse von Proben, die wir genommen haben. Die Seen hier werden von der Industrie missbraucht. Und die Abwässer der Stadt fließen ungeklärt hinein.
TV Ramachandra ist Ökologieprofessor am renommierten Indian Institute of Science. Auf seinem Computerbildschirm leuchten mehrere Karten von Bangalore.
In den 70er Jahren waren 68 Prozent der Stadtfläche Bangalores mit Grünflächen und Seen bedeckt. Wir haben ein Modell erarbeitet. Danach werden in drei Jahren nur noch 6 Prozent übrig sein. 94 Prozent der Stadt werden dann zubetoniert sein.
Ramachandra hat medienwirksam Alarm geschlagen: Falls die Stadt so weiter mache, schrieb er in einer Studie, werde Bangalore in acht Jahren unbewohnbar sein. Giftige Luft zum Atmen, verseuchtes Grundwasser.
Die Studie zeigt, dass die Fische der Seen mit Schwermetallen belastet sind. Die Leute bauen Gemüse an. Spinat zum Beispiel. Radieschen. Das Gemüse beinhaltet viel zu hohe Werte etwa an Kupfer, Chrom oder Cadmium. Wir zahlen also schon jetzt einen Preis.
Indiens Regierung träumt von so genannten Smart Cities, intelligenten Städten, die deutsche Bundesregierung unterstützt die Idee. Bangalore mit seinen IT-Firmen, darunter auch SAP, müsste eigentlich Vorreiter sein. Stattdessen: Verkehrskollaps, überall Bauprojekte, dicke Luft, deutlich höhere Temperaturen in der Stadt. Der Grundwasserspiegel sinkt rapide. In einigen Vierteln müssen Tanklaster die Menschen mit Wasser versorgen. Dabei gab es einst in Bangalore 1450 Seen, sie versorgten die Stadt mit Wasser. Geblieben sind 193 Tümpel, fast alle verseucht wie der Bellandur-See.
Dabei könnnte es so einfach sein: TV Ramachandra hat auf dem weitläufigen Campus seiner Universität gezeigt, was zu tun wäre, um Bangalore zu retten. Er hat vor 30 Jahren rund um ein Gewässer tausende Bäume gepflanzt.
Jetzt ist hier ein kleiner Regenwald. Das Grundwasser lag früher 50 Meter tief, jetzt kann er Wald das Regenwasser speichern. Wir finden Grundwassern schon in fünf Metern Tiefe. Das zeigt, wie wichtig Seen, Teiche und Grünflächen sind.
Ramachandra hofft, dass seine Warnungen vor einem ökologischen Kollaps nicht zu spät kommen. Nachdem vor kurzem mal wieder besonders üble Bilder vom Schaum am Bellandur-See aufgetaucht sind, wurden die Behörden tatsächlich aktiv: Sie brachten vor der Wohnanlage von Sonal Sprenkler und Netze an, um den Schaum zu stoppen.
Aber die Behörden gehen nicht planmäßig vor. Gibt es ein Problem, machen sie irgendetwas, aber eben ohne Strategie. Hier müssten alle Behörden mal gemeinsam über Maßnahmen nachdenken.
Sonal und ihr Ehemann haben sich verschuldet, um die Wohnung am See zu kaufen. Wegziehen ist für sie bisher keine Alternative, trotz des Schaums, der die Haut angreift.
Wir nehmen Kokosnussöl, um das Jucken etwas zu lindern. Aber immer wenn wir zu einem Arzt gehen, kommt die Frage: Wo wohnen Sie? Und wenn wir Bellandur-See sagen, lautet die Antwort nur: Wie soll ich Ihnen da noch helfen?
Sonal lächelt etwas verlegen, als sie von den Arztbesuchen erzählt. An ihrer Hand zieht Arnav, einer der beiden Söhne, fünf Jahre alt. Der Kleine wird heute wieder drinnen spielen müssen. Es könnte sein, dass mal wieder giftige Schaumflocken vom Bellandur herüber wehen.
Vom Chandni Chowk in Alt-Delhi, der wohl belebtesten Ecke, bis zum "heiligen, dreckigen" Yamuna-Fluss begegnen wir Indiens Metropole der Extreme. Eine Hauptstadt der äußersten Gegensätze, in der sich die Menschen täglich neu behaupten müssen.
Vorgezogenes Bilanzgespräch im Deutschlandfunk Kultur. Warum Delhi einerseits toll ist - und andererseits leider nicht mehr bewohnbar.
Bangladesch: Der Überlebenskampf der Rohingya
Sie sind in der Nacht gekommen. Mit Booten, über den nahen Grenzfluss, der hier in Süd-Bangladesch ins Meer mündet. Rund 60 Flüchtlinge, Rohingya aus Myanmar, warten in dem Dörfchen Sabrang unter einem provisorischen Unterstand, unter ihnen viele Kinder und Frauen, ein paar junge Männer.
Wir haben unser letztes Geld zusammen gekratzt, um den Bootsmann bezahlen zu können. Wir mussten drei Tage lang auf der anderen Seite des Flusses warten, bis wir an der Reihe waren. Wir sind mit 300 Leuten aus unserem Dorf los gezogen. Die meisten sind noch drüben. Sie haben nicht genug Geld für das Boot zusammen bekommen.
Erzählt Anwar, er ist 23 Jahre alt. Sein Dorf stand noch, als er ging. Es wurde nicht nieder gebrannt. Aber das Leben dort sei unerträglich geworden.
Weil wir noch nicht geflohen waren, verdächtigte die Armee uns, genügend Geld zum Leben dort zu haben. Also nahmen sie uns Geld ab. Sie drohten uns. Wir durften nicht aus dem Haus. Die Armee forderte uns auf, unseren ganzen Besitz dem Staat zu geben. Da habe ich Angst bekommen.
Anwar zeigt ein Blatt Papier, auf dem die Namen seiner Familie stehen. Es ist das einzige offizielle Dokument, das er jemals erhalten habe. Weil sie nicht als Bürger Myanmars anerkannt werden, haben sie keine Ausweise. Nur dieses eine Stück Papier. Anwars Nachbar Zafar erzählt, dass die Polizei in Myanmar gar nicht erst versucht habe, die Flüchtenden zu stoppen.
Sie sagten nur: Verzieht Euch. Euer Land ist Bangladesch. Als ich ihnen erklärte, dass ich aber in Myanmar aufgewachsen sei und Myanmar deshalb mein Land sei, schlugen sie mich.
Auch Zafar berichtet von Repressalien im Dorf, von Enteignungen und willkürlichen Verhaftungen.
Helfer sind eingetroffen. Auf ihren T-Shirts stehen die Namen ihrer Organisationen. Ärzte ohne Grenzen, der Rote Halbmond, Mitarbeiter einer türkischen Organisation. Alle Flüchtlinge sollen unter anderem eine Cholera-Impfung erhalten. Drei Männer aus der Gegend verteilen Äpfel, Brote und etwas zu Trinken. Soldaten sorgen dafür, dass alles ruhig abläuft. Von Sabrang aus werden die 60 Rohingya in eines der Lager weiter ziehen, die sich immer weiter in die tropische Landschaft fressen. Laut der Internationalen Organisation für Migration kommen derzeit täglich Hunderte Rohingya über den Grenzfluss, manchmal seien es auch Tausende.
In den Lagern geht es ums nackte Überleben. Eine Medizinerin der Organisation Save The Children untersucht in einer provisorischen Krankenstation ein dürres Kind, zwei Jahre ist es vielleicht alt. Auf der Haut haben sich Flecken gebildet.
Er kann noch essen. Das ist gut. Wir können ihm proteinhaltige Nahrung geben, eine Art Erdnussbutter. Ihm geht es schlecht, aber wir können ihn noch gerade rechtzeitig behandeln.
Rachel Pounds ist Nothelferin, sie kennt solche Lager aus anderen Weltgegenden.
Aber das hier ist ein täglich neuer Kampf für uns, weil hier so viele Menschen leben. Und es kommen immer mehr. Und wir würden gerne alle versorgen. Wir haben jetzt fünf Ambulanzen, wir wollen neun bauen, aber wir brauchen eigentlich noch mehr.
Allein 375-tausend Kinder leben laut den Vereinten Nationen in den Lagern. Rachel sagt, mehr als jedes dritte Kind sei unterernährt. Krankheiten wie Masern breiten sich derzeit rasend schnell aus. Neben den Brunnen, die sie hier bauen, stehen Latrinen, es ist einfach nicht genug Platz da. Dazu, sagt Rachel, kommen die traumatischen Geschichten von Mord und Folter.
Fatema zum Beispiel steht vor ihrer Hütte am Hang. Ihren Mann hätten sie umgebracht. Sie muss drei Kinder durchbringen, der Jüngste, Habib, ist sechs Jahre alt. Sayadur, ein Handwerker, erzählt, Soldaten hätten seine Schwester im Haus eingesperrt und es angezündet. Seinen Bruder hätten sie erschossen.
Sayadur hämmert gerade an einem Gerüst für eine Latrine. Er geht davon aus, dass das Lager erst einmal sein neues Zuhause bleiben wird. Vom Papst und dessen Besuch in der Region hat er noch nie etwas gehört. Sehr wohl aber davon, dass Bangladesch und Myanmar über eine Rücknahme der Flüchtlinge sprechen.
Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Folter daheim aufhört. Ich erlebe diese Schikanen jetzt seit 45 Jahren, seit meiner Kindheit. Ich würde nur zurück gehen, wenn das wirklich aufhört.
Zafar, der Neuankömmling, würde am liebsten wieder umkehren, zurück ins Dorf, aus dem er gerade geflohen ist. Aber die Regierung in Myanmar sei böse, sagt der 23-jährige. Und fügt hinzu, dass er die Hoffnung, sein Heimatdorf jemals wieder sehen zu können, wohl irgendwann mit ins Grab nehmen wird.
Afghanstans schleichender Niedergang
ine fast leere Wohnung in einem grauen Plattenbau vor den Toren Kabuls. Kahle Räume, keine Bilder an den Wänden. Der Teppich, auf den Nasimas vier Kinder starren, ist alles, was sie an ihr altes Leben erinnert. Während des Interviews mit ihrer Mutter hören Naeema, Hares, Arif und Sabsina stumm zu. Weder fließen Tränen, noch huschen irgendwelche Regungen über ihre Gesichter. Die Kinder, die Älteste ist 14, der Jüngste sieben Jahre alt, sitzen einfach nur da, während Nasima erzählt. “Ich habe den Knall gehört, morgens um 8 Uhr 30 war das. Ich habe mir aber nichts weiter gedacht. Erst als mein Mann abends nicht nach Hause kam und nicht ans Telefon ging, habe ich mir Sorgen gemacht. Am nächsten Morgen bin ich ins Zentrum gefahren und habe Polizisten nach meinem Mann gefragt. Ich bin in Krankenhäuser gegangen, um nach ihm zu suchen. Immer wieder. Bis Polizisten und Ärzte mir rieten, aufzugeben. Sie sagten, wahrscheinlich ist von seinem Körper nichts übrig geblieben.”
Nasima
Nasir Ahmad, Nasimas Mann, starb am 31. Mai. Er hat als Autowäscher gearbeitet, ganz in der Nähe der Deutschen Botschaft. Beim Anschlag im Diplomatenviertel wurden 150 Menschen getötet. Auch die deutsche Vertretung wurde weitgehend zerstört. Die Explosion war so heftig, dass von vielen Opfern tatsächlich nichts mehr übrig geblieben ist.
“Wir haben keinen Beschützer mehr. Wir leben in Furcht. Ich habe Angst um meine Kinder. Ich habe Angst, dass mir jemand meine Töchter wegnehmen könnte.”
Nasimas Angst ist begründet. Nasir Ahmads Tod bedeutet für die Familie auch, dass sie kein Einkommen mehr hat. Nasima konnte die 200 Dollar Monatsmiete für die Wohnung in der Nähe des Flughafens nicht aufbringen, das war schon Nasir Ahmad mit seinem Zehn-Dollar-Einkommen am Tag schwer gefallen. Die Mieten in Kabul sind selbst für einfachste Wohnungen extrem hoch, weil der Wohnraum knapp und die Stadt voller Kriegsflüchtlinge, Arbeitssuchenden und Menschen ist, die lange in den Nachbarländern oder in Europa gelebt haben und von dort heraus gedrängt wurden – entweder abgeschoben oder, wie in Iran und Pakistan, unerwünscht und so lange schikaniert, bis sie selbst ihre Sachen packten.
Allein seit 2016 kamen aus Pakistan und dem Iran mehr als eine Million Afghanen, viele gingen nach Kabul. Sie leben dort zum Teil unter unwürdigsten Verhältnissen. Die Bevölkerung der afghanischen Hauptstadt hat sich seit 2001 mindestens vervierfacht. Nasima war froh, dass die Familie überhaupt eine Wohnung hatte, auch wenn sie teuer war. Aber jetzt, ohne ihren Ehemann, ist Nasima dem erbarmungslosen Kampf um Wohnraum schutzlos ausgesetzt.
“Drei Monate nach dem Anschlag sagte unser Vermieter: Wenn Ihr nicht bald die ausstehende Miete zahlt, nehme ich die älteste Tochter als Pfand.”
Überprüfen lässt sich die Geschichte nicht. Sie ist allerdings nicht ungewöhnlich. Es gibt Familien, die ihre Töchter verkaufen müssen, weil sie kein Geld mehr haben, und Geldverleiher, die Mädchen als Pfand einfordern. Das ist illegal. Aber zur Polizei zu gehen, ohne Ehemann, ohne Geld, das war für Nasima keine Option. Sie hat stattdessen ihre Kinder genommen und ist, so schnell es ging, umgezogen, weiter raus aus Kabul. Jetzt beträgt die Miete 120 Dollar im Monat. Wie Nasima das zahlen soll, weiß sie allerdings auch nicht.
Nasima steht kurz auf, holt eine kleine, weiße Plastikbox, öffnet sie und zeigt die Pillen, die sie täglich einnimmt. Das Medikament heißt Alprazolam und soll gegen Panikattacken helfen. Nasimas jüngster Sohn Arif, erzählt sie, habe schwere Leberprobleme seit dem Anschlag.
“Die Ärzte raten mir, mit ihm nach Pakistan zu fahren, um ihn dort behandeln zu lassen. Aber wie? Ich kann ja nicht mal die Miete zahlen. Ich kann die Kinder nicht allein lassen. Ich habe keine Arbeit (..), um das Geld aufzubringen. Ich bin Analphabetin.”
Verwandte in Kabul hat Nasima (..) nicht mehr: Ihre Eltern seien im Bürgerkrieg in den 90er Jahren gestorben, erzählt sie. Die Angehörigen ihres Mannes lebten in der Provinz Ghor, weit weg von Kabul. Jeden Tag, das bestätigen auch Nachbarn, geht Nasima durch die Nachbarschaft, auf der Suche nach Arbeit. Wäsche waschen, putzen, Müll sammeln und weiter verkaufen – irgendetwas, was ihr Einkommen bringt.
“Ich würde auch meine Kinder rausschicken. Damit sie Plastikmüll verkaufen oder so was. Aber meine Furcht ist zu groß, dass ihnen etwas passiert - durch einen Anschlag. Immer diese Angst. Ich will weg hier.”
Seit Jahresbeginn gab es allein in Kabul 15 schwere Anschläge und eine noch viel höhere Zahl an Zwischenfällen, die es nicht in die westlichen Nachrichtensendungen geschafft haben. In den ersten sechs Monaten wurden nach Angaben der Vereinten Nationen allein in der Hauptstadt mehr als tausend Zivilisten getötet oder verletzt. Angehörige wie Nasima und ihre vier Kinder, die nach solchen Attacken ohne jedes soziale Netz, ohne jegliche Hilfe dastehen, tauchen in den Statistiken nicht auf.
Eine Stunde nach dem Interview mit Nasima bringen Taliban-Kämpfer auf einem Haus in der Nähe des internationalen Flughafens Granatwerfer in Stellung. Sie feuern ihre Geschosse direkt in Richtung Rollfeld. Knapp verfehlen sie eine indische Passagiermaschine. Die amerikanische Luftwaffe setzt Hubschrauber ein, die aber das falsche Haus treffen. Eine Frau und ihre Kinder sterben. Erst nach vier Stunden sind die Kämpfe beendet. Große Schlagzeilen macht der Zwischenfall nicht, obwohl er die Lebensader Kabuls traf.
“Seit die NATO-Kampftruppen 2014 abgezogen sind und seit wir 2014 eine neue Regierung erhalten haben, hat sich die Lage immer weiter verschlechtert, nicht nur in Kabul.”
Haroun Mir ist einer der renommiertesten Politikberater Afghanistans. Unter Präsident Karzai hat er für die Regierung gearbeitet. Der Angriff auf den Flughafen zeige, wie hilflos Afghanistans Behörden inzwischen sind.
“Der Angriff auf den Flughafen zeigt, wie hilflos die Behörden sind. Es ist nicht so schwierig, einen Flughafen zu sichern. Die Regierung ist wie paralysiert. Der Angriff beweist, dass sie nicht mal das Herz Kabuls schützen kann. Und wenn man die Stadt verlässt oder auch nur in die Vororte fährt, stellt man fest, dass die Regierung dort gar nicht mehr präsent ist. Und selbst wenn: Schauen Sie sich die Verlustzahlen der Sicherheitskräfte an. Das geht nicht mehr lange gut.”
”Und dazu kommt, dass auch noch die ethnische Spaltung des Landes wieder ein Niveau erreicht hat, das wir nicht erwartet haben – und das auch in den Einheiten unserer Sicherheitskräfte. Diese Spaltung zwischen Paschtunen, Usbeken, Tadschiken und Hazara könnte zum Kollaps der Polizei und der Armee führen. So wie 1992, als das kommunistische Regime kollabierte. Es kollabierte nicht, weil die Mudschaheddin (..) damals so viel Druck gemacht haben. Es ist implodiert, weil die Sicherheitskräfte wegen der ethnischen Spannungen versagt haben.”
Haroun Mir empfängt in einem großen Wohnhaus im schicken Stadtteil Qala-e-Fatullah. Draußen, vor der Tür, bauen schiitische Gläubige gerade Teestände auf. Ein hoher Feiertag steht an. Die Schiiten gehören in Afghanistan in der Regel zur Volksgruppe der Hazara und bilden eine Minderheit. Vor allem der so genannte Islamische Staat hat es auf sie abgesehen. Die Kämpfer des IS sind sunnitische Extremisten. Bereits am Tag des Interviews gibt es unzählige Terrorwarnungen.
“Vor allem die junge Generation in Afghanistan ist (..) viel radikaler in ethnischen Fragen als die ältere Generation. Das kann man in den sozialen Medien feststellen, vor allem auf facebook. Das ist sehr Besorgnis erregend. Die Regierung wird lediglich durch die internationale Gemeinschaft gestützt. Aber nicht von den Afghanen. Sie hat zu viele Fehler gemacht. Sie hat ihre Versprechen nicht gehalten.”
Der Grund ist laut Mir klar – es gibt zu tiefe Gräben innerhalb der Regierung.
“Nehmen Sie den Streit zwischen dem Präsidenten Ghani und dem Gouverneur Atta in Nordafghanistan, wo auch Deutschland Soldaten stationiert hat. Nehmen Sie den offenen Bruch zwischen dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten Dostum, der jetzt in der Türkei lebt, den Streit zwischen dem Präsidenten und seinem Regierungsgeschäftsführer. Ein offener Kampf um Macht und Ressourcen. Das macht den Staatsaufbau unmöglich. In den 90er Jahren haben die Parteien Waffen genutzt, um den Kampf auszutragen. Das können sie jetzt nicht, weil die NATO hier Soldaten stationiert hat.”
Vor allem der Bruch der Regierung mit dem früheren Kriegsfürsten Abdul Rashid Dostum hat erhebliche Konsequenzen für das Land. Dostum wurde 2014 Vizepräsident. Er gab sich geläutert und bat sogar um Vergebung für seine Kriegs-Sünden. Aber 2016 legte er den zivilen Anzug wieder ab. Dostum kehrte zurück auf das Schlachtfeld. Er kämpfte mit seinen Milizen in Nordafghanistan gegen Taliban-Einheiten. Ebenfalls vor einem Jahr sollen seine Männer einen politischen Widersacher entführt, gefoltert und vergewaltigt haben. Dostum wurde angeklagt. Aber er zeigte sich uneinsichtig und verschanzte sich mit seiner Miliz in seiner Villa mitten in Kabul. Nach einigen Wochen flog er in die Türkei, angeblich aus medizinischen Gründen.
Im vergangenen Sommer wollte der Vizepräsident zurück kehren. Dostums Verbündeter Mohammad Atta, Gouverneur der Provinz Balkh, wartete mit etwa tausend Anhängern am Flughafen der Provinzhauptstadt Mazar-i-Sharif auf Dostum. Doch die Regierung in Kabul wusste nichts von Dostums Rückkehr. Erst als Dostum schon im Anflug war, schöpfte die Regierung verdacht und verweigerte mit Hilfe der NATO die Landeerlaubnis. Die NATO hat das Kommando am Flughafen in Mazar-i-Sharif. Die deutsche Bundeswehr betreibt dort ihr Feldlager. Dostum flog schließlich nach Turkmenistan. Diese Episode lässt für Haroun Mir nur einen Schluss zu:
“Ohne die NATO-Präsenz hier würde die Regierung keinen einzigen Tag überleben.”
Zwei Tage nach dem Interview mit Haroon Mir jagt sich in seiner direkten Nachbarschaft ein Selbstmordattentäter in die Luft. Er wollte die Schiiten treffen, die in Qala-e-Fatullah zu Ehren ihres Märtyrers Hussein Tee an Passanten verteilt hatten. Sechs Menschen werden getötet.
Die Lage in Afghanistan lässt sich auch in Zahlen ablesen. Sie stammen aus dem Bericht des Beauftragten der US-Regierung, der die Verwendung amerikanischer Hilfs- und Steuergelder in Afghanistan beobachtet. Im Juli 2017 stellte der Beauftragte fest, dass die afghanische Regierung nur 23,8 Prozent aller Distrikte des Landes kontrolliert, darunter die Hauptstadt Kabul. Drei Monate später, im Oktober, waren es nur noch 18 Prozent der Distrikte. Die anderen Distrikte sind rechtsloser Raum, Kampfgebiet oder in der Hand der Extremisten. Dazu zählen neben den Taliban auch Gruppen, die dem so genannten Islamischen Staat die Treue geschworen haben. Nach UN-Angaben mussten seit Januar 2017 mehr als 250-tausend Menschen in Afghanistan wegen anhaltender Kämpfe ihre Häuser verlassen. Die Verlustzahlen der Armee und der afghanischen Polizei sind inzwischen Verschluss-Sache. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es um die Moral vieler Einheiten nicht gut steht. 2016 wurden mehr als 18-tausend Polizisten und Soldaten getötet oder verwundet.
Auch Matiullah muss sich immer wieder neu aufraffen. Jeden Tag. Zumindest nach außen wahrt der junge Mann die Fassade. Schickes Sakko, darunter ein schwarzes Hemd, sauber gestutzter Bart und nach hinten gegelte Haare. Er lächelt viel. Aber in ihm sieht es anders aus. Matiullah hadert mit seinem Schicksal. Er wurde vor knapp einem Jahr aus Deutschland abgeschoben.
“Ich weine manchmal, warum ist mit mir so was passiert. Ich hab´ immer versucht, mein Bestes zu geben. Hauptschulabschluss gemacht. Ein Jahr Ausbildung. Ich war Pizzabäcker.”
Drei Polizisten neben und hinter ihm im Flugzeug, Matiullah in Handschellen, dann abgeladen in Kabul, mitten im Winter. In einer Stadt, die ihm längst fremd geworden war. Der 22-jährige hatte in Deutschland Miete, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge gezahlt. Sieben Jahre lang hat Matiullah in Hessen gelebt. Er war kein Straftäter, sondern integriert, und er kann das belegen. Aber in Kabul will ihm das niemand glauben.
“Jeder fragt Dich: Erzähle mir, was Du da für eine Scheiße gebaut hast. Bestimmt hast Du doch Scheiße gebaut. Du musst jeden Tag erklären: Hier, ich hab nichts gemacht. Das nervt, wirklich.”
Während des letzten Interviews mit Matiullah im Februar, kurz nach seiner Ankunft in Kabul, war er noch völlig orientierungslos. Matiullah hatte keine Ahnung, wie er ein neues Leben in Afghanistan beginnen sollte. Inzwischen kennt er Leute in Kabul, er hat einige Freundschaften geschlossen. Aber trotzdem lässt ihn die Frage nach dem „Warum“ nicht los.
Masood Ahmadi hat die Ratlosigkeit, die auch Matiullah immer wieder ergreift, bei vielen Abgeschobenen beobachtet. Ahmadi arbeitet bei der Internationalen Organisation für Migration, kurz IOM, einem Ableger der Vereinten Nationen. Ahmadi und seine Kollegen leisten Nothilfe für Abgeschobene, sie organisieren ein Zimmer für die ersten Nächte in Kabul und den Weitertransport in ihre Heimatprovinzen. “Wir sehen ganz klar, dass Abgeschobene dieses Stigma haben, weil sie es nicht geschafft haben. Sie sind mental nicht auf das Leben hier vorbereitet. Diese Enttäuschung ist ihnen anzusehen. Ihre Gesichter sprechen für sich.”
Zu dem Gefühl der Scham kommt die Angst vor dem Krieg, vor den Anschlägen. Wie selbstverständlich zeigt auch Masood Ahmadi vor dem Interview kurz den Weg zum Bunker. Man wisse ja nie, selbst auf dem schwer bewachten Gelände einer internationalen Organisation.
“Die Lage kann sich in jeder Minute ändern. Heute scheint alles gut und sicher. Und morgen passiert ´s dann. Es ist einfach schwer vorherzusagen.”
Volatil nennen die Vereinten Nationen eine solche Lage. Das Wort „sicher“ verwenden sie nicht.
Matiullah
Die Anschläge und vor allem die ausufernde Kriminalität sind ein Problem auch für Arash Alekuzei. Er wurde im Februar aus Deutschland ausgeflogen. Arash zählt ebenfalls zu denen, die sich in Deutschland nichts haben zu Schulden kommen lassen. Zwar erweckt die Bundesregierung den Eindruck, sie habe bisher lediglich Straftäter abgeschoben. Aber zumindest in den beiden Maschinen, in denen Matiullah und Arash heimkehrten, waren die meisten unbescholten. Selbst Bundesinnenminister de Maiziere musste einräumen, dass nur etwa ein Drittel der Abgeschobenen Straftäter waren. In Arashs Fall hatte sich seine Berufsschullehrerin aus Nürnberg für den jungen Afghanen eingesetzt, mit einem offenen Brief an die Bundesregierung. Es hat nichts gebracht. Arash musste gehen. In Kabul fühlt er sich fremd und nicht sicher.
“Immer hab ich Angst. Du kannst zum Beispiel bis 16 Uhr draußen bleiben, danach kannst Du nichts mehr machen. Immer zu Hause, immer zu Hause. Man wird krank.”
Arash lebt wieder mit seinen Eltern in Kabul. Er war fünf Jahre lang in Deutschland, er hat die Schule besucht und ein Berufsintegrationsjahr abgeschlossen. Seine Eltern wollten nachkommen. Sie hatten es bis in die Türkei geschafft. Dann wurde Arash aus Deutschland abgeschoben. Im Frühjahr kehrten auch die Eltern zurück nach Afghanistan. Das Haus hatten sie vor ihrer Ausreise verkauft, um die Schlepper zu bezahlen. Jetzt wohnt die Familie zur Miete. Arash hat eine Verlobte in Nürnberg. Beim Standesamt liegen bereits die Anträge für die Eheschließung. Das sei seine einzige Chance, nach Deutschland zurück zu kehren, sagt Arash. Aber die Überprüfung der afghanischen Dokumente könnte sich hinziehen. Die Stadt Nürnberg hatte die Unterlagen Mitte Mai nach Kabul geschickt, zur deutschen Botschaft. Ende Mai wurde das Botschaftsgebäude jedoch bei einem Anschlag zerstört. Seitdem ist die deutsche Vertretung nur eingeschränkt arbeitsfähig.
Arash
Matiullah will auch nach Deutschland zurück. Er weiß aber nicht wie. Geld für eine neue Flucht hat er nicht. Er will auch nicht noch einmal eine solche beschwerliche Reise antreten. 2010 hatte er auf dem Weg nach Europa derart traumatische Erfahrungen gemacht, dass das Uniklinikum Frankfurt ihm eine schwere Depression attestierte. Derzeit teilt sich Matiullah am Stadtrand von Kabul ein Zimmer mit seinen vier Geschwistern. Ein Onkel hat sie aufgenommen. Die Eltern sind tot. Matiullah hat sich inzwischen eine Aufgabe gesucht. Er hilft anderen Abgeschobenen und Rückkehreren. Matiullah redet mit ihnen: über das Gefühl, versagt zu haben und nicht zu wissen, wie es weiter geht. So hilft er ein wenig auch sich selbst.
Andere Abgeschobene haben dagegen längst versucht, das Land wieder zu verlassen. Die Fluchtbewegung gibt es immer noch, obwohl nicht im gleichen Ausmaß wie 2015. So drückt es auch Haroun Mir, der Politikberater aus. “Präsident Ghani kann jederzeit nach Kanada zurück kehren. Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah hat Familie in Indien. Was ist das für ein Signal? Die Leute fragen sich, warum sie bleiben sollen, wenn sie davon ausgehen müssen, dass die Spitze des Landes nicht bleiben wird.”
“Es ist eine Art Tradition in Afghanistan, dass wir, sobald wir die Lage als hoffnungslos bewerten, aus dem Land flüchten. Und um diese Tradition zu durchbrechen, müssen wir Hoffnung bieten, den Menschen einen Weg weisen, der ihnen sagt, dass die Zukunft etwas Besseres zu bieten hat als die Gegenwart. Schaffen wir das nicht, bleibt das ein Problem. Es gibt durchaus Hoffnung in Afghanistan. Ich habe hier in den 90er Jahren gelebt. Heute ist die Lage viel besser. Aber diese Erfolge sind umkehrbar. Sie sind noch nicht nachhaltig. Wir müssen es schaffen, für diese Nachhaltigkeit zu sorgen, damit Afghanistan nicht mehr abhängig ist von ausländischer Militärhilfe und ausländischem Geld. Derzeit steigt die Gefahr, dass wir es nicht schaffen.”
Dabei gibt es auch in Afghanistan junge Hoffnungsträger. Zum Beispiel an der berühmten Darulaman-Straße, die direkt auf den alten, zerstörten Königspalast zuläuft. Hinter hohen, dicken Mauern, die nur durch neu errichtete und schwer gesicherte Kontrollposten unterbrochen sind, liegt der parkähnliche Campus der Amerikanischen Universität. Im August 2016 wurde diese wohl renommierteste Hochschule Afghanistans Schauplatz eines Massakers. Bewaffneten Männern gelang es, die Klassenräume zu stürmen. Sie schossen wahllos auf Lehrende und Studierende. Die Sicherheitskräfte hatten die Lage erst nach zehn Stunden unter Kontrolle. Bis dahin waren 20 Menschen tot und mehr als 50 schwer verletzt. “Einer der Angreifer öffnete die Tür, ich wusste, dass er uns erschießen würde. Ich wollte aus dem Fenster im zweiten Stock springen. Aber dann warf er eine Handgranate, und ich flog aus dem Fenster.”
“Dieser Tag hat mich total verändert. Ich bin seitdem ein anderer Mensch. Ich kann einfach meinen Freund Zubair nicht vergessen. Ich sehe ihn noch niedergehen. Wie er am Boden ins Gras griff. Ich sagte ihm: Zubair, komm‘ , wir schaffen es. Aber er antwortete nicht mehr.”
Mohammad und Rahmatullah können sich an jedes Detail des Angriffs erinnern. Es gibt ein Foto, das in Afghanistan berühmt wurde. Es zeigt Mohammad, auf einer Liege, die Ärzte bereiten eine Notoperation vor. Mohammad schreit vor Schmerz. “Ich war drei Monate lang bettlägerig. Kopf und Wirbelsäule waren verletzt. Ich bekam Hilfe durch die Universität. Ich bin nach Indien gereist. Die Ärzte dort stellten fest, dass durch den Sturz auch ein Knochen am Ohr gebrochen war. Das hat mein Sehen beeinflusst. Ich hatte Kopfschmerzen. Ich kann mich immer noch nicht konzentrieren und nach unten schauen.”
Mohammad
Rahmatullah wurde von drei Kugeln getroffen. Weil die Universität gut vernetzt ist, konnte der 25-jährige Schwerverletzte in Berlin behandelt werden. “Ich musste bisher 14 Mal operiert werden. Ich habe neun Monate gebraucht, um mich halbwegs zu erholen. Es ist immer noch hart. Zwei Drittel meines Unterschenkelknochens mussten ersetzt werden. Das haben die Ärzte im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin geschafft. Es sah so aus, dass das Bein amputiert werden müsste, aber ich laufe jetzt wieder. Es ist unglaublich.”
“Ich möchte den Angreifern nur sagen: Ihr habt Zubair getötet. Hier hat niemand versucht, mich zum Christentum oder Judentum zu bekehren oder politisch zu beeinflussen. Ich stamme aus einer sehr konservativen Familie. Ich sehe nichts, was diesen Angriff rechtfertigt. Das schmerzt.”
Beide, Rahmatullah und Mohammad, sind zurück auf dem Campus. Die Universität hat im März wieder eröffnet, mit viel stärkeren Sicherheitsmaßnahmen als zuvor. Mohammad belegt wegen seiner ewigen Kopfschmerzen noch keine Kurse. Für ihn geht es darum, überhaupt wieder an der Universität zu sein. “Ich will meinen Optimismus nicht aufgeben. Ich habe eigentlich gute Aussichten, eine Perspektive hier in meinem Land. Ich habe keine Angst. (…) Ich wäre auch zurück gekommen, wenn ich nicht mehr hätte laufen können. Bildung ist die Antwort. Nicht Granaten und Feuer.”
Mohammad hatte vor dem Anschlag neben seinem Studium Startup-Firmen gegründet. Ein Unternehmen hat Kartoffelchips hergestellt. Dann folgte eine Logistikfirma. Aber nach dem Angriff auf seine Universität konnte er sich um nichts mehr kümmern. Er konnte den Behörden keine Bilanzen mehr schicken und auch keine Rechnungen mehr begleichen.
“Die Terroristen haben nicht nur meine Gesundheit genommen, sondern auch meine Freiheit, meine Firmen.”
Mohammad will es noch einmal versuchen, nächstes Jahr vielleicht. Er will auch das Wirtschaftsstudium so rasch wie möglich beenden. In fünf Jahren (..) könnte er es schaffen, ins Parlament einzuziehen. Er sagt, er wolle Geschichte schreiben. Nur eines will er nicht: seine Heimat verlassen. “Als ich drei Monate im Bett liegen musste, habe ich mich gefragt, was ich eigentlich noch in Afghanistan mache. Woanders wäre ich schon viel weiter. Und in Sicherheit. Für die meisten Flüchtlinge ist es ähnlich: Sie sind vom Krieg, von den Anschlägen oder von der schlechten Wirtschaftslage direkt betroffen. Der Druck ist also hoch. Aber viele gut Ausgebildete haben diesen Druck nicht. Sie gehen trotzdem, weil ihre Verwandten, die schon zum Beispiel in Deutschland sind, ihnen schöne Fotos schicken. Sie laufen weg, weil sie nicht stark genug sind. Sonst würden sie hier für ein besseres Leben kämpfen und ihr Land aufbauen. Ich bin von diesen Leuten enttäuscht, aber ich verurteile sie nicht. Ich wollte ja auch gehen, irgendwohin, wo ich keine Waffen mehr sehe.”
Auch Rahmatullah, der zustimmend nickt, als Mohammad redet, will bleiben.
“Natürlich gibt es Probleme und Herausforderungen. Aber ich glaube daran, dass wir uns noch entwickeln werden. Nicht in dem Tempo, das der Westen erwartet. Es wird vielleicht erst in zehn oder 20 Jahren Stabilität geben. Aber wir haben keine Wahl. Wir müssen dieses Land aufbauen. Wollen wir zurück in den Krieg der 80er oder 90er Jahre? Das will keiner. Mögen wir die Regierung? Ich persönlich mag sie nicht. Und wir haben so viele Probleme mit den Extremisten. Wir hängen dazwischen. Unsere einzige Chance ist, für ein besseres Land zu arbeiten.”
Mohammad & Rahmatullah
Rahmatulla erzählt, dass seine Eltern aus den Provinzen Helmand und Kandahar stammen – dem Kernland der Taliban. Dorthin möchte er (..) zurück, nach Musa Qala, einer Stadt in Helmand, die zu den meistumkämpften Städten des ganzen Landes zählt.
“In meinem Heimatdorf haben sich 200, 300 Leute den Taliban angeschlossen. Ich könnte einer von ihnen sein. Aber jetzt sitze ich hier und studiere. Ich möchte im nächsten Jahr in Musa Qala eine Schule aufbauen. Das wird mein Beitrag sein!”
Und dann humpeln Rahmatullah und Mohammad davon. Die Sonne taucht den Campus und auch die Ruine des alten Königspalasts, die von hier aus gut sichtbar ist, in rötlich schimmerndes Licht. Für ein paar Momente wirkt dieser Ort ruhig und friedlich, bis die grimmig schauenden, schwer bewaffneten Söldner an der Sprengschutzmauer wieder auftauchen. Sie erinnern daran, dass die Hoffnung, die Mohammad und Rahmatullah versprühen, in Kabul ein eher seltenes Gut geworden ist.
Indien: Radiomoderatorin vs. Rechtsradikale
Es war ein kleiner, harmloser Protestsong: „Mumbai, vertraust Du noch der BMC?“ fragt die Radiomoderatorin Malishka, und schimpft dann: „Deine Schlaglöcher sind so tief!“ BMC – das ist die Stadtverwaltung der 20-Millionen-Einwohner-Stadt Mumbai.
Und die BMC war nicht begeistert. Und schon gar nicht die Partei, die die BMC kontrolliert. Die Shiv Sena ist eine rechtsradikale Partei, die für derbe Sprüche zum Beispiel gegenüber Minderheiten bekannt ist. Shiv-Sena-Politiker fanden, das Malishka die Stadt Mumbai beleidigt habe, und drohten mit einer Strafe von umgerechnet 68 Millionen Euro. Hinter Malishka liegen turbulente Wochen.
Ich konnte es nicht glauben, was da passierte. Ich dachte bisher immer, dass wir ein freies Land sind, wir Inder lieben Satire, auch wenn sie manchmal hart ist. Als ich von der angedrohten Strafe hörte, musste ich wirklich lachen.
68 Millionen Euro – diese Summe würde auch den Pop-Sender Red FM, für den Malishka moderiert, überfordern.
Aber sofort gab es Unterstützung. Auf Twitter war der Hashtag #MumbaiWithMalishka ein Trend, Leute gingen auf die Straße, sie hielten Masken mit meinem Foto vor ihre Gesichter. Mein e-mail-Postfach lief über. Die Leute schrieben, dass sie den Song lieben!
Eine Anzeige lag dagegen bisher nicht in ihrem Postfach. Der Fall sei nur hochgespielt worden, sagt der Shiv-Sena-Politiker Harshal Pradhan im Interview mit dem ARD-Studio Südasien etwas kleinlaut. Aber dann legt er gleich wieder los:
Es entstand der Eindruck, dass Mumbai kein guter Ort ist, dass Mumbai ständig unter Wasser steht. Also haben wir gesagt, dass wir die Moderatorin mal fragen sollten, warum sie sich so herabwürdigend geäußert hat. Und wenn sie nicht in unserem Sinne antwortet, ziehen wir vor Gericht.
Darauf, dass Mumbai tatsächlich im Monsun unter Wasser steht, der Verkehr regelmäßig zusammen bricht und in diesem Sommer selbst ein Haus einstürzte, darauf geht Pradhan nicht ein.
Malishka fühlt sich dagegen bestätigt. Ihr Song wurde auf youtube bisher 19 Millionen Mal geklickt.
Ich habe bei uns auf dem Sender gesagt, dass die gewählten Politiker uns, dem Volk zu dienen haben und uns nicht ständig bevormunden sollen. Es ist unser Steuergeld. Wir sollten bestimmen, was passiert. Aber so läuft es leider hier nicht. Es ist umgekehrt, und das ist sehr bitter.
Per Twitter drohte Malishka, dass sie noch sechs weitere Songs produzieren werde, wenn die Stadtverwaltung weiter so untätig bleibe. Die Hoffnung, dass sich in Mumbai etwas ändern wird, hat Malishka noch nicht aufgegeben.
Indiens Abschwung
Indien wurde noch vor kurzem als das Land mit dem größten Wirtschaftswachstum weltweit gefeiert, die Regierung träumte von Wachstumsraten um neun bis zehn Prozent. Doch dann entwertete Indiens Premier Modi völlig überraschend fast das komplette Bargeld. Das ist jetzt zehn Monate her. Modi wollte Schwarzgeldsünder bestrafen, die dann auf den Scheinen unter ihren Sofas im wahrsten Sinne des Wortes sitzen bleiben würden. Blöd nur, dass danach 99 Prozent des entwerteten Bargeldes umgetauscht oder auf Konten gezahlt wurden. Das heißt: Entweder fanden Schwarzgeldbesitzer Wege, ihr Geld doch noch weiß zu waschen, oder sie hatten es längst in Immobilien oder Steueroasen angelegt. Modis Geldentwertung schadete stattdessen der indischen Wirtschaft, und zwar viel stärker als erwartet.
Wer Imrans kleine Textilfabrik in Mumbai finden will, braucht Hilfe. Denn in den engen Gassen des Dharavi-Viertels können sich Besucher schnell verirren. Die Fabrik befindet sich im Obergeschoss eines alten Hauses. Zehn junge Männer nähen hier Hosen für eine Firma aus Dubai. Was auffällt: Einige Arbeitsplätze sind nicht besetzt.
Ja, unser Geschäft läuft schlecht. Wir haben nur noch halb so viel Aufträge wie vor einem Jahr, vor der Geldentwertung. Manchmal haben wir zu tun, manchmal aber auch nicht. Einige Arbeiter sind zurück in ihre Dörfer gegangen.
Imran selbst ist vor einigen Jahren nach Mumbai gezogen, die Metropole lockt arme Arbeiter aus allen Regionen Indiens magisch an. Tausende kleine Betriebe in Dharavi erwirtschaften geschätzt eine Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr. Sie produzieren und handeln fast ausschließlich unter der Hand, wie die meisten indischen Firmen. Im so genannten informellen Sektor arbeiten geschätzt 90 Prozent der aller Beschäftigten.
Auch Joel musste schon einige Mitarbeiter entlassen. Joel ist Großhändler, von Trockenfrüchten bis zu Erdnüssen verkauft er alles in Dharavi. Und Joel ist sauer.
Auch unser Geschäft ist eingebrochen, um 50 Prozent, würde ich sagen. Wir machen nur noch Verluste. Viele Läden hier in Dharavi haben geschlossen. Wenn das so weiter geht, werden wir wohl alle von Almosen der Regierung leben müssen.
Seit zwölf Jahren lebt Joel in Mumbai. So eine Flaute wie derzeit habe er noch nie erlebt, sagt er.
Offiziell beträgt das Wachstum der indischen Wirtschaft derzeit nur noch 5,7 Prozent. Vor einem Jahr waren es noch mehr als sieben Prozent. Vor allem die Industrieproduktion lahmt. Und die Einbrüche im informellen Sektor sind in diesen Daten nicht mal erfasst, betont der Ökonom Dharmakirti Joshi von der Ratingfirma Crisil.
Ich habe nicht mit einem solchen Abschwung gerechnet. Das Wachstum hatte sich schon vor der Geldentwertung verlangsamt. Die Entwertung hat diesen Abschwung aber noch verstärkt.
Einen Lichtblick sieht Joshi jedoch. Seit Sommer gilt in Indien ein einheitliches Mehrwertsteuergesetz. Vorher war das Land ein einziger Flickenteppich an Regeln, jeder Bundesstaat beharrte auf eigenen Gesetzen – ein Albtraum für viele Unternehmen. Produkte hingen an Grenzen der Bundesstaaten fest. Niemand blickte mehr durch. Jetzt gibt es zumindest indienweite Regelungen.
Doch auch das neue Gesetz ist kompliziert geworden, vor allem für kleine Betriebe und Händler wie Joel. Joel muss jetzt dreimal pro Monat alle Umsatzdaten an die Behörden übermitteln.
Das wird teuer, denn ich brauche dafür Wirtschaftsprüfer.
Joel hat nicht mal einen Computer, in den er seine Zahlen eintippen könnte. So geht es den meisten in Dharavi.
Die Regierung hatte gesagt, durch die neue Mehrwertsteuer würde alles billiger. Aber die Preise sind um zehn bis zwölf Prozent gestiegen.
Noch hat sich Joels Beobachtung nicht in den offiziellen Inflationsraten nieder geschlagen. Auch Imrans Textilfabrik steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die Arbeiter, die alle im Dharavi-Viertel wohnen, werden wohl umziehen müssen.
Die Mehrwertsteuer hat uns einen weiteren Schlag versetzt. Wir haben Probleme, eine Steuernummer zu bekommen. Wir werden versuchen, den Betrieb in ein richtiges Industriegebiet zu verlegen.
Ökonomen wie Joshi meinen, dass es gut sei, wenn kleine Fabriken nicht mehr schwarz produzieren. Aber ob die vielen kleinen Betriebe auch überleben werden, das vermag niemand vorherzusagen. Alternativen für die Arbeiter gibt es nicht: In Indien entstehen derzeit viel zu wenige Arbeitsplätze, und wenn, dann vor allem für Fachkräfte. Was bleibt, ist die Wut in Dharavi – auf eine Regierung, die ein Wirtschaftswunder versprach, an das derzeit aber kaum noch jemand glauben mag.
Delhis verzweifelter Kampf gegen die Dengue-Epidemie
Eine Rauchwolke aus Dieselabgasen und Insektiziden hüllt die enge Gasse des Slums ein. Das weiße Gemisch wird aus dem Auspuff eines Motors geblasen, den ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung an einem Fahrrad angebracht hat. Kinder und Frauen halten sich Tücher vor die Gesichter, als der Mann das Rad in Stellung bringt. Er pustet den Rauch direkt in ihre Hütten.
Eine Frau fordert Dinesh Sharma auf, von ihrer Hütte aus auch das Innere des Nachbarshauses besprühen zu lassen. Die Nachbarn sind nicht da. Dafür aber Moskitos. Der Rauch soll sie abtöten. Die Frau hat Angst, dass die Moskitos Dengue oder Malaria übertragen könnten. Und dass Dinesh, ein Inspektor der Stadtverwaltung, vorbeischaut und Insektizide versprühen lässt, das kommt nicht oft vor.
Wir schaffen unsere Kontrollgänge hier vielleicht alle 30, 40 Tage. Die Moskitos vermehren sich aber in sechs bis sieben Tagen, wenn sie Larven in stehendem Wasser ablegen können. Wir können unsere Leute aber nicht jede Woche hierherschicken. Wir sind unterbesetzt. Es wohnen zu viele Menschen in unserer Stadt.
Dinesh Sharma ist Inspektor bei den Behörden und zuständig für das Stadtviertel Vasant Vihar im Süden Neu-Delhis. 18-tausend Häuser fallen in seinen Bereich, darunter auch Villen reicher Inder, vor allem aber dicht besiedelte Slums. Sharma hat nur rund 30 Mitarbeiter.
Das Medanta-Krankenhaus in Gurgaon vor den Toren Delhis. Der Wartesaal im sechsten Stockwerk ist rappelvoll, bestimmt hundert Menschen sitzen hier. Zwei Ärzte empfangen die Patienten. Eine davon ist Sushila Kataria.
In den vergangenen zwei Wochen kamen mehr Patienten. Darunter sind vor allem mehr Dengue-Verdachtsfälle. Wir rechnen damit, dass jetzt die Zahlen exponentiell zunehmen werden.
Die Ärztin hatte bereits vor einem Jahr Sonderschichten einlegen müssen. 2016 gab es in Neu-Delhi 15-tausend registrierte Fälle von Dengue oder Chikungunya, einer ähnlich schmerzhaften und langwierigen Fieberkrankheit, die durch Moskitos übertragen wird. Mehrere Studien legen jedoch nahe, dass die tatsächliche Zahl in Indien 300 Mal so hoch liegen dürfte.
Es gibt keine vernünftige Meldekette. Da muss zu viel Papierkram erledigt werden, es sind zu viele verschiedene Behörden involviert. Deshalb wissen wir nicht, wie viele Menschen wirklich betroffen sind.
In diesem Jahr wurden zudem bereits hunderte Malaria-Fälle registriert. Die Stadt versinkt stellenweise im Müll. Und schon ein kleiner, weggeworfener Plastikbecher kann eine ideale Brutstätte für Moskitos sein.
Im Slum in Vasant Vihar ist Inspektor Dinesh Sharma mit der Autorikscha unterwegs. Per Lautsprecher will er die Menschen hier an die Gefahren durch die Fieberkrankheiten erinnern.
Aber es gibt überhaupt kein Bewusstsein bei den Leuten. Wir hängen auch Poster auf, Aufkleber, unsere Leute kommen einmal im Monat vorbei, und trotzdem finden wir Moskito-Larven in den Häusern. Wir können den Leuten auch zehnmal sagen, dass sie keine kaputten Behälter nach draußen stellen sollen, weil die sich im Monsun mit Wasser füllen. Aber sie tun es trotzdem.
Tatsächlich ermahnt Sharma eine ältere Frau, die sofort sauer wird. An buchstäblich jeder Ecke vor ihrem Haus liegen kaputte Plastikbehälter, und gegenüber türmt sich der Müll der Nachbarn. Nebenan, in den viel weitläufigeren Reichenvierteln ist es zwar sauberer, aber die Lage sei trotzdem nicht besser, meint Sharma.
Hier in den Slums kooperieren die Leute wenigstens, wenn wir sprühen. Aber in den reichen Gegenden werden wir gar nicht erst auf Grundstücke gelassen. Und die Fallzahlen liegen da manchmal sogar noch höher.
Sharma wundert es nicht, dass die Zahl der gemeldeten Dengue-Fälle in Delhi derzeit um 54 Prozent höher liegt als 2016. Er hat noch schwere Wochen vor sich. Der Monsun ist noch nicht vorbei.
Sharma sagt, derzeit könnten er und seine Mitarbeiter den Kampf gegen die Epidemie einfach nicht gewinnen.
Unter Druck: Indiens Journalisten
Es ist einer der ganz wenigen Momente, in denen Indiens Journalisten zusammen stehen. Gedenkfeier für eine Kollegin im Press Club of India, einen Steinwurf vom Parlament in Neu-Delhi entfernt: Gauri Lankesh, ermordet vor ihrem eigenen Haus in Bangalore in Südindien. Die Journalistin war streitbar, sie eckte auch bei vielen Kolleginnen und Kollegen an. Gauri Lankesh betrieb ein eigenes, kleines Magazin, das sich vom Geld der Abonnenten über Wasser hielt. Sie war landesweit bekannt. Ihr Tod wühlt auf, deshalb ist es voll heute im Presseclub zu Neu-Delhi.
Es ist schockierend zu sehen, was für eine Gesellschaft wir geworden sind. Gewalt im Namen einer Ideologie, oder gegen Andersdenkende. Und das wird dann auch noch gut geheißen. Wer auch immer das getan hat: Die Täter müssen gefasst werden.
Sagt Rajdeep Sardesai, Redakteur der Mediengruppe India Today. Wer Gauri Lankesh umgebracht hat und in wessen Auftrag, ist derzeit unklar. Die Journalistin teilte gegen alle Parteien aus, vor allem aber gegen die Regierungspartei BJP von Premierminister Narendra Modi. Die BJP ist religiös-konservativ. Sie macht Politik für die Hindu-Mehrheit in Indien, das eigentlich ein Land mit einer säkularen Verfassung ist. Die BJP ist eine rechtspopulistische Partei, und sie zählt Intellektuelle und Journalisten zu ihren Gegnern. BJP-Bundesminister nennen Reporter auch schon mal „Presstituierte“ oder „stinkende Hunde“. Im Auftrag der Partei hetzt eine selbst ernannte Cyber-Armee gegen Andersdenkende. Kritische Nachfragen auch ausländischer Medien folgen bisweilen derbe Antworten. Als das ARD-Hörfunkstudio den BJP-Vordenker Tarun Vijay fragte, warum sich die Partei nicht offener gegen Gewalttaten im Namen des Hinduismus ausspreche, wurde dieser brüsk:
Wenn es Leute wie Sie und Ihren Radiosender gibt, die sich jedem nationalistischen Argument verschließen, was sollen wir dann machen? Ich bin sehr erstaunt, dass ein ausländischer Sender wie das deutsche Radio sich mit so viel Hass auf einen Teil der Bevölkerung, den es nicht mag, in Indiens innere Angelegenheiten einmischt. Einige Menschen schlachten Kühe, um einen Teil der Hindus zu provozieren. Andere schlachten die Wahrheit, um Menschen zu verleumden, die ihnen nicht gefallen.
Aber der Ton gegenüber indischen Journalisten ist noch rauer. Kritische Stimmen gelten als „anti-national“, oder ihnen wird eine Nähe zum Terrorismus attestiert. Gauri Lankesh landete wegen Verleumdung vor Gericht, nachdem sie zwei BJP-Abgeordneten Korruption vorgeworfen hatte. Gauri Lankesh wurde zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt, blieb jedoch auf freiem Fuß – der Fall lag zuletzt vor einem Berufungsgericht. Die BJP betonte, das – noch nicht bestätigte - Urteil gegen Lankesh sei eine Warnung an alle Journalisten in Indien.
Premierminister Modi dagegen ignoriert Journalisten weitgehend. Er nutzt das staatliche Radio, um sich einmal im Monat direkt an die Menschen zu wenden. Und er nutzt den Kurznachrichtendienst Twitter, dort folgen ihm mehr als 30 Millionen Nutzer. Er selbst folgt nur rund 1800 Nutzern. Einige dieser Nutzer feierten den Mord an Gauri Lankesh. Sie sei eine Hure und „wie eine Hündin gestorben“, triumphierte einer. Modi folgt ihm noch immer. Der Premierminister, sonst ein Vieltwitterer, schweigt zu dem Mord. Viele deuten das als ein sehr lautes Schweigen. Barkha Dutt ist eine der prominentesten Journalistinnen Indiens:
Ich war immer stolz darauf zu betonen, dass wir in Indien freie Meinungsäußerung haben, dass wir eine lebendige Demokratie sind. Ich sage nicht, dass die Demokratie jetzt abgewürgt wird. Wir sind ja hier im Presseclub, und wir zeigen alle offen unsere Solidarität. Aber wir stehen an einem Wendepunkt. Ich weiß nicht, wer Gauri umgebracht hat und warum. Aber was ich weiß ist, dass Morddrohungen und Vergewaltigungsdrohungen zum Alltag gehören, ich erhalte jeden Tag solche Drohungen.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen erstellt jährlich eine Rangliste der Pressefreiheit. Indien ist im vergangenen Jahr um sechs Plätze abgerutscht und steht derzeit auf Rang 136 von 180 Ländern. 22 Journalisten wurden seit 2013 ermordet, die meisten wurden erschossen. Gauri Lankesh war das bisher wohl prominenteste Opfer. Ihr Tod sei ein Weckruf, findet Barkha Dutt:
Wir müssen laut bleiben. Schweigen bedeutet, sich mitschuldig zu machen. Solange wir zusammen halten, wird uns niemand zum Schweigen bringen.
In ihrer letzten Kolumne schrieb Gauri Lankesh über ein Phänomen, das auch Indien alltäglich beschäftigt und die größte Demokratie der Welt untergräbt: Fake News. Gerichtet war der Text auch an die Medienkollegen: „Wir Journalisten teilen manchmal solche Fake News“, schrieb Gauri Lankesh. „Wir müssen uns gegenseitig darauf aufmerksam machen, aber friedlich, ohne uns gegenseitig in den Schmutz zu ziehen.“
Unter Druck: Nepals Arbeitsmigranten
Es ist dieses herzliche Lachen, das an Miruna Tarang sofort auffällt. Dabei ist es ein trauriger Moment. Miruna nimmt Abschied von ihrer Familie.
Jetzt fliege ich nach Saudi-Arabien.
Miruna wird in einem Krankenhaus in Riyad als Putzfrau arbeiten.
Ja, mir bleibt nichts anderes übrig. Meine Eltern sind alt und verdienen nichts mehr. Arbeit gibt es hier in Nepal nicht.
400 Euro, das ist der Verdienst von Miruna in Saudi-Arabien. Einen großen Teil will die 28-jährige nach Hause überweisen.
Am Flughafen der nepalesischen Hauptstadt gibt es ein eigenes Terminal für Gastarbeiter. Es voll an diesem Abend. Beamte kontrollieren die Arbeitsvisa der Passagiere, bevor sie zum Check-in dürfen. Im Schnitt 1600 Nepalesen reisen täglich aus, um ihre Jobs im Ausland anzutreten. Rund 20 Milliarden Euro schicken sie pro Jahr nach Hause – das ist knapp ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung Nepals.
Die Monitore zeigen acht Flüge an, nach Dubai, in den Oman, nach Saudi Arabien, nach Malaysia. Kardaga ist auf dem Weg nach Kuala Lumpur. Er lässt seine Frau und die sechs Jahre alte Tochter zurück.
Ich habe hier zwar eine Arbeit als Lehrer, aber der Verdienst reicht nicht. Ich werde jetzt als Wachmann arbeiten. Eine Vermittlungsagentur hat mir den Job beschafft. Ich habe dafür 130-tausend Rupien bezahlt. Für den Medizin-Check, für das Visum.
130-tausend Rupien, etwa tausend Euro, das ist sehr viel Geld für das arme Nepal. Kardaga hat es sich geliehen und ein Stück Land verkauft. Eine Quittung für die 130-tausend Rupien bekam er nicht. Der Grund: Seit zwei Jahren sind derart hohe Gebühren in Nepal illegal. Die Job-Vermittler dürfen nicht mehr als zehntausend Rupien, also etwa 80 Euro, verlangen. Für Flüge oder Visa müssen die Arbeitgeber aufkommen. Die Regierung hofft, dadurch Gastarbeiter vor Verschuldung und Ausbeutung zu schützen.
Laxman Bishwa betreibt eine der größten Vermittlungsagenturen in Nepal. Nein, er verlange keine hohen Gebühren mehr, betont er gleich zu Beginn des Gesprächs. Er halte hohe Gebühren für unethisch. Bishva schimpft lange auf Mittelsmänner, die Arbeitswillige in Dörfern werben und dann abkassieren würden.
Aber irgendwann platzt es dann doch aus ihm heraus.
Zehntausend Rupien als Höchstgrenze für die Gebühren? Das ist für mich nicht machbar. Manchmal kommen die Arbeitgeber hierher geflogen. Sie wollen fünf Tage im Fünf-Sterne-Hotel übernachten. Und manche kommen danach noch einmal wieder. Wie soll ich da mit zehntausend Rupien pro Arbeiter auskommen?
Und überhaupt: Die Arbeitgeber würden jetzt Arbeiter aus Bangladesch oder Afrika einstellen, statt Gebühren für Nepalesen zu übernehmen, sagt Laxman mehrfach. Also umgehen die Vermittler das Gesetz einfach und lassen die Arbeiter für alles zahlen – wenn überhaupt, quittieren sie nur die gesetzlich erlaubten zehntausend Rupien.
Kardaga, der Lehrer, weiß, dass auch er viel zu viel bezahlt hat.
Aber ich hatte keine Wahl. Sonst hätte mir die Agentur am Ende den Job nicht vermittelt.
Miruna, die nach Saudi-Arabien will, lacht die Frage nach den Gebühren einfach weg. Stattdessen antwortet ihr kleiner Bruder. Ja, auch Miruna habe sich verschuldet. Die ersten Monatsgehälter werde ein Geldverleiher bekommen, nicht die Familie.
Aber meine Schwester geht arbeiten, damit wir alle in Nepal überleben können.
Dann verschwindet Miruna im Terminal. Zwei Jahre lang wird sie die Familie nicht sehen. Ihr kleiner Bruder sagt, er werde vor allem Mirunas Lachen sehr vermissen.
Indiens Teilung - nie aufgearbeitet
Ich war einmal mit Kindern aus Pakistan in einer Schule in Neu-Delhi in Indien. Die Lehrerin dort wollte ihnen Girlanden umhängen und einen roten Punkt auf die Stirn malen, ein Tika. Das ist ein hinduistisches Symbol. Da fingen die Kinder an zu heulen und fragten, ob sie dadurch jetzt zu Hindus würden. Bei einem Besuch in Mumbai in Indien fragte mich in einer Schule ein sechs Jahre altes Kind: Wo kommst Du her? Als ich Pakistan sagte, rannte es weg.
Anam Zakaria könnte noch viele Geschichten von Vorurteilen, Hass und Abgrenzung erzählen. Die 28-jährige hat Austauschprojekte zwischen indischen und pakistanischen Schulen geleitet, sie hat hunderte Zeitzeugen aus der Zeit der indischen Teilung getroffen und ein Buch darüber geschrieben – Anam will, dass Pakistan damit beginnt, die eigene Geschichte aufzuarbeiten.
Die Menschen saugen die staatliche Version der Geschichte auf. Selbst Zeitzeugen filtern das, was sie uns von damals erzählen. Sie passen es der staatlichen Version an, nach der vor allem Hindus und Sikhs die Mörder waren. Auch meine eigene Großmutter hat mir immer nur von den Gräueltaten der anderen erzählt. Von den Zügen, die aus Indien kamen, voll beladen mit den Leichen ermordeter Muslime. Später fand ich zufällig heraus, dass damals ihre eigene Schwester von einer indischen Familie gerettet wurde. Es waren Sikhs.
Mallika Ahluwalia überwacht die letzten Arbeiten im „Partition Museum“ von Amritsar. Hier zeigt die 34-jährige unzählige Dokumente, Wertgegenstände, die Flüchtlinge damals dabei hatten und ihr zur Verfügung gestellt haben, es gibt ein Mahnmal – einen Brunnen. Verzweifelte Väter haben 1947 Töchter in Brunnen geworfen, damit sie nicht den Mobs in die Hände fallen. Mallika will in dieser Woche öffnen. Ihr Projekt ist bisher in Indien einzigartig.
Jedes andere Land erinnert an die Geschichte. Holocaust, Apartheid, sogar die Anschläge vom 11. September, daran wird bereits jetzt schon erinnert. Die Teilung Indiens hat einen ganzen Subkontinent und das Leben so vieler Menschen geprägt. Und trotzdem hat noch niemand daran erinnert. Aber die Menschen, die damals das Trauma erleiden mussten, haben Erinnerung verdient.
In Pakistan musste Anam Zakaria bei ihren Recherchen feststellen, wie sehr sie selbst mit Vorurteilen gegen Indien aufgewachsen war.
Bei uns begann die Geschichte immer erst mit der Geburt des Staates Pakistan. Hier definiert die Teilung Indiens alles, weil sie zur Geburt Pakistans geführt hat. Seitdem galt es, nur nach vorne zu schauen und nicht zurück. Und Pakistaner definieren sich meist durch Abgrenzung von Indern. Als mir Zeitzeugen erzählten, dass sie ihre alte Heimat in Indien gerne wieder sehen oder dass sie Freunde und Nachbarn von damals vermissen würden, konnte ich das erst gar nicht verstehen. Ich glaube, der Grund für die anhaltende Feindschaft zwischen unseren Ländern liegt darin, dass wir die Geschichte nie aufgearbeitet haben.
Anam Zakarias Buch über die Teilung verkauft sich auch in Indien gut. Mallika Ahluwalias Museumsprojekt hat sich auch in Pakistan herum gesprochen. Aber die Feindschaft zwischen beiden Staaten ist trotzdem lebendiger denn je, das weiß auch Anam Zakaria. Die junge Generation sei häufig radikaler in ihrer Feindschaft gegen Indien als diejenigen, die die Teilung 1947 erlebt haben:
Vor ein paar Jahren zum Beispiel wollte eine Frau ihr Kind nicht zu unserem Schüler-Austausch nach Indien schicken. Sie hatte Angst, denn ihr Vater war 1947 aus Indien geflohen. Seine halbe Familie wurde damals umgebracht. Und Indien ist seitdem der Feind. Die Frau befürchtete, dass ihr Kind dort getötet werden könnte. Später rief sie aber an und gab doch grünes Licht. Ihr Vater hatte ihr gesagt: Lass das Kind fahren. Es ist mein Heimatdorf. Ihm wird dort nichts passieren. Das fand ich sehr bezeichnend.
Können ein Museum, Austauschprojekte und ein Bestseller zumindest ein wenig dazu beitragen, Inder und Pakistaner näher zu bringen? Anam Zakaria ist da sehr skeptisch.
Naja. Es ist eigentlich frustrierend. Unsere Möglichkeiten sind so begrenzt. Ich kann mit fünftausend Schülerinnen und Schülern arbeiten und sie beeinflussen. Das ist schon eine beeindruckende Zahl. Aber gleichzeitig sind da Millionen anderer Kinder, die auf Regierungsschulen gehen und diese offiziellen Schulbücher vor sich haben. Das ist nicht nur frustrierend. Wenn man mit diesen Kindern über Indien oder über religiöse Minderheiten hier in Pakistan spricht, dann macht mir das große Angst.
Auf der indischen Seite will Mallika Ahluwalia so viel wie möglich von der Teilungsgeschichte retten – aus denselben Gründen wie Anam Zakaria. Mallika sagt, sie hätte sich Zeit nehmen können für ihr Projekt. Aber ihr war es wichtig, das Museum in Amritsar jetzt zu eröffnen.
Jetzt wollen die Menschen reden, jetzt haben sie genug Abstand, man merkt es richtig, dass sie reden wollen, dass sie diese Last der Erinnerung los werden wollen. Wenn wir ihnen jetzt nicht zuhören, werden ihre Geschichten verschwunden sein.
Indiens Trauma, Pakistans Trauma, Bengalens Trauma: Die Teilung von 1947
Prolog: Wagah. Die bizarrste Grenze der Welt. Es ist ein bizarres Schauspiel, jeden Abend, kurz vor Sonnenuntergang. Der Grenzübergang Wagah verwandelt sich in eine Arena. Auf beiden Seiten stehen Tribünen, sie sind voll besetzt. Es ist ein Volksfest zwischen Stacheldrähten, Grenztürmen, Flutlichtmasten und Maschinengewehren. Pakistan Zindabad! Lang lebe Pakistan! Rufen hunderte Pakistaner auf ihrer Seite. Grenzschützer marschieren in schwarzen Paradeuniformen. Sie tragen Hüte, die an den Federbusch eines Pfaus erinnern. Sie rennen geradezu auf das grün-weiß gestrichene Grenztor zu. Angefeuert vom Takt der Trommeln.Jeder Schritt, jede Sekunde dieser Zeremonie ist hier abgestimmt. Auf der anderen, der indischen Seite, sind die Uniformen beige, aber auch pfauenähnlich. Hier rufen sie Hindustan Zindabad! Lang lebe das Land der Hindus! Zeitgleich öffnen die Pfauensoldaten symbolisch die Tore. Für einen Moment stehen sich die Grenzer gegenüber, Brust raus, das Kinn hoch gestreckt.
Hier, in Wagah, zwischen dem indischen Amritsar und dem pakistanischen Lahore gelegen, wird die Teilung des indischen Subkontinents jeden Tag aufs Neue zelebriert. Wagah ist der einzige Grenzübergang zwischen Pakistan und Indien. Wer die Grenze überqueren will, läuft zu Fuß durch die tagsüber leeren Arenen. Bewaffnete Soldaten beobachten argwöhnisch jeden Schritt. Einem Namaste! – Guten Tag auf Hindi – für den letzten indischen Soldaten direkt an der weiß gestrichenen Grenzlinie folgt das Salaam Aleikum! für den ersten pakistanischen Soldaten direkt dahinter. Ein großes Bild von Mahatma Gandhi ziert die indische Seite. Ein Bild des Staatsgründers Jinnah die pakistanische.
Kapitel 1: 1947
Tea Time in Islamabad, Pakistans Hauptstadt. Muhammad Akram Khan entschuldigt sich. Es könne sein, dass das Gedächtnis ihm Streiche spiele, sagt er. Dann atmet er kurz tief durch, nippt an seinem Tee, schließt die Augen, und erinnert sich.
Ich wurde 1941 in einem kleinen Dorf in der Nähe des Flusses Beas geboren, es hieß Gadriwal. Das liegt heute in Indien. Ich kann mich noch gut an die Kindheit dort erinnern. Ich habe im Fluss Schwimmen gelernt. Nur im Monsun war der Strom zu reißend. Sonst konnten wir immer dort schwimmen.
Gadriwal war damals ein friedlicher Weiler. Sechs Jahre lang lebte Akram Khan dort. Seine Nachbarn waren überwiegend Muslime. Aber das sei damals egal gewesen, sagt Khan. Bis die Weltpolitik auch Gadriwal erreichte.
Im Sommer 1947 waren wir im Dorf. Es waren Ferien. Mein Vater war Lehrer. Dann erfuhren wir, dass das Dorf von Hindus angegriffen werden soll. Wir mussten fliehen. Wir sind nachts über den Fluss, in Booten. Tagsüber haben wir uns aus Angst vor den Hindus in den Feldern versteckt. Drei Nächte lang waren wir unterwegs, bis wir die Hauptstraße nach Lahore erreichten. Dort war eine riesige Masse an Menschen unterwegs.
Im Punjab, Akram Khans Heimat, war in jenem Sommer 1947 die öffentliche Ordnung völlig zusammen gebrochen. Jahrzehntelang hatten die Menschen in Britisch-Indien für ihre Unabhängigkeit gekämpft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Kolonialmacht Großbritannien pleite. Sie entschloss sich, das Vizekönigreich Indien aufzugeben.
Qazi Barkat Ali lebte damals ebenfalls im Punjab. Der schmächtige Mann mit dem langen, weißen Bart sitzt, die Hand immer am Knauf seines Gehstockes, in seinem Wohnzimmer in Lahore. Qazi ist 89 Jahre alt.
Wir hatten keine guten Beziehungen zu den Hindus. Wir Muslime waren ärmer als sie. Und sie schauten von oben auf uns herab. Sie beuteten uns aus. Ich habe einige Erinnerungen an meine Kindheit. Ich hatte Freunde, die waren Hindus. Aber immer wenn ich sie besuchte, wurde ich von ihren Familien schlecht behandelt. Es ist immer noch schwer, mit diesen Erinnerungen zu leben. Hindus hassten uns, schon immer. Und wir hassen sie.
Die Anführer der Muslim-Liga, Muhammad Ali Jinnah und der indischen Kongresspartei, Jawaharlal Nehru, hatten sich nicht auf ein einheitliches Staatsgebilde einigen können. Die Hindus waren in Britisch-Indien in der Überzahl. Jinnah befürchtete, dass die Muslime in einem gemeinsamen Staat politisch keine Chance hätten. Der britische Vizekönig Lord Mountbatten stimmte Jinnahs Forderung nach einer Aufteilung zu. Die Federstriche auf der Landkarte zog ein britischer Jurist, Sir Cyril Radcliffe. Radcliffe hatte keine Ahnung von Indien. Aber er hatte eine einfache Idee: Bezirke mit muslimischer Mehrheit sollten zu Pakistan, der Rest zu Indien gehören. Gemischte Gebiete wurden einfach geteilt, so auch das ehemalige Königreich Punjab – und das Heimatdorf von Qazi Ali .
Wir waren vor der Teilung 1947 so glücklich, weil wir davon ausgingen, dass unser Distrikt zu Pakistan gehören würde. Aber dann verlief die Grenze mitten durch unser Dorf. Damit hatten wir nicht gerechnet, nicht mal am Tag vor der Unabhängigkeit am 14. August. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was wir fühlten, als klar war, dass mein Teil des Dorfes nicht zu Pakistan, sondern zu Indien gehören sollte. Es war ein Schock. Wir packten sofort unsere Sachen.
Millionen Menschen entschlossen sich nach der Bekanntgabe der neuen Grenzen innerhalb weniger Stunden zur Flucht. Gurbhajan Kaur stammt aus einer wohlhabenden Sikh-Familie. Sie lebte in dem Teil des Punjab, der zu Pakistan gehören sollte. Gurbhajan war damals, 1947, neun Jahre alt:
In dieser Nacht heulten auf einmal Sirenen. Die Leute haben gerufen: Ihr müsst weg, ihr müsst weg! Wir hatten ein riesiges Haus und haben versucht, alles was wir besessen haben, auf Holzkarren zu packen. Mein Vater ist zu den Ställen gegangen, um die Tiere zu holen. Dort haben sie ihn umgebracht. Seine Leiche haben sie einfach in den Fluss geworden.
Gurbhajan starrt auf den Wohnzimmertisch und knetet ihre knöchernen Hände. Ihre Enkel sitzen um sie herum, die wollen ihre Geschichten sonst nie hören, sagt die 79-jährige. Bis heute könne sie sich vor allem noch an ihr Gefühl von damals erinnern: die nackte Angst, die sie die gesamte Flucht über begleitet hat:
Wir waren völlig verstört. Vor allem wir Mädchen haben uns sehr gefürchtet. Die Männer in unserem Treck hatten Dolche unter dem Tierfutter versteckt.
Die Waffen dienten nicht nur dazu, sich gegen Muslime zu verteidigen.
Wenn unsere Männer Gefahr gewittert hätten, hätten sie uns Mädchen mit den Dolchen umgebracht.
Anderswo warfen Väter ihre eigenen Töchter in Brunnen. Keine Frau sollte den Feinden in die Hände gelangen. Dennoch wurden viele entführt oder vergewaltigt, Musliminnen von Hindus und Hindufrauen von Muslimen. Tagelang lief die 9-jährige Gurbhajan mit ihrer Familie durch den Schlamm in Richtung Indien. Der Monsunregen prasselte auf die Flüchtlinge herab. Zeitungen aus dem Jahr 1947 berichten, dass es Mitte August ohne Unterbrechung 60 Stunden lang geregnet hatte. Unzählige Karawanen schleppten sich über Feldwege, Bahngleise und Straßen über die neue Grenze. Tausende Kinder und alte Menschen starben vor Erschöpfung am Wegesrand.
Sardar Waryam Singh sitzt auf einer Pritsche vor seinem Bauernhof. Um seinen Kopf hat er einen karierten Turban gebunden. Singh gehört zur Religionsgruppe der Sikhs. Auch er musste ins heutige Indien fliehen, wie Gurbhajan Kaur. Heute ist Singh 82 Jahre alt. Grauer langer Bart, tiefe Falten auf der Stirn. Aber seine Erinnerungen an die Flucht sind noch jung geblieben.
So viele Menschen sind vor meinen Augen umgebracht worden. Sie haben die Kehlen der Menschen durchgeschlitzt. Ich habe alle die Leichen auf den Straßen liegen sehen. Meine Welt war plötzlich zertrümmert. In den Dörfern, durch die wir durchgelaufen sind, lagen überall Knochen, ich habe Hunde gesehen, die tote Menschen gegessen haben.
Der berühmt gewordene, friedliche Freiheitskampf Mahatma Gandhis endete in Chaos und Gewalt. Mehr als eine Million Menschen starben. Bis zu 20 Millionen verließen ihre Häuser. Diejenigen, die ihre neue Heimat Pakistan oder Indien erreichten, standen vor dem Nichts.
Kapitel 2: Neuanfang
Beraubt. Beschossen. Begraben. Gurbhajan Kaur war in eine reiche Familie hinein geboren worden. Ihre wertvollsten Schätze lagen auf Holzkarren, die sich auf der Flucht überschlugen oder im Schlamm stecken blieben. Als sie mit ihrer Familie in der Nähe von Amritsar auf der indischen Seite ankam, besaß sie nur noch das, was sie am Leibe trug:
Ein Onkel dort hat uns erst einmal auf seinem Hof aufgenommen. Später hat uns die indische Regierung ein Stück Land hier im Punjab zugeteilt, das war sogar noch größer als das, was wir in Pakistan besessen hatten.
Auch Landwirt Sardar Singh hatte noch entfernte Verwandte auf der indischen Seite. Aber das eigene Land und der Hof, von seinen Vorfahren erworben und gebaut, lagen nun in Pakistan. Immerhin, so hatte seine Familie damals gehofft, seien sie nun unter ihres gleichen, unter Hindus und Sikhs, sicher angekommen und würden mit offenen Armen empfangen:
Aber stattdessen haben sie uns als Flüchtlinge angesehen, unsere eigenen Leute! Sie haben uns gefragt, warum wir hier her gekommen seien. Ihre Worte haben uns sehr verletzt.
In Pakistan standen Qazi Ali und Akram Khan vor dem Neuanfang. Ihr neuer Staat befand sich noch im Aufbau, es gab kaum Strukturen. Für Akram Khan, der mit sechs Jahren nach Pakistan floh, war die Suche nach einem neuen Zuhause noch nicht zu Ende.
Mein Bruder hatte sich inzwischen der pakistanischen Armee angeschlossen. Er besorgte uns ein Stück Land in der Nähe von Lahore. Mein Vater erhielt nach ein paar Monaten einen Job als Lehrer. Wir konnten später dann in eine Stadt umziehen. Sie heißt heute Faisalabad.
Qazi Ali, der so wütend über den unerwarteten Verlust seiner Heimat war, begab sich ganz in die Hände der neuen pakistanischen Bürokratie. Der junge Staat musste die Millionen Neuankömmlinge aus Indien versorgen.
Wir kamen in ein Flüchtlingslager. Dann gab man uns ein Haus in Lahore, in dem vorher Hindus oder Sikhs gewohnt haben. Vor der Teilung war ich Student. Meine Universität zog auch nach Pakistan um, sie wurde ganz neu aufgebaut. Ich konnte dort weiter studieren. 1948 bekam ich meinen ersten Job als Lehrer.
Qazi Ali wurde später Direktor mehrerer Schulen. Akram Khan ahnte 1947 noch nicht, dass die Flucht aus seinem Heimatdort nicht das einzige Abenteuer bleiben sollte. Seine Geschichte ist eng verbunden mit der den Folgen der Teilung, mit dem Trauma – und der ewigen Feindschaft zwischen Indien und Pakistan, die bis heute andauert.
Khan erzählt detailgenau von seinem Einsatz 1965 in Sialkot, an der Grenze zu Indien gelegen. Damals brach ein Krieg zwischen beiden Staaten aus. Khan war ein einfacher Soldat in der pakistanischen Armee, der die indischen Panzer abschießen sollte.
Aber wir haben in Wahrheit nur versucht, zu überleben. Wir haben uns tagsüber fast nur versteckt, und als es dunkel war, sind wir weggerannt. Ich war dreimal im Feld. Ich glaube, ich habe keinen einzigen Panzer erwischt.
Der Krieg endete ohne einen Sieger. Er vertiefte die Gräben zwischen Indern und Pakistanern. Nach 1965 bauten beide Staaten Stacheldrahtzäune an der gemeinsamen Grenze auf. Akram Khan stieg in der Armee auf, und erlebte 1971 Pakistans schwerste Stunde: Den Verlust des heutigen Bangladesch. Damals hieß das Land noch Ost-Pakistan. Es lag tausend Kilometer vom restlichen Pakistan entfernt. Nirgends war die britische Grenzziehung absurder als hier. Aber in Ost-Pakistan lebten nun einmal vor allem Muslime. Die pakistanische Armee führte einen brutalen Krieg gegen das bengalische Volk, dessen Mehrheit unabhängig werden wollte. Hunderttausende Zivilisten wurden ermordet. Indien griff in den Konflikt ein. Mitten im Dschungel kämpfte Akram Khan mit seiner Einheit gegen die vorrückenden Inder – bis ihn mehrere Kugeln aus einem Maschinengewehr trafen.
Ich stürzte und versuchte, mich noch irgendwie zu verstecken. Ich versuchte, die Blutungen mit einem Tuch zu stillen. Dann wurde ich bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, gab mir jemand Wasser. Es war ein indischer Soldat.
Die indische Armee rettete Akram Khan das Leben. Zehn Monate lang wurde er in einem Krankenhaus südlich von Neu-Delhi gepflegt und dann in ein Gefangenenlager gebracht. Später durfte er nach Pakistan zurück kehren. Den Krieg hatte seine Armee verloren. Bangladesch hatte sich von Pakistan abgespalten.
Kapitel 3: Kaschmir
Mit dem Verlust von Bangladesch musste sich Pakistan abfinden. Anders ist die Lage im Kaschmirtal im Himalaya. 1947 hatte sich der Maharaja von Kaschmir, ein Hindu, entschlossen, sein Fürstentum in den indischen Staat einzugliedern. Um das zu verhindern, schickte Pakistan freiwillige Kämpfer und Soldaten. Die meisten Kaschmiris sind Muslime. Indien hielt die pakistanischen Kämpfer zwar auf. Aber das Kaschmir wurde geteilt. Statt einer Grenze gibt es eine so genannte „Line of Control“. Beide Staaten beanspruchen das gesamte Kaschmirtal für sich. Indien nennt den pakistanischen Teil „ von Pakistan okkupiert“. Pakistan nennt ihn dagegen „Azad Kaschmir“, was so viel wie freies Kaschmir heißt. Regelmäßig schießen beide Seiten Granaten über die „Line of Control“. Fast alle Kriege zwischen beiden Staaten entzündeten sich an der offenen Kaschmir-Frage.
Sayeeda ist wütend auf Indien. Sayeeda ist 65 Jahre alt und lebt in Srinagar im indischen Teil Kaschmirs. Sie ist pensionierte Lehrerin. Die Teilung Britisch-Indiens 1947 und auch des Kaschmirtals hat Sayeeda nicht erlebt. Dafür aber die Teilung ihrer eigenen Familie.
Mein Onkel war damals, in den 50er Jahren, Schüler. 1954 dann verschwand er auf einmal für einen Monat. Unsere Familie ging zur Polizei, sie wusste nicht, wo er war. Dann meldete er sich: Aus Rawalpindi in Pakistan.
Die Grenzen in Kaschmir waren damals noch durchlässiger. Und Sayeedas Onkel wollte, wie so viele Kaschmiris, in einem muslimischen Staat leben. Pakistan hatte sich nach der Teilung zur „Heimstatt aller Muslime“ ausgerufen. Sayeedas Onkel lebte sich gut ein, aber Kontakt zu den Verwandten in Srinagar konnte er zunächst nicht halten. Die Spannungen und Kriege sorgten dafür, dass Inder und Pakistaner kaum noch miteinander kommunizieren konnten. Erst in den 60er Jahren erreichte Sayeedas Familie ein Brief, geschrieben vom kleinen Sohn des Onkels. Der Name des Jungen: Sayeed. Er wurde in Pakistan geboren.
Als wir den Brief erhielten, weinten alle, die ganze Familie. Mein Vater küsste den Brief, wieder und wieder.
In den 80er Jahren sah sich schließlich die ganze Familie wieder: Sayeedas Schwester Tabassum heiratete ihren Cousin Sayeed, der den Brief damals geschrieben hatte. Sie zog zur Familie des Onkels nach Pakistan. Anfangs war Sayeeda von der arrangierten Hochzeit ihrer Schwester begeistert.
Ich konnte aus den Briefen sofort erkennen, dass Sayeed brillant war. Er arbeitete damals für die Luftfahrtbehörden. Wir gingen davon aus, dass er in England oder vielleicht sogar mal bei uns in Indien an der pakistanischen Botschaft stationiert werden könnte. Aber dann brach der Aufstand im Kaschmir aus.
Indien hatte den Kaschmiris stets Autonomie versprochen, aber diese Zusagen nicht eingehalten. Als dann 1987 auch noch lokale Wahlen zu Gunsten der pro-indischen Kräfte gefälscht wurden, brach ein bewaffneter Aufstand aus. Pakistan schickte gut ausgebildete Gotteskrieger. Der pakistanische Geheimdienst baute Terrorgruppen auf, die bis heute aktiv sind. Junge indische Kaschmiris beteiligten sich am Aufstand. Indiens Armee reagierte brutal – Zehntausende verschwanden in den 90er Jahren. Sayeeda musste alle Briefe, alle Fotos ihrer Schwester und ihres Cousins aus Pakistan vernichten. Die indischen Soldaten hätten so gut wie jedes Haus in Srinagar durchsucht, erinnert sie sich. Und ein Brief mit pakistanischem Absender hätte das Todesurteil bedeuten können.
Auch jede Telefonverbindung war unterbrochen. Wir hatten damals einfach keinen Kontakt mehr nach Pakistan. Keine Briefe mehr. Das war so hart. Mein Vater starb 1999. Als er schon schwer krank war, schrieb er dem indischen Präsidenten. Er schrieb: Wenn Sie ein Herz haben, erlauben Sie meiner Tochter in Pakistan, wenigstens einmal hierher zu kommen und mich zu besuchen.
Aber der indische Präsident reagierte nicht. Denn 1999 brach wieder einmal Krieg zwischen Indien und Pakistan aus. Sayeeda konnte ihrer Schwester nicht einmal vom Tod des Vaters berichten. Sie rief einen Verwandten in den USA an – er telefonierte dann mit der Schwester in Pakistan. Auch zur Beerdigung der Mutter im Jahr 2015 konnte Tabassum nicht ins indische Kaschmir reisen. Immerhin gab es jetzt das Internet und Whats App als Telefonersatz.
Als meine Mutter starb, rief Tabassum immer wieder an, unter Tränen. Sie wollte ein Visum beantragen. Aber auch nach Wochen wollten sie ihr kein Visum geben. Sie weinte und weinte. Als meine Tochter heiratete, war es das gleiche. Sie hat sechs Tage lang für ihre Familie nicht mehr gekocht, gar nichts gemacht. Sie lebt komfortabel in Pakistan, aber die Trennung ist zu viel für sie.
Sayeeda will ein unabhängiges Kaschmir und offene Grenzen zu Pakistan, damit ihre Schwester endlich wieder kommen kann. Aber darauf würde sich Indien niemals einlassen, ist sie sich sicher. Sayeeda sagt zum Schluss des Gesprächs, dass sie selbst zu gebrechlich sei, um nach Pakistan zu reisen. Es sieht so aus, dass sich die alte Dame aus Srinagar und ihre Schwester so schnell nicht wieder sehen werden.
Kapitel 4: Sehnsucht nach der alten Heimat?
Akram Khan nippt an seinem Tee. Der pensionierte Armee-Offizier, der in sämtlichen Kriegen gegen Indien dabei war, könnte noch Stunden von seinen Abenteuern als Soldat erzählen. Doch immer wieder kehren seine Gedanken zurück in das Dorf seiner Kindheit - Gadriwal, das heute in Indien liegt. Die Sehnsucht nach dem Fluss, in dem er schwimmen gelernt hat, nach dem Wald, in dem er mit seinen Freunden spielte, war so groß, dass Akram Khan unbedingt zurückkehren wollte. Tatsächlich gelang ihm das, in den 80er Jahren, und in geheimer Mission. Khan, ein begeisterter Bergsteiger, erhielt eine Einladung eines italienischen Alpenvereins, zu einer Veranstaltung in Neu-Delhi.
Ich bekam ein Visum, weil die Inder nicht wussten, dass ich in der pakistanischen Armee war. Ganz heimlich nutzte ich die Gelegenheit und fuhr in mein Heimatdorf. Ich sagte den Leuten dort, dass ich nur ein Fremder auf Durchreise sei. Das Dorf hatte sich so verändert. Die alten Häuser aus Lehm standen nicht mehr. Die Bewohner lebten jetzt in Steinhäusern. Den Wald am Dorfrand und den Fluss erkannte ich sofort wieder. Es war sehr emotional.
Kurz darauf kehrte ich noch einmal zurück. Ein indischer Politiker hatte mich zu einem Ballonfestival nach Indien eingeladen. Wir hatten in den USA gemeinsam den Pilotenschein für Ballonfahrer gemacht. Ich bekam ein Visum, mit dem ich mehrere Städte besuchen durfte. Ich fuhr also auch in mein Heimatdorf. Ich gab diesmal meine Identität zu erkennen. Die Leute empfingen mich sehr, sehr freundlich. Mit einigen blieb ich in Kontakt.
Akram Khan spricht noch heute den dörflichen Dialekt. Die Kontakte nach Gadriwal blieben bestehen. Aber erst 2011, fast 30 Jahre nach den ersten Besuchen, erhielt er wieder ein Visum für Indien. Diesmal wollte er seine Frau mitnehmen ins Dorf. Khan war inzwischen ein 70 Jahre alter Veteran. Aus dem Besuch wurde nichts. Am Tag, an dem das Paar die Grenze zu Indien überquerte, töteten amerikanische Spezialeinheiten den Terror-Paten Osama bin Laden. Bin Laden hatte offenbar unbehelligt in Pakistan gelebt. Die Freunde aus Gadriwal wollten mit Akram Khan, dem Pakistaner, fortan nichts mehr zu tun haben.
Qazi Ali, den Schuldirektor aus Lahore, packte die Sehnsucht nach der alten Heimat nicht, im Gegenteil. Sein Hass auf Indien, auf die dortigen Hindus sitzt tief. Er gibt offen zu, dass er in seiner Schule nur Negatives über Indien lehren lässt.
Ich habe nie versucht, mein altes zu Hause zu besuchen. Wir wurden damals einfach nicht gut behandelt. Wir wurden ausgebeutet. Die Bedingungen für uns sind in Pakistan viel besser. Es wird keine Versöhnung geben. Die Hindus grüßen Dich zwar. Aber dann stechen sie Dir doch in den Rücken.
Eine leichte Brise weht über die satt grünen Felder von Bauer Singh, dem Sikh, der 1947 vor den Muslimen nach Indien fliehen musste. Singh hegt aber im Gegensatz zu Qazi keinen Groll gegen die plötzlichen Feinde:
Bevor das Land aufgeteilt wurde, gab es eine große Liebe zwischen Muslimen, Hindus und Sikhs. Sobald aber Pakistan entstand, hat sich auch der Hass in unseren Herzen entwickelt. In meinem Dorf haben wir früher alle friedlich zusammen gelebt. Wir Kinder sind gemeinsam durch die schmalen Gassen gelaufen, wir sind zusammen zur Schule gegangen, wir haben miteinander gegessen. Wir waren Muslime und Sikhs und Hindus. Aber wir waren vor allem Kinder.
Die heutige Ur-Großmutter Gurbhajan Kaur ist nie mehr in ihre alte Heimat, ins heutige Pakistan, zurück gekehrt. Ihr Bruder hat es einmal zurück geschafft in das alte Dorf. Fremde Menschen leben nun in ihrem ehemaligen Haus, Muslime. Aber die seien alle sehr nett zu ihrem Bruder gewesen und hätten ihm sogar Gastgeschenke überreicht, erzählt Gurbhajan. Sie selbst sei nun zu alt für die Reise an ihren Geburtsort:
Die Leute in MEINEM Heimatdorf würden MICH dann fragen, woher ich komme. Denn diejenigen, die sich noch an damals erinnern können, sind bestimmt alle schon tot.
Epilog: Wagah
Zurück in Wagah, dem einzigen Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan. Die abendliche Parade nähert sich dem Ende. Trompeter schmettern ihre Fanfaren, Offiziere in Pfauenkostümen brüllen in langgezogenen Tönen die Befehle. Einpeitscher sorgen auf den Tribünen für Stimmung.
Zwei Soldaten holen die Fahnen ein, sie stehen sich direkt gegenüber. Auf die Sekunde genau, völlig synchron, falten sie die Tücher ein. Zwei andere Soldaten marschieren zu den Grenztoren, dem grün-weißen auf pakistanischer Seite und dem orange-weiß-grünen auf indischer Seite. Einen kurzen Moment lang stehen sie sich gegenüber und schauen sich in die stolzen Augen. Dann reichen sie sich die Hand, ganz kurz, ganz fest. Die Tore fliegen zu. Die Menschen verlassen das Niemandsland. Es herrscht wieder Stille, zwischen Stacheldrahtzäunen, Wachtürmen und Maschinengewehren.
Afghanistan: Das miese Spiel mit den Opferzahlen
Afghanistan, Abschiebungen und das neue Buch von Boris Palmer - "fact checking":
Gestern wurde ich durch eine e-mail einer Kollegin aus unserem Berliner Hauptstadtstudio überrascht. Sie befasste sich gerade mit dem Buch des Grünen-Politikers und Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. Ich hatte ihn im Februar in einem Kommentar kritisiert, weil er damals behauptete, laut den Todes-Statistiken sei es in Chicago ungefähr so gefährlich wie in Kundus in Afghanistan (siehe link).
Palmer hat diesen Kommentar wohl aufmerksam gelesen, denn er antwortet in seinem Buch ausführlich darauf (und auf die Kritik einer bayerischen Ex-Parteifreundin).
Zitat Palmer: „Claudia Stamm und Jürgen Webermann stehen für diejenigen, die zu Recht aus Erlebnissen und Schilderungen der Zustände in Afghanistan ableiten, dass das Leben in Afghanistan bedrohlich und im Vergleich zu einem Aufenthalt in Deutschland sehr gefährlich ist. (…) Der Rechtsstaat muss aber allen gerecht werden. (…) Wir müssen einen einigermaßen objektiven Maßstab an solche Entscheidungen anlegen. Nach diesen Maßstäben sind Abschiebungen nach Afghanistan derzeit zulässig und vertretbar.“
Palmer zitiert das Bundesverwaltungsgericht, wonach eine „beachtliche Wahrscheinlichkeit“, getötet zu werden, der Prognose-Maßstab sein müsse, um nicht abzuschieben. Dann rechnet er vor, dass Afghanen in Afghanistan (Tötungs-Wahrscheinlichkeit 1:9000) vergleichsweise sicher seien. Es gebe mehr als 50 Länder mit höheren Wahrscheinlichkeiten, gewaltsam zu Tode zu kommen.
Zitat Palmer: „Gerade weil diese Zahlen nicht zu widerlegen sind, verwerfen meine Kritiker die Methode des statistischen Größenvergleichs als unzulässig oder gar zynisch und menschenverachtend.“
Das Problem ist aber, dass es für Afghanistan keine „unwiderlegbaren“ Zahlen gibt. Es stimmt, es gibt eine offizielle Statistik von zivilen Opfern. Die Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) veröffentlichen regelmäßig Zahlen über zivile Opfer. Aber diese Zahlen sind mit großer Vorsicht zu genießen.
Afghanistan ist ein streng muslimisches Land. Die meisten Toten sind spätestens nach 24 Stunden begraben. Viele Gegenden sind für Ermittler schwer oder gar nicht erreichbar. Die Angaben vieler Quellen, zum Beispiel Dorfälteste, sind oft nicht seriös. Allein das erschwert eine genaue Dokumentation (und unsere Arbeit ebenfalls). Dazu ist fast die Hälfte Afghanistans entweder umkämpft oder in der Hand von Taliban (und einige Distrikte in der Hand des so genannten Islamischen Staats). Es ist kaum möglich, hier flächendeckend Opferzahlen zu ermitteln.
Ein gutes Beispiel ist der Abwurf der größten nicht-nuklearen Bombe durch die US-Luftwaffe im Frühjahr in Ostafghanistan. Wir wissen bis heute nicht, wie viele Zivilisten damals getötet wurden. Wir werden es wohl auch nie erfahren.
Die Ärztevereinigung IPPNW zitiert eine britische Studie über 13 Kriegsgebiete, zu denen Afghanistan nicht gehörte. Danach wird im Schnitt nur ein Drittel der zivilen Opfer wirklich erfasst. Ob das auch auf Afghanistan zutreffe, müsse genauer untersucht werden – auszuschließen ist das aber nicht.
Dass es keine endgültigen Zahlen geben kann, sagen übrigens auch die Autoren des UNAMA-Berichts für 2016 selber: „Zwischenfälle, die wir nicht zu Ende ermitteln können, sind nicht in unseren Statistiken dokumentiert. In einigen Fällen würden Ermittlungen mehrere Wochen dauern, bevor wir zu einem Schluss kommen könnten. Das heißt, dass die Zahlen über zivile Opfer noch einmal überarbeitet werden müssten, wenn mehr Informationen verfügbar wären. (…) UNAMA behauptet nicht, dass diese Statistik abschließende Zahlen beinhaltet und räumt ein, dass die genannten Zahlen unter den tatsächlichen liegen. Grund dafür sind die begrenzten Möglichkeiten der Erfassung, was wiederum mit dem Operationsgebiet zu tun hat.“
Palmer wirft uns Journalisten zudem vor, Opferzahlen aus Afghanistan nicht richtig einzuordnen. 2016 sei die Zahl der zivilen Opfer nicht angestiegen, sondern auf hohem Niveau geblieben.
Zitat Palmer: „Einen Höchststand gibt es auch nur, weil die Daten vor 2009 nicht erfasst wurden. Das Jahr 2016 beschreibt eher eine Stabilisierung. (…) All das steht im UN-Bericht, der die Quelle der Berichterstattung war. Auf einen Vergleich, der es ermöglichen würde, die Zahlen einzuordnen, verzichteten aber so gut wie alle deutschen Medien.“
Dass es nur deshalb einen Höchststand gab, weil vor 2009 keine Opfer erfasst worden seien, steht so aber nicht in dem UN-Bericht. Vielmehr steht dort zwar, dass die UNAMA die Zahlen seit 2009 erfasse. Aber die Rede ist von „alarmierenden Entwicklungen” und nicht von einer „Stabilisierung“, wie Palmer behauptet. „Im 15. Jahr des anhaltenden bewaffneten Konflikts zwischen der Regierung und den Taliban, erreichte die Zahl der zivilen Opfer durch Bodenkämpfe, Anschläge, Munitions-Rückstände einen neuen Höchststand. Dazu kommt der höchste Stand an zivilen Opfern durch Luftschläge seit 2009.“ Der UNAMA-Chef Tadamichi Yamamoto sagte im Februar 2017 ebenso deutlich: „2016 war wieder einmal ein Rekordjahr, wenn es um zivile Opfer geht.“ Das betonte er auch im Interview mit dem ARD-Studio Südasien. „Und wir erwarten, dass der Trend 2017 anhält.“
Die Vereinten Nationen registrierten 2016 außerdem 671.000 Kriegsflüchtlinge - im Vorjahr waren es 470.000. Auch dies ist ein Indikator dafür, dass sich die Lage nicht gerade stabilisiert hat.
Laut den Vereinten Nationen ist die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan seit Beginn er Erfassung 2009 jedes Jahr kontinuierlich angestiegen. 2009 zählte UNAMA 5969 Tote und Verletzte. 2011 waren es 7842, 2013 8638, 2014 10535, 2015 11034 und 2016 11418 zivile Opfer. Lediglich im Jahr 2012 ist die Zahl leicht gesunken. Palmer hätte also genauso gut sagen können: Seit 2009 hat sich die Zahl der zivilen Opfer fast verdoppelt.
Palmer schreibt auch:
Zitat Palmer: „In den Regionen, die von der Regierung kontrolliert werden, sinken die Opferzahlen.“ Das steht aber so auch nicht im UN-Bericht. Stattdessen steht dort, dass die Provinz Kabul (in Regierungshand) die höchsten Opferzahlen von allen Provinzen aufweise. Die Zahlen sind stattdessen in Regionen gesunken, die zum größten Teil umkämpft waren (das sind die Provinzen Kundus, Takhar, Badakhshan, Baghlan, Kunar, Laghman, Nangahar, die die UN als die „nordöstliche und östliche Region“ zusammenfasst). Dieser Rückgang hat damit zu tun, dass viele Zivilisten längst vor den Kämpfen geflüchtet sind.
In der „nördlichen Region“ dagegen, zu der auch die von der Bundesregierung immer wieder als sicher bezeichnete Provinz Balkh (in Regierungshand) mit der Hauptstadt Masar-i-Sharif gehört, stiegen die Opferzahlen 2016 sogar um 58 Prozent.
Palmer kann mit seiner Behauptung, die Opferzahlen würden in den von der Regierung kontrollierten Regionen sinken, auch nicht das behutsame Vorgehen der Sicherheitskräfte, also der Polizei, lokaler Milizen oder der afghanischen Armee gemeint haben. Laut UNAMA stieg die Zahl der durch die Sicherheitskräfte verursachten zivilen Opfer im Jahr 2016 um 46 Prozent an.
Zum Schluss seines Afghanistan-Kapitels geht Palmer auf den aktuellen Stopp von Sammelabschiebungen ein. Ende Mai wurde die Deutsche Botschaft bei einem Anschlag in Kabul zerstört. Palmer schreibt dazu:
Zitat Palmer: „Dass ein solcher Anschlag, so grausam er ist, kein Maßstab für die Zulässigkeit von Abschiebungen sein kann, ergibt sich schon aus der Überlegung, dass drei Anschläge in Großbritannien und im Vorjahr eine Serie in Frankreich nicht dazu geführt haben, diese Länder generell als unsicher einzustufen. Relevant ist die Häufigkeit solcher Ereignisse, nicht das Einzelereignis selbst.“
Allein in Kabul gab es seit Januar 2017 bereits zehn große Anschläge.
Palmer schreibt, für afghanische Polizisten, die jeden Tag kämpfen müssen, gelte eine Tötungs-Wahrscheinlichkeit von 1:30.
Zitat Palmer: „Wer würde ernsthaft behaupten, dass es moralisch stringent ist, einerseits junge Menschen für den Polizeidienst auszubilden und andererseits verurteilte Straftäter nicht nach Afghanistan abschieben zu wollen, wenn das Risiko der Polizisten, zu Tode zu kommen, 30 Mal höher ist als das eines abgeschobenen Straftäters?“
Das Problem ist, dass längst nicht jeder Abgeschobene, den Deutschland nach Afghanistan zurück schickt, ein verurteilter Straftäter ist. Die Abgeschobenen, die wir in Kabul treffen konnten, fallen jedenfalls nicht in diese Kategorie. Auch die Bundesregierung sagte im Dezember, nur ein Drittel der Abgeschobenen seien Straftäter. Die Abgeschobenen, die wir trafen, kamen auch nicht mit dem großen Flüchtlingsstrom 2015, sondern deutlich früher. Einige hatten Arbeit in Deutschland oder eine Ausbildungsstelle in Aussicht und konnten das auch belegen.
Palmer schreibt: „Wenn Menschen sich bereits integriert und eine Arbeit aufgenommen haben, spricht sehr viel dafür, sie nicht nach Afghanistan zurückzuschicken, auch wenn der Asylantrag abgelehnt wurde.“ Da sind wir uns endlich mal einig.
Pakistans Premier tritt zurück - die politischen Perversionen bleiben
Dass Nawaz Sharif gehen muss, das ist richtig und konsequent. Schon die Enthüllungen der Panama-Papers im vergangenen Jahr warfen drängende Fragen auf. Woher hatte die Familie Sharif all die Millionen für ihre Londoner Wohnungen? Warum musste eine Offshore-Firma her, wenn denn alles angeblich so legal gewesen sein soll? Warum hatte Sharif diese Besitztümer nicht offen gelegt?
Sharif wollte die Enthüllungen und die Proteste der Opposition, die zeitweise das halbe Land lahm legten, einfach aussitzen. Unterstützung hatte er, denn Sharif hat das Land – zumindest für pakistanische Verhältnisse - etwas stabilisiert. Es gab etwas weniger Terror, die Wirtschaft wuchs zuletzt um passable fünf Prozent, selbst die Armee hat nicht geputscht.
Aber Sharif hat nie schlüssig darlegen können, woher die Millionen für die Immobilien stammten.
Als die Luft am Ende dünner wurde, kam Panik dazu – und die Familie machte Fehler. Maryam Sharif, die Tochter und politische Erbin des Premiers, legte ein angeblich entlastendes Dokument aus dem Jahr 2006 vor und verbreitete diese unter dem Hashtag „Die Wahrheit“ keck und aggressiv in den sozialen Medien. Aber die Dokumente waren in der Schriftart Calibri geschrieben, die jeder vom Betriebssystem Microsoft Windows kennt. Dumm nur, dass Calibri erst 2007 für Windows-Nutzer auf den Markt kam, also ein Jahr, nachdem das angeblich entlastende Dokument geschrieben worden sein soll. Höchstwahrscheinlich waren es also gefälscht. Der spöttisch „Calibri-Gate“ genannte Skandal im Skandal ist zwar nur ein Detail, aber bezeichnend.
Und damit sind wir beim Knackpunkt des heutigen Polit-Dramas in Islamabad, der Frage, wie es jetzt weiter gehen wird. Leider gibt es wenig Hoffnung. Dass Politiker und ihre Clans nicht nur raffgierig, sondern auch selbstherrlich sind, das ist nicht nur in Pakistan, sondern auch beispielsweise im Nachbarland Indien absolut normal. Ein politisches Amt ist eine tolle Geldquelle, man muss nur dreist genug die Hand aufhalten. Weil das so selbstverständlich ist, tragen die Amtsinhaber ihren Reichtum auch ganz offen zur Schau – während in den Städten und Dörfern pro Jahr hunderttausende Kinder an Unterernährung sterben und der Staat häufig völlig versagt.
Der Fall von Nawaz Sharif wird an dieser politischen Perversion kaum etwas ändern.
Das harte Leben der Rikschawallahs in Delhi
Es ist Mittagszeit am Großmarkt Chandni Chowk, mitten im Chaos von Alt-Delhi. Es ist heiß heute, 44 Grad. Aber irgendwie muss das Geld ja reinkommen. Also tritt Mukesh in die Pedale, die Leinenhose aufgekrempelt, dünne, muskulöse Beine, Mukesh müht sich sichtbar ab. Der Schweiß lässt seine Haut glänzen.
Es ist sehr hart heute, seit dem Morgen arbeite ich in der Sonne. Das ist vielleicht das Härteste an meinem Job. Ich habe nur ein Tuch um meinen Kopf gebunden, das schützt mich nicht wirklich. Was soll ich auch machen? Ich kann ja nicht mit einem Sonnenschirm in der Hand fahren.
Mukesh (li.) und Rocky.
Mit einem Schirm fahren kann Mukesh wirklich nicht, er muss sich durch den dichten Verkehr auf der Straße geradezu wühlen. Viel zu viele Fußgänger, andere Fahrradrikschas, Autos, Lastwagen, sie alle kämpfen in Alt-Delhi um jeden Zentimeter Straße.
Mukesh fährt uns in eine Seitenstraße, dort, am Rand, verbringen gerade mehrere seiner Kollegen ihre Mittagspause. Ein Stück Roti, eine Art Fladenbrot, muss reichen. Ein bisschen Wasser dazu. Für Mukesh zählt jede Rupie. Ich verdiene rund 200 bis 300 Rupien pro Tag. Machmal mehr, manchmal weniger. Ich weiß nie, wie viele Kunden ich haben werde. Von dem Geld muss ich die Miete für die Rikscha bezahlen und natürlich mein Essen.
50 Rupien pro Tag zahlt Mukesh dem Mittelsmann, der die Räder an die Rikschafahrer verleiht. 50 Rupien, das sind etwas mehr als 70 Cent. Eine Unterkunft in Delhi kann er sich nicht leisten. Mukesh schläft nachts auf der Straße, manchmal unter seiner Rikscha. Von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends ist er unterwegs. Der 35-jährige kam vor acht Jahren nach Delhi. Seine Familie, Mukesh hat zwei Kinder, lebt in seinem Heimatdorf im Nachbarstaat Uttar Pradesh.
Darüber, wie viel die Rikschafahrer den Besitzern der Räder abdrücken müssen, entbrennt eine Diskussion. Rocky hat sich eingeschaltet, ein drahtiger Mann, 32 Jahre alt. Weil er seine Familie vermisst, spart er das Einkommen, um alle zwei Monate in seine Heimat Bengalen zu fahren, die Zugfahrt dauert mehrere Tage. Rocky sagt, er zahle etwas mehr Miete als Mukesh. Der Markt für Fahrradrikschas ist riesig in Delhi. Nirgendwo sonst in Indien sind so viele so genannte Rikschawallas unterwegs, fast 90-tausend sind es insgesamt. Geschätzt schaffen sie alle zusammen pro Tag etwa zehn Millionen Fahrten. Und weil Rocky mehr Miete für sein Rad zahlt als Mukesh, muss er nicht auf der Straße schlafen. Ich komme in der Werkstatt unter, wir haben sie gemeinsam aufgebaut. Dort schlafe ich mit meinen Kollegen, Seite an Seite. Auch unsere Räder parken da, zehn bis 20 Rikschas. Der Vermieter stellt einen Mechaniker, falls etwas am Rad kaputt geht. Es ist ein offener, aber etwas besser geschützter Raum als die Straße.
Rocky hat gerade einen ziemlich miesen Vormittag hinter sich. Weil der Verkehr so dicht war, hat er für eine eigentlich sehr kurze Tour mehr als eine Stunde gebraucht. 20 Rupien habe er dafür bekommen, beklagt er sich, nicht mal 30 Cent.
Fahrradrikschas gibt es in Delhi seit mehr als 70 Jahren. Aber sie sind nicht überall in der Stadt erlaubt. Auf größeren Straßen wurden sie durch Autorikschas ersetzt, die auch hier gerne mal Tuktuk heißen. Und selbst in Alt-Delhi, wo die meisten Rikschawallas unterwegs sind, gibt es inzwischen hartnäckige Konkurrenz: Batteriebetriebene Rikschas. Sie bereiten Rocky so richtig Kopfschmerzen.
Die Elektrorikschahs sind schneller als wir, zumindest glauben die meisten Kunden genau das. Sie können vier bis sechs Menschen transportieren, wir aber nur zwei. Der Kampf um Kunden ist also für uns viel härter geworden. Früher konnten wir mit Einnahmen von bis zu 500 Rupien rechnen, jetzt ist es nur noch die Hälfte. Aber wir können die Elektrorikschahs auch nicht bekämpfen. Sie werden von der Regierung gefördert. Und es gibt inzwischen viele dieser Elektrorikschahs. Sie haben alle eine Lizenz, wie wir ja auch.
Mukesh hat sein Mittagessen beendet. Höflich weist er auf den harten Passagiersitz seiner Rikscha, dessen Überdachung immerhin vor der Sonne schützt. Mukesh bringt uns zurück zur nächsten U-Bahn-Station in Chandni Chowk. Das alte wirkende Rad wirkt gut gepflegt, Marke Atlas, das ist eine alte, indische Traditionsmarke. Massive Räder, die so schnell nicht kaputt zu kriegen sind. Gangschaltungen oder so was gibt es nicht. Nur reine Muskelkraft.
Aber Mukesh hat nach dieser Tour erst einmal die Nase voll. Er lädt uns ab, kassiert einen hundert Rupien-Schein, hält ihn in der Hand und führt die Hand zur Brust, so sagt er Danke.
In dieser Hitze hat es jetzt keinen Sinn mehr, zu fahren. Es ist einfach zu heftig. Ich glaube, ich werde mich jetzt erst einmal unter einen Baum legen und ein wenig dösen.
Mukesh weiß, dass er sich seine Kräfte gut einteilen muss. Der Sommer in Neu-Delhi hat gerade erst begonnen.
Der Mann, den die indische Armee auf den Jeep band
Am 9. April kam Farooq Ahmad Dar gerade vom Wählen, als die Soldaten ihn von seinem Motorrad holten. Die Bescheinigung, dass er seine Stimme abgegeben hatte, trug er bei sich. Farooq war Wähler Nummer 612 in seinem Distrikt im Kaschmir.
Die Soldaten sagten nur: Anhalten! Dann verprügelten sie mich mit Bambusstöcken, so heftig, dass ihre Stöcke brachen. Anschließend banden sie mich auf ihren Jeep. Sie fuhren mich so durch jedes Dorf hier, 28 Kilometer weit.
An jenem Sonntag standen Nachwahlen für einen Sitz im indischen Parlament an. Aber nur sieben Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Die Wut vieler Kaschmiris auf Indien, auf die indische Armee und die anderen Sicherheitskräfte ist groß. 600-tausend Soldaten und Paramilitärs sind im überwiegend muslimischen Kaschmir stationiert. Für viele Menschen sind sie Besatzer. Die meisten Kaschmiris wollen Unabhängigkeit, einige einen muslimischen Gottesstaat. Es gibt gewalttätige Ausschreitungen, Kämpfe mit Militanten und Opfer auf allen Seiten.
Farooq aber war Wählen gegangen. Der Schneider aus einem kleinen, abgelegenen Dorf müsste aus indischer Sicht eigentlich ein Vorbild sein. Stattdessen erniedrigten die Soldaten ihn, festgebunden auf der Motorhaube des Jeeps. Entsetzt sahen die Menschen aus der Gegend zu. Einer der Soldaten filmte Farooq mit seinem Handy und stellte die Aufnahme ins Internet. Per Lautsprecher verkündete ein anderer, alle anti-indischen Randalierer werde dasselbe Schicksal erwarten wie Farooq.
Dann brachten sie mich in eines ihrer Lager. Dort musste ich mich ausziehen. Sie schlugen immer wieder auf mich ein. Warum sie mich verprügelten, sagten sie mir nicht. Dabei hatte ich nie Steine auf Soldaten geworfen oder mich an Ausschreitungen beteiligt. Ich bin unschuldig. Mein Bruder und ein Dorfältester holten mich abends aus dem Lager heraus. Zu Hause bin ich dann kollabiert.
Inzwischen war Farooq in ganz Indien berühmt. Die Aufnahmen des indischen Soldaten hatten sich rasend schnell verbreitet. Im Kaschmir kam es zu neuen Ausschreitungen. Die Armee behauptete jedoch, Farooq sei ein bekannter anti-indischer Gewalttäter. Einige indische Fernsehsender hetzten gegen Farooq und beschimpften ihn als Terroristen. Viele Inder ließen anschließend in den sozialen Medien ihrer Wut auf den jungen Kaschmiri freien Lauf. Allerdings ließen sie dabei ein wichtiges Detail außer Acht: Denn im Polizeibericht zu dem Vorfall findet sich kein einziger Vorwurf gegen den 26-jährigen. Kein Wort darüber, dass Farooq sich etwas hat zu Schulden kommen lassen, weder am 9. April noch davor. Wie also ist das Vorgehen der Soldaten zu rechtfertigen? Rajesh Yadav, ein Kommandeur der paramilitärischen Einheiten im Kaschmir, sieht kein Problem darin, einen Zivilisten auf einen Armee-Jeep zu binden.
Ich sehe hier keinen Fehler der Armee. Die Offiziere vor Ort müssen schnell entscheiden. Und hier hat der zuständige Major durch die Entscheidung, ihn auf den Jeep zu binden, Gewalt verhindert. An jenem Tag wurde keine einzige Patrone abgefeuert. Wäre der Junge nicht auf dem Jeep gewesen, wären Steine geflogen. Ich weiß nicht, warum hier Menschenrechte verletzt worden sein sollen. Im Übrigen gibt es hier keine Schikanen gegen Zivilisten.
Dass die Aufnahmen von Farooq neue Ausschreitungen mit vielen Verletzten zumindest beförderten, lässt Yadav nicht gelten. Auch der Chef der indischen Armee verteidigt den Major, der Farooq an den Jeep binden ließ, bis heute – und nicht nur das: Er gab ihm sogar noch ein Auszeichnung für seine Verdienste im Kampf gegen militante Kaschmiris. Farooq kann das nicht verstehen.
Der Major hat mich wie ein Tier behandelt. Die Nachricht von seiner Beförderung hat mich noch einmal zutiefst erniedrigt und traurig gemacht.
Einige pensionierte indische Generäle sehen das ganz ähnlich. Einer schrieb, die Armee habe ihre Werte über Bord geworfen. Das Foto von Farooq auf dem Jeep werde das Militär ewig verfolgen. Die Menschenrechtskommission in Kaschmir urteilte, das Vorgehen gegen Farooq sei einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig. Sie sprach Farooq eine Entschädigung von umgerechnet 14-tausend Euro zu.
Es war nicht einfach, Farooq überhaupt ausfindig zu machen. Erst nach mehreren Anläufen kam das Interview zustande. Farooq sagt, er sei nach jenem 9. April 21 Tage lang nur im Bett gewesen. Er traue sich nicht mehr alleine auf die Straße.
Ich träume ständig von diesem Tag. Immer, wenn ich Soldaten sehe, ducke ich mich vor Angst weg.
Farooq hat Anzeige erstattet. Er sagt, er hoffe trotz allem immer noch auf Gerechtigkeit. Ob er noch einmal zu einer Wahl gehen wird, das glaubt Farooq aber nicht.